23.06.2007 · Aus einer elitären Aussteigeridee ist ein Trend geworden: Club Med war wohl die folgenreichste Urlaubsinnovation des 20. Jahrhunderts. Nach Jahren des Schlingerns ist „le Club“ wieder auf Kurs. Dafür ist jedoch jegliche Extravaganz verschwunden.
Von Brigitte SchererEs war eine elitäre Aussteigeridee, im Urlaub „zu schlafen wie Wilde, zu speisen wie Fürsten und dabei seine Herkunft zu vergessen“. Die Vision von Gérard Blitz, der 1950 den Club Méditerranée auf Mallorca gegründet hatte, und Gilbert Trigano, Marxist und Journalist, der vier Jahre später dazustieß und für Jahrzehnte die Philosophie des Club Med bestimmte, elektrisierte eine ganze Protestgeneration.
Serge Gainsbourg lieferte die Erkennungsmelodie des Urlaubstraums von Freiheit, Gleichheit, Lebensfeier mit dem Song „Sea, Sex and Sun“, der sich an den Stränden von Mittelmeer und Karibik in künstlichen Südseeparadiesen mit polynesisch inspirierten Strohdachhütten materialisierte. Dort duzte man sich, zahlte mit Perlen und trug den Pareo, das geschlungene Hüfttuch Polynesiens, wie eine freiwillige Uniform. Die Sportarten der Reichen, Wasserskilaufen oder Segeln, waren im Preis inbegriffen. Bald war „le Club“ eine französische Institution wie Brigitte Bardot und darüber hinaus Synonym einer Urlaubsform, die wie keine andere den Badetourismus bis heute beeinflusst.
Rigorose Renovierung
Doch es ist das Schicksal aller Revolutionäre, dass sie Quartier machen für jene, denen sie zu entfliehen suchen. Heute führt kein Marxist mit dem Markenimage einer romantischen Egalité den zum Freizeitkonzern gewachsenen Club Med, sondern der Aristokrat Henri Giscard d'Estaing, und zum ersten Mal seit Jahren des Schlingerns hat das Unternehmen mit seinen knapp zwanzigtausend Angestellten wieder richtig Tritt gefasst. In den neunziger Jahren war „le Club“ in wirtschaftliche Turbulenzen geraten und musste Clubdörfer schließen. Die immer noch einfachen Unterkünfte in Bungalows genügten damals nicht mehr den Ansprüchen der neuen Kundengenerationen und zeigten sich, wie auch Organisation und Vertrieb, gealtert.
Jetzt aber verfügt das Unternehmen wieder über achtzig Clubs in vierzig Ländern und das Segelschiff „Club Med 2“. Mit seinen 1,6 Millionen Gästen erzielte das Unternehmen 2006 trotz des rigorosen Renovierungs- und Aufwertungsprogramms Gewinn. Bis zum nächsten Jahr sollen alle Clubs den beiden höchsten Kategorien angehören. Die neuen Zielgruppen - Familien mit Kindern und bislang unentdeckte Märkte wie Asien - zeigten nach dem ersten Upgrading und der damit verbundenen Verteuerung eines Cluburlaubs hoffnungsvolle Zuwachsraten. Selbst der darniederliegende deutsche Markt soll dieses Jahr von zwanzigtausend auf fünfundzwanzigtausend Kunden wachsen, wie der Deutschland-Direktor, ein Engländer ohne jede Club-Med-Vergangenheit, jetzt zur Vorstellung des Winterkatalogs im frisch renovierten Club Opio oberhalb von Nizza sagte.
Tausendfach kopiert
Wenn man den auf Vier-Sterne-Hotelkategorie veredelten Club Opio mit seinem Fassungsvermögen von fast tausend Gästen als Modell nimmt, liegt die Zukunft von „le Club“ in der Abkehr von jeglicher Extravaganz. Von den mehrstöckigen Gebäuden in jetzt mit Holzbalkonen aufgewerteter Funktionsarchitektur bis zu den Pools, von der Abendshow im Mehrzwecksaal bis zu den Konferenzeinrichtungen für winterliche Firmenveranstaltungen sieht nichts anders aus als in einem weltweit üblichen Resorthotel.
„Le Club“ war die folgenreichste Urlaubsinnovation im zwanzigsten Jahrhundert. Was der Club Méditerranée einst vorgab, wird tausendfach vom Billig-All-inclusive-Angebot bis zu Wellness-Ferien im Luxus-Spa variiert, Sport und Buffets sind längst allgemeiner Bestandteil der Ferienhotellerie. Die Nachfahren der Gründerväter des Club Med aber stehen unter dem Zwang, sich neu zu erfinden. Was dessen Unverwechselbarkeit jenseits des glorreichen Markennamens ausmacht, bleibt jedoch bis jetzt unklar.