Diese Schönheit ist brutal. Sie ist karg und wüst und weit, verzerrt, gepeitscht, abgenutzt und staubig; sie changiert in Grau, Graugrün und Beige. Gotland, das karge Nordende der schwedischen Insel, die im Süden grün und saftig ist. Hier oben ragen die meisten der berühmten Raukar aus dem Boden, hohe, bizarre Kalksteinsäulen, entstanden durch Erosion. Die Landschaft wird surreal an diesen Stellen, eine Mondlandschaft im Nirgendwo. Aber manchmal ist Nirgendwo genau der Ort, den man sucht. Designer, Fotografen und Künstler fühlen sich von Gotland angezogen, sie sehen und bleiben, und die Landschaft prägt ihren Stil.
Eine schmale Straße führt auf die Insel Furillen im Nordosten Gotlands, vorbei an Lergravsporten, einem der bekanntesten Raukar von Gotland. Dann eine aufgeschüttete Furt zur Insel, Straßenschilder gibt es keine, verfahren kann man sich hier nicht. Kantig hat sich der industrielle Kalkabbau in den Boden gegraben. Schon von weitem sieht man den Fabrikturm des alten Kalkwerks, trutzig, mit hohlen Fenstern, umgeben von hohen Schotterbergen. Genau hier befindet sich eines der extravagantesten Designhotels Schwedens: „Fabriken Furillen“.
Militärisches Sperrgebiet
Über 20 Jahre war das Kalkwerk stillgelegt, als Johan Hellström es entdeckte - auf der Suche nach einer Fotolocation. Bis in die neunziger Jahre war die kleine Insel Furillen militärisches Sperrgebiet, kein Tourist durfte sie betreten. Dieser Ort musste nie anders sein als wüst. Dennoch sah Johan Hellström, als Fotograf ständig auf der Welt unterwegs, hier den Platz, an dem er bleiben wollte. Er kaufte rund 500 Hektar Land; zog 1999 mit seiner Familie in die alte Kalkfabrik, begann sie umzubauen. Die Hellströms beherbergten dort anfangs vor allem Fototeams - bis heute haben über 700 Fotoproduktionen und Drehs auf der Insel stattgefunden, von Modeshootings für die „Vogue“ bis zum Musikvideo der Cardigans. Heute befinden sich in der ehemaligen einstöckigen Arbeiterkantine insgesamt 18 Zimmer und ein Restaurant.
Der Boden, die Möbel, das Licht: Alles ist grau, weiß, schwarz. Der Lampenschirm aus Tüll von Jonas Bohlin, die weichen Felle der gotländischen Schafe, der Betonboden: Der Wechsel der Materialien macht die Nichtfarben lebendig, durch eine Wand aus Glasbausteinen fällt milchiges Licht. Von der Decke hängen noch die rostigen Ketten der Lastschienen, aufgeschlungen wie Perlenketten. Am Strand, zwischen Ostsee und Kalkbergen, steht ein silberner Airstream-Wohnwagen als zusätzliches Hotelzimmer. Eine knorrige Kiefer schmiegt sich an seine Seite, aus dem Rückfenster fällt der Blick auf einen langen Steg, an dessen Ende noch ein rostiger Lastkran steht. Aus allen Zimmern im Haus nebenan gehen deckenhohe Glastüren nach draußen, der Blick soll frei bleiben, die Wege offen, das Raumdesign soll nicht ablenken von der Landschaft. In dieser Hinsicht scheint „Fabriken Furillen“ typisch gotländisch, typisch skandinavisch.
Schlichte Bank
In „Fabriken Furillen“ steht auch die Fårö-Bank der Firma G.A.D., Gute Art & Design, der größten und bekanntesten Möbelfirma der Insel. Die Bank ist schlicht: ein Holzgestell, bezogen mit Lammfell. Wie Hellström ist auch der G.A.D.-Gründer Kristian Eriksson einer von jenen, die auf Gotland neu angefangen haben. Sein IT-Job in Stockholm langweilte ihn, als Sohn und Enkel von Designern interessierte er sich für Gestaltung.
Auf Gotland wollte er sich ein Jahr Zeit geben, um diesen Beruf auszuprobieren - und gewann 1999 mit der Fårö-Bank aus dem Stand einen Swedish Design Award. Gute Art & Design, das klingt für Deutsche nach „gutes Design“, aber „Gute“ steht für Gotland. Hier werden alle Stücke produziert, in Visby - der einzigen Stadt auf der Insel - befindet sich der Firmensitz und Verkaufsraum. „Wann immer es möglich ist, verwenden wir Rohmaterialien aus Gotland, wie die Lammfelle oder den Kalkstein und Beton“, erklärt der Firmengründer. Alle Stücke sind schlicht und solide, auch sie leben vom Kontrast der Materialien.
Nicht nur die Rohstoffe und die Landschaft machen Gotland für Designer interessant. Sie können sich hier zurückziehen und ausbreiten: Gotland hat im Schnitt 19 Einwohner pro Quadratkilometer. Die Hauptstadt Stockholm ist nah - drei Stunden auf der Fähre oder eine gute halbe Stunde Flug; aber die Mieten sind auf der Insel niedriger. In alten Meiereien und Bauernhöfen richten sich Gestalter Ateliers und Produktionsstätten ein, verstreut über die ganze Insel. Immer wieder verweisen „Keramik“-, „Atelje“- und „Öppet“Schilder auf sie.
Viele produzieren das, was oft verächtlich Kunsthandwerk genannt wird - gefilzte Hüte, Lammfelljacken, handgebrannte Keramik. Aber viele produzieren auch Dinge, die Minimalisten glücklich machen. Dazu fahren sie einfach mit dem Auto über die kleinen Landstraßen (denn die Busse fahren nur selten) und suchen Irgendetwas, was sie dann verarbeiten. Weit sind die Wege nie, die Insel ist nur 150 Kilometer lang und 50Kilometer breit.
Das Grau inspiriert
Rund 30 Kilometer vom Hotel „Fabriken Furillen“ entfernt befindet sich die Skulpturfabrik von Stina Lindholm, einer Designerin, die sich auf Betonprodukte spezialisiert hat. 1990 zog die Finnin nach Gotland, um eine Kunstgießerei zu gründen. „Mir war danach, innerhalb eines sehr begrenzten Gebietes zu leben und zu arbeiten. Die gotländische Kultur, das Licht, das Grau und die Luft inspirierten mich“, sagt sie. Ihr günstig gekaufter Hof liegt in der Nähe von Slite, mit knapp 1500 Einwohnern der zweitgrößte Ort der Insel. Auch er ist geprägt durch die Kalkindustrie und Standort von Schwedens größtem Zementwerk. Der Kalkstein wird hier zerrieben, vermischt und zu Zement gebrannt, wichtigster Bestandteil des Betons, den Stina Lindholm benutzt. Daraus gießt sie schlichte, elegante Bänke und Tischplatten, auch für Innenräume, große Blumentröge und manchmal auch eine Drachenskulptur.
„Vackrare Vardagsvara“, der schöne Alltag, heißt die Schrift des schwedischen Kunsthistorikers Gregor Paulsson, die 1919 erschien. Mit ihr wollte er Künstler davon überzeugen, mit den aufkommenden Industrien zusammenzuarbeiten. Inspiriert wurde Paulsson vom Deutschen Werkbund, der „vom Sofakissen bis zum Städtebau“ den Stil einer neuen Zeit etablieren wollte: funktional, hochwertig, zweckmäßig; schöne Dinge für alle. Es scheint, als hätte sich dieser Ansatz in Schweden besser durchgesetzt als anderswo. Unwillkürlich denkt man an Ikea und H&M. Aber um Stil allein und um solche Masse ging es nie. Es ging um Qualität und Nachhaltigkeit.
Aus Versehen schön
Auf Gotland nimmt man das besonders ernst. Hier kann man an beliebigen Stellen anhalten und Orte finden, die wie aus Versehen schön wirken. Zum Beispiel die Rute Stenugnsbageri, eine Steinofenbäckerei mit Café in der Nähe von Valleviken, kurz vor der Insel Furillen. Holzstühle unter gelben Sonnenschirmen, Pflanzen in riesigen Blechkübeln, Kreidetafeln auf dem Ofensims, ein weißer Ventilator dreht sich leise. Es riecht nach frischem Brot. Und an der Ostküste bei Katthammarsvik, nicht weit entfernt von Furillen, versteckt sich das Juniper House von Murman Arkitekter im Wald. Ein niedriger Quader, komplett umhüllt von einer Textilfassade, bedruckt mit einem riesigen Foto der umstehenden Kiefern.
Auch auf dem Gelände von Johan Hellströms Hotel „Fabriken Furillen“ liegt ein moderner Quader im Wald: der Kulturkuben von AQ Arkitekter, dessen rostig rotbraune Außenhaut kaum zu sehen ist vom Weg aus. Abweisend wirkt er, in sich zurückgezogen. Der niedrige Sockel ist mit Spiegelglas verkleidet, das Haus scheint über dem Waldboden zu schweben. Die Fassade hat keine Öffnung, nur eine kleine Treppe führt hinab zu einem Eingang. Von innen lassen sich die Wandflächen, hydraulisch gesteuert, verschieben und nach außen klappen. Zukünftig soll dieses extravagante Gebilde als Künstlerhaus genutzt werden; wie überhaupt Hellströms Plan ist, seinen Besitz auf Furillen zu einer Art Kulturzentrum auszubauen. Vergangenen Sommer fand in einem der alten Betriebsgebäude bereits eine Fotoausstellung statt.
Das Meer als Badewanne
Vom Kulturkuben aus holpert das Fahrrad über den Schotterweg, es geht leicht bergauf, in den Schlaglöchern steht noch etwas Schlamm. Etwa zehn Minuten weiter stehen die Hütten, die als externe Hotelzimmer dienen, grauschwarzes Holz, zwischen Büschen verborgen. „Eremitens koja“ hat der Designer Mats Theselius sie genannt, Eremitenhütten. Sieben Quadratmeter groß, mit einem Holzofen, auf dem kleinen Tisch liegt ein Notizbuch bereit. Auf dem Schrank steht Öko-Shampoo, das man im Meer verwenden darf - denn das ist die Badewanne. Drei Schritte neben der Hütte das Plumpsklo.
Doch das schlichte gotländisch Selbstverständliche gerät bei Johan Hellström immer wieder zur Inszenierung. Auf dem Plumpsklo liegt die „Vogue“ und „Harper’s Bazaar“. Überhaupt, das Hotel ist gespickt mit den Statussymbolen der Lifestyle-Enthusiasten: Lautsprecher von Bang & Olufsen, Matratzen von Hästens, Bettwäsche von Lexington. Und Hellström zählt die Marken in den Beschreibungen seiner Zimmer auf wie andere Hoteliers die Minibar und den Föhn.
Das Long Island Schwedens
Analog zur „Gentrifizierung“ von Stadtvierteln geschieht auf Gotland seit einigen Jahren eine Art „Glamifizierung“ der Öde. Erst kamen die Kreativen, dann die Investoren. Früher war die Stockholmsveckan, eine Woche im Juni, die einzige Zeit, in der die jungen Menschen aus der Hauptstadt auf die Insel strömten, um zu feiern, geradezu gefürchtet von den ruhigen Gotländern. Nun kaufen sich immer mehr von ihnen Häuser auf der Insel und treiben damit die Grundstückspreise derart in die Höhe, dass viele vom „Long Island Schwedens“ sprechen.
Aber ganz ohne Widerstand lassen sich die Gotländer nicht überrennen: Abba-Mitglied Björn Ulvaeus etwa durfte sein Haus nicht am Strand von Furillen bauen, trotz eines jahrelangen Antragsmarathons, und auch Johan Hellström trifft mit seinem Plan, Furillen völlig umzukrempeln, immer wieder auf großen Widerstand, von Behörden und Einwohnern. Noch kämpfen sie für die Eigenheit, die Ruhe, die Weite und die Öde ihrer Landschaften.
Anreise Air Berlin und Tuifly fliegen im Sommer jeden Samstag von Berlin nach Visby (ab ca. 50 Euro). SAS bietet Flüge von Frankfurt mit Zwischenstopp in Stockholm. Wahlweise kann man am Hafen in Nynäshamn, südlich von Stockholm, eine Fähre nach Visby nehmen. Die Fahrt dauert etwa drei Stunden (www.destinationgotland.se).
Unterkunft Im Hotel „Fabriken Furillen“ kostet die Übernachtung im Doppelzimmer inklusive Frühstück ab 225 Euro. In den Eremitenhütten des Hotels wird der Preis billiger, je länger man bleibt: Die erste Nacht kostet 5000 Kronen (ca. 550 Euro), die zweite nur 500, die dritte 50, die vierte 5 (www.furillen.nu). Eine moderne Designunterkunft ist auch das „Tott Hotel Visby“: Doppelzimmer mit Frühstück ab 120 Euro. Das Hotel liegt am Strand Snäck und ist 1,5 Kilometer vom Stadtkern entfernt (www.totthotelvisby.se).
Design-Links Möbelfirma Gute Art & Design (www.gad.se); Skulpturfabriken (www.skulpturfabriken.se); Steinofenbäckerei mit Café (www.rutestenugnsbageri.se); Murman Arkitekter (www.murman.se); AQ Arkitekter (www.aq-arkitekter.se)
Informationen unter www.gotland.info und www.visitsweden.com