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Japan : Land des Strahlens

  • -Aktualisiert am

Gesicht bewahren: Viele Japaner sind unzufrieden mit ihrer Regierung... Bild: dapd

Tourismus nach Fukushima? Das größte Problem ist dabei nicht die Strahlung, sondern das Misstrauen der Europäer. Eine Reise nach Japan

          Zu Hause fanden es alle irgendwie kühn. Die kleine Japanerin auf dem Nachbarsitz im Flugzeug nach Tokio, in weißen Pantoffeln und viel zu weiter Stoffhose, hat hingegen nur Spott für den großen Deutschen übrig. „Hast du keine Angst vor der Strahlung?“, fragt sie, als wir gerade über Sibirien fliegen. Draußen hängt die Mitternachtssonne am Horizont. Yuko, graue Strähnen im schwarzen Haar, hat mehr als zwanzig Jahre in Deutschland gelebt, aber jetzt kann sie die Deutschen nicht mehr ernst nehmen. „Die haben viel mehr Angst vor japanischer Strahlung als vor dem Ehec-Keim, der wirklich schon Menschen getötet hat“, sagt sie.

          Mit Japan ist etwas passiert. Man sieht es nicht sofort, wenn man am Tokioter Hauptbahnhof aus dem Expresszug vom Flughafen steigt und von den eilenden Menschenmassen wie von der Brandung umspült wird. Man sieht es auch nicht auf den Rolltreppen, auf denen sich alle brav auf der linken Seite aufreihen. Vermutlich kann man es frühstens am ersten Abend sehen, beim Blick über Tokio, in dessen Häuserschluchten bei weitem nicht so viele Lichter funkeln wie in den Filmen. Weil Japan Strom spart.

          Erst das Erdbeben, dann der Tsunami, 22.000 Tote, und dann auch noch der Reaktorunfall in Fukushima. Fast ein Fünftel der Menge des radioaktiven Cäsiums von Tschernobyl gelangte von dort in die Luft. Seitdem sind immer wieder radioaktiv belastete Produkte aufgetaucht, zum Beispiel Grüner Tee aus der 400 Kilometer entfernten Shizuoka-Präfektur. Oder zuletzt cäsiumbelastetes Fleisch von 637 Rindern, das an den Kontrollen vorbei verkauft und verspeist wurde.

          ...aber demonstriert wird kaum
          ...aber demonstriert wird kaum : Bild: REUTERS

          Fast nirgendwo ist Deutsch zu hören

          In Deutschland, dem Land der Atomproteste, in dem Misstrauen so etwas wie eine Bürgerpflicht ist, lösen solche Meldungen natürlich Ängste aus. Die Dresdner Philharmoniker ließen ihre für Juni und Juli geplante Japantournee platzen, und 80 der 400 Musiker der Bayerischen Staatsoper nehmen lieber unbezahlten Urlaub, als im September für eine Konzertreihe nach Tokio zu reisen. Auch viele Touristen fahren lieber woandershin: „Im März und April waren überhaupt keine Europäer mehr hier, und selbst jetzt sind es kaum welche“, sagt Jan, ein holländischer Fremdenführer in Kyoto. Auch eine Dame im Tokioter Touristenbüro gesteht, dass sie im März und April keine Ausländer zu Gesicht bekommen habe. Jetzt sei man wieder bei 20 bis 30 Prozent des üblichen Touristenaufkommens. Die Zahlen der Japanischen Fremdenverkehrszentrale sehen etwas besser aus: Im Mai sollen wieder 4400 Deutsche nach Japan eingereist sein – 40 Prozent des Vorjahresmonats.

          Momentan verstecken sie sich noch gut. Fast nirgendwo ist Deutsch zu hören, auch nicht Englisch oder Französisch. Nicht im Tokioter Ginza-Einkaufszentrum, Inbegriff des japanischen Konsumrauschs. Nicht auf dem Tsukijii-Fischmarkt, wo der Thunfisch frühmorgens geliefert und mit riesigen Schwertern zersägt wird. Auch nicht auf der Fahrt über den Ashinokosee im Hakone-Nationalpark, wo der Fujisan am Himmel thront. Und auch nicht in Kyoto, dem Zentrum der japanischen Kultur, wo die touristischen Highlights jedes Japanaufenthalts warten: der Goldene Pavillon, die 1001 goldenen Statuen des Sanjû-sangendô und der Ryôanji, mit seinem berühmten Steingarten, von dessen 15 Steinen man stets nur 14 im Blick haben kann. Letzterer symbolisiert eine Lehre des Zen-Buddhismus: Perfekt kann nur das sein, was einen Makel hat.

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