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Freitag, 17. Februar 2012
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Italien Tausend Meilen rasende Nostalgie

11.05.2006 ·  Freie Fahrt für alte Kisten: Für die Teilnehmer der Mille Miglia sind auf den Straßen zwischen Brescia und Rom alle Verkehrsregeln außer Kraft gesetzt.

Von Sven Weniger
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Federico Caggiati poliert die verchromten Speichen seines Ferrari 500 Mondial und schnippt ein Stäubchen von der Motorhaube. Zwanzig der roten Flitzer aus Maranello nennt er sein eigen, seit acht Jahren gehört er zum exklusiven Club der Mille-Miglia-Teilnehmer. Und an diesem Morgen scheint endlich die Sonne. "In den vergangenen Jahren hat es während des Rennens immer geregnet. Knöcheltief stand das Wasser in meinem schönen Cabrio, die Kleider klebten mir am Körper." Ein begossener Signor Caggiati in triefenden Ledersitzen - was für ein Bild. Es will sich gar nicht ins Ambiente des traditionsreichen Autokorsos fügen, der tausend Meilen von Brescia nach Rom und zurück nach Brescia.

Im Jahre 1927 erstmals veranstaltet, galt die "Mille", wie Insider lässig sagen, dreißig Jahre lang als härtestes Straßenrennen im Motorsport. Jugendliche Draufgänger rasten drei Tage lang auf holprigen Landstraßen durch Wind und Wetter, trotzten Schneefall und Gluthitze. Man erinnert sich an Männer wie Eugenio Castelotti, der die Formel-1-Titanen Stirling Moss und Juan Manuel Fangio bezwang und, schwarz vom aufspritzenden Matsch, den Abdruck der Rennbrille im Gesicht, bei seiner Ankunft in Brescia zum italienischen Nationalhelden aufstieg. Mercedes-Benz und Alfa Romeo lieferten sich legendäre Markenduelle. Nicht nur um die Ehre ging es, jedes Rennen wurde zum Kampf um Sein oder Nichtsein. Das ist wörtlich zu verstehen. Als sich das Vorderrad eines Ferrari beim Rennen des Jahres 1957 selbständig machte, riß das schleudernde Fahrzeug mehrere Zuschauer in den Tod. Danach wurden die Rennen für fünfundzwanzig Jahre ausgesetzt.

Eine Bastion der Männer

"Kopf und Kragen riskiert heute keiner mehr", sagt Jacky Ickx, selbst Formel-1-Veteran und seit vielen Jahren in Italien dabei. "Die Mille ist inzwischen eine Traditionsfahrt unter Freunden." Solchen aus der internationalen Weltgesellschaft und den oberen Etagen der Geschäftswelt. Ob Bayern-Poldi, Daimler-Schrempp oder Schnulzenkönig Lucio Dalla - sie und andere Menschen mit gut gefüllter Brieftasche geben sich bei der Mille als Liebhaber edlen Automobildesigns zu erkennen. Schon bei der Registrierung auf der Piazza Loggia in Brescia sind die antiken Karossen - nur Fahrzeuge der Baujahre 1927 bis 1957 dürfen seit dem Unfall teilnehmen - die Stars: Bugattis, Erminis, Lagondas und Cisitalias, Ikonen einer Zeit, als Cw noch eine sinnlose Buchstabenfolge war. 367 Blechschönheiten aus aller Welt unter lombardischer Sonne, liebevoll umgarnt von Herren, die matt glänzende Drosselklappen beäugen und mit Lupen den Lauf stählerner Bowdenzüge verfolgen. Die Mille ist eine nostalgische Männerbastion, es gibt nur wenige Frauen in den Teams aus 29 Ländern von allen Kontinenten, die für die Auflage des Jahres 2006 gemeldet sind.

Am Starttag wird die Mille Miglia zum großen Volksfest, bei dem die Italiener fähnchenschwingend ihr großes Herz für schöne Autos zeigen. Zu Tausenden säumen sie den Stadtparcours, als die noblen Wagen im Fünfzehn-Sekunden-Takt von der Startrampe gewinkt werden. Nun zeigt sich, wer in den letzten Tagen gut geschraubt, Kompressordruck und Kupplungsspiel optimal eingestellt hat. Manch einer beginnt die erste Gerade gleich mit einem derart fulminanten Motorengeräusch, daß sich Kleinkinder erschrocken zwischen die Beine ihrer Eltern flüchten. Andere bevorzugen das elegante Defilee mit gezogenem Chapeau und flatterndem Seidenschal. Ob schepperndes Blech, detonierende Fehlzündungen oder galantes Winken - die Zuschauer quittieren alles begeistert mit Applaus. Noch in der Stadt liefern sich die ersten Teilnehmer die ersten Zweikämpfe. Dann geht es hinaus in den Sonnenuntergang, Richtung Ferrara, auf die Nachtetappe der Mille Miglia.

Der Bentley will nicht mehr

Herr Maser hat ein Problem. Sein Bentley ist havariert. Mitten auf dem Kreisverkehr steht der Wagen in dem gottverlassenen Nest und will nicht weiter. Das Werkzeug im feinen Lederfutteral liegt dekorativ auf dem Kofferraum. Kopilot Willer hat den Picknickkorb ausgepackt. Die Rotweinflasche ist schon entkorkt. Währenddessen röhren die Konkurrenten ungerührt durch das enge Rund auf und davon, heftig beklatscht von den Dorfbewohnern, die es sich auch gegen Mitternacht nicht nehmen lassen, die Mille-Renner zu begrüßen. Während Herr Maser noch kopfüber in der Elektrik hängt und sich über sein Mobiltelefon Instruktionen geben läßt, wie der Schaden zu beheben sei, verfehlen einige Übereifrige in der Dunkelheit die richtige Ausfahrt aus dem Kreisverkehr und müssen von wild gestikulierenden Zuschauern wieder auf den richtigen Kurs gebracht werden. Zwar ist die Mille-Miglia-Strecke mit roten Pfeilen deutlich ausgeschildert, doch bewegen sich die Teilnehmer im normalen Straßenverkehr, der sich um den Rennverlauf wenig schert.

Auch die Nummer 412 dreht eine Extrarunde und verschwindet dann mit dem Pulk. Die 412? "Ein Geisterfahrer", erklärt der Polizeibeamte der Einheit, die den Ablauf der Mille beobachtet. "Jedes Jahr bewerben sich dreimal so viele Kandidaten, wie es Startplätze gibt. Einige von denen, die nicht zum Zuge kommen, basteln sich dann eigene Startnummern und mischen sich unter die Rennteilnehmer. Nur vor den Checkpoints drehen sie ab. Solange sie das Rennen nicht stören, ist uns das egal. Das Ganze ist schließlich vor allem ein großer Spaß."

Raserei ist das Salz in der Suppe

Pablo Diaz hat ein Handicap. Die Straßen hinauf in den Apennin sind eng und kurvenreich. Leider ist sein pechschwarzer Cisitalia 202 ein Rechtslenker. Daher sieht er wenig. Sein Kopilot Lacabanne muß die Anweisungen geben. Die Argentinier kleben hinter einem Ferrari 250, schalten runter und schaffen es, mitten in einem Dorf den übermächtigen Gegner zu überholen. Heißer Ölgeruch wabert durch die enge Fahrgastzelle. Schon kommt die nächste Gruppe von Konkurrenten in Sicht. Alle schneiden die Kurven, die engen Kreisstraßen sind schlecht einzusehen, denn das Korn steht schon hoch, der Mohn blüht. Staub wirbelt auf. Jedesmal, wenn Diaz beschleunigt, schießt eine Stichflamme aus dem Auspuff. Doch bleibt auch immer wieder Zeit, den Zuschauern zuzuwinken, die am Straßenrand auf Klappstühlen sitzen und Fähnchen schwenken.

"Tatsächlich ist die Mille Miglia ja ein Gleichmäßigkeitsrennen", stellt Karl Friedrich Scheufele klar. Der Uhrenfabrikant ist jedes Jahr mit einem anderen Oldtimer dabei. "Es kommt darauf an, eine bestimmte Teilstrecke in einer genau festgelegten Zeit zu durchfahren. Die ist so großzügig bemessen, daß jeder Teilnehmer zwischendurch auch noch in Ruhe zu Mittag essen kann." Warum dann die Raserei? "Das ist das Salz in der Suppe. Während der Mille sind für die Teilnehmer alle Verkehrsregeln außer Kraft gesetzt." Ampeln, Überholverbote, Geschwindigkeitsbegrenzungen gelten nicht. Freie Fahrt für PS-Hedonisten. Wo, wenn nicht in Italien wäre es wohl möglich, daß man sich einem Spektakel hingibt, das offen der Lust an Schönheit, Geschwindigkeit und Verschwendung frönt?

Klösterliche Stille in der Toskana

So strahlt denn auch die Sonne, als im mittelalterlichen Städtchen Gubbio, hoch oben in den Bergen, im Gourmetzelt bei Häppchen und Mineralwasser die Halbzeit der Mille gefeiert wird. Auf der weiten Piazza della Signoria sind noch die meisten Kaleschen, die in Brescia an den Start gingen, dabei. Mehrere Mercedes-Benz 300 SL hecheln mit aufgeklappten Flügeltüren nach Luft. Nur Phil Read aus Oregon ist empört. Ein Bauer mit Trecker hat ihm die Vorfahrt genommen. Nun weist das blutrote Chassis seines Maserati eine unschöne Delle auf. "Fünfundzwanzigtausend Dollar kostet mich das mindestens", meint der dürre Amerikaner mit der Hippiefrisur und wendet sich zum Buffet.

Rom liegt hinter den Fahrern, auch Siena haben sie Reverenz erwiesen. Die Mille Miglia braust durch die klösterliche Stille der Toskana. In den Chianti-Bergen trennt sich die Spreu vom Weizen, werden letzte Positionskämpfe ausgetragen. Doch bald werden alle aufgesogen von der Volksfeststimmung am Passo della Futa. Die Menge aus Hunderten jubelnder Fans erhebt jeden, der den neunhundert Meter hohen Paß erklimmt, zum Volkshelden. Von nun an geht's bergab, vorerst nur topographisch. Die Po-Ebene kommt wieder in Sicht, Brescia ist nicht mehr weit.

Pech für die Eidechse

Die Sieger der dreiundzwanzigsten Auflage der Mille Miglia waren Luciano Viaro und Maurizio DeMarco. Zu den Verlierern zählten Dutzende Oldtimer, die auf der Strecke blieben, eine überfahrene Eidechse bei Kilometer 1306 sowie die Fahrer mit Brandblasen, die beim Winken den offen liegenden Auspuffrohren ihrer Renner zu nahe kamen. Und Signor Caggiati, den vor Rom dann doch wieder ein Gewitter in seinem Ferrari-Cabrio erwischte.

Die Mille Miglia 2006 findet in ihrer vierundzwanzigstens Auflage vom 11. bis zum 14. Mai statt. Informationen im Internet: www.millemiglia.it

Quelle: F.A.Z., 11.05.2006, Nr. 109 / Seite R12
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