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Indien mit dem Zug Heute ein Maharadscha

 ·  Geschüttelt und berührt: Der Zug „Indian Maharaja“ ist die unanstrengendste und luxuriöseste Art, durch ein anstrengendes Land zu fahren. Ist das Dekadenz oder Vorsicht?

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© Cathrine Stukhard/laif Vergrößern Ein Kellner in Phantasie-Uniform im Zugrestaurant des „Indian Maharaja“

Die Reise beginnt mit einem Einschussloch. Genau zwischen den Augen. Das soll Glück bringen. Und ist nur Farbe: ein blutroter Fingerabdruck, den uns eine Inderin auf die Nasenwurzel setzt. Dazu bläst eine Blaskapelle, und wir besteigen den Zug. Im Schlafabteil der rollenden Bleibe für die folgenden sieben Tage betrachten wir das im Spiegel. Und wischen es wieder ab. Denn aus dem Spiegel guckt einer zurück, der mit Punkt so echt aussieht wie Peter Sellers, wenn er als schuhcremebraune indische Knallcharge Hrundi V. Bakshi in „Der Partyschreck“ eine dekadente Hollywood-Party dem finalen Chaos zuführt. Den Film könnte man sich in der Bord-Videothek ausleihen. Aber man ist ja hier, um anderes zu sehen.

Hinter dem Zugfenster ist Indien. Im Zug ist, bei aller landestypischen Verkleidung und Verköstigung, Europa. Ein europäisches Raum- und Lebensgefühl, das inmitten des drangvollen Daseins eines Milliardenvolkes nicht ganz billig zu haben ist. Auch nicht ganz ohne Skrupel. Bei der Abfahrt in Mumbai finden wir ein gespaltenes, ein halb kindlich neugieriges, halb erwachsen schuldbewusstes Vergnügen daran, auf dem geräumigen Bett ausgestreckt an rappelvollen Pendlerzügen vorbeizurollen. Aus den offenen Waggons quellen junge Männer. Sie halten sich an Stangen fest, um nicht hinauszufallen. Und wir? Sind schon ganz woanders. Sinken sanft schaukelnd in einen leichten Schlaf.

Gebettet von der Gewissheit, dass unser freundlicher Abteil-Butler in seiner Maharadscha-Phantasie-Palastuniform uns wecken wird, rechtzeitig zur nächsten Mahlzeit. Eine Zugfahrt durch Indien ist eine Reise durch das größte Gewimmel des Universums. Durch das wildeste Gemisch aus Dreck und Schönheit, das auszuhalten ist. Doch der Fahrt in den überfüllten, rumpelnden Waggons der gewöhnlichen Züge der indischen Eisenbahn muss man gewachsen sein - nervlich, athletisch, gesundheitlich. Beste Voraussetzung dafür: Man ist jung und braucht das Geld. Die Alternative dazu: die Fahrt mit dem „Indian Maharaja“. Beste Voraussetzung dafür: Man ist nicht mehr ganz so jung und hat das Geld.

In einer Welt, in der es Fitness für Faule gibt, darf es auch Fernreisen für Feiglinge geben. Oder sagen wir: für Vorsichtige. Und eine Fahrt im „Indian Maharaja“ von Mumbai nach Delhi ist die unanstrengendste Art, das anstrengendste Land der Welt zu bereisen. Er bietet, mit Restaurant, Bar, Spa, privaten Schlafabteilen, einen Komfort wie kein anderer der 17.000 Züge, die täglich auf den 64.000 Kilometern des größten Schienennetzes der Welt unterwegs sind. Die Engländer bauten es einst, um die Nachschubwege ihrer Kronkolonie zu sichern. Am Ende aber nützte es eher denen, die sie vertrieben. Gandhi, einst als junger Anwalt von Rassisten in Südafrika aus der ersten Klasse geworfen und dadurch zum Widerstand bewogen, reiste nach der Heimkehr nach Indien nur in der dritten Klasse, ohne Toilette, ohne jeden Komfort.

Warum? „Weil es keine vierte Klasse gibt.“ Mit dieser Geschichte haben wir schon vor Abfahrt gelernt, dass Zugfahren in Indien eine politische Seite hat - beim Besuch in Gandhis kargem Arbeitszimmer in Mumbai. Gandhi schrieb übrigens im Juli 1939 einen Brief an „Herrn Adolf Hitler, Berlin“, den man heute mit leichter Beklemmung liest. Darin bat er, ohne rechten Glauben ans Gelingen, eher mit stillem Sarkasmus, den „Lieben Freund“ Hitler um Frieden - weil er „der Einzige“ sei, „der den Krieg verhindern kann“. Aber Hitler pflegte wohl keine Brieffreundschaften mit Pazifisten. Der Film „Gandhi“ ist übrigens auch in der Bord-Videothek, man sollte ihn sich mal wieder anschauen.

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