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Kanada Der Wal macht nur ein Nickerchen

06.10.2004 ·  Der Wal war müde. Vielleicht hatte er sich überfressen, was in diesen Gewässern kein Kunststück ist, oder er hatte zu lange mit seinem Kalb, das sich schutzsuchend an seine Flanke schmiegte, Fressen und Tauchen geübt.

Von Jakob Strobel y Serra
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Der Wal war müde. Vielleicht hatte er sich überfressen, was in diesen Gewässern kein Kunststück ist, oder er hatte zu lange mit seinem Kalb, das sich schutzsuchend an seine Flanke schmiegte, Fressen und Tauchen geübt. Der Wal beschloß jedenfalls, daß es Zeit für eine Siesta sei, und legte sich schlafen. Jetzt dümpelte sein schwarzer, glänzender Körper wie ein havariertes U-Boot im Wasser, umspült vom gleichmäßigen Wellenschlag, so daß es aussah, als hebe und senke er sich im Rhythmus seines Atems. Unwillkürlich wurden wir still, um den Wal bei seinem Nickerchen nicht zu stören, und streichelten in Gedanken über seinen Kopf.

Diese Rücksicht sei zwar nett, aber vollkommen überflüssig, sagte mit seemännischer Lakonie der Kapitän des Walbeobachtungsbootes, weil Wale gar nicht richtig schliefen, sondern immer nur ein bißchen. Denn da sie nicht automatisch atmeten wie wir Menschen, sondern nur auf Kommando, ruhe sich immer nur die eine Hälfte des Gehirns aus, während die andere wach bleibe, andernfalls würden die Tiere ersticken. Wir waren sicher, die schlafende Seite des Wals zu betrachten. Eine Viertelstunde lang lag er in seinem Wasserbett, ganz still und friedlich. Dann erwachte er aus dem Halbschlaf, und wir glaubten zu sehen, daß er sich ein wenig räkelte, bevor er mit seinem Jungen abtauchte, um sich in der unerschöpflichen Speisekammer der Bay of Fundy die nächste Mahlzeit zu genehmigen.

Moses teilt das Meer

Die Bay of Fundy ist eine Art maritimes Schlaraffenland für Meeressäuger, vor allem für Buckelwale, die bis vor einer Generation nicht nur hier, an der Westküste der ostkanadischen Provinz Nova Scotia, mit unermüdlichem Eifer gejagt und dadurch auf ein Zehntel der urspünglichen Population von weltmeerweit hundertfünfundzwanzigtausend Exemplaren dezimiert wurden. Die Natur meint es in der langgestreckten Bucht so gut mit den riesigen Tieren, daß es dort inzwischen wieder vor Walen wimmelt wie im Forellenteich vor Forellen - und vor Nahrung, als sei die Meeresenge das gigantische Fließband eines ozeanischen Sushi-Restaurants.

Das Geheimnis des Überflusses besteht darin, daß es nirgendwo sonst auf der Erde einen größeren Tidenhub als in der Bay of Fundy gibt, es sind bis zu aberwitzigen zwanzig Metern. Bei Ebbe sieht die Bucht aus, als hätte gerade Moses das Rote Meer geteilt oder als hätte jemand den Stöpsel aus dem Ozean herausgezogen: Das Land scheint auf Stelzen zu stehen, die flachen Ufer haben sich in Steilküsten verwandelt, die Boote liegen wie auf dem trockenen Meeresgrund gestrandete Wracks in Tiefseehäfen, denen alles Wasser gestohlen worden ist. Doch nach sechs Stunden versinkt alles wieder in den Fluten. Dank dieses Tiedenhubs fließen bei jedem Gezeitenwechsel riesige Wassermengen in die Bucht und mit ihnen jedesmal Tonnen von Plankton, Heringen und Krill. Außerdem werden durch die Strömung nährstoffreiche Wasserschichten vom Meeresboden an die Oberfläche gespült, so daß die Wale zum Fressen nur noch ihr Maul öffnen müssen und die Menschen zum Staunen ihren Mund.

Säugetiere unter sich

Bei solchen Voraussetzungen ist es kein Wunder, daß sich die Fischer an der Bucht mit Haut und Haaren der Walbeobachtung verschrieben haben - wenn sie nicht gerade auf Hummerfang gehen, was man ihnen im Gegensatz zur Waljagd schon aus geschmacklichen Gründen niemals verbieten sollte. Sie sind mit einer ganzen Armada vom Schlauchboot bis zum Dreißig-Mann-Kutter samt Wal-Fachbibliothek an Bord unterwegs, um an der erstaunlichen Karriere der Meeressäuger vom Nutztier zum Sympathiewesen teilzuhaben. Und weil die Menschen den Walen immer stärker auf die Pelle rücken, hat man in Nova Scotia einen "Code of Ethics" ausgearbeitet, damit sich das Miteinander der Säugetiere auf den Booten und im Wasser nach zivilisierten Regeln gestaltet.

Das erste Gesetz ist so simpel wie plausibel: Die Touristen dürfen keine überzogenen Erwartungen haben, denn der Ozean ist kein Aquarium, und die Beobachtung von Walen ist ein Privileg, ein Glücksfall, kein Rechtsanspruch. Exakt festgelegt ist auch, daß sich maximal zwei Boote in einem Umkreis von hundert Metern rund um ein Tier aufhalten dürfen, daß die Wale nach spätestens einer halben Stunde wieder in Ruhe gelassen werden müssen und daß sie weder erschreckt noch verfolgt werden sollen. Mit geschäftlichem Kalkül hat dieser Verhaltenskodex mindestens ebensoviel zu tun wie mit Tierliebe. Denn wenn man den Walen nicht ihren Frieden gönnt, sind sie und damit die Arbeitsgrundlage der Veranstalter bald weg.

Schon wieder ein Wal

Wie gut die freiwillige Selbstbeschränkung in der Bay of Fundy funktioniert, sieht man daran, daß sich Wale und Touristen ungefähr die Waage halten, was zu verblüffenden Reaktionen führt. Beim ersten Buckelwal, den das Boot nach wenigen Minuten sichtet, ist das Hallo noch groß, beim zweiten schon etwas kleiner, beim dritten routiniert, beim achten oder neunten tritt eine gewisse Ermattung ein, und den zehnten, aha, ein Wal vorne links, sieh an, haben wir, offen gestanden, nicht mehr mit dem gebotenen Respekt beachtet. Nachher schämten wir uns ein wenig dafür, denn ein Wal im Wasser ist schließlich kein Fisch im Meer und auch keine Kuh auf der Wiese, sondern etwas ganz Besonderes.

Ein eigenartiges Gefühl der Verbundenheit mit den großen Tieren gibt es nämlich immer, ein auratisches Knistern, wenn die Dreißig-Tonnen-Grazien aus den Weiten des Ozeans in unendlicher Ruhe und Gelassenheit auftauchen, um mit einem eleganten Schwanzflossenschlag wieder dorthin zu verschwinden. Jeder spürt, daß es keine Fische sind, keine stummen Wesen mit kalten Augen, auch keine Ungeheuer aus Untiefen, sondern trotz ihrer Größe schutzbedürftige Verwandtschaft im weiteren Sinne, die genauso atmet und schnauft wie wir und ihrem Nachwuchs genauso die Lektionen des Lebens lehren muß.

Die Fontäne ist heiße Luft

Wir waren seltsam gerührt, die Geduld eines Muttertieres und den Eifer seines Kalbes zu sehen, die immer und immer wieder die Überlebenstechniken des Ozeans einübten. Und wir können jetzt den eigenen Kindern dank des klugen Walbootkapitäns gleich auch eine Lektion beibringen, indem wir sie von einem grundlegenden biologischen Irrtum befreien: Die Fontäne, die aus dem Atmungsloch schießt, besteht nicht aus Wasser, das sich oben in der Art eines Springbrunnens teilt, wie es die Kinder immer so hübsch zeichnen; es sind vielmehr feuchte Gase aus dem warmen Leib des Wals, die beim Austreten an der kalten Luft kondensieren. Vielleicht lassen wir es aber auch.

Auf Walbeobachtung in Kanada hat sich unter anderem der Hamburger Veranstalter Canusa spezialisiert (Telefon: 0180/5304131, E-Mail: ham @canusa.de, Internet: www.canusa.de). Angeboten werden nicht nur Reisen nach Nova Scotia, sondern auch nach British Columbia und Québec sowie nach Alaska. Dabei gibt es die Möglichkeit, Walbeobachtungen ins Reiseprogramm einzubauen.

Touristische Auskünfte über Nova Scotia und die Bay of Fundy erteilt die Canadian Tourism Commission, Telefon: 01805/526232, E-Mail: Canada-info@t-online.de, Internet: www. travelcanada.ca.

Informationen über Wale gibt die Whale and Dolphin Conservation Society (WDCS), Telefon: 089/61002393, E-Mail: kontakt@wdcs.org, Internet: www.wdcs-de.org.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.10.2004, Nr. 234 / Seite R2
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Jahrgang 1966, Redakteur im „Reiseblatt“.

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