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Kanada Auf den Pelz gerückt

Da sind die Eisbären los: In Churchill, hoch oben im Norden Kanadas an der Hudson Bay, treffen Menschen und Tiere so nah aufeinander wie nirgendwo sonst.

© AP Vergrößern Um den Wagen herum lungern Dutzende Eisbären

Eisbären sind unter Stress. Das Klima macht ihnen zu schaffen, das weiß mittlerweile jedes Schulkind. Doch dieser hier, ganz hinten am Horizont, hat es besonders schwer. Er steckt gerade in der Eispampe fest. Mit seinen Pranken paddelt er verzweifelt durch das Eiswasser. Immer wieder richtet er sich auf, streckt seinen Torso in die Höhe und sucht Halt. Doch immer wieder bricht er ein. Seine Tatzen finden keinen Tritt in dem Brei aus Eis.

Der Eisbär hat zu viel gewagt. Er hat sich täuschen lassen vom ersten Wintersturm, der gerade über die Tundra fegt und an den kleinen Sträuchern und Kiefern zerrt. Er hat an das Eis geglaubt, über das sich Schneeverwehungen gelegt haben wie weißer Puderzucker. Er hat gespürt, wie die Temperaturen über Nacht auf minus 25 Grad abgestürzt sind. Ein Trugschluss.

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Dieses Drama der Natur spielt in Churchill, einer abgelegenen Siedlung an der Hudson Bay. Es ist Mitte November. Der Eisbär müsste um diese Zeit schon längst draußen sein auf Eisschollen und Robben jagen. Doch es war zu warm im Herbst, viel zu lange. Wie so häufig in den letzten Jahren im hohen Norden Kanadas.

Monströse Geländefahrzeuge © AP Vergrößern Monströse Geländefahrzeuge mit Rädern so hoch wie ein Mensch

Aus der Ferne sieht der Eisbär aus wie ein kleiner schwarzer Stecknadelkopf im unendlichen Grau und Weiß. "Come on!", feuert JoAnne Simerson ihn laut an. Sie steht am Fenster eines riesigen Geländefahrzeugs und blickt mit ihrem Fernglas in Richtung Bucht. Im Wagen ist es kuschelig warm. Im Ofen lodert ein Feuer, auf dem Tisch stehen Thermoscontainer mit heißem Kaffee und Gemüsesuppe.

Simerson ist Zoologin aus den Vereinigten Staaten und arbeitet als Freiwillige für "Polar Bears International". Das ist eine Naturschutzgruppe, die sich weltweit für das Überleben der Eisbären einsetzt. Sie trägt einen marineblauen Parka mit einer Fellkapuze und einem Aufnäher am Ärmel. "Botschafterin der Arktis", steht darauf. "Dieser Bär da draußen wird es schwer haben", erklärt sie. "Selbst wenn er es bald an Land schafft, dürfe er so geschwächt sein, dass er den Winter womöglich nicht überlebt." Ein Raunen geht durch das Gefährt.

Die Naturschützerin sitzt mit zwanzig Besuchern in einem "Tundra Buggy", einem monströsen Geländefahrzeug mit Rädern so hoch wie ein Mensch. Um den Wagen herum lungern Dutzende Eisbären. Manche bewegen sich wie in Zeitlupe, um Energie zu sparen. Manche verkriechen sich zum Schutz vor dem Wind hinter Sträuchern. Manche sind ausgezehrt von den Sommermonaten am Festland, während denen es für sie kaum Nahrung gab. Immer wieder testen sie das Eis am Ufer, wandern dann aber wieder zurück an Land. Nur einer von ihnen war zu mutig. Er kämpft noch immer ums Überleben.

Draußen am Gordon Point gefriert die Hudson Bay normalerweise früher zu als anderswo. Hier speist der Churchill River schneller gefrierendes Frischwasser in das Binnenmeer. Die Bären wissen das. Deswegen harren sie gerade hier aus. Und mit ihnen die Menschen. Nirgendwo treffen beide Seiten so unmittelbar aufeinander wie an dieser Bucht nahe Churchill, der selbsternannten "Eisbärenhauptstadt der Welt. 15000 Besucher reisen jeden Oktober und November hierher, um die Raubtiere aus nächster Nähe zu beobachten. Im Frühwinter kommt auf jeden der 900 Einwohner Churchills ein Bär.

Der Fahrer lässt den Buggy an. Die Motoren heulen auf. Im Schritttempo fährt er über eine vereiste Piste näher an das Ufer heran. Die riesigen Reifen wühlen sich tief durch den Permafrost. Als sie im Eis und Schlamm steckenbleiben, gibt der Fahrer ordentlich Gas. Das Fahrzeug neigt sich zur Seite, die Passagiere klammern sich an ihren Sitzen fest. Nach ein paar Minuten stoppt der Wagen. Von hier hat man einen besseren Blick auf das Drama im Eis. Die Fotoapparate klicken, die Smartphones blitzen, die Videokameras surren.

Naturschützerin Simerson nutzt den Stopp. Seit Jahren kommt sie nach Churchill, um Besuchern die Eisbären nahezubringen - und nebenbei für mehr Klimaschutz zu werben. Sie erklärt die Dinge ganz plastisch: "Wenn die Tiere einen hängenden Bauch und einen runden Hintern haben, dann sind sie gut genährt." Wenn. Viele Tiere sind heute dünner als vor dreißig Jahren. Weil das Eis später gefriert und früher schmilzt, ist die Jagdsaison auf dem Eis für die Bären im Schnitt zwei bis drei Wochen kürzer als früher. Seit den achtziger Jahren ist die Western Hudson Bay Population um rund ein Fünftel geschrumpft. Weltweit gibt es nur noch rund 20 000 Eisbären.

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