Nun saß man hier, gut zehn Stunden Flug entfernt vom Winter in Deutschland an einem karibischen Sommerabend unter einem üppigen Blätterdach von Mangobäumen und Bananenstauden. Auf dem Teller lag eine köstlich gewürzte Seebrasse, auf den Lippen bitzelten die Zuckerkristalle von einem Glas mit Rum Sour. Aber das war nur die eine Seite.
Haiti, das sind zwei Parallelwelten, die nur flüchtig miteinander in Berührung kommen, seit dem Erdbeben 2010 umso mehr. In der einen fährt man robuste Geländewagen, in der anderen mit buntbemalten Sammeltaxis, auf denen „Jesus ist mein Herr“ oder andere religiöse Botschaften stehen. In der einen bezahlt man mit US-Dollar, in der anderen mit haitianischen Gourdes. In der einen gibt es Hotelzimmer für 130 Dollar die Nacht mit Flachbildschirm und fließendem Wasser, Supermärkte, in denen ein Liter Vollmilch fast drei Dollar kostet und sechs Rollen dreilagiges Toilettenpapier 14. In der anderen machen sich Frauen und Männer in der Dunkelheit auf, fegen mit einem Stück Pappe ein Fleckchen Bürgersteig, um dort den Tag über Käufer für ein paar Kochbananen zu finden, für Fahrradketten und gebrauchte Reifen oder für T-Shirts, die als Kleiderspende aus dem Ausland kamen.
Ein streng abgeriegeltes Gebiet um den Hafen Labadee
Es ist paradox: Haiti liegt auf der gleichen Insel wie die Dominikanische Republik. Aber während es an die Strände im östlichen Teil von Hispaniola jedes Jahr mehr als drei Millionen Touristen zieht, würde kaum jemand auf die Idee kommen, seinen Urlaub in Haiti zu verbringen. Man kennt nicht die 1700 Kilometer Karibikküste und nicht den Stolz der Menschen auf ihre Vorfahren, die sich aus der Sklaverei befreiten und 1804 den ersten unabhängigen schwarzen Staat gründeten. Wohl bekannt aber sind die Horrorgeschichten von „Papa Doc“ und „Baby Doc“, vom Armenpriester-Präsidenten Jean-Bertrand Aristide, von Todesschwadronen und Militärinterventionen, von Armut, Korruption, Kriminalität und Naturkatastrophen.
Tatsächlich gibt es auch Urlauber, die von weißen Stränden vor türkisblauem Meer schwärmen könnten. Jedes Jahr sogar gut eine Million. Aber die meisten von ihnen ahnen wohl nicht einmal, dass sie in Haiti baden. Sie kommen mit einem Kreuzfahrtschiff der Royal Caribbean Cruises, das sie für ein paar Stunden in ein streng abgeriegeltes Gebiet um den Hafen Labadee ganz im Norden der Insel entlässt. Sechs Dollar zahlt die Kreuzfahrtgesellschaft dem haitianischen Staat pro Besucher.
Nur die politischen Gäste halten nie bei Louis
„Das Land ist verhext“, sagt Louis mit so viel Ernst, dass ein Scherz ausgeschlossen scheint, und hält eine kleine Stoffpuppe hoch. Voodoo? Der Kult ist verbreitet in Haiti, obwohl sich fast alle zum Katholizismus bekennen. „Keine Angst, die hat keine Wirkung, aber die Ausländer nehmen so etwas gerne als Souvenir mit nach Hause.“ Louis ist Künstler, er malt Bilder, die Frauen auf dem Markt zeigen und ein anderes Motiv, das er „Déconstruction“ nennt. Eine Gruppe von verschlungenen Menschen. Man kann nicht erkennen, welcher Kopf zu welchen Armen und Beinen gehört. „So ist Haiti“, sagt er trocken. Er war in der Dominikanischen Republik, aber seit die Vertreter internationaler Organisationen zu Tausenden in Haiti sind, ist er zurück. Das Geschäft mit ihnen läuft nicht schlecht.
Louis hat einen guten Platz ergattert, an der einzigen Straße, die sich steil hinauf in das Reichenviertel Pétionville von Port-au-Prince schlängelt. Hier kommen sie vorbei, die Diplomaten, die Katastrophenhelfer, die Geschäftsleute. Auch die Journalisten, die die Müllberge zählen und die Zeltstädte, die darüber urteilen, ob sich viel oder wenig verbessert hat, um dann hinter die bougainvilleenumrankten Mauern ihrer Herbergen zu flüchten.
Nur die politischen Gäste halten nie bei Louis. Sie kommen vom Flughafen im Konvoi mit bewaffneten Blauhelmsoldaten. Im Garten des Hotels „Montana“, das vor dem Erdbeben die erste Adresse der Stadt war, vermutlich immer noch den besten Service hat und zweifellos einen einmaligen Blick auf die Bucht von La Gonâve, lassen sie sich vor der Gedenktafel für die Opfer des Bebens fotografieren. „Passant, halt inne und beuge dein Haupt“, steht darauf.
„Wie ein Straßenkind, das jeder missbrauchen darf“
Der Präsidentenpalast sieht mit seiner verrutschten Kuppel und den abgesackten Mauern immer noch so aus, als sei er vor einer höheren Macht in die Knie gegangen. Aber seit ein paar Monaten hat Haiti einen neuen Präsidenten. Am Straßenrand hängen zig Konterfeis von ihm mit dem Versprechen, kostenlose Schulbildung für alle haitianischen Kinder zu gewährleisten. Tet Kale, Glatzkopf, ist das neue Alias von Michel Martelly, früher war er besser bekannt unter seinem Künstlernamen „Sweet Mickey“. Ein Schlagersänger. Es scheint, als hätten ihn die Haitianer gewählt, um ein wenig vergnügliche Ablenkung zu haben.
Wenn in der Zeitung steht, Martelly habe auf der Insel La Gonâve an einer wichtigen Konferenz über die Zukunft des Tourismus teilgenommen, dann wurde er dabei beobachtet, wie er ein bisschen Kompa trällerte, die haitianische Mixtur aus französischen, spanischen und afrikanischen Rhythmen mit kreolischen Gesängen. Deshalb muss man vermutlich auch seine Idee mit dem Aufbau einer Armee für umgerechnet 73 Millionen Euro nicht besonders ernst nehmen. Ohnehin wird gemunkelt, dass in Wahrheit die Clinton-Kommission des ehemaligen US-Präsidenten in Haiti die Fäden in der Hand hält. Die wenigen Male, in denen die Vereinigten Staaten in der Geschichte des unabhängigen Landes nicht über seine Geschicke entschied, lassen sich an fünf Fingern abzählen.
Richard Morse ärgert das. Haiti sei „wie ein Straßenkind, das jeder missbrauchen darf“, dröhnt er mit sonorem Bass. Der Zwei-Meter-Hühne mit dem Haarzopf ist ein Cousin des Präsidenten und ebenfalls Musiker; aber durch eine Reihe von Umständen, von denen er selbst nicht sagen könnte, ob sie eher glücklich oder unglücklich waren, seit 25 Jahren auch Direktor des Hotels „Oloffson“. Das ist jenes sagenumwobene Haus, das Graham Greene in seiner „Stunde der Komödianten“ verewigte. Seit das „Oloffson“ das Erdbeben praktisch ohne einen Kratzer überstanden hat, sind die Einheimischen restlos davon überzeugt, dass auf ihm ein besonderer Zauber liegt.
Mit jeder Karibikreise geht automatisch etwas Geld nach Haiti
In das „Oloffson“ kommt man nicht, weil das mit Schnörkeln und Türmchen verzierte und von riesigen Palmen beschattete Haus einen besonderen Komfort böte oder der Gastgeber außergewöhnlich freundlich wäre. Morses Charme ist von eher ruppiger Natur, so mancher Gast soll schon mit Verwünschungen für sein Reisebüro auf den Lippen das Weite gesucht haben. Aber irgendwie passt diese vernachlässigte Schönheit genau zu diesem Land. Und welches andere Haus kann schon damit werben, dass sich Marlon Brando und Mick Jagger an der Bar betranken und schon Jackie Kennedy und Paulette Goddard auf den Matratzen lagen? Endgültig egal sind durchgelegene Betten und blätternde Farbe dann, wenn Morse, seine Frau Lunise und ihre 16-köpfige Band „RAM“ Voodoo Rock ’n’ Roots spielen, wie Morse die Musikrichtung nennt. Dann stehen bis zum Morgengrauen die Fahrzeuge von USAid, UN, GIZ und der winzigen haitianischen Oberschicht vor der Tür.
Das alles sind keine Bedingungen, die ein großer Tourismusveranstalter für seine höchstens gebremste Abenteuer suchenden Kunden verlangt. Erst recht nicht, weil das Auswärtige Amt und andere EU-Länder sowie die Vereinigten Staaten an ihren Reisewarnungen für Haiti festhalten. Trotzdem hat sich Tui Deutschland verpflichtet, über fünf Jahre lang 500.000 Euro in Haiti zu investieren. Weil die Mitarbeiter zum Wiederaufbau beitragen wollten, sagt Harald Zeiss, im Unternehmen für Nachhaltigkeit zuständig. Von jeder gebuchten Karibikreise geht automatisch etwas weniger als ein Euro an den katholischen Orden der Salesianer Don Boscos. Der kümmert sich seit 75 Jahren im Land um die Ausbildung der Ärmsten: Slumbewohner, Straßenkinder, Waisen, ehemalige Prostituierte.
Die Hoffnung noch nicht aufgegeben
In Gressier werden die Deutschen ungeduldig erwartet. Der Ort liegt rund 25 Kilometer westlich der Hauptstadt. Léogâne, das Epizentrum des Bebens, ist mit dem Auto eine Viertelstunde entfernt. Als am 12. Januar 2010 die Erde bebte, fielen das Schulgebäude und das Internat in sich zusammen. In den folgenden Monaten schliefen und lernten die Kinder in Notzelten. Jetzt steht dort ein neuer, riesiger Komplex, leuchtend gelb bemalt, und vor ihm ertönt aus 300 Kinderkehlen ein schiefes, aber begeistertes kreolisches Willkommenslied: „Kè nou kontan, men ou vini vizte nou.“ Manchmal funktionieren sogar der Strom und die Duschen, das ist mehr, als die Kinder von zu Hause kennen. Seit dem Beben haben viele von ihnen ohnehin kein anderes mehr.
Schwer zu sagen, was für eine Zukunft diese Mädchen und Jungen haben. In einem Land, wo eine US-Textilfirma unlängst verhinderte, dass der Mindestlohn auf 60 Cent pro Stunde erhöht wurde. Vielleicht bleibt ihnen doch nur die Reise per Boot hinüber nach Kuba oder zu Fuß in die Dominikanische Republik wie so vielen anderen vor ihnen.
Daniel Fouchard hat aber die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es auch in Haiti einen Tourismus geben kann. In seinem Büro in Port-au-Prince steht er vor einer Landkarte und erzählt mit messianischem Eifer von dem neuen internationalen Flughafen in Cap Haïtien an der Nordküste, der schon nächstes Jahr in Betrieb gehen soll. Im Südwesten, in Les Cayes, sei ein weiterer in Planung. „Wir brauchen nur noch die finanziellen Mittel“, sagt der Generaldirektor im Tourismusministerium, als wäre das kein Problem. Aber vielleicht muss man in Haiti Utopien pflegen, um den Glauben an die eigene Kraft zum Neubeginn nicht zu verlieren. Dass schwarze Sklaven die französischen Kolonialherren vertreiben würden, war schließlich auch lange Zeit unvorstellbar.
Einreise: Das Auswärtige Amt hält an der Reisewarnung für Haiti fest.Die Hotels helfen zwar bei der Buchung, allerdings ist hartes Verhandeln angesagt. Seit der Ankunft der internationalen Hilfsorganisationen sind wie alle Preise auch die für Taxifahrten in exorbitante Höhen gestiegen.
Anreise: Air France bietet ab Paris Direktflüge nach Port-au-Prince, mit Zubringer ab etwa 1400 Euro. Günstiger ist die Condor ab Frankfurt mit Zwischenstopp in Santo Domingo. Allerdings muss mit der haitianischen Fluglinie Tortugair ein Transfer vom Flughafen Las Américas zum Flughafen La Isabela organisiert werden.
Tourismus und Haiti
Niclas Dünnebacke (poggiolo)
- 12.03.2012, 22:29 Uhr