28.04.2005 · Die Erfolgsmeldungen aus Indien kommen fast täglich. Der erste Billigflieger des Subkontinents, Air Deccan, orderte zum Jahresbeginn nicht weniger als dreißig Airbus-Jets. Im Mai werden gleich zwei neue, vielversprechende Billiglinien gegründet.
Von Andreas SpaethDie Erfolgsmeldungen aus Indien kommen fast täglich. Der erste Billigflieger des Subkontinents, Air Deccan, orderte zum Jahresbeginn nicht weniger als dreißig Airbus-Jets. Im Mai werden gleich zwei neue, vielversprechende Billiglinien erstmals an den Start gehen - Kingfisher Airlines aus Bangalore, die zu einem Brauerei-Imperium gleichen Namens gehört, und SpiceJet aus Neu-Delhi. Beide machten ebenfalls mit großen Flugzeugbestellungen von sich reden - Kingfisher hat insgesamt 33 Jets bei Airbus geordert, Spice Jet zehn von Boeing. Ende Februar brachte Indiens größte Fluggesellschaft, die private Jet Airways, zwanzig Prozent ihrer Anteile an die Börse - innerhalb von nur zehn Minuten waren dreizehn mal mehr Aktien geordert als überhaupt im Angebot. In den letzten Wochen sind bereits viele Jahrzehnte alte Fesseln gefallen, indem die bestehenden äußerst restriktiven Luftverkehrsverträge Indiens mit anderen Staaten in ausnehmend liberale Abkommen umgewandelt wurden. Mit den Vereinigten Staaten von Nordamerika wurde ein "Offener Himmel" vereinbart, weitreichende Öffnungen mit Großbritannien und China.
Das Wachstum im indischen Luftverkehr ist bemerkenswert. Experten erwarten in Asiens viertgrößter Wirtschaftsmacht Steigerungen im Inlandspassagierverkehr von 25 bis 30 Prozent je Jahr in den nächsten fünf Jahren. "Indien ist im Aufbruch und wird sich jetzt seiner Stärke immer bewußter", sagt der Schweizer Peter Lüthi, Vize-Chef von Jet Airways in Mumbai, "das ist ein Gigant, der langsam erwacht". Entscheidend ist aber, daß sich auch bei der Infrastruktur auf den Flughäfen etwas tut - die sind in Indien ausnahmslos vollkommen vernachlässigt, veraltet und nicht in der Lage, den plötzlichen Boom aufzunehmen. Im vergangenen Jahr flogen auf innerindischen Strecken schon fünfzehn Millionen Fluggäste, bis 2010 rechnet die Branche bereits mit fünfzig Millionen Passagieren.
125 Flugzeuge für eine Milliarde Menschen
Hauptursache für die nach Jahrzehnten der Erstarrung und Überbürokratisierung der Luftfahrtbranche in Indien überraschende Wende ist die liberalere Marktpolitik einer kürzlich neu gewählten Regierung sowie das Entstehen eines neuen Mittelstands im Land. Die Regierung in Delhi hat bereits ein Investitionsprogramm von fast neun Milliarden Dollar zum Ausbau der Flughäfen angekündigt. Teilweise privat finanzierte Komplett-Neubauten sind unter anderem in den beiden IT-Metropolen Bangalore und Hyderabad geplant, die bereits jetzt von Lufthansa als erster westlicher Fluggesellschaft nonstop von Frankfurt aus angeflogen werden. Nur fünfzehn Millionen Einwohner des Subkontinents konnten sich bisher eine Flugreise leisten - bei einer Gesamtbevölkerung von einer Milliarde Menschen und nur insgesamt 125 Flugzeugen im Land. China verfügt dagegen bei 1,3 Milliarden Einwohnern bereits über 750 Flugzeuge, in denen bisher 75 Millionen Chinesen Flugreisen unternahmen. Bis 2020 sollen im Reich der Mitte schon 1900 Flugzeuge unterwegs sein. In Indien dagegen gibt es mehr als vierhundert kleinere und mittlere Flughäfen, die keine nennenswerte Anbindung an das Flugverkehrsnetz haben, darunter wichtige Städte wie Kanpur mit vier Millionen Einwohnern. "Große Schichten der Bevölkerung fliegen nicht, weil es keine Verbindungen gibt und die Preise zu hoch sind", sagt Flugkapitän G. R. Gopinath. "Wenn nur die Hälfte der Mittelklasse fliegen könnte, wären das bereits 150 Millionen Passagiere", rechnet er vor. Gopinath weiß, wovon er spricht, er ist der Chef von Indiens erstem Billigflieger Air Deccan, der im August 2003 zum ersten Mal abhob und heute täglich 54 Flüge zu neunzehn Zielen in Indien anbietet. Und das zu Preisen ab 700 Rupees (umgerechnet etwa zwölf Euro), was billiger ist als Erste-Klasse-Tickets für den Zug, den täglich fünfzehn Millionen Inder benutzen. Kein Wunder, daß Air Deccan jeden Monat bis zu dreihunderttausend Kunden an Bord begrüßen kann, die nie zuvor geflogen sind. "Indien ist nicht mehr das Land von einer Milliarde hungriger Menschen die auf Speisung und Almosen warten, sondern, das Land von einer Milliarde hungriger Konsumenten", beschwört Captain Gopinath den neuen Markt.
Lange Zeit galt es als ausgemacht, daß die aus Nordamerika stammende und später in Europa verfeinerte Billigflug-Formel nur funktionieren kann, wenn die Marktliberalisierung weit fortgeschritten ist und ausreichend Infrastruktur sowohl bei den Flughäfen als auch den Vertriebsinstrumenten vorhanden ist, also etwa eine weite Verbreitung des Internets. Innerhalb kurzer Zeit hat sich jetzt aber gezeigt, daß die Reisenden auch auf dem Subkontinent so etwas wie ein Grundrecht auf Billigflug entdeckt haben und den preisgünstigen Zugang zu diesem schnellen und modernen Verkehrsmittel fordern. Als überraschend findig haben sich die indischen Billigflieger erwiesen, wenn es darum ging, die geringe Verbreitung des Internets durch Alternativen im Vertrieb zu kompensieren - etwa dem Ticketverkauf in Banken, Postämtern oder Supermärkten. Bei Air Deccan buchen bisher nur zehn Prozent der Kunden direkt online. Die beiden Neulinge Kingfisher Airlines und Spice-Jet legen im Gegensatz zu den bisherigen Fluggesellschaften des Landes jedoch Wert darauf, auch als Lifestyle-Marken aufzutreten und speziell die Internetgeneration anzusprechen. Als eine Art Designer-Billigflieger sehen Branchenkenner etwa den Auftritt von Kingfisher - schon heute wirbt sie mit einem bekannten Model, sucht landesweit nach attraktiven Flugbegleiterinnen und legt Wert auf gute Gestaltung unter dem bereits auf jeder Kingfisher-Bierflasche prangenden Motto "The King of Good Times". Die Flugpreise des Neulings sollen merklich höher als bei Air Deccan liegen, aber wesentlich unter den bisher von etablierten Gesellschaften kassierten Tarifen.
Code Sharing auf den Rennstrecken
Die neuen Zeiten am Himmel über Indien wirken sich natürlich auch auf den internationalen Flugverkehr des Landes aus. Die bereits im vergangenen Jahr angelaufene Liberalisierung des internationalen Verkehrs brachte 2004 mit 3,4 Millionen ankommender Passagiere und 5,5 Millionen ins Ausland reisender Inder neue Rekorde. Lange Zeit handhabte Indien die Vergabe von Verkehrsrechten an ausländische Gesellschaften extrem restriktiv mit dem Resultat, daß Indien-Flüge von und nach Europa beinahe ständig überbucht sind. Inzwischen erhalten ausländische Gesellschaften einen leicht verbesserten Zugang - aber selbst die daraus seit Mitte Februar resultierende neue Lufthansa-Verbindung dreimal wöchentlich nach Hyderabad ist vom Start weg gut gebucht. Abhilfe bei Engpässen soll bei Lufthansa ein Kooperationsabkommen mit Air India schaffen - alle Flüge zwischen beiden Ländern werden jetzt im Code Sharing betrieben, vor allem auf den Rennstrecken nach Mumbai und Delhi steht damit Lufthansa-Kunden eine Alternative zur Verfügung.