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Veröffentlicht: 10.10.2012, 16:00 Uhr

Irland Tiger, Kater und ein Leopard

An kaum einem anderen Land kleben so viele Klischees wie an Irland, der grünen Insel voller gutgelaunter, randvoll mit Guinness abgefüllter Melancholiker. Das kann ja nur ein Trugschluss sein.

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© Andrea Diener Relikte der Tigerjahre: Die Straßen sind frisch geteert, aber das Land drumherum ist noch immer dasselbe.

Am dritten Tag gegen halb zehn Uhr abends ergab ich mich. Sandra, eine Blondine in Leopardentop und Lackpumps, griff einfach meine Hand, ich folgte ihr, was sollte ich tun, und dann reelten wir quer durch den Pub, sehr zur Belustigung der Umstehenden. Wer Spaß haben will, muss peinlich sein können. Und wir hatten Spaß, aber wie! Und gerieten schnell außer Atem, aber wie, denn wenn der Ire tanzt, dann ist das eine Angelegenheit vieler Hüpfer und hochgezogener Knie, nicht so ein Geschlurfe und Getrampel wie in Resteuropa. Und schnell geht das alles vonstatten und mit vielen Drehungen, dass einem bald schwindelig ist und die Knie sich anfühlen wie Pudding, da braucht man eigentlich gar nichts mehr zu trinken.

Andrea Diener Folgen:

Der Reel verklang, wir lachten und keuchten und bekundeten, sehr außer Übung zu sein, aber was macht das schon, wenn einen der Moment mal mitreißt. Denn das tut er dann doch irgendwann, dieser verdammte Moment, in dem man mal nicht aufpasst, auch wenn ich drei Tage lang festen Willens war, diese Klischees endlich abzuschütteln. Es muss sich doch, sagte ich mir, in diesen fünfzehn Jahren, in denen ich nicht auf der Insel war, etwas verändert haben. Also nahm ich mir vor, hinter die Postkartenbilder zu schauen: keine Pubs, kein Gefiedel, keine Reels und um Himmels willen nichts über die Farbe Grün auf Bäumen, Gräsern, Socken. Keine Steinkreise, keine Druiden, nicht mal Literaturnobelpreisträger oder sonstige Ausformungen der ach so skurrilen irischen Seele und allerhöchstens ein ganz kleines Schaf auf einen ganz kleinen Hügel hingetupft, als Andeutung von Lokalkolorit. Ja, ich hatte hehre Ziele.

Autobahnen, Häuser und Besucherzentren

Es ist ja nicht alles Spaß und Guinness in Irland. Es hat sich wirklich viel verändert in den vergangenen Jahren. Dieses kleine, kleinteilige, sich immer so putzig und harmlos gebende Inselchen mit seinen Hügelchen und Mäuerchen und schiefgewehten Bäumen hat sich zwischenzeitlich zu einem keltischen Tiger entwickelt, so zumindest sah man sich selbst gern. Man leistete sich, wozu man jahrzehntelang, jahrhundertelang zu arm war, man baute Autobahnen, man errichtete Besucherzentren neben so ziemlich allen der dicht an dicht stehenden Sehenswürdigkeiten. Die Menschen kauften Autos, um auf den Autobahnen herumzufahren, und Pferde und Häuser. Die Immobilienpreise explodierten, und jeder zweite Schafstall hatte Internetanschluss. Die Moderne wurde umarmt, Europa wurde umarmt. Man ließ polnische Bauarbeiter kommen, um noch mehr Häuser und Besucherzentren zu bauen. Man fuhr auch ganz gern mal in Urlaub und schaute sich diesen Kontinent an, der das Land freundlicherweise bei seiner Entwicklung bezuschusste.

Und dann, ganz unvermittelt, kam die Krise. Die polnischen Bauarbeiter gingen nach Hause, die irischen Bauarbeiter folgten ihnen nach Polen und bauten dort weiter, dann stand erst einmal alles still, und die Häuser standen leer. Die Pferde wurden ausgesetzt. Die Tigerjahre waren vorbei, so schnell, wie sie gekommen waren.

21719920 © Andrea Diener Vergrößern Das gute Essen entdeckt: Fangfrischen Lobster und Fisch gibt es überall in kleinen Hafenrestaurants.

Grün und Steinkreise und bunte Städtchen

Nach dem Tiger kam der Kater. Die Iren erduldeten ihre Krise mit sämtlichen einhergehenden Sparmaßnahmen ziemlich widerspruchslos, als hätten sie ohnehin nie wirklich daran geglaubt, dass auch sie einmal Glück haben könnten. Die Iren als Gewinnernation, das gab es noch nie in der Geschichte, das ist vielleicht nur ein schöner Traum. Aber was soll’s, ist ja noch keiner verhungert, ist ja kein Krieg, die Briten bleiben ordnungsgemäß in dem ihnen zustehenden Territorium, die Kartoffeln wachsen gesund vor sich hin, und das Meer ist voller Fische. Also! Alles keine Katastrophe. Nur die Touristen sollten möglichst nicht ausbleiben, sondern zahlreich die Besucherzentren besuchen. So wie es aussieht, tun sie das nach einem krisenbedingten Knick auch wieder in verstärktem Maße. Sie suchen Grün und Steinkreise und kleine bunte Städtchen und abends ein Guinness in einem Pub, in dem alte Männer auf Fiedeln Reels und Jigs und Hornpipes spielen und die irische Seele halb aufgekratzt, halb melancholisch im Glas versinkt. Manchmal, wenn man Glück hat, tanzt jemand. Wenn man noch mehr Glück hat, kann er es sogar. Denn es war ja nie ein reiches Land, das die Sehnsucht der Touristen angestachelt hat, es war ein ärmliches, ländliches Irland, in dem vieles noch so aussah wie vor vierzig Jahren, einfach aus Geldmangel, weil sich niemand eine Renovierung hatte leisten können. Ein Land, in dem in dunklen Pubhöhlen bucklige Gestalten sitzen mit Zahnlücken und ausgebeulten Tweedjacketts.

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