27.12.2010 · Die Antarktis ist mit 13,2 Millionen Quadratkilometern größer als Europa. Alleine ist man hier fast nie: Vom großen Glück, zum Jahreswechsel am Ende der Welt zu sein. Eine Weihnachtskreuzfahrt in den antarktischen Sommer.
Von Anne-Dore KrohnSpäter wollte es keiner gewesen sein. Aber einige hatten wirklich gefragt, wann mit den ersten Eisbären zu rechnen sei. Das war in den ersten Tagen der Reise, bevor wir lernten, ein Dutzend Pinguinarten voneinander zu unterscheiden, und ehe wir alle schon immer gewusst hatten, dass Eisbären außer im Zoo nur in der Arktis leben. Also oben, am anderen Pol.
Das erste Eis, das wir auf der Reise an den kältesten Kontinent der Welt zu sehen bekamen, war Wassereis am Stiel. Es war kurz vor Weihnachten, die Koffer waren voll mit Fellmützen und Kältecreme, aber in Buenos Aires, wo wir einen Tag Zwischenstopp hatten, fingen gerade die Sommerferien an. Auf der Avenida 9 de Julio liefen wir in T-Shirts an silbernen Weihnachtsbäumen vorbei, und der Stadtführer leitete uns unter brennender Sonne zum Grab von Eva Perón.
Waren Sie beim Vortrag über Algen?
Die Grundkälte, für die sich alle ausgerüstet hatten, stellte sich erst in Feuerland ein. Dort waren wir beruhigt, dass die Atemluft weiß wurde. Denn von hier lag die Antarktis nur ein paar Seetage entfernt, und wir wollten ja richtiges Eis - Packeis, Schollen, Gletscher.
Als wir 150 Passagiere in Ushuaia die „MS Hanseatic“ bezogen, hatten wir wenig gemeinsam, außer dass alle an das südlichste, windigste, kälteste Ende der Welt wollten. Für einige war es nur der letzte blinde Fleck ihrer Kreuzfahrtbilanz. Manche hatten jahrelang dafür gespart, andere trugen jeden Abend ein anderes Schmuckstück im Gegenwert der Reise im Dekolleté. Nachdem am ersten Seetag aber alle die gleichen Parkas bekamen, löste sich die Heterogenität der Gruppe unter rotem Gore-Tex auf. Ab da sahen wir uns ziemlich ähnlich, vor allem von weitem und von hinten. Fragen, die jetzt wichtig wurden, waren zum Beispiel: Haben Sie den Buckelwal (Seeleoparden et cetera) gesehen? Darf ich Ihnen ein Akupressurpflaster anbieten? Waren Sie beim Vortrag über Algen (Shackleton und so weiter)?
Die Lektoren, die uns die Geheimnisse der Antarktis entschlüsselten, waren geduldige Menschen, die sich jahrelang mit Steinen, Moosen oder Walen beschäftigt hatten und deshalb gelbe Anoraks tragen durften. Von nun an hieß Rot gehen und Gelb stehen, denn sie passten auf, dass wir nicht einfach so herumstapften, in der Antarktis muss man sich an Mindestabstände halten. Fünf Meter zu Pinguinen, fünfzehn Meter zu Seebären, fünfzig Meter zu Riesensturmvögeln. Wir hatten aber gehört, dass sich vor allem Pinguine ihrerseits nicht daran halten. Darauf hofften wir.
Weihnachten ist übrigens eine ideale Zeit für eine Antarktisreise, denn man ist täglich mit einer der Jahreszeit angemessenen Tätigkeit beschäftigt: Ein- und Auspacken. Und so ein Kreuzfahrtschiff ist auch gut geeignet für Weihnachtsflüchtlinge. Wir hatten einige davon an Bord. Menschen, die am Jahresende nicht zu Hause sein wollten, weil dort die Erinnerungen kommen. Wer denkt, dass die Antarktis kein passender Ort ist, um der Einsamkeit zu entfliehen, täuscht sich: Gerade in der Antarktis ist man fast nie allein.
Weihnachten vor Südgeorgien
Das liegt daran, dass es keinen Individualtourismus gibt und man, wenn man nicht zufällig Polarforscher ist, nur zwei Möglichkeiten hat, dorthin zu reisen: Man kauft sich ein sehr teures Flugticket, fliegt zum Südpol, steigt aus, schießt Fotos und fliegt wieder zurück, oder man bucht sich auf einem der Kreuzfahrtschiffe ein, die zwischen November und Februar vor der antarktischen Halbinsel herumfahren. Und weil inzwischen über 40.000 Touristen im Jahr in die Antarktis fahren, verständigen sich die Kapitäne per Funk, damit man sich nicht ständig begegnet.
Den 24. Dezember verbrachten wir vor Südgeorgien, einer zerklüfteten, halbmondförmigen Insel in der Subantarktis, die James Cook 1775 erst für den antarktischen Kontinent hielt, das Südkap enttäuscht „Cape of Disappointment“ nannte und die Insel zu Ehren des britischen Königs George III. „Isle of Georgia“. Im Bordfernsehen liefen nicht „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, sondern die Originalaufnahmen von Ernest Shackletons Endurance-Expedition.
1914, als der Südpol schon drei Jahre erobert war, brach er in Südgeorgien auf, um den antarktischen Kontinent zu durchqueren. Die Expedition scheiterte, dennoch ging Shackleton als Held in die Geschichte ein. Die Chefs unter uns bestätigten: Er hatte gut geführt und sich gut verkauft. Es gibt sogar Ratgeber, die zum Beispiel „Shackletons Führungskunst: Was Manager von dem großen Polarforscher lernen können“ heißen, einige an Bord hatten sie sogar gelesen.
Fast am Ende der Welt
Wir befanden uns jetzt bereits südlich des 50. Breitengrades und damit jenseits der antarktischen Konvergenzlinie, an der es schlagartig kälter wird. Ausgerechnet an Weihnachten sahen wir die ersten Eisberge, wie bestellt trudelten sie während des Abendessens vorbei. Einige mutmaßten, dass sie zum Fünf-Sterne-Arrangement gehörten und am Bug ins Wasser geworfen worden wären, aber sie waren echt. Auch wenn es eher Eiswürfel als -berge waren. Trotzdem stürzten wir an die Fenster, wir hatten uns schon so lange auf sie gefreut.
Als es dämmrig war, booteten wir in Grytviken aus, ein rostiges Industrieschrottwunderland einer früheren Walfangstation, mit riesigen, verschlungenen Kettenhaufen und Tranfässern. Im Sommer leben dort etwa zehn Menschen, Forscher vom British Antarctic Survey, und als wir uns in die kleine Walfängerkirche setzten, kamen sie dazu und sangen „Twelve Days of Christmas“, aber mit einem Text, in dem Pinguine und Kreuzfahrtschiffe vorkamen. Die Crew trug rote Mützen, der Kapitän las die Weihnachtsgeschichte, und der Kreuzfahrtdirektor hielt eine Rede.
Wir seien in einer Landschaft, sagte er, die helfe, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, jenseits allen Weihnachtsrummels. In den Fenstern standen rote Kerzen, wir waren fast am Ende der Welt und raschelten feierlich mit unseren roten Parkas. Es machte auch nichts, dass es stürmte, als wir aus der Kirche kamen und schnell zurückfahren mussten. Am Hafen schwappte das Wasser über die Leiber der Seeelefantenbabys. Sie röhrten, und da wir gerade ergriffen waren, war uns, als würden sie Weihnachtslieder für uns singen.
Rührend unbeholfen
In dieser Nacht knallte die Tischorchidee auf den Boden, der Schrank sprang auf, und am Vormittag gingen wir nicht wie geplant an Land. Stattdessen lernten wir, was abwettern heißt: In einer Bucht im Kreis fahren und auf bessere Zeiten warten. Hinter unseren Ohren klebten Akupressurpflaster. Wir wetterten einen ganzen Tag ab und griffen auch am nächsten noch häufig in den Korb mit den Reisetabletten, der an der Rezeption stand wie anderswo Bonbonschalen.
Zwei Tage vor Silvester überschritten wir den 60. Breitengrad, die geographische Grenze der Antarktis. Der Sturm war abgeflaut, es war sonnig, riesige Eisberge säumten unseren Weg, und an Seetagen saßen wir in den gemütlichen Sesseln, tranken heißen Tee und lasen von den Strapazen der Polarforscher. Unsere Reise nannte sich „Expeditionskreuzfahrt“, aber der Kontrast zu Berichten von Roald Amundsen, Robert Falcon Scott oder Ernest Shackleton beschämte uns fast. Wir besichtigten auch Elephant Island, die schmale, felsige Landzunge, auf der Shackletons Mannschaft mehrere Monate unter umgedrehten Booten gehaust hatte. Von dort war Shackleton 1916 mit einem Beiboot und fünf Männern aufgebrochen, um 1500 Kilometer nach Südgeorgien zurückzufahren. An Bord hatten sie folgenden Proviant: 2 Kisten Nusspaste. 2 Kisten Zwieback. 1 Kasten Zucker. 30 Pakete Milchpulver. 1 Dose Bovril-Würfel. Dazu noch Salz, Wasser und Eis. Am gleichen Abend wurde bei uns das Shackleton-Menü serviert, das sich, auszugsweise, folgendermaßen las: Rosa Straußenfilet auf Rahm-Pfifferlingen. Glasierte Taubenbrust mit Pistazien-Galantine auf Cassis-Vinaigrette. Kraftbrühe vom Rotwild mit Rosmarin-Nocken. Und so weiter. Und da war der Hauptgang noch nicht dabei.
Weihnachten ist die Zeit der kulinarischen Zügellosigkeit, und da es auch zwischen den Mahlzeiten immer etwas zu essen gab, wuchsen unsere Bäuche. Vielleicht waren uns die Pinguine deshalb so sympathisch. Die Lektoren mussten uns oft fast gewaltsam dazu bringen, wieder die Zodiacs zu besteigen, wenn wir in ihren Kolonien knieten, mit verzückten Gesichtern. Während sie im Wasser elegant und schnell sind, wirken sie an Land rührend unbeholfen. Von nahem sehen sie aus wie kleine fröhliche Leute im Frack. Sie haben, wenn man so will, etwas sehr Menschliches.
„Draußen steht ein Kaiserpinguin“
Oder war es umgekehrt, und wir mochten sie so gerne, weil wir auf dieser Reise selbst so etwas Pinguinhaftes entwickelten? Wenn man in die Antarktis fährt, verwandelt man sich nämlich automatisch in eine Art Pinguin. Mit Gummistiefeln, Schwimmweste, Mütze, Schal, Handschuhen, Funktionsunterwäsche, Fleecepulli und wasserfesten Überhosen gelingt es einem kaum, sich elegant fortzubewegen. Gleich in der ersten Pinguinkolonie war einer auf dem Pinguinkot ausgerutscht und hatte sich die Rippe angeknackst. Also watschelten wir. Die Bäuche vorweg. Als die Ornithologin erklärte, dass so ein Pinguin im Prinzip vor allem aus einem Bauch bestehen würde, an dem Kopf und Füße dranhängen, nickten wir verständnisvoll.
Auf einer anderen Kreuzfahrt, so wurde erzählt, hatte eine Frau einmal vor lauter Liebe einen Eselspinguin in ihren Rucksack gesteckt. Einer der Lektoren brachte den Entführten später zurück in seine Kolonie. Wir schüttelten die Köpfe über die Frau, konnten sie aber verstehen. Zumal sich eine angenehme Ausgelassenheit breitgemacht hatte. Man half sich gegenseitig aus den Gummistiefeln, der Kapitän fuhr Kreise, damit alle den Sonnenuntergang sahen. Männliche Mitreisende ignorierten die Damensaunazeiten, Witwen rutschten jauchzend auf dem Hosenboden durch den Schnee, und einmal stürzten alle gemeinsam im Bademantel an Deck. Und das kam so: Um sechs Uhr früh klang die Stimme der Ornithologin durch die Lautsprecher. „Guten Morgen“, weckte sie uns, „draußen steht ein Kaiserpinguin.“ Das war etwas Besonderes. Kaiserpinguine, die größte aller Arten, leben normalerweise so südlich, wie wir nicht kommen würden.
Der weihnachtlichste Moment der Reise
Im Bauch der „Hanseatic“ klappten die Türen, Schritte schlurften über die Gänge, wir streiften Bademäntel und Anoraks über die Schlafanzüge. Über Nacht war der Himmel nähergekommen, rings umher war die Welt gefroren, alles war gedämpft. Der Kaiserpinguin stand reglos auf dem Packeis, während wir uns mit eiskalten Füßen in weißen Schlappen an die Reling drückten. Es war nicht klar, warum er so weit in den Norden gekommen war. Vielleicht war er krank, vielleicht war er in der Mauser, vielleicht war er vom Weg abgekommen. Der größte Pinguin so klein auf dem Eis - es war der ruhigste, für einige auch der weihnachtlichste Moment der Reise.
Am Silvesterabend stolperte der Butler James beziehungsweise der Kreuzfahrtdirektor in „Dinner for one“ nicht über ein Tigerfell, sondern über einen lebensgroßen Pinguin, am Ende stieg die Geologin rotköpfig aus dem Kostüm. Man hatte uns geraten, drei Mal so viele Speicherkarten mitzunehmen, wie wir zu brauchen glaubten, aber das reichte nicht. Wir sahen kalbende Gletscher, dampfende Vulkaninseln, Pinguinküken, das südlichste Postamt der Welt und einen Seeleoparden, der einen Pinguin verspeiste. Danach verstanden wir, warum es bei aufbrechenden Pinguingruppen im Gegensatz zu ausbootenden Kreuzfahrern eine Drängelbewegung nach hinten gibt.
Trotzdem sprang am letzten Tag in der Antarktis etwa ein Dutzend Eselspinguine ohne zu zögern von einem Eisberg und schwamm auf unser Zodiac zu. Sie blieben bei uns, mindestens zwanzig Minuten, tauchten unter uns durch, sprangen neben uns aus dem Wasser und verfolgten uns, bis wir wieder in den Bauch des Schiffes stiegen. Wir hatten das Gefühl, sie würden sich von uns verabschieden. Die Ornithologin widersprach nicht.
Pinguine voraus: Der Weg in die Antarktis
Die Antarktis ist mit 13,2 Millionen Quadratkilometern größer als Europa. Seit 1959 regelt der Antarktis-Vertrag den politischen Status: Keine Nation darf Besitzansprüche stellen, das Gebiet ist der Forschung vorbehalten.
Tourismus
Das erste Kreuzfahrtschiff fuhr 1966 in die Antarktis, heute kommen etwa 40.000 Touristen pro Jahr, an erster Stelle US-Amerikaner, an zweiter die Deutschen. Seit 1991 haben sich über hundert Veranstalter der „International Association of Antarctic Tour Operators“ (IAATO) angeschlossen, die sich für umweltverantwortlichen Tourismus einsetzt. Unter anderem dürfen nur hundert Menschen gleichzeitig an Land, die Schuhe werden desinfiziert und die Ausflüge von erfahrenen Lektoren begleitet.
Veranstalter
Hapag-Lloyd-Kreuzfahrten fährt mit der „MS Hanseatic“ (fünf Sterne) und der „MS Bremen“ (vier Sterne) in die Antarktis. Beide Schiffe haben eine biologische Kläranlage und fahren in Polargebieten mit Diesel. Hapag Lloyd bietet ab 2011 in Zusammenarbeit mit Atmosfair als erste Kreuzfahrtgesellschaft die Möglichkeit an, Emissionen zu kompensieren. Die „MS Hanseatic“ fährt vom 18. 12. 2011 bis 13. 01. 2012 von Kapstadt über Tristan da Cunha, Südgeorgien und die antarktische Halbinsel nach Ushuaia (26 Tage ab 13.585 Euro) und Anfang und Ende Januar über die Falkland-Inseln, Südgeorgien und die antarktische Halbinsel (22 Tage ab 12.035 Euro) zurück nach Ushuaia. Die „MS Bremen“ fährt vom 17. 12. 2011 bis 08. 01. 2012 ebenfalls von Ushuaia nach Ushuaia (ab 11.235 Euro). Mehr Informationen unter Tel. 01 80/3 41 21 41 oder www.hlkf.de.
Weitere Veranstalter sind zum Beispiel Hurtigruten, Hansa-Kreuzfahrten oder Hauser-Exkursionen.
Literatur
Ein kleiner Junge findet einen Pinguin und bricht mit ihm auf, um ihn zurück an den Südpol zu bringen. Das liebevolle Bilderbuch „Pinguin gefunden“ (Aufbau-Verlag 2010, 32 Seiten, 14,95 Euro) von Oliver Jeffers zeigt, wie weit man für eine Freundschaft gehen kann, und macht nicht nur Kindern ab drei Jahren Spaß.
Als Nachschlagewerk ist Christian Walthers „Antarktis. Ein Reise-, Lese- und Informationsbuch über den Kontinent am Südpol“ sehr zu empfehlen (Conrad-Stein-Verlag, 245 Seiten, 2010 aktualisiert, 28,90 Euro). akro
Danke
Marcus Häuser (Marcus_Franz)
- 28.12.2010, 13:11 Uhr