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Haie vor La Réunion Tage der Anspannung

14.01.2012 ·  Nur beim Wandern ist man wirklich sicher: Auf der zu Frankreich gehörenden Insel La Réunion haben Haiangriffe die Urlaubsruhe gestört. Ein Versuch der Annäherung.

Von Annabelle Hirsch
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© Frédéric Buyle „Sie sind ein bisschen wie krankhaft schüchterne Männer“: Die Apnoetaucher Frédéric Buyle und William Winram haben so etwas Schüchternes wie die Bullenhaie vor La Réunion noch nie erlebt

Es ist Samstagmittag auf La Réunion, dem vulkanischen Brocken Frankreich im Indischen Ozean. Die Hochsaison hat gerade begonnen, und eigentlich sieht alles so aus, wie man es sich in kalten europäischen Wintern erträumt: Fast dreißig Grad, der Sand ist weiß, das Wasser klar, im Hintergrund erklingt kreolische Musik, und die Restaurants empfangen ihre Gäste mit Fischtartar und einem Dutzend Variationen von „Rhum arrangés“. Wie das „Saint-Tropez von La Réunion“ wirkt Boucan Canot aber trotzdem nicht, denn der Strand ist quasi leer. „Wie schön!“, denkt man vielleicht, „einer der letzten einsamen Strände im Indischen Ozean!“, aber dann bemerkt man die Strandrestaurants und Boutiquen, die verraten: So wie jetzt war es hier nicht immer.

Tatsächlich war der übersichtliche Strand der Nordwestküste bisher ein von Surfern sehr geliebter Ort und auch einer der bestbesuchten Badeplätze der Insel. Warum diese Leere? Ein kryptischer Hinweis findet sich in der Nähe des unbesetzten Rettungsschwimmerpostens: Dort liegen Blumenkränze, Kerzen, Briefe und Bilder in Gedenken an Mathieu Schiller, den ehemaligen französischen Meister im Bodyboarden und Leiter der lokalen Surfschule. Am 19. September 2011 war der einunddreißigjährige Surfer kurz vor 15 Uhr nur wenige Meter vom Ufer entfernt von einem Hai angegriffen worden. Nachdem das Tier kurz darauf wieder verschwunden war, versuchten Schillers Begleiter den Berichten zufolge, ihn auf ihre Bretter zu hieven und an den Strand zu bringen, als - ab hier gehen die Schilderungen auseinander - der Hai ein zweites Mal angriff und Mathieu Schiller in die Tiefe zog. Dieses bei Haien systematische Jagdverhalten, die Beute ein erstes Mal zu beißen, zu verschwinden und das geschwächte Tier erst beim zweiten Angriff richtig zu packen, erscheint eher unwahrscheinlich. Mittlerweile lautet die offizielle, plausiblere Version, eine Welle habe den Körper von den Brettern herunter und zurück ins Meer gespült. Sein Leichnam wurde nie gefunden.

Wie am Buffet eines Fünfsternehotels

Der Angriff auf Schiller im September war der vierte des Jahres und der zweite tödliche. Zwei weitere folgten im Oktober und im November - die Opfer kamen ohne gravierende Schäden davon. Seitdem am 19. Februar 2011 ein Tourist aus der „métropole“ (so nennt man hier Kontinentalfrankreich), nur wenige Stunden nach seiner Ankunft, bei einem Haiangriff ein Bein verlor, hatten sich die Attacken im Vergleich zu den Vorjahren vervierfacht.

In deutschen Medien fanden die Ereignisse kaum Beachtung, in den Lokalzeitungen von La Réunion führten sie zu einer fast hysterischen Berichterstattung, die mit ungenauen Fakten und widersprüchlichen Informationen weniger der Aufklärung denn der Verwirrung diente. In der französischen Presse häuften sich die Schlagzeilen: „Neue Haiattacke auf La Réunion“, „Das Mysterium der zunehmenden Haiattacken“ - das Ganze gerne mit dem Gruseltenor „blutrünstiger Killerhai im friedlichen Inselparadies“.

Wie groß der Schock tatsächlich ist und wie irrational die Diskussionen sind, wird erst weit weg von Paris klar. Weshalb die Küstenbewohner schon von einer „Haipsychose“ sprechen, erfährt der Gast bereits wenige Minuten nachdem er am Flughafen ins Taxi gestiegen ist: „Wir Kreolen gehen sowieso nicht ins Wasser, wir wissen, dass das gefährlich ist!“, sagt der Chauffeur und schießt, wild mit den Armen fuchtelnd, um die Kurve, an der Rezeption des Hotels geht es weiter: „Gehen Sie am besten nur in der Lagune ins Wasser!“ Und in der Bäckerei spricht man über die neuesten Erkenntnisse, die eigentlich reine Gerüchte sind („Heute Morgen ist ein Taucher bei Trois Bassins angegriffen worden!“). Abends auf einer Party präsentieren ein paar Surfer ihre Lösungsvorschläge: Für die Haie sei das hier wie am Buffet eines Fünfsternehotels. Die einzige Möglichkeit sei, sie zu töten. Vermutlich.

Mülltonnen des Meeres

Sogar auf Fragen, die bislang auch von Wissenschaftlern nicht zu beantworten sind, wie etwa, weshalb die Haie vor La Réunion plötzlich ein erhöhtes Interesse am Menschen bekunden, haben die meisten Laien eine Antwort. Die Top-drei-Erklärungen lauten:

  1. Das vor kurzem errichtete maritime Naturschutzgebiet wirke angesichts der Überfischung im Ozean wie ein All-you-can-eat-Buffet;
  2. Die Fischfarm nördlich von St-Gilles reize die Tiere durch das Geräusch der Fische, die in großen Auffangbecken nahe der Küste gezüchtet werden;
  3. Der Klassiker: Fischerboote führten die Haie direkt zum Hafen neben Les Roches Noires, da sie dort ihre Fischabfälle ins Wasser werfen.

Keine dieser Theorien konnte bisher bestätigt, keine widerlegt werden. Was sie alle beweisen, ist vor allem eines: La Réunion weiß nichts über seine Haie. Zwar hat die Anzahl der Attacken im Jahr 2011 in der Tat eine seit den neunziger Jahren nicht gekannte Dimension erreicht; dass in den Gewässern von La Réunion Tiger- und Bullenhaie leben, ist aber keine Neuigkeit. Beide Spezies sind neben dem Weißen Hai die für den Menschen potentiell gefährlichsten, da sie keinem klar definierten Speiseplan folgen, opportunistische Jäger sind und am liebsten fressen, was einfach zu fangen ist - der Bullenhai trägt deshalb auch den Spitznamen „Mülltonne des Meeres“. Umso erstaunlicher ist, dass Projekte, ein wissenschaftlich fundiertes Studium der Tiere zu betreiben, wie es Forscher des „Institut de recherche pour le développement“ (IRD) in Paris seit mehreren Jahren fordern, nie ernsthaft verfolgt wurden.

Es klingt, als habe ihn ein Kätzchen angefallen

Die Reaktionen der Behörden wirken angesichts dieser Unwissenheit wie hilflose Konsolidierungsversuche: Weil die Maßnahme des Präfekten Michel Lalande, die Jagd auf die vermeintlichen Bestien freizugeben, außer eines 160 Kilo schweren Bullenhais keine Früchte trug, schloss man die Strände von Boucan Canot und Les Roches Noires für fast vier Monate. Hinweisschilder für Touristen gab es keine. Nur leere Strände. Woran offensichtlich keiner gedacht hatte, war, dass Surfbrettverleihe, Surfschulen, Restaurants und sonstige Händler unter den fehlenden Surfern leiden würden. Der Frust darüber ist groß. So weigert sich der Besitzer eines Surfladens bei Les Roches Noires zunächst, mit uns zu sprechen, „die Presse hat schon so viel Müll verbreitet, die Tatsachen werden ständig deformiert!“, tut es dann aber doch. Seitdem man am sonst überfüllten Strand nur noch zwischen 10 Uhr und 17.30 Uhr in einem mit kleinen Netzen abgetrennten Bereich herumplanschen darf und sofort von Wächtern aus dem Wasser gezogen wird, wenn man das nicht tut, ist sein Umsatz um fast fünfzig Prozent zurückgegangen. „Ich versuche den Kunden entgegenzukommen: Die erste halbe Stunde Verleih ist umsonst, so können sie von hier nach Trois Bassins fahren. Dort ist der Strand noch nicht bewacht, da kann man noch surfen“, sagt der Surfladenbesitzer.

Fünf Minuten entfernt von dort sitzt Arnaud an der Terrasse der „Casa Pain“. Er ist siebzehn Jahre alt, Bäckerlehrling und seit kurzem berühmt. Im Juli hat er die Attacke eines Bullenhais bei Les Roches Noires mit ein paar Kratzern und einem ziemlich demolierten Brett überlebt. Wenn Arnaud schildert, er habe gesehen, wie der Hai im Wasser unter ihm mit seinem Brett spielte, dann klingt das, als habe ihn ein Kätzchen angefallen. Bis zum Unfall von Schiller war auch er noch ein paarmal im Wasser, danach nicht mehr: „Ich glaube nicht, dass es jetzt gefährlicher ist als früher, aber Trois Bassins ist ohne Auto einfach zu weit weg. Hier darf man ja nicht mehr surfen.“

Im Oktober ist professionelle Hilfe auf der Insel angekommen

Bei Trois Bassins, einer felsigen Bucht südlich von St-Gilles, sind etwa dreißig Surfer im Wasser. Manche reiten auf der Welle, manche warten mit den Füßen im Wasser auf die nächste, und auch wenn man sich vom Haifieber nicht anstecken lassen will, ein bisschen erwartet man fast, dass jeden Moment etwas passiert. Passiert aber nichts.

Yann und Vincent, die hier mehrmals die Woche surfen, sehen die Lage pragmatisch, obwohl ihnen bewusst ist, dass ein Hai nicht viel mehr als zwei leichte Flossenschläge brauchte, um von Boucan nach Trois Bassins zu schwimmen: „Alle wissen, dass es in La Réunion Haie gibt, das war nie ein Grund, nicht zu surfen. Und ist auch jetzt keiner. Man muss natürlich damit rechnen, aber auch beim Autofahren muss man mit einem Unfall rechnen!“

Trotzdem ist die Stimmung natürlich nicht berauscht in diesen Wintermonaten, die sich hier wie ein nie zu Ende gehender Sommer anfühlen; alle kannten Mathieu Schiller und fragen sich, warum es so lange dauern muss, bis konkrete Maßnahmen ergriffen werden.

So meinen viele, man könnte das Risiko zum Beispiel durch Hainetze mindern – eine Methode, die an manchen von Weißen Haien geplagten Stränden von Australien und Südafrika verwendet wird, die Naturschutzlobby allerdings in Rage bringt und auch nur sehr bedingt Sicherheit bietet.

Immerhin: Im vergangenen Oktober ist professionelle Hilfe auf der Insel angekommen. Das großangelegtes Forschungsprojekt des Pariser Rechercheinstituts IRD soll die Haie durch elektronische Markierungen unter Beobachtung stellen und ihr Verhalten zumindest berechenbarer machen. Das Ganze wird knapp zwei Jahre dauern. Danach hofft man mehr über die Anzahl, Bewegungen und das Verhalten der Tiere zu wissen, um sich konkret danach richten zu können.

Baden außerhalb der Überwachungszeiten auf eigene Gefahr

Antonin Blaison, der das System schon erfolgreich in Südafrika getestet hat, wirkt bei unserem Treffen trotzdem etwas frustriert. Seit Beginn der Aktion haben sie erst drei Haie markiert. Während die Bevölkerung immer ungeduldiger wird, haben sie jetzt schon seit mehreren Wochen keinen einzigen mehr gesehen.

Auch die Apnoetaucher Frédéric Buyle und William Winram, die seit sechs Jahren Haie direkt unter Wasser markieren, erzählen uns Abends in Boucan Canot, die Bullenhaie vor La Réunion seien ungewöhnlich schüchtern, näher als zehn Meter komme man gar nicht an sie heran. „Sie sind ein bisschen wie krankhaft schüchterne Männer, wenn sie sich mal trauen, eine Frau anzusprechen, dann werden sie forsch“, sagt Frédéric und lacht. Für William steht fest: „Man hätte die Strände nicht schließen dürfen. Es wird jetzt schwierig zu erklären, weshalb man sie wieder öffnet, denn eine Patentlösung gibt es nicht.“

Die Nervosität ist weiterhin spürbar: Während Ende letzter Woche der Strand von St-Leu, eine halbe Stunde südlich von St-Gilles, geschlossen wurde, weil dort drei Haie im Wasser gesichtet wurden, hat man den Strand bei Les Roches Noires vor zehn Tagen wieder geöffnet. Viel mehr Erkenntnisse als im vergangenen November hat man auch jetzt noch nicht, aber dafür ein paar Schilder: Am Eingang des gut besuchten Strandes stehen jetzt große Schilder mit der Warnung „An diesem Spot wurden schon Haie gesichtet“ und empfohlenen Verhaltensregeln, wie, nicht alleine, nicht nach schweren Regenfällen und nicht nach Sonnenuntergang ins Wasser zu gehen. Darunter liest man den ausdrücklichen Hinweis: Baden außerhalb der Überwachungszeiten auf eigene Gefahr!

Nur beim Wandern trifft man garantiert keinen Hai.

Der Weg nach La Réunion

Eine Insel zum Wandern

La Réunion ist – nicht erst seit den Haiangriffen – keine Insel, die man wegen ihrer Strände besucht, sondern wegen des Landesinneren. Das touristische Angebot ist daher auch vor allem auf Wanderer ausgerichtet.

Anreise

Es gibt keine Direktflüge von Deutschland nach La Réunion, daher am besten über Frankreich oder Mauritius anreisen, mit Air France, Air Austral oder Air Mauritius zum Beispiel; Preis ab 900 Euro.

Unterkunft

Eine Nacht im „Grand Hôtel du Lagon“ kostet ab 150 Euro pro Person; in der Lagune kann man unbedenklich baden (www.luxislandresorts.com). Auf der ganzen Insel gibt es auch Pensionen und Gîtes (Wanderhütten) aller Preisklassen. Infos beim Fremdenverkehrsamt von La Réunion unter www.insel-la-reunion.com oder unter 0 69/97 59 04 94

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