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Japan : Kandierte Kastanien im Kimono knabbern

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Menschenkunstwerk: Kotone (links) und Hanabi sehen aus wie Porzellanpuppen, sind aber aus Fleisch und Blut. Bild: AFP

Die tausendjährige Kaiserstadt Kyoto ist Schrein und Millionen- moloch zugleich und doch der beste Ort, um japanische Traditionen kennenzulernen - zum Beispiel in einer Schule für Maikos.

          Der Shogun Ieyasu hatte eine Heidenangst vor Attentätern; vermutlich zu Recht, denn seine Feinde waren zahl- und listenreich und die Klingen in Japan bereits vor vierhundert Jahren sashimimesserscharf geschliffen. Die Korridore seiner Residenz in Kyoto ließ der Shogun deshalb mit einem "Nachtigallenfußboden" auslegen; Holzdielen, die mit eisernen Krampen so befestigt waren, dass jeder Schritt ein zartes Piepsen hervorrief; nicht gerade das Tirilieren einer Nachtigall, eher das Gewisper eines Starenschwarms. Doch in der Nacht, wenn alle den Schnabel hielten, waren die Gemächer des Ninumaro-Palasts von einem perfekten Warnsystem umgeben. Heute ist der "Nachtigallenfußboden" der vielen Besucher wegen mit einem strapazierfähigen Läufer bedeckt, und nur wer auf besockten Füßen danebentritt und - das Ohr in Kniehöhe - auf den Dielen weiterschleicht, vernimmt das Zwitschern.

          Die Residenz der militärischen Machthaber in Kyoto gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Vor den Audienzsälen sind Audiosysteme installiert, deren Plärren die Leibwächter vermutlich sofort aus den Wandschränken gejagt hätte. Leer bis auf fußschmeichelnde Tatamimatten sind diese dämmrigen Räume, ausgemalt mit Pfauen und Pfingstrosen, blühenden Kirschbäumen und knorrigen Kiefern vor goldenem Hintergrund. Wachsfiguren stellen die Hofgesellschaft dar: den Shogun, in Brokatgewändern ausladend zwischen seinen Damen nistend. Damals empfand man es als hübsch, wenn die Augenbrauen abrasiert und die Zähne schwarz angemalt waren. Aber die Seidenkimonos strahlen eine unvergängliche Eleganz aus.

          Akropolis auf Japanisch

          Das Leise und das Laute, das Befremdliche und das Hinreißende, die schöne Form und die schauerliche Entgleisung sind in Kyoto eng benachbart. Die eintausendzweihundert Jahre alte Kaiserstadt, die sich ihrer Tempel, Schreine und Gärten rühmt, ist Neuschwanstein plus Akropolis auf Japanisch, mit großen Busparkplätzen und großen Trupps, die hinter einer gouvernantenhaften Erscheinung mit Hut und aufgepflanztem Fähnchen hermarschieren: zum Kinkaku-ji-Pavillon, dessen blattgoldene Stockwerke sich im Wasser eines Sees spiegeln; zu den tausend Buddha-Statuen des Sanjusangen-do-Tempels; hügelan über die von Souvenirläden gesäumte Auffahrt des Kiyomizu-dera-Tempels und durch den Ryoan-ji-Garten zum Seerosenteich und dem ummauerten Zen-Garten. Seine kosmische Leere, der gerechte Kies um die fünfzehn Steine, von denen einer dem Betrachter immer verborgen bleibt, soll die meditative Versenkung befördern, aber überall sind Stimmen und Füße, gelbe Schülermützen, blaue Faltenröcke, Mundschutz und auf jedem Foto zwei gereckte Victory-Finger.

          Die hohe Kunst des Minimalismus: Eine Geisha tanzt in einem traditionellen Restaurant während eines Banketts.

          Kyoto ist heute auch Millionenstadt mit den weltüblichen Klopsbuden, Verkehrsproblemen und einem gorgonenhaften Geschlinge schwarzer Stromleitungen über den Straßen. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs wurden vierzigtausend traditionelle Holzhäuser mit ihren Bambusrollos und papierbespannten Schiebetüren abgerissen. An ihre Stelle ist das Verwechselbare getreten, brutalstmögliche Betonfassaden, auch gern vor dem Pagodendach eines fünfhundert Jahre alten Tempels.

          Schlepprock und lackschwarzes Haar

          Eines der Stadtviertel, in dem die Tradition in leicht musealer Form fortbesteht, ist Gion, das ehemalige Vergnügungsviertel mit seinen Teehäusern und Restaurants. Tagsüber ist es still in den Gassen. Die Arbeiterinnen der Nacht, Geishas, die in Kyoto Geikos heißen, und Maikos, ihre lieblichen Lehrlinge, halten Schönheitsschlaf. Erst abends, wenn die roten Papierlaternen aufleuchten, sieht man sie aus den Türen der Okiyas treten, der Frauenwohngemeinschaften, in denen die Maikos unter Anleitung einer älteren Geiko ihre Lehrjahre verbringen, und in die kein Mann eindringt, es sei denn, er ist Friseur oder Perückenmacher.

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