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Italien : Tausend Meilen rasende Nostalgie

  • -Aktualisiert am

Römische Begeisterung für die Oldtimer Bild: AP

Freie Fahrt für alte Kisten: Für die Teilnehmer der Mille Miglia sind auf den Straßen zwischen Brescia und Rom alle Verkehrsregeln außer Kraft gesetzt.

          Federico Caggiati poliert die verchromten Speichen seines Ferrari 500 Mondial und schnippt ein Stäubchen von der Motorhaube. Zwanzig der roten Flitzer aus Maranello nennt er sein eigen, seit acht Jahren gehört er zum exklusiven Club der Mille-Miglia-Teilnehmer. Und an diesem Morgen scheint endlich die Sonne. "In den vergangenen Jahren hat es während des Rennens immer geregnet. Knöcheltief stand das Wasser in meinem schönen Cabrio, die Kleider klebten mir am Körper." Ein begossener Signor Caggiati in triefenden Ledersitzen - was für ein Bild. Es will sich gar nicht ins Ambiente des traditionsreichen Autokorsos fügen, der tausend Meilen von Brescia nach Rom und zurück nach Brescia.

          Im Jahre 1927 erstmals veranstaltet, galt die "Mille", wie Insider lässig sagen, dreißig Jahre lang als härtestes Straßenrennen im Motorsport. Jugendliche Draufgänger rasten drei Tage lang auf holprigen Landstraßen durch Wind und Wetter, trotzten Schneefall und Gluthitze. Man erinnert sich an Männer wie Eugenio Castelotti, der die Formel-1-Titanen Stirling Moss und Juan Manuel Fangio bezwang und, schwarz vom aufspritzenden Matsch, den Abdruck der Rennbrille im Gesicht, bei seiner Ankunft in Brescia zum italienischen Nationalhelden aufstieg. Mercedes-Benz und Alfa Romeo lieferten sich legendäre Markenduelle. Nicht nur um die Ehre ging es, jedes Rennen wurde zum Kampf um Sein oder Nichtsein. Das ist wörtlich zu verstehen. Als sich das Vorderrad eines Ferrari beim Rennen des Jahres 1957 selbständig machte, riß das schleudernde Fahrzeug mehrere Zuschauer in den Tod. Danach wurden die Rennen für fünfundzwanzig Jahre ausgesetzt.

          Eine Bastion der Männer

          "Kopf und Kragen riskiert heute keiner mehr", sagt Jacky Ickx, selbst Formel-1-Veteran und seit vielen Jahren in Italien dabei. "Die Mille ist inzwischen eine Traditionsfahrt unter Freunden." Solchen aus der internationalen Weltgesellschaft und den oberen Etagen der Geschäftswelt. Ob Bayern-Poldi, Daimler-Schrempp oder Schnulzenkönig Lucio Dalla - sie und andere Menschen mit gut gefüllter Brieftasche geben sich bei der Mille als Liebhaber edlen Automobildesigns zu erkennen. Schon bei der Registrierung auf der Piazza Loggia in Brescia sind die antiken Karossen - nur Fahrzeuge der Baujahre 1927 bis 1957 dürfen seit dem Unfall teilnehmen - die Stars: Bugattis, Erminis, Lagondas und Cisitalias, Ikonen einer Zeit, als Cw noch eine sinnlose Buchstabenfolge war. 367 Blechschönheiten aus aller Welt unter lombardischer Sonne, liebevoll umgarnt von Herren, die matt glänzende Drosselklappen beäugen und mit Lupen den Lauf stählerner Bowdenzüge verfolgen. Die Mille ist eine nostalgische Männerbastion, es gibt nur wenige Frauen in den Teams aus 29 Ländern von allen Kontinenten, die für die Auflage des Jahres 2006 gemeldet sind.

          Ein Bugatti erreicht die Piazza Navona in Roma

          Am Starttag wird die Mille Miglia zum großen Volksfest, bei dem die Italiener fähnchenschwingend ihr großes Herz für schöne Autos zeigen. Zu Tausenden säumen sie den Stadtparcours, als die noblen Wagen im Fünfzehn-Sekunden-Takt von der Startrampe gewinkt werden. Nun zeigt sich, wer in den letzten Tagen gut geschraubt, Kompressordruck und Kupplungsspiel optimal eingestellt hat. Manch einer beginnt die erste Gerade gleich mit einem derart fulminanten Motorengeräusch, daß sich Kleinkinder erschrocken zwischen die Beine ihrer Eltern flüchten. Andere bevorzugen das elegante Defilee mit gezogenem Chapeau und flatterndem Seidenschal. Ob schepperndes Blech, detonierende Fehlzündungen oder galantes Winken - die Zuschauer quittieren alles begeistert mit Applaus. Noch in der Stadt liefern sich die ersten Teilnehmer die ersten Zweikämpfe. Dann geht es hinaus in den Sonnenuntergang, Richtung Ferrara, auf die Nachtetappe der Mille Miglia.

          Der Bentley will nicht mehr

          Herr Maser hat ein Problem. Sein Bentley ist havariert. Mitten auf dem Kreisverkehr steht der Wagen in dem gottverlassenen Nest und will nicht weiter. Das Werkzeug im feinen Lederfutteral liegt dekorativ auf dem Kofferraum. Kopilot Willer hat den Picknickkorb ausgepackt. Die Rotweinflasche ist schon entkorkt. Währenddessen röhren die Konkurrenten ungerührt durch das enge Rund auf und davon, heftig beklatscht von den Dorfbewohnern, die es sich auch gegen Mitternacht nicht nehmen lassen, die Mille-Renner zu begrüßen. Während Herr Maser noch kopfüber in der Elektrik hängt und sich über sein Mobiltelefon Instruktionen geben läßt, wie der Schaden zu beheben sei, verfehlen einige Übereifrige in der Dunkelheit die richtige Ausfahrt aus dem Kreisverkehr und müssen von wild gestikulierenden Zuschauern wieder auf den richtigen Kurs gebracht werden. Zwar ist die Mille-Miglia-Strecke mit roten Pfeilen deutlich ausgeschildert, doch bewegen sich die Teilnehmer im normalen Straßenverkehr, der sich um den Rennverlauf wenig schert.

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