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Hongkong : Wie viele Nudeln passen in ein Nadelöhr?

Das schönste Stadtpanorama Asiens: Hongkongs Sjkyline in vollem Ornat. Bild: dpa

Hongkong ist die kulinarische Hauptstadt Asiens. Fast könnte man meinen, gutes Essen sei den Menschen hier noch wichtiger, als gutes Geld zu verdienen: Ein Besuch beim „Hongkong Food Festival“, einer Völlerei als vollendetem Genuss.

          Meister Ip ist bescheiden wie ein Bettelmönch, sanftmütig wie der zweifach erleuchtete Buddha und innerlich so ausbalanciert wie fleischgewordenes Feng-Shui. Dieser Mann, denken wir uns ergriffen, der es in siebenunddreißig harten Jahren hinter dem Herd vom Tellerwäscherinnensohn zum Zwei-Sterne-Koch gebracht hat, kann keiner Fliege etwas zuleide tun. Bei Fröschen aber sieht es anders aus. Ungerührt und mitleidlos steht der Meister auf dem Mongkok-Markt im Herzen von Kowloon und schaut zwei derben Marktweibern dabei zu, wie sie frische Frösche im Akkord vom quakenden in den bratfertigen Zustand versetzen. Eben noch hockten die Tiere friedlich in ihrem Körbchen, immer zu zweit mit einem Strick am Rücken zusammengebunden, damit sie nicht davonhüpfen. Dann geht es blitzschnell - Strick lösen, Frosch aufs Schneidebrett klatschen, köpfen, aufschlitzen, ausnehmen, enthäuten, plätten, ein mechanischer Froschmassenmord mit dem Hackebeilchen im Zehnsekundentakt, die phantastische Präzision der routinierten Henkershand. Meister Ip schnalzt zufrieden mit der Zunge, exzellente Ware, sagt er, aber er habe sich doch anders entschieden und werde heute keine Amphibien und auch keine Reptilien, sondern Gliederfüßer mit uns kochen. Dann bemerkt er unseren enttäuschten Blick und sagt mit väterlichem Trost: Nicht traurig sein, denn ich werde euch glücklich machen.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Der Mongkok-Markt ist nichts Besonderes - ein Wirrwarr aus Straßenständen inmitten eines Wildwuchses aus Apartmentklötzen und Schnellstraßentrassen - und doch etwas ganz Außergewöhnliches: Denn er ist eine einzige Huldigung an die Schönheit des Essens. Jede einzelne Schlangenbohne, Seidengurke, Drachenfrucht verdient so viel Respekt, dass sie zusammen mit ihren Geschwistern zu kunstvollen Katafalken und Pyramiden getürmt wird. Wie Alabaster glänzt der Rettich, so blitzblank ist er geputzt, wie Amethyste leuchten die polierten Auberginen, zart wie Jade schimmern die Zuckerschoten, die von einer liebevollen Hand zu einer Rosette angeordnet worden sind. Selbst die Schlachter in den Hauseingängen verrichten ihre Arbeit mit stiller Würde. Hinten baumeln ganze Schweine von der Decke, in der Mitte wird andächtig gehackt und geschnitten, vorne hängen die Tiere vom Kopf bis zum Fuß, von der Schwarte bis zum Pansen wie Pretiosen am Haken.

          Riesengarnelen wie Lapislazuli-Broschen

          Nichts stinkt hier trotz tropischer Temperaturen, alles duftet, nach frischem Fleisch, frischen Fröschen, frischem Fisch, der in Dutzenden Bassins zuckt und zappelt und japst oder sich wie bei den Aalen ständig zu Medusenhaar verknäult. Selbst die abgeschlagenen Köpfe der mächtigen Barsche bewegen noch die Lippen, als wollten sie uns fragen, wie ihnen geschieht - oder als flehten sie Meister Ip an: Nimm mich, ich komme direkt aus dem Südchinesischen Meer und schmecke wie der Himmel auf Erden. Nichts da, sagt der Koch, es gibt Gliederfüßer zum Mittagessen, und zwar die hier. Er fischt ein Dutzend Riesengarnelen aus einem Becken, die bläulich schimmern wie Broschen aus Lapislazuli und uns im Angedenken an die traurige heimische Tiefkühlkost die Freudentränen in die Augen treiben.

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