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Indochina Buddha darf in den Himmel, Onkel Ho darf es nicht

Indochina ist so sehr Sehnsuchtsbegriff wie Hirngespinst. Im Grunde haben Vietnam, Laos und Kambodscha nur eines gemeinsam: Sie vereinen lauter Unvereinbarkeiten in sich, ohne jemals ihre Anmut oder ihre Würde darüber zu verlieren. Eine Reise zu drei unvergleichlichen Orten.

© Holger Peters Vergrößern Die Speisung der himmlischen Bettler: Jeden Morgen bei Sonnenaufgang sammeln sich die buddhistischen Mönche in Luang Prabang zu ihrem Almosengang.

LUANG PRABANG, LAOS

Jakob Strobel y Serra Folgen:  

Sie tauchen auf, als seien sie gerade vom Himmel herabgestiegen und würden gleich wieder dorthin verschwinden. So unwirklich, so unirdisch schälen sich die currygelben Kutten aus der Fahlheit des Morgendunstes und reihen sich zu Prozessionen buddhistischer Gottesmänner und Gotteskinder aneinander, barfüßig sie alle, kahlgeschoren und blechnapfbewehrt, weil es im Himmel anscheinend nichts zu essen gibt. Der Abt geht immer vorneweg, die Novizen schreiten wie Engelsenten hinterher, keiner verzieht eine Miene, niemand sagt ein Wort, alle sind sich der unantastbaren Würde dieses jahrhundertealten Rituals bewusst. Am Straßenrand warten schon die Frauen mit ihren Klebereistöpfen, um die himmlischen Bettler zu speisen und den Segen für ihre Ahnen zu erbitten. Mit den Fingern formen sie aus einer Handvoll Körnern kleine Kugeln und werfen sie in die Näpfe, die sich im Sekundentakt öffnen und schließen. Denn es muss für alle Mönche reichen, die den Reis ihrerseits mit den wartenden Lumpenbettlern teilen, so wie der Himmelsherr es befiehlt. Und hungrige Gottesknechte gibt es zu Hunderten beim allmorgendlichen Almosengang in Luang Prabang, dem spirituellen Zentrum des sozialistisch-buddhistischen Arbeiter-und-Bauern-und-Gottesstaates Laos.

Luang Prabang ist der eigenartigste Ort in Indochina. Wie eine Himmelsburg versteckt er sich vor dem Lärm der Welt in den Bergen hoch im Norden der Volksrepublik Laos, schmiegt sich an die Felsen, deren Schroffheit von einem Teppich aus Urwald gebändigt ist, sucht Halt am Ufer des Mekong, der schon Tausende Kilometer vor seiner Mündung ein gewaltiger Strom ist, nicht blau, nicht weiß, sondern so ockerfarben wie die Kutten der Mönche, als suche auch er in Luang Prabang die Erleuchtung. Denn nichts anderes ist der Wesensgrund dieses Städtchens mit seinen drei Dutzend Tempeln, prachtvollen Gottespalästen voll geistigen Lebens und beflissener Novizen, die in ihrer Blattgoldherrlichkeit den Betonprotz der sozialistischen Repräsentationsbauten noch armseliger erscheinen lassen, als er ohnehin schon ist. Hier herrscht nicht die Partei, deren Kader indes eifrig in den Tempel gehen, sondern das buddhistische Pantheon mit Buddha in allen Meditationsposen und Erleuchtungsstufen an der Spitze, flankiert auf goldstarrenden Holzrefliefs von Elefanten, Hirschen, Pfauen, Schwänen, Affen, Drachen und siebenköpfigen Schlangen, gekrönt von ziselierten Türmen auf den Tempeldächern, die sechzehn Himmel des Buddhismus symbolisierend und die fünfzehn Höllen in Schach haltend zum Wohle aller Rechtschaffenen und Rechtgläubigen.

Vergnügungen mit barbusigen Lautenspielerinnen

Buddha ist auch der allgegenwärtige Regent des Berges, der sich im Herzen von Luang Prabang wie eine Himmelsahnung mit herrlicher Aussicht auf die Schönheit der laotischen Erde erhebt: sitzend, liegend, stehend, als Statue, als Relief oder auf Gemälden, die sein Leben erzählen - wie er sich in seiner wilden Jugend, als er noch ein böser Bube war, mit vier barbusigen Lautenspielerinnen vergnügt, und wie er, geläutert und vergeistigt, ins Nirwana eintritt, über allem irdischen Tand schwebend. Was würde er heute tun, stünde er leibhaftig und nicht nur als goldene Inkarnation seiner selbst auf diesem Berg und schaute hinab auf Luang Prabang? Würde er hinuntersteigen zu seinen Mönchen, die ihm nacheifern und die 227 ihnen auferlegten Gebote einzuhalten versuchen, um ihre Seele zu reinigen? Oder würde er direkt in den Himmel auffahren, weil er sich mit Grausen abwandte von der Stadt, die einmal alleine seine war und es jetzt nicht mehr ist?

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Veröffentlicht: 25.09.2012, 16:02 Uhr