23.03.2007 · Im Mittelalter galt Monte Sant'Angelo als eines der größten Heiligtümer der Christenheit. Auch heute noch weiß jedes Kind, dass der Erzengel Michael, der dem Ort den Namen gab, hier wohnt und für die Menschen sorgt. Ein Rundgang.
Von Philipp W. FabryGotthold Ephraim Lessing hielt nicht viel von Engeln. So fest er auch davon überzeugt war, dass ein Gott existiere, so felsenfest war sein Credo: Wunder haben sich gefälligst innerhalb der von den Naturgesetzen gegebenen Grenzen zu ereignen. Und das schloss für den Philosophen das Einwirken personifizierter Glücksbringer aus himmlischen Sphären - inklusive gefiederter - auf das irdische Geschehen grundsätzlich aus.
Über so viel Anmaßung und Ignoranz können die Bewohner von Monte Sant'Angelo am Südhang des Bergmassivs Gargano nur den Kopf schütteln. Denn in dem achthundert Meter hoch gelegenen Städtchen weiß doch jedes Kind, dass der Erzengel Michael, der dem Ort den Namen gab, hier wohnt und für die Menschen sorgt. Anscheinend macht er seine Sache gut. Jedenfalls ziehen sich in dem Städtchen, das nicht weit von der Stelle entfernt liegt, an der sich der Sporn wieder mit dem Stiefel vereinigt, schneeweiße, blitzsaubere Häuschen in langen Ketten an den Hängen entlang. Und selbst die Ferienhäuser, inzwischen zahlreicher als die der Einheimischen, halten sich an die historischen Vorgaben.
Ein besonderes Verhältnis zum Übernatürlichen
Es ist neun Uhr vormittags. Wir sitzen auf der Terrasse des eleganten Palace Hotels St. Michele und freuen uns am Blick auf den Monte Sant'Angelo und den tiefblauen Golf von Manfredonia. Unglücklicherweise stören die verrosteten Industrieanlagen der gleichnamigen Hafenstadt, die nach dem Sohn Kaiser Friedrichs II. benannt ist, den Gesamteindruck erheblich. Und wir wundern uns darüber, dass sich jetzt im Frühjahr, da die Hauptsaison noch gar nicht begonnen hat, trotzdem schon so viele Pilgerbusse die Serpentinen hinaufquälen.
Aber auch wir sind Wallfahrer. Wir wollen Stätten im Gargano besuchen, die durch ihr besonderes Verhältnis zum Übernatürlichen bekanntgeworden sind. Natürlich genießt dabei die Grotte in Monte Sant'Angelo Priorität. Gestern sind wir auf der durch uralte Olivenhaine führenden Straße nach San Marco in Lamis gekommen, auf der jahrhundertelang die deutschen Pilger gezogen waren. In San Giovanni Rotondo wollten wir Padre Pio, dem ersten Heiligen des Gargano, unsere Reverenz erweisen. Aber nach kurzem Aufenthalt ergriffen wir die Flucht. An dem bescheidenen Pater, dessen Grab in der Krypta der Kirche Santa Maria delle Grazie Jahr für Jahr von sechs Millionen Menschen besucht wird, lag das nicht. Er konnte ja nicht ahnen, dass sich der Ort in einen riesigen Rummelplatz verwandeln würde.
Der Erzengel aus Vorderasien in der Grotte
Uns treibt anderes an als die Pilger, die seit mindestens zweitausendfünfhundert Jahren zur Grotte ziehen. Nicht Hoffnung auf Heilung wie die Wallfahrer in der Antike suchen wir, und auch nicht - wie später unter dem Kreuz - die Sorge um das Seelenheil ist unser Motiv. Wir wollen vielmehr den Ort erleben, an dem sichtbar wird, wie antike Mythen mit christlichen Legenden verschmolzen, wie sich das Mystische, das sich aus dieser Symbiose herauskristallisierte, in einem Kult verdichtete, der zuerst der von Barbaren drangsalierten illyrisch-römischen Bevölkerung des Gargano Trost spendete und dann, wenige Jahrhunderte später, die ganze Christenheit verzückte. Und seine Anziehungskraft dauert bis heute an.
Für die Kirche und die Menschen in Sant'Angelo steht fest, dass der heilige Michael im Jahre 493 nach Christus hier seine Flügel zusammenfaltete und in der Grotte verschwand. Ob er deren ursprünglichen Bewohner - nach Strabo hauste hier ein Sohn des Äskulap - verjagen musste? Wahrscheinlich nicht. Denn der Siegeszug des Christentums unter Kaiser Konstantin hatte den Gargano nicht ausgespart, und so dürfte dieser Genius schon grollend das Weite gesucht haben. Der Erzengel kam, so die Legende, aus Vorderasien. Weshalb er dieser Region den Rücken kehrte, wissen wir nicht.
Wenn der Priester am lautesten über sich lacht
Ein Geistlicher erwartet uns im Foyer des Hotels: Don Pietro. Er soll uns heute Vormittag durch das Heiligtum führen. Dafür, dass er zu dessen Priesterkollegium gehört, ist der hochgewachsene Mann erstaunlich jung. Aber wir wissen, dass er sich bereits mit wissenschaftlichen Arbeiten über Sant'Angelo einen Namen gemacht hat. Er besitzt das fröhliche Naturell, das man bei romanischen Geistlichen häufig beobachten kann, und über seine Anekdoten lacht er selbst am lautesten.
Der Weg zur Grotte führt am Kastell vorbei. Die guterhaltenen Wehranlagen, vor allem die gewaltige Bastion, die typisch ist für die Stauferburgen in Unteritalien und hier eine langgestreckte Mauer flankiert, vermittelt zusammen mit dem Bergfried den Eindruck einer unbezwingbaren Stärke. Die Festung hütete einst den wertvollsten Schatz von Friedrich II., seine schöne Geliebte, die Gräfin von Turin, des unglücklichen Manfreds Mutter. Vom Portal aus biegen wir in die leicht abschüssige Straße ein, die zum Sanktuarium führt. Sie liegt noch im Schatten, doch dort, wo sie endet, strahlt ein hoher, achteckiger, ockerfarbener Glockenturm in der Morgensonne. Karl von Anjou, der den Staufern mit päpstlichem Segen in Unteritalien ein blutiges Ende bereitete und ihr Erbe antrat, ließ ihn nach dem Vorbild der Türme des Castel del Monte 1272 erbauen.
Blößen der Pilger mit knallgelben Umhängen verhüllt
Don Pietro geht plötzlich schneller. Er schämt sich wohl des Spektakels, das sich vor unseren Augen entwickelt: Die vielen Devotionalienläden, die den Weg auf beiden Seiten säumen, werden von Scharen von Touristen förmlich umlagert. Ein Gutes hat dieses Gedränge allerdings: Das meiste, was da angeboten wird, bleibt uns verborgen. Aber auch das wenige, das wir sehen, ist scheußlich genug - und wird wie wild gekauft. Der Renner scheint ein Motorrad fahrender Plastikerzengel zu sein. Der Strom verebbt erst, als wir das schmiedeeiserne Tor erreichen, das den rechteckigen Platz vor dem Portalbau zur Straße hin begrenzt.
Wir bestaunen die zweiflügeligen byzantinischen Türen aus dem elften Jahrhundert, die unter dem Schutz der durch einen Pfeiler gestützten Vorhalle die Jahrhunderte überdauert haben. Die Bronzereliefs allein sind die lange Reise hierher wert. Dann öffnet sich ein düsterer, gewölbter Vorraum. Hier rächt sich eine ältliche Aufseherin an Besucherinnen, deren Kleidung den hohen Ansprüchen des Erzengels an Zucht und Sitte nicht genügt, indem sie die Blößen der Pilger mit knallgelben Umhängen verhüllt.
Eines der größten Heiligtümer der Christenheit
Über breite, tief ausgetretene Stufen - sechsundachtzig sollen es sein - steigen wir zur Grotte hinab. Sie verbinden mehrere Stockwerke unterschiedlicher Höhe miteinander, das Wasser hat sie aus dem Kalk gewaschen. Schon kurz nach dem Erscheinen des Erzengels, erzählt Don Pietro, begann man damit, den porösen Stein durch Mauerwerk zu befestigen und Galerien einzuziehen, und das hat sich bis in die jüngste Zeit fortgesetzt. Wie viele Heiden und wie viele Christenmenschen mögen hier, Gebete murmelnd, seit grauer Vorzeit in die Unterwelt eingetaucht sein. Ihre Zahl muss in die Hunderttausende gehen. Wäre an den feuchten Wänden nicht überall das tröstliche Kreuzeszeichen angebracht, dann könnte dieser Schlund mit dem Eingang zum Inferno, wie Dante ihn beschrieben hat, konkurrieren - zumal die berühmte Inschrift an der Eingangshalle warnend davon spricht, dass dieser Ort „schrecklich“ sei.
Gregorianischer Gesang tönt dumpf aus der Tiefe. Im Mittelalter, so unser Führer, zählte Monte Sant'Angelo zusammen mit der Grabeskirche in Jerusalem, den Apostelgräbern in Rom und Santiago de Compostela zu den vier größten Heiligtümern der Christenheit. Die Pilger befestigten wie diejenigen, die den beschwerlichen Weg nach Santiago auf sich nahmen, eine Muschel am Gewand. Zusätzlich trugen sie den garganischen Pilgerzweig. Schon um 500 nach Christus sah man Fürsten unter den Pilgermassen, und danach riss der Strom der Päpste, der Kaiser, der Könige, der Kirchenväter und Ordensgründer bis in die jüngste Zeit nicht mehr ab.
Sarazenische Seeräuber plünderten die Grotte zuerst
Die Liste der Päpste reicht von Gregor II., der im frühen achten Jahrhundert hierher kam, bis zu Johannes Paul II., der 1987 in der Grotte betete. Im Jahre 998 hat laut Don Pietro „der deutsche Jüngling“ Otto III. mehrere Tage hier mit dem Engel gerungen, damit dieser ihn von der Blutschuld losspreche, die er in Rom auf sich geladen hatte. Auf ihn folgten fast alle deutschen Kaiser bis in das Spätmittelalter, die meisten Bourbonenkönige und die Souveräne des Hauses Savoyen. Und dann die Heiligen wie Franz von Assisi, die großen Theologen wie Thomas von Aquin und so viele andere.
Die Grotte, so Don Pietro, ist außerdem ein steinernes Dokument, das im Abendland seinesgleichen sucht. Er zeigt uns Graffiti, die vom siebten bis zum zwölften Jahrhundert in den Fels geritzt wurden, und berichtet begeistert von einem Projekt der Universität Bari, das dieses mehr als fünfzehnhundert Jahre alte Gästebuch aus Stein erschließen will. Und kein Fürst sei mit leeren Händen gekommen. Innerhalb von wenigen Jahrhunderten sei der Wohnsitz des Erzengels auf dem Monte so reich an Gütern gewesen, dass er mit der Peterskirche in Rom konkurrieren konnte. Das aber hatte fatale Folgen. Sarazenische Seeräuber waren die Ersten, die die Grotte plünderten.
„Das Ackern im Weinberg falsch verstanden“
Auch christliche Herrscher bedienten sich. 1442 ließ Alfons I. von Aragonien die Statue des Engels einschmelzen und prägte daraus so viele Goldstücke, dass er dem Staatsbankrott entging. Sein Nachfolger Ferdinand I. bereitete einer silbernen Figur das gleiche Schicksal. Alle Münzen trugen das Portrait des heiligen Michael. Don Pietro schüttelt den Kopf über soviel Unverfrorenheit und kommentiert bitter: „Sie haben das Ackern im Weinberg des Herrn, von dem Jesus spricht, wohl falsch verstanden.“ Mit der Rolle des Sanktuariums als eine der großen Schatzkammern der Christenheit war es endgültig vorbei, als die Soldateska des französischen Revolutionsgenerals Duhesme im Jahre 1799 das, was noch übrig war, davonschleppte
Wir nähern uns dem Zentrum der Kultstätte, der Grottenkirche. Kerzenlicht fällt aus dem zerklüfteten Eingang und flackert auf den rauen Felswänden. Ein Pontifikalamt hat zahlreiche Menschen angelockt. Viele, die in der Kapelle keinen Platz mehr gefunden haben, stauen sich vor dem Eingang. Der schmale Raum zwischen den wenigen Bänken muss ohnehin frei bleiben, denn dort ziehen - wir können es an den hohen Mitren erkennen, die über die Gläubigen hinausragen - mehrere Bischöfe psalmodierend an der Spitze einer kleinen Prozession hin und her.
„Der heilige Michael wird ewig bei uns bleiben!“
Die Wandlung ist vorbei, die ersten Pilger treten den Rückweg an. Don Pietro kann uns nun an einen Platz führen, der uns einen Überblick verschafft. Bei dem zentralen Raum handelt es sich wirklich um eine natürliche Höhle. Selbst das zerklüftete Gestein der niedrigen Decke blieb unbearbeitet. Die Altäre und das von kleinen Säulen eingefasste Marmorstandbild des heiligen Michael an der Stirnseite wurden in vorgegebenen Nischen untergebracht. Der Korpus schimmert weißlich, Einzelheiten wie die prunkvolle Krone oder das Schwert kann man im Halbdunkel nicht erkennen. Von der Quelle, aus der wundertätiges Wasser rieseln soll, sehen wir erst recht nichts. Die Frage, wo sich denn der berühmte Fußabdruck des Erzengels befinde, überhört Don Pietro. Für Aberglauben hat er nichts übrig.
Als wir das Heiligtum verlassen, ist es Mittag. Ehe wir zum Hotel zurückkehren, besuchen wir noch romanische Sakralbauten in unmittelbarer Nähe des Heiligtums. Ob die Tomba di Rotari wirklich die irdischen Reste des Langobardenkönigs birgt, ist umstritten. Aber allein schon die in Stein gehauenen, expressionistisch anmutenden Szenen über der schmalen Eingangstür lohnen den Besuch. Die angrenzende Kirche Santa Maria Maggiore ist stark von byzantinischen Stilelementen geprägt. Don Pietro verabschiedet sich von uns und zeigt auf das Giebelkreuz über der Vorhalle, an dem sich ein heranschwebender kupferner Erzengel mit beiden Händen festhält. Er sagt lächelnd: „Sehen Sie, Signori, wie er sich anklammert! Der heilige Michael wird ewig bei uns bleiben!“