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Italien : Am Tiber gehört Rom den Radlern

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Ein seltenes Gefühl in Rom: Am Ufer des Tiber fühlt man sich einsam. Bild:

Angeblich wurde Rom auf sieben Hügeln erbaut. Auf wie vielen sich die Stadt heute erstreckt, ist nicht so genau zu erkennen. Bei dem schweißtreibenden Auf und Ab, für das wir uns entschieden haben, sind es gefühlt auf jeden Fall mehr. Denn wir fahren Fahrrad.

          Angeblich wurde Rom auf sieben Hügeln erbaut. Auf wie vielen sich die Stadt heute erstreckt, ist nicht so genau zu erkennen. Bei dem schweißtreibenden Auf und Ab, für das wir uns entschieden haben, sind es gefühlt auf jeden Fall mehr. In Rom stellt sich jeder Radtourist irgendwann mindestens einmal die Frage, ob sein sportliches Unternehmen vielleicht eine Schnapsidee war.

          Die modernen Römer lieben motorisierte Fahrzeuge jeder Art. Ob sie nun mit dem Auto unterwegs sind, auf einem frisierten Motorrad oder einer Vespa durch die Altstadt brettern: Am besten gefällt es ihnen, wenn es möglichst laut zugeht, schnell und chaotisch. Das Gehupe, wenn zum Beispiel an der Piazza Repubblica die Autos Stoßstange an Stoßstange stehen und kein Drängeln weiterhilft, scheint den Hauptstädtern Spaß zu machen. Plötzlich beginnt einer damit, in kurzen Intervallen auf die Hupe zu drücken. Das hört sich wegen des Motorengedröhns ringsum zunächst wie ein heiseres Krächzen an. Die anderen Autofahrer sind von der Vorgabe offensichtlich begeistert, und bald erklingt ein ohrenbetäubendes Hupkonzert - ein simpler, aber doch origineller Spaß, wenn man bedenkt, dass er von den Bewohnern der Urbs aeterna aus purer Lebensfreunde improvisiert wird.

          Slalom mit der Vespa

          Auch das Treiben vor dem Colosseum und dem Forum Romanum hat etwas Spielerisches. Dort versuchen als Gladiatoren verkleidete Italiener, die Urlauber zu einem Erinnerungsfoto im Heldenkostüm zu überreden, um gleich darauf ein saftiges Trinkgeld einzufordern. Tatsächlich gefährlich leben im Hauptstadtgetümmel aber nur die Radtouristen. In Entenmanier pedalieren sie brav hinter ihrem Stadtführer an all den historischen Sehenswürdigkeiten vorbei - während die Motorradfahrer, kaum haben sie eine Lücke erspäht, wie Slalomrennläufer zwischen ihnen hindurchflitzen.

          So stellen sich die Römer eher Urlaub in ihrer Stadt vor: träges Strandleben in Ostia statt Kraftanstrengung auf dem Fahrrad.
          So stellen sich die Römer eher Urlaub in ihrer Stadt vor: träges Strandleben in Ostia statt Kraftanstrengung auf dem Fahrrad. : Bild: dpa

          Aber Rettung ist in der Ewigen Stadt zum Glück immer nahe. Valerio Caffio kennt einen Fluchtweg. Über eine breite Rampe am Ponte Sublicio lotst er uns zum Tiber hinunter. Es sind gerade mal zwölf Meter Höhenunterschied, doch am Fluss erwartet uns eine andere Welt. Die vielen Palazzi, weißen Marmorbrücken und Kirchenkuppeln erheben sich über unseren Köpfen wie filigran gezackte Dolomitengipfel. Oben tobt die Millionenstadt, unten am Tevere ist die Stille hörbar. Wuchtige Mauern aus grauschwarzem Travertin säumen das Flussufer. König Vittorio Emanuele hat sie im neunzehnten Jahrhundert errichten lassen, nachdem ein fürchterliches Hochwasser Rom im Jahr 1870 - die Stadt war gerade Hauptstadt des vereinigten Königreichs Italien geworden - heimgesucht hatte. Heute wirken die Wälle wie gigantische Schallisolierungen, die den Tiber zu einer Ruheoase inmitten der brodelnden Metropole machen.

          Stadtbesichtigung aus Froschperspektive

          Es ist ein herrlicher Frühlingsmorgen. Der Wind trägt den süßlichen Duft von blühenden Akazien heran. Die Luft ist mild, der Himmel strahlt in einem wolkenlosen Blau. Libellen schwirren über dem lehmfarbenen, träge dahinglucksenden Fluss. Schwalben jagen Mückenschwärmen im Zickzackflug hinterher. Wir radeln stromaufwärts an den Trümmern des antiken Ripa-Hafens vorbei. Wie ein überdimensionaler Schiffsrumpf zeichnen sich nach einer Flussbiegung die Umrisse der Tiberinsel ab. Leise surren die Trekkingräder über die abgewetzten Sanpietrini. Wegen der kinderkopfgroßen Pflastersteine, die den Tiber-Radweg auf weiten Strecken bedecken, erweisen sich die gefederten Leihräder als ideale Vehikel für unsere Stadtbesichtigung aus Froschperspektive.

          Lange hatten die Römer ihren Fluss schlicht vergessen. Sie missbrauchten ihn als Kloake und Mülldeponie. Dort, wo früher Schiffe anlegten und die Stadtbewohner ihre Badestrände hatten, herrschte jahrzehntelang Wildwuchs. Dabei ist der Tiber für die Italiener ein mythischer Fluss. Der Sage nach wurde an seinen Ufern das römische Weltreich gegründet. Viele Jahrhunderte hindurch erreichten Pilger, Kaufleute und Bildungsreisende die heilige Stadt, indem sie dem Lauf des Tibers folgten. Als einen "im Himmel vorherbestimmten Fluss" besingt ihn Vergil in seiner Aeneis. Und noch Giuseppe Ungaretti, der große Lyriker der italienischen Moderne, nennt den Tiber zwei Jahrtausende später einen "schicksalhaften Fluss" - einen strengen Vater, der die Römer ernährt, aber von Zeit zu Zeit auch mit schwerem Unheil bestraft.

          Leiden mit dem Strom

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