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Indien Kein Ziel, kein Stress, kein Wunsch, viel Glück

19.04.2009 ·  Kerala im Südwesten Indiens ist das Land, in dem der Pfeffer wächst. In Zeiten der Krise gibt es bestimmt Schlimmeres, als genau dorthin zu fahren. Eine kleine Flucht in eine Welt der Harmonie und der Gewürze.

Von Jakob Strobel y Serra
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Das größte Glück ist die Abwesenheit selbst des kleinsten Wunsches. Nur wer nicht das geringste Verlangen mehr verspürt, erlangt einen Zustand höchster Zufriedenheit. Dieses Ziel streben die Sadhus, die heiligen Männer Indiens, mit allen Mitteln an und stehen dafür klaglos zwanzig Jahre lang auf einem Bein oder hausen als Eremiten mit den Ernährungsgewohnheiten von Eichhörnchen eine halbe Ewigkeit in einer feuchten Höhle. Wir sind nur arme Sünder, dahingestreckt auf einem ausladenden Korbsessel, ein sehr kaltes Bier in der Hand, ein verschwenderisches Mahl im Bauch, und fühlen uns trotzdem ein bisschen wie ein heiliger Mann am Ziel. Denn Wünsche haben wir jetzt eigentlich keine mehr. Alles ist gut auf unserem Hausboot, das mit der kontemplativen Geschwindigkeit von sechs Knoten durch die Backwaters von Kerala gleitet, durch eine Welt des Wohlgefallens, so friedfertig, als stünde ihr der Sündenfall erst noch bevor. Die Wellen gurgeln ein sanftmütiges Liedchen für uns, der Wind krault zärtlich die Palmwedel, die Kormorane naschen vergnügt von den kleinen Seeschlangen im Wasser, die Kinder am Ufer spielen übermütig Cricket mit heiligen Kühen als Schiedsrichter, und wir transzendieren in einem Zustand meditativer Schwerelosigkeit: Die Stunden ziehen vorüber, gefüllt mit nichts und doch vollkommen frei von jeder Beschwernis der Leere.

Die Backwaters sind ein Zwischenreich aus Wasser und Land, in dem die Elemente so harmonisch koexistieren, dass es der Weltenerschaffer am dritten Tag ganz offensichtlich nicht übers Herz gebracht hat, sie hier zu trennen. Es ist ein Labyrinth aus Flüssen, Kanälen, Seen, Lagunen, Reisfeldern, Obstplantagen, Gewürzgärten, der Horizont dekoriert mit der immerselben, niemals ermüdenden Bordüre aus Palmen und Bananenstauden, die nur ab und zu ein vorwitziger Mangobaum durchbricht, so schwer behangen mit leuchtenden Früchten wie ein amerikanischer Christbaum mit Weihnachtskugeln. Vor ein paar Jahren kam ein einfallsreicher Reiseveranstalter aus Kerala auf die Idee, einen Lastkahn in ein Hausboot umzubauen, erntete erst Spott, fand schnell Nachahmer und müsste jetzt heiliggesprochen werden. Denn inzwischen ist die Armada auf zweitausend Hausboote angeschwollen, die Abertausenden von Menschen Lohn und Brot geben und den Backwaters zu einer touristischen Traumkarriere verholfen haben. Die Boote erinnern mit ihren Aufbauten aus Palmwedeln und Kokosfasern an schwimmende Brotkörbe, manche sind kaum mehr als Schaluppen mit Kabine, Küche und Veranda, andere zweistöckige Kreuzfahrtkähne mit Couchgarnitur, Konferenzraum, Flachbildschirm und Whirlpool. Und alle gehorchen demselben Gesetz: Sie haben keine Eile und kein Ziel. Gibt es einen größeren Luxus in unserer Zeit?

Das Leben ist ein ruhiger Fluss

So lässt man die Welt an sich vorbeiziehen und fühlt sich in seinem Korbsesselthron ein wenig wie ein König, vor dem die Kulissen seines Reiches hin und her geschoben werden. Spektakulär sind sie nicht, aber in der Verlässlichkeit ihrer Schönheit ungeheuer beruhigend. Wie tropische Hexenhäuschen lugen die Hütten der Fischer und Bauern aus der verschwenderischen, großmütigen Natur hervor, gar nicht selten stolze Palästchen mit Satellitenschüssel, die Fassaden bemalt in den glühenden Farben indischer Chutneys, gelbwurzgelb, chilischotenrot, koriandergrün. Hier wohnt nicht das Elend, denn reich ist das Land und das Wasser, aus dem die Fischer unablässig Schätze bergen, Muscheln morgens, Süßwassergarnelen abends, Barsche und Krebse den ganzen Tag über. Zu Hunderten drängen sich ihre Kanus in den Lagunen. Im Rhythmus einer jahrtausendealten Choreographie werfen sie die Netze aus oder streichen mit langen Rechen über den Grund des Sees, ein Bilderbuchbild der Bukolik, uralte Gegenwart. Es ist genug für alle da und erst recht für die Abertausenden Fischadler, Schlangenhalsvögel, Eisvögel, Kormorane und Kraniche, die nur für den Eigenbedarf fischen und sich manchmal einen Scherz mit den Vorbeifahrenden erlauben: Sie stellen sich auf abgerissene Palmwedel, die knapp unter der Wasseroberfläche treiben, und tun so, als könnten sie übers Wasser laufen.

Ein ruhiger Fluss ist das Leben, erst in den Backwaters bekommt der Satz Bedeutung, und die Stille ist Balsam fürs Gemüt. Wenn das Hausboot in der Abenddämmerung am Ufer festmacht und das Wasser im letzten Licht des Tages aussieht wie geplättetes Silber, wenn die veilchenblau blühenden Wasserlilien so langsam am Rumpf vorbeitänzeln, dass man plötzlich über Ewigkeit nachzudenken beginnt, wenn der Motor sein gutmütiges Brummen gegen den Schlaf der Gerechten eingetauscht hat und nur noch ab und zu ein liebeshungriger Vogel seinen Sehnsuchtsruf in die Nacht schickt, dann wünscht man sich schon wieder nichts außer vielleicht noch ein sehr kaltes Bier. Dann ist man froh, in dem Land zu sein, in dem der Pfeffer wächst, in dem die große Krise nur als Plätschern, nicht als Sturmflut ankommt und der Reis ungerührt weiterwächst und die Fische sich vermehren, als sei nichts geschehen. Doch am glücklichsten ist man, weil man sich am einzigen Ort Indiens außer dem Himalaja-Gipfel des Kangchendzönga wähnt, an dem nicht gehupt wird - bis plötzlich der Kapitän eines Fährschiffes im Dunkel der Nacht mit derselben besinnungslosen Penetranz wie jeder indische Lastwagenfahrer auf die Tröte drückt, die Stille zerreißt und die Sirenen der Wunschlosigkeit zum Teufel jagt. Vielleicht ist es auch besser so. Denn wir sind alle arme Sünder, keine heiligen Männer. Und das Leben muss weitergehen.

Der Herr der Gewürze

Die Vertreibung aus dem Wassergarten Eden ist allerdings eher ein vorsichtiges Hinausschubsen als ein hochkantiger Rauswurf. Das Hausboot legt am Steg einer Gewürzplantage an, Kapitän, Koch und Mann für alles verabschieden sich mit einem stoischen Betelnusslächeln und übergeben den Passagier der Obhut des Herrn der Gewürze, eines würdevollen Alten im Wickelrock, der uns, den Ahnungslosen, mit jugendfrischem Enthusiasmus sein Reich zeigt: den Pfeffer, der sich wie Efeu an Palmen und Betelnussbäumen hinaufrankt und seine Körner in Rispen sammelt, als seien es Trauben; die Muskatnuss, die als Kern in einer gelben Frucht schlummert und duftet wie Tausendundeinenacht, wenn man sie aus ihrem Gefängnis befreit - der Alte macht es, und unsere Nase weint fast vor Glück; die Vanilleschoten, die an einem Strauch mit gummibaumdicken Blättern wachsen und wie lange, grüne Bohnen aussehen; den Zimt, der nichts anderes als die Unterrinde eines unspektakulären Baumes ist - in jedem deutschen Laubwald könnte er wachsen, doch dann schabt der Wickelrockmann die Rinde vom Stamm, und plötzlich stehen wir bei vierunddreißig Grad mitten auf einem Weihnachtsmarkt; den Curry schließlich, der sich als unscheinbarer Busch tarnt und dessen Blätter den typischsten Geschmack Indiens in sich tragen - man muss sie nur zerreiben und weckt den Wundergeist des Duftes, als habe man gerade Aladins Lampe poliert. Zum Abschied schenkt uns der Herr der Gewürze eine Muskatnuss als Talisman für eine glückliche Rückkehr in die Wirklichkeit. Wir sollen ab und zu an ihr schnuppern, sagt er, dann geschieht uns dort nichts.

Aber eine Eskapade erlauben wir uns noch, einen Küchenbesuch im nahen Hotel Taj Kumarakom, einer weitläufigen Anlage an einer Lagune mit künstlichem See und einer Handvoll Cottages in der Größe von Maharadscha-Residenzen, in deren Privatpool man sich dann auch so fühlt wie einer. In der Küche aber tauschen wir Vornehmheit gegen lustvolle Gier, denn wir betreten eine Ali-Baba-Höhle der Wohlgerüche. Der Koch, ein Tamile mit pfefferschwarzem Teint, den funkelnden Augen eines Räuberhauptmanns und dem Habitus eines Küchenfeldmarschalls, ist nicht zu bremsen, zeigt alle Gewürze seiner Heimat her, heißt uns riechen, kauen, kosten, lässt sich Töpfe und Pfannen bringen, rührt und redet, redet und rührt, fangen wir mit dem Chicken Curry an: Senfkörner in heißem Kokosöl anbraten, wenn sie knacken, Knoblauch und Ingwer dazu, beides braun werden lassen, dann Curry-Blätter, Zwiebeln, Chili- und Korianderpulver hinein, salzen, ablöschen, aufkochen, die marinierten Hühnchenstücke in die Pfanne, Kokosmilch zugeben, herunter vom Feuer, damit die Milch nicht stockt, nachsalzen, fertig - so schnell, so einfach, so betörend.

Straßenzirkus mit brennenden Reifen

Und jetzt der Perlenfisch im Bananenblatt, wieder aromatisiert mit Ingwer, Chili, Koriander, Kurkuma, Curry, so wie immer, so sei die indische Küche eben, sagt der Koch strahlend, stolz, ein hermetisches, unverrückbares Universum, das vollkommen in sich ruhe und sich von nichts anderem als sich selbst inspirieren lasse, keine Fusionen, kein Crossover. Nein, wir machen unser Curry, unser Chutney wie vor fünfzig Jahren, wie vor fünfhundert Jahren, vor fünftausend Jahren wird man es nicht anders gemacht haben, und in fünftausend Jahren werden wir es immer noch so machen. Das ist Indien, eine Welt in der Welt, in der Küche erst recht, ein Zyklus ohne Anfang und Ende, immerwährende Gleichzeitigkeit von einst und jetzt.

Der nächste Beweis wartet gleich im nächsten Dorf, spontaner Straßenzirkus wie vor tausend Jahren: Eine Frau spannt ein Seil mit einem brennenden Reifen über die Straße. Ihr Kompagnon, ein klapperdürrer Kerl mit der Statur eines Fakirs, springt hindurch, ohne sich zu verbrennen. Die Dorfbewohner gaffen, der Verkehr stockt, das Hupen trifft ins Mark. Nach zwei Minuten ist der Spuk vorbei, Indien, Land der Sekundensensationen, der unvergänglichen Wunder, Menschen werden zu dressierten Raubkatzen für ein paar Rupien Lohn wie bei uns auf den Jahrmärkten des Mittelalters.

Bananen für die Götter

Aus zwei Kreuzungen besteht das Dorf, und ein Wunder ist es, wie viel Leben auf so wenig Raum zu bestaunen ist. Die Straßen werden lückenlos von offenen Alkoven gesäumt, in denen Rücken an Rücken die Schuster, Scherenschleifer, Uhrmacher, Fahrradflicker, Bonbonverkäufer, Blumenzopfbinder hocken, hundert Handwerke, drei Quadratmeter Platz für jedes. Dazwischen türmen sich Pyramiden von Obst, Jackfruits groß wie Mehlsäcke, Zucchinis zierlich wie Cornichons und zwölf verschiedene Bananensorten, die kleinen, roten, aromatischen als Opfergabe für die hinduistischen Götter, die großen, grünen, faden zur Sättigung der Menschen, ungerechte Glaubenswelt.

Noch viel größer ist das Sortiment bei den ayurvedischen Apotheken, Regalmeter um Regalmeter voller Öle und Tinkturen in braunen Flakons mit rätselhaften Aufschriften wie Götternamen aus dem "Mahabharata", Bringarajasavam, Draksharisthan, Arjunaristhan, Parapatakaristhan. Was mag das sein, wogegen wird es wirken? Gegen alles, sagt der Apotheker leise, wissend, lächelnd, Pfeffer gegen Bronchitis, Gelbwurz gegen Diabetes, und falls du die Pocken bekommmst, gebe ich dir Sandelholz gegen die Narben. Und kein Alkoven ohne Segensspenderinnen, immer sind es mehrere. Die Muttergottes blickt gütig als Ikone auf die Händler herab, einträchtig vereint mit einer Hindu-Heiligen, einer Bollywood-Göttin und einer aktuellen Schönheitskönigin. Denn Kerala ist das indische Paradeland der Toleranz, der Tempel, Moscheen, Kirchen, Kinos, des Heiligen jeder Couleur und Säkularen von Staats wegen, weil hier seit Jahrzehnten fast ununterbrochen die Kommunistische Partei regiert.

Königin der arabischen See

Hammer und Sichel sind die treuesten Begleiter bei einer Fahrt durch den Südwesten Indiens, der an seiner Küste ein einziges, endloses Straßendorf ist. Überall prangen die Symbole der Agnostiker, die kein Problem damit haben, wie alle anderen auch Kerala als "God's own country" zu bezeichnen. Der Schöpfer, welcher auch immer, besitzt ein Land, in dem sich am Straßenrand in schönster Eintracht Stupa, Halbmond und Kreuz abwechseln, die Tempel und Moscheen dezenter als die Kirchen, die mit schreiend buntem Betonbarock protzen, lauter korinthische Säulen und mäandernde Simse aus der Verschalung, der Sohn Gottes als bonbonfarbene Kitschfigur menschengroß im Giebel thronend, die Büste von Mutter Teresa vor der Kirche in einem Glaskasten aufgestellt, als sei sie zu verkaufen. Die Waage hingegen halten sich im keralitischen Vielglaubensstaat die Beschützernamen, die über den Windschutzscheiben der Lastwagen prangen. St.Joseph, St.Thomas, St.Mary und Infant Jesus teilen sich die Straße mit Schiwa, Ganescha und Rama, haben nichts gegen Iqbal, Amir oder Abraham und lassen sich bereitwillig von Gipsy und Ferrari überholen, deren Chauffeure offensichtlich Gottlose sind.

Je näher man Cochin kommt, der „Königin der arabischen See“, Sehnsuchtsort aller Gewürzsucher seit Tausenden von Jahren, umso höher türmen sich links und rechts die Spaliere des ewigen Straßendorfes auf. Doch es ist ganz anders als im übrigen Indien, und es dauert eine Weile, bis man endlich den Unterschied erkennt: Hier ist nicht alles voller Bilder und Symbole, sondern voller Buchstaben. Denn Kerala ist das einzige Bundesland auf dem Subkontinent mit einer hundertprozentigen Alphabetisierungsrate, offiziell anerkannt von den Vereinten Nationen, den Kommunisten sei Dank oder den Schriftgelehrten oder am besten beiden. Man liest ganze politische Grundsatzprogramme auf Betonwänden, komplette Heiligenviten auf Kirchenmauern, kühne Heilungsversprechen von Wunderdoktoren auf haushohen Werbetafeln und epische Inhaltsangaben auf leinwandgroßen Plakaten für Bollywood-B-Movies, auf denen aus rätselhaften Gründen der Hauptheld immer ein übergewichtiger Zuhältertyp mit Josef-Stalin-Gedächtnisschnauzbart ist und die Heldin aussieht wie bei diesen Vorher-Nachher-Diätvergleichen - sie hat die Kur noch vor sich.

Eine olfaktorische Phantasmagorie

Cochin ist eine Königin ohne König. Monarchen gibt es nicht mehr, nur noch ihren patinösen Palast im ältesten Teil der Stadt, der auch als Lagerhalle durchgehen könnte, mancher König war eben ein Bettelmann, selbst im Pfefferland. Auch die einst blühende jüdische Gemeinde ist fast zur Schimäre geschrumpft, auf elf Mitglieder und einen Straßenzug neben dem Palast, voll von Läden mit Souvenirs und Antiquitäten, die in den Hinterhöfen mit lautem Sägen und Hämmern zusammengezimmert werden. Und die in ihrer beinahe nackten Schlichtheit seltsam anrührende Synagoge mit ihren zwölf Fenstern für die zwölf Stämme Israels hat seit hundert Jahren keinen Rabbi mehr, dafür aber als einziges jüdisches Gotteshaus auf der Welt einen Uhrturm - und was für einen: Das Ziffernblatt, das zum Palast zeigt, schreibt die Zahlen in Malayalam, der Sprache Keralas, zur Synagoge hin sind sie in Hebräisch, die Kaufleute lesen von ihrem Viertel aus lateinische Nummern, und die vierte Seite ist frei. Sie ist für Gott. Ihn interessiert es nicht, wie spät es ist.

Das alte Cochin war einst die Herzkammer des globalen Gewürzhandels, ein duftender Basar der Kostbarkeiten. Jetzt braucht man viel Phantasie, wenn man die Stufen zur Pepper Exchange im jüdischen Viertel hinaufsteigt, der Pfefferauktionsbörse, in der die Händler vor blinkenden Computerbildschirmen mit ihren Mobiltelefonen hocken und nur noch der Schweiß scharf riecht. Oder aber man hat Glück und findet in einer Seitengasse den letzten überlebenden Großhändler, der unter asthmatisch ächzenden Ventilatoren in einem vierhundert Jahre alten Gemäuer aus der Zeit der Ostindischen Kompagnien haust, verschachtelt wie ein Termitenbau, verwunschen wie ein Märchenschloss, eine schimmelfleckige Schatzkammer im Dämmerlicht, eine einzige olfaktorische Phantasmagorie, Grenouille würde hier den Verstand verlieren. Halb berauscht, halb betäubt taumeln wir durch all die Hallen mit deckenhoch gestapelten Jutesäcken und wundersam gewürzter Luft. Was liegt nicht alles in ihr: Pfeffer in vier Farben, frischer Ingwer und auf Kalk getrockneter Samen von Fenchel und Koriander, Muskat- und Betelnüsse, Senfkörner und Vanilleschoten, Kardamom und Nelken, Cassia und Galanga, Weihrauch und Zimt, dann kapitulieren wir.

Der strenge Bick von Königin Victoria

Unfassbare Schätze sind das, so teuer, dass eine alte Frau wie ein greises Aschenputtel in einer Ecke die zusammengefegten Gewürze sortiert, Nelkenstengel zu Nelkenstengel, Langpfefferschote zu Langpfefferschote, kein Prinz in Sicht. Nebenan im Verkaufsraum studieren die Händler in den Hindi-Zeitungen die Tagesgroßmarktpreise und verhandeln leise, schnell, gestenlos mit ihren Partnern, kein orientalisches Geschrei, Gewürze sind ein seriöses Geschäft - und ein gutes: das Kilo Kurkuma ein Euro, Ingwer anderthalb, Pfeffer zwei, Muskatnuss vier, Nelken fünf, Kardamom, das teuerste Gewürz, zehn Euro in Cochin, wundertätig vermehrt um das Fünfzig-, Hundertfache, bis es in Europa im Regal steht.

So ist das schon zu Zeiten Vasco da Gamas gewesen, der 1498 an die Küste von Kerala kam, den Bauch seiner Schiffe mit Gewürzen füllte und mit einer Ladung nach Lissabon heimkehrte, die sechzigmal mehr wert war, als die gesamte Expedition gekostet hatte. Sein Haus steht noch heute im Fort von Cochin, ein zweistöckiges Gebäude im strahlenden Weiß des Alentejo mit blauen Sprossenfenstern und stilisierten Pfauenrädern darüber. Doch sein Grab ist verwaist. In der Kirche St.Francis, der ältesten von Europäern errichteten in Indien, beugt man sich über eine verwitterte Grabplatte, unter der Vasco da Gama vierzehn Jahre lang geruht hatte, bis man seinen Leichnam in die Heimat überführte. Dabei ist das Fort ein guter Ort nicht nur für die letzte Ruhe, keine martialische Festung, eher ein weitläufiger Park rund um den Aufmarschplatz der britischen Armee, der sympathisch zum Bolzplatz demilitarisiert wurde und von den Kolonialgebäuden der Ostindischen Kompagnien eingerahmt wird. Längst haben sich dort Boutiquehotels für die Reichen und Gästehäuser für die Rucksackreisenden unter den strengen Augen von Königin Victoria einquartiert.

Perlenfisch für das wunschlose Glück

Ruhe und Platz, die luxuriösesten Güter Indiens, findet man hier verschwenderisch im Schatten der Mango- und Papayabäume, der Tamarinden und Banyams mit ihrem Fransenkleid aus Luftwurzeln. Alles ist schön, alles ist gut, wirklich alles, das hatte uns der alte Mann im Wickelrock gesagt. Die Blätter des Goldregenbaums sind gut für Zuckerkranke, die handgranatenförmigen Früchte des Noni-Baumes helfen bei Hautproblemen, der Baum von Buddhas Erleuchtung ist nicht dem Körper, sondern dem Geist zunutze und taugt außerdem als Blitzableiter. Und dem Gaumen Gutes tun die Fischer, die am Ufer ihre chinesischen Netze auswerfen, mächtige Konstruktionen groß wie ein Großsegel, die weit ins Meer hinausragen und auf der Landseite von einem hölzernen Gestänge mit Gegengewichten in der Balance gehalten werden. Zehn Minuten nur tauchen die Fischer ihre Netze, die chinesische Händler vor sieben Jahrhunderten nach Cochin brachten, ins Wasser, in dem sich so viele schmarotzende Delphine tummeln wie Koi-Karpfen in einem japanischen Zierteich. Dann ziehen sie ihre Beute hoch - und wir fallen fast in Ohnmacht vor Appetit: Garnelen aller Art und Größe, Hummer, Krebse, Rotbarben, Barracudas, Thunfische, Schnapper, es ist unfassbar, was das Meer so leichtfertig hergibt.

Nur ein einziges Verlangen kennen wir jetzt, die letzte Stufe zum Glück - und wir überschreiten sie an den Garküchen hinter den chinesischen Netzen, an denen wir uns den frisch wie den Morgentau gekauften Perlenfisch zubereiten lassen, nur mariniert mit einer Masala aus Schalotten, Tomaten, Senfkörnern, Curryblättern, Chili, Koriander, Kurkuma und Fenchel, nur ins Bananenblatt eingeschlagen und dann sanft gegrillt. Schmeckt so die Wunschlosigkeit, heiliger Mann?

Anreise: Air France fliegt über Paris nach Bombay und Bangalore (www.airfrance.de). Von dort aus weiter mit Jet Airways nach Cochin (www.jetairways.com).

Einreise: Für die Einreise benötigt man ein Visum, das entweder bei der Indischen Botschaft in Berlin, beim Generalkonsulat in München oder bei den Indo-German Consultancy Services beantragt werden muss. Nähere Informationen dazu unter: www.indischebotschaft.de und www.igcsvisa.de.

Arrangements: Die siebentägige Tour „Gleitend durchs Paradies“ von Cochin nach Trivandrum kann bei Lotus Travel gebucht werden (www.lotus-travel.com). Sie beinhaltet Übernachtungen im Taj Malabar in Cochin, Taj Garden Retreat in Kumarkom, Taj Green Cove in Kovalam und Taj Garden Retreat in Periyar sowie zwei Nächte auf einem Hausboot in den Backwaters. Preise ab 598 Euro pro Person im Doppelzimmer mit Frühstück (auf dem Hausboot Vollpension), Besichtigungsprogramm sowie englischsprachigem Führer.

Hotels: In den Taj-Hotels wird großer Wert auf eine Küche mit regionalem Schwerpunkt gelegt. Zu den herausragenden Restaurants Südindiens zählt der Masala Klub im Taj West End in Bangalore; anders, als sonst in Indien üblich, werden die traditionellen Rezepte dort behutsam modernisiert - mit verblüffenden Ergebnissen. Weitere Informationen zu den Hotels gibt es im Internet unter www.tajhotels.com oder telefonisch bei der kostenlosen Taj-Reservierungshotline für Deutschland: 00800/45881825.

Informationen: Indisches Fremdenverkehrsamt, Baseler Straße 46, 60329 Frankfurt, im Internet unter: www.india-tourism.com.

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Jahrgang 1966, Redakteur im „Reiseblatt“.

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