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Jordanien Doch der Himmel bleibt still

 ·  Jordanien gehört zu den wasserärmsten Länder der Erde. Und dennoch kann man sich dem kostbaren Gut dort nicht entziehen - weil es da ist, oder weil es die Menschen schmerzhaft vermissen.

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Der Eingang zum Paradies ist ein schmuckloser Torbogen. Er wird von einem weißgekleideten Beduinen bewacht. Man tritt ein, die Augen brauchen einen Moment, um sich an das Halbdunkel zu gewöhnen, dann aber bleibt man wie vom Donner gerührt stehen: Hier, inmitten der jordanischen Wüste, in der die Sonne alles Leben und alle Farben schluckt, die nicht der ihren gleichen, strahlt auf einmal glühendes Rot, Meerblau, Gelb und Grün an den Wänden, hetzen schlanke Hunde mit gestreckten Hälsen Büffeln hinterher, vollführen leichtbekleidete junge Männer gymnastische Übungen an einem Fluss, schleppen Diener Körbe voller Aprikosen, Mangos, Melonen. Und als sei das noch nicht genug der Sinnespracht, tänzelt einem auf einem Torbogen plötzlich die himmlische Vision einer Nackten entgegen - so unbefangen, dass man in diesem muslimischen Land, dessen Königin Rania zwar äußerst liberal sein mag, deren Untertanen es jedoch lieber züchtig mögen, verschämt den Blick abwenden müsste und es natürlich doch nicht tut: Die Schöne hat die Arme anmutig zum Tanz erhoben, die weich fließenden Formen ihres Körpers wiegen sich liebreizend zu einer unsichtbaren Melodie. Um ihre Lippen schwebt ein leichtes Lächeln. Mehr als tausend Jahre ist sie alt. Ihr Haar aber scheint feucht zu sein. Ganz so, als sei sie einen Wimpernschlag zuvor dem Wasser entstiegen.

Qasr al Amra heißt der Miniaturpalast, über dem die nackte Tänzerin herrscht wie eine Nymphe über ihrem Teich. Findige Wasseringenieure stauten hier den Frühlingsregen, gruben eine Zisterne und errichteten darüber ein Bad, in dem ihr Monarch ganz privat den Freuden des Lebens frönen konnte - viele Kilometer und damit weit genug vom Omaijaden-Königssitz Amman und der moralischen Enge des aufblühenden Islams und dessen Bilderverbots entfernt. Für die vorbeiziehenden Beduinen war der Palast aber ein Ort der Gotteslästerung, bewohnt von bösen Geistern. Nur deshalb schreckten sie vor der Zerstörung der Fresken zurück. Einzig im Apodyterium, dem Auskleideraum, haben gottesfürchtige Hände den Meißel angelegt: Dem Bären, der auf einer Laute spielt, und dem applaudierenden Affen fehlen die Augen. Die Augen sind der Eingang zur Seele, glaubt man in der arabischen Welt. Und weil die Wasserlöcher der Wüste zum Himmel gerichteten Augen gleichen und Sehen mindestens genauso wichtig ist wie Trinken, meint das Wort "Ayin" zugleich "Quelle" und "Auge". Ob der Akt der Zerstörung das Wasser in Qasr al Amra versiegen ließ? Gehen Sie in die Oase von Azraq, dann werden Sie verstehen, rät der Beduine, und seine schwarzen Augen, Metalltropfen gleich, blicken vielsagend in die Ferne.

Schlürfen mit voller Lautstärke

Wir folgen der Spur der Pistazien. Dort, wo sie sind, muss es Wasser geben. Wie einsame Vogelscheuchen stehen die Bäume in der ockergelben Wüstenlandschaft. Mit jedem Kilometer ostwärts werden es mehr. Die Sonne steht hoch, der Hals ist trocken. Die Luft atmet sich wie flüssiges Blei. Lastwagen brausen vorbei, sie sind die modernen Kamele der Beduinen. Dann, wie im Traum, taucht im Sandnebel ein Meer aus Schilf vor uns auf. Zwei grüne Wasserlöcher; es sieht tatsächlich aus, als flehten hier zwei Augen den Himmel an. Der aber bleibt weiß und nackt und leer. Diese Pfützen sollen die Oase Azraq sein, eines der kostbarsten Wasserreservate des Landes? Bei dem Wort Oase hatte man Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht im Kopf, sah liebliche Bäche und Seen, üppiges Grün, Pflanzen, Getier. Noch vor dreißig Jahren sollen mehr als 350000 Zugvögel auf ihrem Weg von Europa nach Afrika in der Oase Station gemacht haben. Das hier aber ist nur noch eine Schweißspur an der Oberfläche der Wüste, die letzte Regung des Lebens.

Enttäuscht schlürfen wir den Tee, den man uns statt Wasser serviert. Ungeniert laut, wie wir es uns von den Beduinen abgeguckt haben: Je mehr Luft man beim Trinken in den Mund zieht, desto schneller kühlt der heiße Sud ab und desto mehr kann man von ihm in kurzer Zeit trinken. "Wasserbüffel gibt es hier wieder, und auch den Aphanius sirhani, einen Fisch, der nur in Jordanien lebt, konnten wir retten", sagt Laith El-Mohgrabi und setzt sein Gläschen ab. Der Satz klingt wie eine Entschuldigung. Der junge Mann ist der Leiter der Azraq Wetland Reserves. Mit Projekten wie dem Naturreservat versucht die "Königliche jordanische Gesellschaft zur Erhaltung der Natur", kurz: RSCN, die Zeit zurückzudrehen. Den Wasserspiegel wieder zu heben ist eine Arbeit für einen Sysiphos. Der vor uns hat sein langes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und sieht so ganz anders aus als viele Menschen, die man hier trifft. Die Oase drohe am Wasserdurst der Hauptstadt zu sterben, erklärt er. Jedes vierte Glas Trinkwasser, das in Amman getrunken wird, komme aus dem Bassin von Azraq. Zudem werde viel Wasser auf die umliegenden Felder gepumpt. Doch wem das zugeteilte Nass nicht reiche, der zapfe einfach illegal etwas ab. Frustriert schüttelt er den Kopf: In Jordanien werden Söhne verstoßen, wenn sie aus jugendlichem Übermut ein Auto klauen. Der Diebstahl von Wasser gilt dagegen bis heute als Kavaliersdelikt. Das jordanische Königshaus tut viel, um das zu ändern: Fast jede Schule hat inzwischen einen Naturclub, in dem die Kinder den sorgsamen Umgang mit Wasser lernen. Die Regierung subventioniert den Ökotourismus und hat die Wasserpreise für Hotels erhöht. Immer wieder ist König Abdullah II. im Fernsehn zu sehen, wie er in Jeans und T-Shirt auf den Höckern eines Kamels durch die jordanische Wüste schaukelt und über die schützenswerte Natur erzählt. Laith El-Mohgrabi zeigt ein Foto aus den siebziger Jahren: Ein Mann ist darauf abgebildet. Er steht in einem See und wirft ein Fischernetz aus. Kommen Sie, sagt Laith El-Mohgrabi, und wir folgen. Es geht einen hölzernen Steg entlang durch übermannshohes Schilf. Der Wald öffnet sich. Vor uns im Boden klafft ein Loch, ein ausgetrockneter See. Laith El-Mohgrabi streckt den Arm aus, mit dem anderen versucht er ein paar unbelehrbare Fliegen zu verscheuchen: Dort ist der Mann auf dem Foto gestanden, sagt er. Deprimiert ziehen wir von dannen. Ach Jordanien, was hast du bloß aus deinem Paradies gemacht!

Zauberlicht wie in einer Kathedrale

Als wolle das Land zeigen, dass es auch anders kann, reicht uns das Wasser am nächsten Tag bis zum Hals. Harmlos und freundlich schien das Wasser im Naturpark Wadi Mujib zu sein; ein ruhig dahinplätschernder Bach, gespeist aus Quellen des Hochplateaus am Jordangraben. Ein Labsal für jeden Reisenden der Wüste. Mit jedem Schritt aber, den wir uns in die Felsenschlucht vorwagen, zeigt es uns ein wenig mehr von seiner Härte. Erst verschwinden die Knie, dann die Hüfte in dem gurgelnden Nass, hinter der nächsten Biegung verlieren die Füße den Boden. Das Wasser zerrt an unseren Körpern, nimmt alles mit, das es fortreißen kann. Erst treibt eine Brille vorbei, dann ein Schuh. Wir aber krallen uns an Seile, klettern an glitschigen Felsen Eisenstiegen empor.

Fünfzig Meter hoch ragen die Felswände rechts und links. Es sind Sandsteinskulpturen, wunderschön marmoriert in Ockergelb und Rot, glattgeschliffen in Jahrtausenden von Jahren. Mal rücken die Felswände so eng zusammen, dass nur noch ein Fetzen Himmel zwischen ihren Kronen übrig bleibt. Die wenigen Sonnenstrahlen, die den Grund erreichen, zaubern ein Licht wie in einer Kathedrale. Es spritzt, es rauscht, es schäumt; das Wasser tobt, ist so laut, dass man sich nur noch per Handzeichen verständigen kann. Wir sind menschliche Ameisen, dem Element auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Ruhig schauen die steinernen Wächter dem Treiben zu ihren Füßen zu. Man kann nicht anders als denken, dass sich hier die Natur über den Menschen lustig macht. Dann ist das Ende der Schlucht erreicht: Ein Wasserfall donnert herab, der dem Übermütigen sofort die Knochen bräche. Wir quetschen uns an den glitschigen Felswänden entlang, stehen plötzlich im dämmrigen Zwielicht. Ein silberner Vorhang fällt vor uns zu Boden, zerstäubt in Abertausende von Tropfen. So schön, dass man einfach nur schreien möchte angesichts dieses gigantischen Wunders. Die Maßeinheit klein gilt in Jordanien nur für Menschen. Und für deren Trinkwasservorrat.

Die Regeln der Elemente gelten nicht mehr

Fünfunddreißig Millionen Jahre ist das geographische Wunderwerk Jordangraben erst alt. Nähert man sich ihm vom Hochplateau aus, dann sieht es aus, als habe ein wütender Riese mit einem gewaltigen Beil so lange auf die Erde eingeschlagen, bis das Geröll wegspritzte und sich rechts und links zu einem schroff geformten Gebirge türmte. Und doch ist dieses Fleckchen Erde nur der Fingernagel eines viel gewaltigeren Naturdenkmals: Der afrikanische Graben entstand, als die afrikanische und die arabische Platte auseinanderrissen und eine Erdspalte bildeten, die von Syrien über Jordanien bis in das sechstausend Kilometer entfernte Moçambique reicht. An manchen Stellen ist er hundert Kilometer breit, in Jordanien formt er das Bett für den Jordan, für das Rote Meer und für das Tote Meer. Unter ihm erreicht er eine Tiefe von 794 Meter unter dem Meeresspiegel. Andächtig steht man vor der glatten Wasserfläche. Am Grund leuchten weißverkrustete neben eisenroten Steinen. Das ist er also, der am tiefsten gelegene See der Erde, der so salzig ist, dass nichts in ihm überleben kann. Bäuchlings stürzt man sich ins Wasser, schließlich hat man es so gelernt, doch die Regeln, die andernorts gelten, kennt das Element hier nicht. Die Arme rudern ins Leere, die Beine fliegen in die Luft. Wie von Geisterhand wird der Körper an die Wasseroberfläche gehoben. Erst als der ruhig wird, sich auf den Rücken dreht, ist auch das Wasser für den Ritt bereit. Seidenweich und warm umfließt es Kopf und Beine. Stille breitet sich im Kopf aus. Das Einzige, das man jetzt noch hört, ist das Pochen des eigenen Herzens.

Später sitzt man auf der Hotelterrasse, die Glieder noch benommen vom schwerelosen Schweben im Toten Meer, und betrachtet staunend diese unwirkliche Mondlandschaft aus Salz, Wasser und Gestein. Dann fordert der Wind sein Recht. "Riech" nennen die Menschen ihn hier: Es ist ein ungestümer heißer Wind, der von Syrien und Israel aus über das Tote Meer peitscht, als läge dort irgendwo ein riesiger Föhn versteckt, der Sand und Salz in das Innere Jordaniens treibt und von dort aus nach Saudi-Arabien; der an den Haaren der Menschen zerrt; der in Amman Plastiktüten wie Schwärme bunter Vögel in Stacheldrahtzäunen gefangen nimmt und in Azraq das Schilf zu einem Teppich niederdrückt; der durch die Schluchten des Wadi Rums fegt, die so tief sind, als reichten sie bis zum Mittelpunkt der Erde, der über den Korallengärten des Roten Meeres das Wasser zu hohen Wellen türmt und in der St.-Georgs-Kirche von Madaba das Bodenmosaik mit feinem Sand überzieht.

Keine Arbeit für Johannes den Täufer

Das Mosaik ist die älteste Palästina-Landkarte der Welt. Das Tote Meer ist darauf zu sehen und der Jordan; ein breiter, tiefblau dahinfließender Strom, in dem sich Fische und auf Schiffen Menschen tummeln. Heute freilich hätte selbst Johannes der Täufer Schwierigkeiten, eine Stelle im Fluss zu finden, die tief genug ist, damit er seine Arbeit verrichten kann. Der einst so stolze Strom ist an seiner Mündung ins Tote Meer nur noch ein tropfender Wasserhahn. Und der Wasserspiegel des Salzsees - offizielle Messungen sprechen von 396 Metern unter dem Meeresspiegel, tatsächlich aber soll er nur noch bei 420 Metern liegen - sinkt jährlich um etwa einen Meter.

Die drüben zweigen uns das Wasser ab, schimpft die israelische Seite, während man in Jordanien der Trinkwasserpolitik Israels die Schuld an dem Desaster gibt. Der Nachbar ist zum Greifen nah, in der hereinbrechenden Nacht glitzern die Lichter Jerichos und Jerusalems am gegenüberliegenden Ufer. „Ein ruhiges Haus in einer lauten Nachbarschaft“, hat der verstorbene König Hussein sein Land einmal genannt. Es ist gerade mal so klein wie Bayern und Baden-Württemberg zusammen. Doch wie lange wird sich die Ruhe darin noch halten, wenn man sich mit den Nachbarn immer mehr auch um Wasser zankt? In Jordanien stehen den Menschen fünfundachtzig Liter Wasser pro Kopf und Tag zu, die Israelis verbrauchen dreihundert Liter, die Libanesen einhundertfünfzig Liter. Die Palästinenser müssen mit einer Wassermenge von nur fünfzig Litern pro Tag auskommen. Das Wasser und den Frieden soll eines Tages ein dreihundert Kilometer langer Kanal vom Roten Meer zum Toten Meer sichern. Durch das Gefälle auf der Strecke ließe sich genügend Strom gewinnen, um das Wasser zu entsalzen, glauben die Experten. Ob der Kanal jemals gebaut wird, ist ungewiss. Zu groß sind die ökologischen Bedenken.

Ein Wiedergänger von Moses

Über dem ruhigen Haus gehen die Sterne auf, es ist ein Himmel zum Pflücken. Hell leuchtet die Spitze des kleinen Bären, der einzelne Stern, den man Polarstern nennt. Daneben Kochab, im Osten die Deichsel von Alkor, Alioth, Megrez, Phekda und Mizar, achtundsiebzig Lichtjahre von der Erde entfernt. Dahinter leuchtet Orion mit Alnilam, dem blauen Stern, der sechsundzwanzigmal größer ist als unsere Sonne und sich wie der Mast eines Schiffes ein wenig auf die Seite neigt. Nachts zeichnen sie den Beduinen die Wege vor, die sie am Tag gehen müssen. Wir folgen am nächsten Morgen der Straße.

Der Mann trägt ein langes dunkles Gewand und einen struppigen Bart. Ähnlich, denkt man, muss auch Moses ausgesehen haben, als er hier laut Bibel mit seinem Stab den Felsen zum Sprudeln brachte. Zigmal ist der Beduine mit den leeren Wassereimern über die Straße zur Moses-Quelle und mit gefüllten wieder zurückgelaufen, ist auf den Lastwagen geklettert, hat das Wasser in die vielen Kanister gegossen. Nein, das Wasser ist nicht für die Tiere bestimmt, sondern für mich und meine Familie, sagt er und braust davon. Die Straße hinunter, wo das Örtchen Wadi Musa liegt. Die Quelle gab ihm seinen Namen. Gleich dahinter, verborgen zwischen Gebirgsstöcken, die sich wie die roten Felsen des Wadi Mujib auftürmen, liegt das sagenhafte Petra. Von dessen fleißigen Wasserbauingenieuren, die das Tal in einen blühenden Garten verwandelten, schwärmte man selbst in den Kneipen des antiken Roms.

Das Wunder des Wassers

Zu Recht: Inmitten der Wüste, wo nur dreihundert Milliliter Niederschlag pro Jahr fallen, bauten die nabatäischen Wasserbaumeister Barrieren, um nach den starken Regenfällen der Wintermonate die Fließgeschwindigkeit des Wassers in den Wadis zu regulieren. Sie errichteten Mauern und ein Umlaufsystem, um die Stadt zu schützen. Sie legten ein getrenntes System für Brauch- und Trinkwasser an. Speicherten das Wasser in Dämmen. Entwickelten ein Umwälzsystem, um das Wasser in den Zisternen frisch zu halten. Bauten Dächer über die Gruben gegen die austrocknende Sonne. Verlegten Keramikleitungen, siebenundsechzig Kilometer waren es insgesamt, die in jeden Winkel der Stadt reichten. Setzten Fischlein aus, um die Wasserqualität kontrollieren zu können. Sogar den Tau sollen sie aufgefangen haben.

Mehrere tausend Einwohner wurden so am Leben erhalten. Und aus dem kargen Tal ein blühender Oleandergarten mit Teichen und künstlichen Wasserfällen gemacht. Hier ehrten die Nabatäer Dushara, ihren Schutzgott, den Herrscher über Berge und Wetter, den Spender von Leben und Fruchtbarkeit. Und hier bestatteten sie ihre Toten. Etwa fünfunddreißigtausend Bestattungsnischen verstecken sich in den Felsen. Vierzig Minuten dauert der Fußweg durch die Felsenschlucht „Ba es Siq“. Zur Zeit der Nabatäer war der Weg nur für Pilger und Petras Einwohner zugelassen, die Karawanen mussten den langen Umweg über das Hochplateau nehmen. Die Bequemen unter den heutigen Petra-Pilgern lassen sich mit Pferdekutschen und Dromedaren in die Felsenstadt tragen. Wenn sie wüssten, welche Anblicke ihnen durch den schnellen Ritt entgehen! Zarte Wellen in Rot, Rosé, Ockergelb und Weiß ziehen über die Wände. Es sind Maserungen, die Wind und Sand in den Stein gezeichnet haben. Das Licht ist goldfarben; es scheint zugleich vom Himmel und von der Erde zu kommen. Nur an der schmalsten Stelle, der Spalt zwischen den Felswänden ist dort nur zwei Meter breit, herrscht Schatten.

Ein letzter Gruß vom Felsengott

Der Besucher von heute wähnt sich in einer Kunsthalle. Den Pilgern von damals aber muss der Weg durch die bis zu zweihundert Meter hohen, roten Felsen wie der Geburtsgang ins Paradies vorgekommen sein. Wasser rauschte in ihren Ohren - die heute zu Füßen liegenden Wasserrinnen verliefen, da die Schlucht tiefer gelegen war, auf der Kopfhöhe der müden Wanderer. Überall dort, wo Quellwasser die Felsen hinabsprudelte, waren Altäre zu passieren: kleine in den Stein gemeißelte Nischen, aus deren Mitte teilweise bis heute noch Steinblöcke, Betyle, ragen. Sie holten die Präsenz des Felsengottes in die Wirklichkeit. Hier, so glaubt man heute zu wissen, warteten die Priester. Sie wuschen den Pilgern die Sünden ab. In ihren Taschen materialisierten sie sich freilich zu barer Münze. Erst danach durften die Gläubigen den Weg in die Totenstadt und zu den übrigen Tempeln fortsetzen.

Unvermittelt weichen die Felsen zurück, geben den Blick frei auf eine Felsenlichtung, an deren einem Ende sich das Schatzhaus Al-Khazne aus dem Stein erhebt. Das mächtige Gebäude wurde aus einem Stück aus dem Fels herausgehauen. Es entstand um die Zeitenwende. In ihm wartete der wichtigste Priester. Trotz des Treibens, trotz der T-Shirt-Verkäufer, trotz der Kameltreiber, die um Kundschaft buhlen, ist es friedlich. Selbst jene Touristen, die es gerne laut und lärmend mögen, werden beim Anblick des Schatzhauses ganz still. Seine Fassade ist mit Ornamenten geschmückt: Tiere, Pflanzen, Götter. Eine Million Menschen pilgern jedes Jahr ins jordanische Petra. Das Paradies ging. Die Menschen sind geblieben und wurden mehr.

Anreise: Die Fluggesellschaften Royal Jordanian (im Internet unter www.rj.com) und Lufthansa (im Internet unter www.lufthansa.com) fliegen täglich von Frankfurt aus nach Amman. Die Strecke von München aus nach Amman wird zweimal wöchentlich von Royal Jordanian bedient.

Visum: Für Bürger aus der EU und der Schweiz besteht Visumpflicht. Das Visum kostet umgerechnet zehn Euro. Man kann es sich bei der Ankunft am Flughafen von Amman ausstellen lassen oder es zuvor beantragen bei der Jordanischen Botschaft, Heerstr. 201, 13595 Berlin, Telefon: 030/3699600.

Reisezeit: Die beste Zeit für einen Aktivurlaub in Jordanien sind Frühling und Herbst. Wüstentourismus ist ganzjährig möglich, wegen des heißen Sommers empfiehlt sich aber eine Reise in den kühleren Wintermonaten.

Unterkunft: In allen größeren Städten des Landes gibt es zahlreiche Hotels. Die „Royal Society for the Conservation of Nature“ (RSCN) unterhält sehr schön gestaltete Eco-Lodges, die alle in der Nähe von Naturreservaten liegen und geführte Ausflüge dorthin anbieten. Die Preise für ein Doppelzimmer bewegen sich zwischen fünfundvierzig und fünfundsiebzig Euro. RSCN, P.O. Box 1215, Amman 11941, Telefon: 00962/65334610, im Internet unter www.rscn.org.jo.

Literatur: „Jordanien. Reisen zwischen Jordan, Wüste und Rotem Meer“ von Wil Tondok, Reise Know-How Verlag, München 2009. 335 Seiten, 11,80 Euro.

Informationen: Jordan Tourism Board, c/o Kleber PR Network GmbH, Hamburger Allee 45, 60486 Frankfurt, Telefon: 069/71913662, E-Mail: info@visitjordan.com, im Internet unter www.visitjordan.com

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Jahrgang 1975. Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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