04.02.2005 · Bis zu dreitausend der seltenen weißen Beluga-Wale tummeln sich im arktischen Sommer in der Hudson Bay. Wer das „Beluga“-Packet bucht, kann eine Schwimmstunde der besonderen Art erleben.
Von Ole HelmhausenDas Meer ist kalt und grau und unruhig. Der Wind kommt von Norden, aus der Richtung von Baffin Island, und ist, als wäre das seine Pflicht, bitterkalt. Ian Thorleifsson zieht Taucherbrille, Schnorchel und einen unförmigen Neoprenanzug aus dem Seesack und läßt die Gegenstände nach vorne reichen, an die Spitze des Schlauchboots. Die übrigen Walbeobachter aus der Gruppe waren schon am Tag zuvor im Wasser und feixen. Kalt sei die Hudson Bay nur am Anfang. Die Halskrause aus Gummi würge nur ein bißchen. Und hinten sei ein kleines Loch im Anzug, das müsse man eben zuhalten im Wasser. Das Vergnügen ist in diesem Augenblick eher einseitig.
"Alles klar?" Ian, ein Bär von einem Kerl, ist hier in der Gegend aufgewachsen. Er strahlt soviel Zuversicht aus, daß man ihm nach zwei Minuten Bekanntschaft die eigenen Kinder anvertrauen würde. "Unter Wasser sehen sie nicht so groß aus", sagt er. Etwa sechzig Beluga-Wale umzingeln in diesem Augenblick das Schlauchboot. Überall weiße Rücken und schnaufend ausgestoßene Atemfontänen. Hin und wieder, zwischen den Wellen, ein neugieriger Blick aus schwarzen Knopfaugen. Einige scheinen sich besonders für den Außenbordmotor zu interessieren. Sie kommen so nahe heran, daß Ian ihnen die hohe Stirn tätschelt. Die größten von ihnen sind reichlich vier Meter lang.
Vorsicht und Neugierde: Die Wale kommen immer näher
Das Wasser ist fünf Grad kalt. Die Füße in einer Schlaufe und mit dem Gesicht nach unten treibe ich wie eine Wasserleiche am Seil hinter Ians Schlauchboot. Das stark sedimenthaltige Wasser ist braun-grünlich und nicht sonderlich tief, nicht mehr als drei Meter. Um mich herum gurgelt die Hudson Bay, doch dann mischen sich plötzlich andere Töne in die Wassermusik. Es pfeift und knistert und zirpt, dann pfeift es wieder, dieses Mal klingt der Ton wie ein Wasserkessel. Ein paar Sekunden später sind durch die Taucherbrille weiße Schemen im bernsteinfarbenen Nichts auszumachen. Ich, die Wasserleiche, fasziniere sie offenbar. Die Wale kommen immer näher heran, vorsichtig und doch, so scheint es, neugierig.
Einige Tiere schwimmen eine Weile dicht neben mir her, die Augen aufmerksam auf mich gerichtet. Andere schwimmen unter mir, in Rückenlage, und spendieren dabei das delphinartige Lächeln. Es ist ein wunderbarer Moment. Einer der Wale wird richtig anhänglich. Eine ganze Weile spielt er Eskorte, neben, unter, hinter mir schwimmend. Ich bemühe mich um ein Gespräch mit ihm: Uuuh, mmmmnnnghh, uuaaarrh, so gut die Lautbildung eben durch den Schnorchel funktioniert, und, tatsächlich, er kommt noch näher, nickt mit dem Kopf, als verstünde er jedes Wort, und legt sich schließlich auf die Seite, als wolle er gekrault werden.
Eine Wildnis aus mossbedeckten Steinen
Bis zu dreitausend dieser kleinen weißen Wale halten sich während des kurzen arktischen Sommers in der Mündung des Seal River auf. In dem flachen Wasser finden sie ausreichend Nahrung: Kapelin, einen kleinen, nährstoffreichen Fisch, und wenn sie satt sind, reiben sie ihre Bäuche am Kieselboden der Bay. Veranstalter der Schwimmübungen mit Beluga ist die Seal River Lodge. Die gemütliche Herberge steht hundertvierzig Kilometer nordwestlich von Churchill auf nacktem Permafrostboden. Gäste werden mit einer DeHavilland Beave eingeflogen, eine Straße dorthin gibt es nicht. Nur Wildnis aus moosbedeckten Steinen, an denen beharrlich die Hudson Bay leckt. Und ihre freundlichsten Bewohner, die kleinen weißen Wale.
Anreise: Air Canada fliegt über Toronto nach Winnipeg für etwa 850 Euro. Der Anschlußflug mit Calm Air (www.calmair.com) nach Churchill an der Hudson Bay kostet etwa 530 Euro. Die Eisenbahngesellschaft Via Rail verlangt für die Fahrt von Winnipeg nach Churchill 235 Euro.
Arrangement: Das "Beluga-Package" von Churchill Wild, der Betreibergesellschaft der Seal River Lodge, kostet umgerechnet 2700 Euro. Es umfaßt den Flug von Churchill zur Seal River Lodge, sechs Übernachtungen mit Vollpension und geführte Ausflüge.
Information: Churchill Wild, P. O. Box 425, Thompson, Manitoba, Kanada R8N 1N2, Telefon: 001/204/ 778/3700, im Internet: www.churchillwild.com