02.03.2008 · Von der haltlosen Unterstellungen, „drüben“ wird nur „Kunstwein“ produziert: Kalifornischen Wein kann man genießen, fürchten muss man ihn längst nicht mehr. Eine Fahrt mit dem „Wine Train“ durchs Napa Valley bestätigt das.
Von Bernd FritzZur am meisten überschätzten und zu Unrecht gefeierten Menschenart gehört zweifellos der Pionier. Was immer er tat: Wäre er es nicht gewesen, hätte es nur kurze Zeit später ein anderer getan. Agoston Haraszthy gilt als „Vater“ des kalifornischen Weinbaus. Der ungarische Einwanderer gründete 1857 das älteste kalifornische Weingut, die „Buena Vista Winery“ im Distrikt Sonoma, fünfzig Kilometer nördlich von San Francisco. Fünf Jahre zuvor schon hatte er es in der Nähe der berühmten Hafenstadt mit Weinbau versucht, wobei er viele europäische Rebsorten ausprobierte, dann aber wegen des Nebelklimas von San Francisco aufgegeben.
Die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ist nicht eben ein frühes Datum der Weingeschichte, jedenfalls aus Sicht der Alten Welt. Vor fünftausend Jahren wurde in Ägypten gekeltert, vor viertausend in Griechenland, seit dreitausend in Italien, Zahlen, die jede kalifornische Traditionshuberei der Lächerlichkeit preisgäben. Daran ändert auch der Verweis auf das Jahr 1769 und den Franziskanermönch Junípero Serra nichts, der bei San Diego, dort, wo heute die Grenze zu Mexiko verläuft, die allerersten Weinberge anlegte und ebenfalls als „Vater“ des kalifornischen Weinbaus gehandelt wird.
Der Beginn der Qualitätskultur
Es gibt freilich noch ein anderes wichtiges weingeschichtliches Datum, nämlich den Beginn der Qualitätskultur. Diese setzte, dem Standardwerk „Geschichte des Weinbaus“ von Bassermann-Jordan zufolge, in Europa nicht vor dem Jahr 1830 ein, als das Feudalsystem aufhörte, den Winzern ins Handwerk zu pfuschen. Womit der Vorsprung der Alten vor der Neuen Welt auf gerade eine Winzergeneration zusammengeschnurrt wäre. Denn um den Qualitätswein geht es, und zu den kalifornischen Qualitätsweingebieten geht die Reise: in den Norden, nach Mendocino, Sonoma und vor allem Napa, dem Distrikt mit dem bei Weinfreunden bekanntesten Tal Amerikas, dem Napa Valley.
Das Tor zu den „Wine Counties“ ist San Francisco, und wenn man schon einmal in dieser bemerkenswerten Stadt ist, sollte man ihren Sehenswürdigkeiten eine Tageshälfte widmen. Bloß das bekannteste Bauwerk der Stadt, die „Golden Gate Bridge“, braucht nicht eigens besichtigt zu werden. Der Weg zum Wein führt darüber hinweg, auf den Highway 101 und dann weiter über dessen viele Schlaglöcher. Nach Napa, der gleichnamigen Hauptstadt des Distrikts, geht es zunächst ein Stück durch den Sonoma County. Schon im zeitigen Frühjahr wirkt die hügelige Landschaft hochsommerlich.
Ihre Grundfarbe ist Hellbraun, umrahmt und betupft vom dunklen Grün der Buschwälder und einzelner Bäume, meist Eichen. Das helle Braun rührt von verwelktem Gras und verdorrten Kräutern. Keine verregneten Sommer müssen die Winzer hier fürchten, keinen Hagelschlag und keine Wolkenbrüche im Herbst, die vor der Lese die Trauben faulen lassen. Kalifornien sei, mutmaßt daher das „Wine Institute of California“, „vielleicht das perfekte Land auf Erden, um Wein zu erzeugen“.
Zwischen Mayacamas Gebirge und Vaca Mountains
Die Weinberge, besser: Weinplantagen, liegen durchweg in der Ebene und sind von enormer Größe. Die Parzellen, in Deutschland meist in Morgen (ein Viertel Hektar) gemessen, erreichen hier oft dreistellige Hektarzahlen, und nicht wenige misst man besser gleich in Quadratkilometern. Das Napa Valley, das sich auf einer Länge von fünfundvierzig Kilometern zwischen dem Mayacamas Gebirge und den Vaca Mountains erstreckt, ist nahezu vollständig mit Reben bepflanzt. Das grüngetupfte Hellbraun der gras- und waldbewachsenen Hänge bildet hier nur noch einen schmalen, entfernten Saum.
Der Zustand der Highways allerdings bessert sich auch im Distrikt Napa nicht. Da ist eine Fahrt mit der Eisenbahn nicht nur eine Alternative, sondern in Gestalt des „Napa Valley Wine Train“ sogar eine rundum erfreuliche Angelegenheit. Der historische Zug verkehrt zweimal täglich zwischen Napa und St. Helena, einmal vormittags als „Luncheon (Mittagessen) Train“, einmal gegen Abend als „Dinner Train“, mit jeweils drei Stunden Fahrtzeit hin und zurück. Neun Salonwagen sind es, die meisten gebaut vor 1920 vom legendären Waggonbauer Pullman; gezogen werden sie von einer Diesellok Baujahr 1950.
Anders als in Europa
Die Gleise verlaufen mitten durch die Weingärten, rechts und links gesäumt vom Illustersten, was Kalifornien an Weingütern aufzubieten hat: Opus One, die architektonisch ambitionierte Prestigekellerei von Philippe de Rothschild und Robert Mondavi; Niebaum-Coppola, die Weinresidenz des Hollywood-Regisseurs Francis Ford Coppola; Silverado, der Beitrag der Disney-Erben zur Weinkultur; Ikonen wie Stag's Leap, Grgich Hills und, nicht zuletzt die Robert Mondavi Winery selbst, das Stammhaus des kalifornischen und in der gesamten Weinwelt epochemachenden Weinrevolutionärs.
Die meisten Weingüter stehen Besuchern ganztägig offen, nur den Fahrgästen des „Wine Train“ nicht. Denn der Zug fährt durch, abgesehen von einem kurzen Halt in Yountville. Allerdings kann man sich an der hundert Positionen starken Bordweinkarte schadlos halten oder sich auf die Waggonplattform stellen, eine rauchen und über die Weingärten blicken. Und sich wundern, wie gleichmäßig grün und gesund sie alle ausschauen. Anders als in Europa, wo die unterschiedlichsten Grüntöne herrschen, unterbrochen von Gelbfärbungen, die von zu viel oder zu wenig Niederschlag künden.
Bewässerungsschläuche von einer Million Kilometer
Das Wunder, dass hier wie im übrigen Kalifornien bei jährlich mehr als sieben Monaten Trockenheit nicht sämtliche Rebstöcke verdorren, löst sich bei näherem Hinsehen auf: Alle Weingärten werden bewässert, an jeder Rebzeile ist ein dünner, schwarzer Kunststoffschlauch befestigt, bei jedem Rebstock sitzen Ventile und geben tropfenweise Wasser ab. Grob gerechnet, sind auf den zweihunderttausend kalifornischen Hektar Rebfläche Bewässerungsschläuche in einer Länge von einer Million Kilometer verlegt. Dazu müsste der „Wine Train“ einmal zum Mond und zurück und dann noch fünfmal um die Erde fahren.
Aber das tut er nicht, sondern kehrt in St. Helena brav um, während man beim Lunch oder beim Dinner sitzt und ein vorzügliches Vier-Gänge-Menü verzehrt. Vierzig Dollar kostet es zuzüglich zum Fahrpreis von fünfzig Dollar, Getränke nicht eingeschlossen. Legt man vierundzwanzig Dollar obendrauf, kommt man endlich in den Genuss, bei einer „Winery“ aussteigen, dort eine ganze Stunde verweilen und vier ihrer prämierten Spitzenweine verkosten zu dürfen. Eine lohnende Sache, da es sich nicht um irgendein Weingut handelt, sondern um das Grgich Hills.
Abgeschaut und weiterentwickelt
Miljenko „Mike“ Grgich, kroatischer Einwanderer, ist einer der Helden der berühmten „Pariser Weinprobe“ von 1976, die der Alten Weinwelt eine epochale Niederlage bereitete. Seinen 1973er Chardonnay, den er nach Abschluss seiner Lehrjahre bei Robert Mondavi kelterte, stellten die französischen Juroren über die Grand Crus aus Burgund. Auch bei den Rotweinen siegte ein Kalifornier, der 1973er Cabernet Sauvignon von Stag's Leap, und das vor Prestige-Bordeaux' wie Mouton-Rothschild oder Château Haut-Brion. Frankreich, als weltführendes Weinland, vermochte sich mit der Niederlage lange nicht abzufinden und bezweifelte die Lagerfähigkeit der kalifornischen Jungspunde. Doch auch die Revanche - zehn und dreißig Jahre später wurden die gleichen Weine abermals verkostet - ging an Kalifornien.
Wie wenig der Schlag von 1976 verwunden ist, zeigen die kürzlich in Europa verbreiteten, haltlosen Unterstellungen, „drüben“ würde „Kunstwein“ produziert. Ausgedehnte Weinproben im Napa Valley und in Sonoma zeigen freilich, dass die heutigen europäischen Spitzenweine die Kalifornier nicht mehr fürchten müssen. Nachdem in den siebziger Jahren in Deutschland die Süßreserve regierte, Italien von Weinskandalen beherrscht wurde und Frankreich es sich auf seinem Nimbus bequem machte, hatte man sich bis Mitte der Achtziger das moderne Weinmachen von Mondavi abgeschaut und weiterentwickelt.
Kokos, Gewürznelken und gebrannte Mandeln
Der kalifornische Weinbau hingegen stößt seit Jahren an seine Grenzen. Die Weine, insbesondere die roten, sind sehr schwer, ein Alkoholgehalt von fünfzehn, sechzehn Prozent ist die Regel, und schmecken tun sie vor allem andern nach dem, was die Eichenfässchen, die Barriques, an den Wein abgeben: Eichenaroma, Vanille, Kokos, Gewürznelken und gebrannte Mandeln. Man kann fast sagen: Hat man einen Cabernet Sauvignon oder Zinfandel getrunken, hat man alle getrunken.
Der Grund für diese Uniformität ist in der geschmacklichen Schwäche der Trauben zu suchen. Diese wiederum rührt, nach Erkenntnissen der Agrarwissenschaft, von der in diesem sonst in der Tat perfekten Weinland unabdingbaren Tropfenbewässerung. Der Rebstock bekommt ohne Mühe, was er braucht: Unter dem Stamm bildet sich eine mehrere Fuß breite und tiefe, zwiebelförmige Feuchtzone, in der Fachsprache „Bewässerungszwiebel“ genannt. Aus dieser stillt die Pflanze ihren Durst, und auch ihr Nährstoffbedarf wird aus den schwarzen Schläuchen gedeckt: durch Flüssigdünger, der dem Wasser in den nötigen Abständen beigegeben wird. Der Weinstock hängt gewissermaßen, und somit das gesamte, zweitausend Quadratkilometer große kalifornische Rebenmeer, am Tropf.
Geschmack wird intensiver, das Aroma vielfältiger
Seine Verwandten in Europa hingegen, wo die künstliche Bewässerung verpönt, gar teilweise verboten ist, müssen oft monatelang ohne einen Tropfen Regen auskommen und haben richtig Stress. Genau der aber führt, vor allem bei den Rotweinsorten, zu heute wünschenswerten Resultaten: Die Stöcke setzen weniger Trauben an, die Beeren sind kleiner. In der Folge wird der Geschmack intensiver, das Aroma vielfältiger, und der Wein lässt sich von den Barrique-Gewürzen nicht so leicht unterkriegen.
Viele kalifornische Winzer und Traubenbauern (diese verkaufen ihre Ernte an die Weingüter) geben sich gleichwohl alle Mühe, und man kommt nicht umhin, sie zu bewundern, aber eben auch zu bedauern. Immerhin sind ihre Weißweine und Champagner durchweg ein Genuss, denn bei den weißen Rebsorten schlägt die Tropfenbewässerung nicht in dem Maße auf die Qualität durch wie bei den roten. Es sei nur daran erinnert, dass Robert Mondavi einer bedeutenden französischen Weißweinsorte, dem an der Loire zu Ruhm gelangten Sauvignon blanc, mit innovativen Vergärungstechniken zu vorher ungekanntem Aroma verhalf und diesem Gewächs einen neuen Namen gab: Fumé blanc, der in der gesamten Neuen Weinwelt von Kanada bis Südafrika zum Synonym für den weißen Franzosen wurde.
Ein Essensbegleiter, wie man ihn sich wünscht
Einen gescheiten kalifornischen Roten hätte man indessen doch gern zum Dinner im „Napa Valley Wine Train“ getrunken. Zumal, wenn man in Mendocino, dem nördlichsten Anbaugebiet, fündig geworden ist. Nördlich bedeutet hier keineswegs kühleres Klima, sondern den 39. Grad nördlicher Breite, also etwa die Höhe Kalabriens, der heißen Südspitze Italiens. Die Weingärten reichen bis zur Mitte des Countys, danach, Richtung Oregon, werden sie von Plantagen mit einer anderen Pflanzenart abgelöst: dem Hanf, der Mendocino zum führenden Marihuanaproduzenten der Vereinigten Staaten macht. Aber das ist ein anderes (Rausch-)Kapitel.
Zurück zum Alkohol, in Form eines 2003er Merlots des Weinguts Bonterra im Ukiah Valley, dem mendocinischen Rotweingebiet. „Mc Nab“ heißt der Wein, ein trockener, sauberer Tropfen ohne Holzton (obschon zwei Jahre in neuen Barriques ausgebaut) und mit erträglichen vierzehn Prozent Alkohol. Ein Essensbegleiter, wie man ihn sich zur „Gebratenen Rinderlende mit Fenchel-Gratin“ im „Wine Train“ wünschte. Und, o Wunder, der Wunsch kann in Erfüllung gehen. Denn der Weinzug kennt das Herz der Weinliebhaber und übt eine alte gastronomische Sitte: das Korkengeld, pro mitgebrachter Flasche sind das fünfzehn Dollar.
Ergänzung
Stephan Meier (Vinophilo)
- 02.03.2008, 10:40 Uhr
Und was ist mit den Holz Chips?
Peter Sauter (Sauter3)
- 02.03.2008, 15:37 Uhr