10.05.2006 · Der Berg bewegt sich: Zu Gast am Fuße des Merapi - in Borobudur und dem „Amanjiwo Resort“ auf Java in Indonesien.
Von Tobias RütherDie Muezzins riefen in der Ebene, als der Bus die menschenleeren Straßen hinabfuhr zum Tempel von Borobudur. Sie sangen ihr „Allah Akbar“ in den stockfinsteren Morgen, aus schnarrenden Lautsprechern und irgendwie melodiöser, irgendwie milder als am hellichten Tag. Aber vielleicht lag das nur an der Herrgottsfrühe, die einem in den Knochen steckte, die Sinne wattierte, sie in Milch tauchte; es gab nur Zwischentöne, Schattierungen, Halbwissen.
Java schlief noch, als der Bus abfuhr, es ging vorbei an den flachen Hütten und ihren Veranden, auf denen, trotz der Regenfälle vom Vorabend, trotz dem tropischen Tau und vor allem trotz dieser Herrgottsfrühe kleine Fernseher liefen, Blaupunkte in der Finsternis.
Als der Bus endlich hielt, lag Borobudur, eine der größten buddhistischen Tempelanlagen der Welt, noch immer im Dunkeln. Die Parkwächter verteilten am Eingang Taschenlampen an die Besucher. Aber dann ging es so schnell mit dem Morgengrauen, daß niemand sie brauchte, um die Stufen hinauf bis zur obersten der drei Terrassen des Tempels zu steigen.
Der Tempel ist der Fixpunkt
Halb sechs an einem indonesischen Morgen am Ende der Regenzeit: In der Kedu-Ebene, wo eben noch die Muezzins sangen, brummten jetzt die ersten Roller. Dort unten wachten die Zeitungsverkäufer und Garköche und Teetrinker auf, um sich an die Straßen zu stellen und auf Arbeit zu warten. Dort unten löste sich der Nebel von den Reisterrassen und den Fußballplätzen, den Palmen und Zypressen. Schulterten die Backpacker ihre Rucksäcke, blätterten ein letztes Mal im „Lonely Planet“, bevor sie nach Jogjakarta aufbrachen, in die schöne, überfüllte, ehemalige Hauptstadt des Landes, in überfüllten Überlandbussen.
Hier oben aber, auf den Terrassen des Tempels von Borobudur, in Gesellschaft unzähliger versteinerter Buddhas, war es still bis auf das leise Schnalzen der Kameras beim Auslösen, das digitale Surren des Autofokus. Nach und nach leuchteten die vielen Stupas ringsum auf, Buddha-Schreine, die an Saugnäpfe erinnern: Beim enormen Tempel von Borobudur umgeben 72 dieser Denkmäler die eine, elf Meter hohe Hauptstupa in der Mitte. Diese Spitze ist weithin sichtbar. Auch wenn die Sendemasten in der Ebene höher sind - der Tempel ist der Fixpunkt dieses Landstrichs auf Java, und das seit mehr als tausend Jahren schon, errichtet im 8. Jahrhundert nach Christus und damit 300 Jahre jünger als die berühmte Tempelanlage von Angkor Wat in Kambodscha.
Kleinere Beben, Ascheregen am Morgen
Auch das nahe „Amanjiwo Resort“ hat sich ganz auf Borobudur ausgerichtet: Seine zentrale Treppe, seine Sichtachse führen geradewegs auf den Tempel zu. Allerdings wandert der Blick von der Stupa momentan unruhig immer weiter, und zwar zum Vulkan Merapi. Der raucht schon seit einiger Zeit vor sich hin. Stinkende Schwefelwolken, kleinere Beben, Ascheregen am Morgen: Ein Ausbruch, so schrieb die „Jakarta Post“ Anfang dieser Woche, stehe unmittelbar bevor. In den vergangenen Tagen sind deshalb über 20.000 Menschen aus den Dörfern rings um den Vulkan evakuiert worden, nicht immer freiwillig, die Bauer wollen ihr Vieh nicht im Stich lassen. Vulkanausbrüche sind nichts Ungewöhnliches auf Java, doch die Behörden nehmen die Lage sehr ernst: Denn als der Vulkan 1994 das letzte Mal so richtig ausbrach, war auch Borobudur, das viele, viele Kilometer entfernt liegt, dick mit Asche bedeckt.
Der Anblick ist jedenfalls gewaltig. Ein Drama, die Sonne hinter Merapi aufgehen zu sehen: wie sie sich im Rücken des Vulkans langsam und dann schnell und schneller hochtastet, bis sie endlich über seine Spitze schießt und plötzlich dort oben alles Gold und Rauch ist. Die Kameras schnalzen leise, der Fokus surrt, eine Gruppe junger Japaner macht Morgengymnastik. Einer von ihnen trägt eine Baseball-Kappe mit der Aufschrift „Beautiful Days“ und ascht seine Zigarette in ein mitgebrachtes, silbernes Behältnis. Überhaupt wird viel geraucht unter den tausend Augen der Buddhas, auch ein übernächtigtes französisches Pärchen qualmt in der Herrgottsfrühe. Wie es den beiden wohl gefiele, wenn sich ein paar müde Buddhisten in Notre-Dame Zigaretten anstecken würden?
Geckos flitzen an der gewölbten Decke
Solch billigen Revanchismus relativiert der rauchende, rumorende Merapi sofort. Überhaupt relativiert sich hier alles sofort - unter dem Vulkan, angesichts der stillen Majestät des Tempels und auch am Pool, auf dem Diwan, im nicht weniger majestätischen „Amanjiwo Resort“ nahebei. Die Tage hier zu vertun, auf die Reisfelder zu schauen, in den höchstpersönlichen Pool zu hüpfen, der zu jeder Suite gehört, dort einfach im Wasser zu treiben und die Wolken zu beobachten, wie sie sich am frühen Abend ballen, bis der Regen fällt - das besänftigt. Es rückt die Dinge gerade.
Manchmal stehen sie aber auch auf dem Kopf. Beim Dinner in der offenen Säulenhalle der enormen, diskreten Dalem-Jiwo-Suite, wo sich sonst die Großen und Mächtigen verstecken, deren Namen niemand vom Hotel je verraten würde, flitzen an der gewölbten Decke Geckos hin und her: so, als gäbe es die Schwerkraft nicht. Natürlich gilt für Menschen nicht, was für Geckos gilt, aber man wundert sich trotzdem kurz, und bald schon nicht mehr, weil sich hier eben alles von selbst ordnet, wie von Geisterhand. Prinzessin Diana hat einmal in dieser abgelegenen Suite gewohnt, die zwei separate Schlafzimmersuiten hat, das riesige Säulengewölbe in der Mitte, einen Pool und dann noch einen zweiten, der in ein Reisfeld endet. Prinzessin Dianas Namen kann das Hotelpersonal unbesorgt preisgeben: Sie starb im Jahr, als auch das „Amanjiwo Resort“ eröffnet wurde, 1997.
Eine Fahne aus Rauch weht zum Abschied
Und doch wirkt das Resort älter als diese neun Jahre, was am angelaufenen Kalkstein liegen mag. Alle „Aman Resorts“ geben sich diesen Anschein von Naturbelassenheit, von langer Dauer, und sicher gibt es auch deshalb keinen Fernseher auf den Suiten. Statt dessen jeden Morgen die „Jakarta Post“: „Vertreter von ProFauna und der Indonesischen Gesellschaft für das Wohlergehen der Tiere“, heißt es in einem Artikel über den rumorenden Merapi, „haben begonnen, das Vieh der Einwohner zwecks Identifikation zu markieren.“ Luki Kusuma Wardhani, einer der Veterinäroffiziere, sagt: „Jedes Tier erhält einen Adreßaufkleber seines Besitzers. Ziel ist, daß die Einwohner in der Lage sind, ihr Vieh zu identifizieren. Wegen der Aufkleber müssen die Besitzer nicht lange nach ihrem Vieh suchen, sobald die Lage sich wieder normalisiert hat.“
Die Indonesier leben nun einmal inmitten ihrer Tiere, kaum ein Hof auf dem Weg zum Hotel, wo nicht Ziegen herumsprängen und der Hahn seine Hennen jagte. Hunde sieht man kaum, sie gelten als unrein, Java ist stark muslimisch. Dafür hört man die Hähne am Tempel von Borobudur in der Nachbarschaft krähen. Geht man um die mächtige Stupa herum auf die dem Vulkan abgewandte Seite, verstummen die Roller, die Kameras, niemand raucht, kein Mensch dehnt sich in Baseball-Kappen, es wird sehr leise. Bis auf die Hähne.
Früher ist eben alles besser. Am nächsten Morgen fährt der Bus in der gleichen Herrgottsfrühe zum Flughafen in Jogjakarta ab. Halb sechs an einem indonesischen Morgen am Ende der Regenzeit: Der Merapi im Gegenlicht, er hat eine Fahne aus Rauch, sie weht zum Abschied. Der Nebel löst sich von den Reisterrassen und unbespielten Fußballplätzen. Die Roller kommen einem auf der Hauptstraße in Geschwadern entgegen. An einer Ampel trinkt ein müder Zeitungsverkäufer den ersten Tee des Tages.
Tobias Rüther Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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