Nur kurz muß man die alte Königsstraße in den Bergen verlassen, um in der Tiefe der Schluchten ein Dorf zu entdecken, das sich wie ein Vogelnest an eine Klippe schmiegt. Vor 300 Jahren bauten sich hier in Dana wandermüde Beduinen ihre Behausungen, allerdings mit Sinn für Aussicht: Am Dorfrand öffnet sich ein gähnender Abgrund und gibt den Blick frei in einen spektakulären Canyon. Die Häuser, die sich aneinanderdrängen, bestehen aus einem einzigen Raum, auf dem flachen Dach flattert Wäsche. Niedrig und gleichförmig sind die Bauten, nur ein einziges Haus ragt daraus empor. Es hat zwei Stockwerke, deshalb bezeichnet es sein stolzer Besitzer als Turm.
Schlafen unter Märchengestalten
Handgemalte Zeichen auf den Hauswänden weisen den Weg zum "Tower Hotel", ein verrostetes Pepsi-Schild und eine Holzbank vor der Tür schließlich sind die untrüglichen Zeichen der Gastronomie. Mit einem einladenden Lächeln winkt Hamseh, der zwölfjährige Neffe des Inhabers, den Gast ins Innere, durch einen bunten Perlschnurvorhang tritt man aus der grellen Hitze in einen angenehm kühlen Raum. Von der verwinkelten Treppenstiege gehen insgesamt sieben kleine Zimmer ab. Ein Doppelbett paßt jeweils hinein, ein Schrank und ein Tisch. An den Wänden hängen gewebte Teppiche mit arabischen Märchengestalten, daneben Poster der Tourismusbranche. Das Beste aber ist das Fenster mit dem Blick auf die dramatische Schönheit des Naturschutzgebietes Dana. Nabil Nwafleh, der Besitzer des Hotels, sitzt in einem Erker im Obergeschoß. Angenehm kühl weht der Wind durch die offenen Fenster, der süße schwarze Tee dampft auf dem Tisch. "In diesem Haus bin ich geboren", erzählt Nabil stolz. Erst vor einem Jahr hat er die Wohnräume zu einem kleinen Hotel umgerüstet. Und tatsächlich finden nicht nur jordanische Nachbarn, sondern auch europäische Gäste hierher. Davon zeugen Briefe und Erinnerungsfotos an der Wand.
"Die Europäer lieben die Ruhe hier oben in den Bergen", meint Nabil, und sie kommen natürlich auch wegen des einzigartigen Naturschutzgebietes. Vom 1614 Meter hohen "Jebel al-Ataitah" bis hinab zum flachen Wüstental des Wadi Araba kann man an einem Tag drei Klimazonen durchstreifen. Wanderwege führen durch eine Canyonlandschaft, Heimat für 600 Pflanzenarten, 200 Reptilien und Säugetiere. Mit etwas Glück begegnet man sogar einem Steinbock, einer Streifenhyäne oder einem Geier. Eine solche Wanderung macht hungrig, und dann kommt die jordanische Küche zum Zuge. "Natürlich kochen wir alles selbst", meint Nabil. Der niedrige Holztisch ist bedeckt mit kleinen Schälchen, aus denen es nach Hummus duftet, einem Püree aus Kichererbsen, gemahlenen Sesamsamen, Knoblauch und Zitrone. Salate aus frisch gehackter Petersilie, Tomaten, Frühlingszwiebeln, Minze, Bulghur und Zitronensaft warten darauf, den Gaumen zu verzücken. Als Hauptgericht wird heute abend Mansaf gereicht, das jordanische Nationalgericht: über dem offenen Holzfeuer gebratenes Lamm auf einer Reisplatte mit Pinienkernen, übergossen mit einer Joghurtsoße. Nach einem solchen Mahl sitzt der Gast mit Nabil im Erker des Turmhotels.
Wir sind alle Reisende auf dieser Welt
Zufrieden zieht er an seiner Wasserpfeife und blickt aus dem Fenster. Auf der Dorfstraße reitet ein Junge auf einem Esel vorbei, ein alter Mann sitzt im Schatten der Moschee. Von den Bergen klingen die Glocken der Ziegenherden herüber und die kehligen Rufe der Hirtenjungen. Noch kommen wenige Touristen hierher ans Ende der Welt, aber Nabil Nwafleh wartet gleichmütig und voll Gottvertrauen. "Wir alle sind Reisende auf dieser Welt", meint er und fügt schmunzelnd hinzu: "und manche brauchen eben ein Hotel."