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Japan : Die ewige Wallfahrt des Mönchs Kukai

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Stufen der Erkenntnis: Die Japaner sind leidenschaftliche Pilger, dabei steht nicht einmal immer das Seelenheil im Mittelpunkt. Bild: Stephanie Geiger

Auf dem heiligen Berg Koyasan finden die Japaner Ruhe vor ihrem reizüberfluteten Alltag - vorausgesetzt, die Shintogötter sind den Pilgern gnädig gestimmt und schicken ihnen kein Gewitter.

          Mit den ersten Sonnenstrahlen erwachen die Zikaden. Im Morgengrauen, wenn die Frühnebel die Bergflanken hinaufziehen, wecken sie mit ihrem ohrenbetäubenden Konzert die Gäste des buddhistischen Tempels Murioko-in auf dem heiligen Berg Koyasan. Zwei Novizen haben den Gästen am Vorabend auf den Tatami-Matten aus Futons die Bettstatt bereitet. Den niedrigen Tisch, auf dem zur Begrüßung Tee serviert wurde, schoben sie in eine Ecke. Danach servierten sie das Abendessen in einem kleinen, mit Schiebetüren abgetrennten Vorraum. Auf mehreren Tabletts reichten sie das typische Shojin-ryori, ein vegetarisches Mahl mit Reis, Sesam-Tofu, Rettich, Bohnen, Konjaku, Seetang und Sojabohnenküchlein. Wer wollte, konnte Sake oder Bier bestellen, Spenden der Pilger, die an die Gäste verkauft werden, um den Unterhalt des Tempels zu gewährleisten.

          In Tempeln gibt es keinen Fernseher, keinen Lautsprecher, sondern nur eine für die meisten Japaner ungewohnte und fast bedrohliche Stille. Fast alle Menschen in Japan leben in der Hektik überfüllter Großstädte. Das Leben auf dem Hochplateau des Koyasan, das von acht Gipfeln eingefriedet wird wie eine Lotusblüte - im Buddhismus das Symbol für reinen Geist -, ist das Gegenteil dieser von Technik und künstlichen Reizen überfrachteten Welt. Eine Bergflanke schottet den Koyasan vom flachen Land im Norden ab. In früheren Zeiten musste der mühselige, steile Anstieg zu Fuß bewältigt werden. Heute bringt eine Standseilbahn die Besucher bequem zum heiligen Berg auf der Kii-Halbinsel hinauf.

          Detailverliebte Prachtentfaltung

          Die Schönheit und der Frieden dieses Ortes zieht seit jeher Menschen an. Fast tausend Klöster der Shingon-Sekte hat es zur Blütezeit im fünfzehnten Jahrhundert auf dem neunhundert Meter hohen Koyasan gegeben. Im Gegensatz zum minimalistischen Zen-Buddhismus huldigt der Buddhismus der Shingon einer barocken, detailverliebten Prachtentfaltung. In den hundertsechzehn Tempeln, die es auf dem Koyasan heute noch gibt, wohnen achthundert Mönche und Nonnen. Oft geht dem Leben im Tempel eine lange Zeit der Prüfung voraus. Nicht jeder, der Interesse zeigt, wird aufgenommen in die Mönchsgemeinschaft. Erst 1837 wurde der Koyasan für Frauen geöffnet. Ausländern, die nicht nur als Gäste für einen Tag oder eine Woche hierbleiben wollen, begegnet man auch heute noch mit Skepsis.

          Heilige Quelle: Erfrischung für die Pilgerer
          Heilige Quelle: Erfrischung für die Pilgerer : Bild: Stephanie Geiger

          Das hat auch Mönch Genso erfahren. Erst ein Fürsprecher konnte ihm die Türen in den Murioko-in-Tempel öffnen. Dann dauerte es noch einmal viele Monate, bis Genso mit seinen Meditationen beginnen durfte. Mönch Genso heißt im weltlichen Leben Kurt Kübli und kommt aus der Schweiz. Aufgewachsen ist er in Zürich, wo er mit seinem Bruder ein Unternehmen für Gasüberwachungssysteme aufgebaut hat. Er hat auch viele Jahre in Florenz als Künstler gelebt. Vor zwölf Jahren machte sich Kurt Kübli auf nach Japan. Mit langen Haaren und Schnauzbart kam er damals auf den Koyasan. Heute hat er einen kahlgeschorenen Kopf und trägt die graue Tracht der Mönche. Drei Jahre später kam Gensos japanische Frau Misuko aus Florenz nach und lebt seither mit ihm in einem Zimmerchen im Tempel. Auf acht Tatami-Matten, das entspricht etwa zwölf Quadratmetern, haben sich Genso und Misuko Büro, Ess- und Schlafzimmer zugleich eingerichtet. Auf dem Boden sitzend, bereitet Genso auf einem niedrigen Tisch das Abendessen zu. Aus Tomaten und Karotten macht er sich einen Salat und verfeinert ihn mit Parmesan und Olivenöl. Dazu gibt es Bier.

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