29.06.2007 · Während in Spanien und Portugal die Golfer mittlerweile mit hohen Greenfees gemolken werden, wächst Italien zum Reiseziel der Wahl. In der Toskana gibt es eine ganze Reihe lohnender Golfplätze. Manches ist aber noch gewöhnungsbedürftig.
Von Tilmann LahmeAnders als die mediterranen Schwestern Spanien und Portugal war Italien bislang kein Reiseziel für Golfer. Doch seit in den mittelmeerischen Hochburgen des Golfens die Greenfees immer weiter ansteigen und man die Spieler wie eine Herde Hammel antreibt, um möglichst viele pro Tag über die Plätze zu scheuchen, weichen Golfer aus, fahren etwa nach Tunesien oder in die Türkei. Und inzwischen werben auch immer mehr Reiseveranstalter mit dem „Golfland“ Italien, dem „Traumziel für Golfer“ - und meinen nicht mehr nur Südtirol, sondern zum Beispiel auch die Toskana.
Hier, nahe Lucca, beginnt unser Golfurlaub. Der erste Abschlag fliegt in Forte dei Marmi vom Tee, nördlich von Viareggio, dem bekannten Badeort, zugleich Schwulen- und Sündenparadies der Region, in das alle rotbeleuchtete Vergnüglichkeit schon vor vielen Jahren ausgewichen ist. Das streng katholische Lucca, dreißig Kilometer entfernt, will dies in den eigenen berühmten Stadtmauern nicht dulden. Schärft solches Wissen die Aufmerksamkeit, oder legt es sich wie ein vorurteilender Nebel über die Wahrnehmung? An Bahn sechs jedenfalls überholt ein goldkettchenbehangener, nicht mehr ganz junger Mann im Trainingsanzug, der mit einer sicher zwanzig Jahre älteren Dame eine Runde im Golfcart dreht - Trainer, Erbneffe oder Gigolo?
Ein unterhaltsamer Platz
Professionelle Gastfreundschaft umfängt auch den Besucher des „Versilia Golf Club“, der, was hierzulande ungewöhnlich ist, auf seiner Homepage Informationen auf Italienisch, Deutsch und Englisch bietet. Auch im Sekretariat entsteht nicht der Eindruck, man sei hier mehr geduldet als erwünscht. Die Driving Range allerdings sollte man sich ersparen, trotz edler Kabinen samt Aschenbecher. Keine zweihundert Meter lang und eng umgrenzt gehört sie zwar, wie sich bald zeigt, zu den besseren in der Toskana, aber wirkliches Üben ist auch hier kaum möglich. Man geht die Sache, wie's scheint, eher spielerisch an.
Der Platz bietet gute Gründe, sich nicht mit Kabinengolf aufzuhalten. Auf dem Schwemmland - knapp zwei Kilometer entfernt brandet das Meer ans Ufer, allerdings sieht man von Bahn eins bis achtzehn keinen Zipfel vom Meer - ist ein schöner Golfplatz entstanden: moosweiches Fairway, abwechslungsreiche Bahnen mit Doglegs und Wasserhindernissen, alles in ordentlichem, nicht übermäßig herausgeputztem Pflegezustand. Rough kennt man hier nicht, und die geringen Steigungen erschweren das Spiel kaum. Schwierigkeiten bereiten die langen Par-Vier-Bahnen (fünf zwischen 370 und 400 Metern) und mancher Baum, der sich dem direkten Weg entgegenstellt. Unterhaltsam.
Odium des neuen Geldes
Anders, ganz anders Platz zwei. Nahe der Industriestadt Prato, bekannt für ihre Textilwirtschaft, auf dem Weg von Lucca nach Florenz, liegt der „Golfclub Le Pavoniere“. Er wirbt nicht nur damit, dass er sich auf einem ehemaligen Landgut der Medici befindet, sondern auch mit dem Namen seines Architekten: Golflegende Arnold Palmer, der Franz Beckenbauer des Golfsports. Bis zum Abschlag sind einige Hürden zu überwinden: Baustellen, ein Schilderwald von Hinweisen auf Fabrikverkäufe, ein Wegweiser zum Golfplatz, der in die verkehrte Richtung einer Einbahnstraße zeigt. Schließlich erreichen wir den Club, gesichert wie die Ranch des amerikanischen Präsidenten mit Mauern und Schranke, die sich nach Klingeln zögerlich hebt, einlässt in eine Welt mit dem Odium neuen Geldes, in der die Angestellten sich wie Bedienstete beim deutschen Herrenausstatter benehmen: arrogant, als gehöre ihnen der Laden.
Beschützt fühlt man sich hier trotz der Mauern nicht: Direkt vor dem Clubhaus, in Puttweite des Sekretariats, warnt ein Schild: „Parcheggio non custodito“ - unbewachter Parkplatz. Das vorletzte Schild, das hier heute zu sehen sein wird. Das letzte folgt an Abschlag eins: die Hinweistafel, die den Verlauf der ersten Bahn erklärt. Links Wasser, das man nur mit akrobatischen Fehlschlägen erreicht. Von nun an ist das Spiel blind. Keine Tafeln an den Abschlägen erläutern, was nun kommen mag, wo welches Hindernis lauert. Selbst die Orientierung, ob man überhaupt noch ordnungsgemäß der Reihung der Bahnen folgt, ist erschwert und nur schätzungsweise über den Abgleich des Spiels mit den Angaben auf der - unbebilderten - Scorekarte möglich: „Ja, das könnte Bahn sechs gewesen sein, Par-Vier mit 339 Metern Länge . . .“ Keine Numerierung der Abschläge, keine Zahlen auf den Fähnchen am Flaggenstock (die Frage nach einem Birdiemaker war im Sekretariat mit einem mitleidigen Kopfschütteln quittiert worden): ein Gelände-Orientierungslauf, Wehrpflichtigen aus der Grundausbildung vertraut.
Wo bleibt die Gemütlichkeit?
Dabei wäre dieser Platz, trotz etwas fader Umgebung (und einer erstaunlichen Neigung der einheimischen Golfer zur Farbe Orange, Trend des Sommers aus der Textilstadt?), durchaus ein Vergnügen, könnte man seine Aufmerksamkeit nur stärker auf ihn richten. Das Wasser, das an der ersten Bahn wie ein visueller Geschmacksverstärker ohne Bedeutung für das Spiel erschien, zieht sich durch die gesamte Anlage, als Flüsschen das Fairway an lästigen Positionen kreuzend, dann zum Wasserhindernis um ein Grün herum anschwellend. Wie ein treuer Begleiter - hier eher: Wegweiser - bleibt das Wasser erhalten, bis es an der achtzehnten Bahn spektakulär zu einem See in die Breite strömt, der als Hindernis in einem Dogleg und dann noch einmal als Wächter des Grüns jegliche Gemütlichkeit in den letzten Schlägen verhindert.
Herausfordernd sind auch die pfeilschnellen Grüns, groß und onduliert, umgeben von Semirough, das nicht nur einfach hohes Gras ist, sondern Büffelgras: derart zäh und widerborstig, dass, wer dort landet, selbst wenige Meter von der Fahne entfernt seine Aufmerksamkeit nicht auf eine Annäherung ans Loch richtet, sondern darauf, das tückische Gemüse überhaupt zu verlassen. Nichts für schwache Nerven - und für schwache Golfer erst recht nichts. Insgesamt eine sportliche Herausforderung, die den miserablen Gästeservice nicht vergessen, aber besser erträglich macht.
Nüchternheit und Ausdauer
Das Kontrastprogramm liefert das nächste Golfziel: der Club „Ugolino“, Hausplatz der Golfer in und um Florenz. Durch den Ort Grassina hindurch, gesäumt von Restaurants und Boutiquen (was nur verrät uns ein Modeladen mit Namen „Cabriolet“ über die zu erstehende Mode?), erreicht man den mondänen Club, der inmitten des für seinen Wein berühmten Chianti liegt. Der Platz ist landschaftlich beeindruckend, erfordert aber vom spielerischen und konditionellen Anspruch her Nüchternheit und Ausdauer.
Eine Wanderung beginnt, unterbrochen von Golfspiel und Ausblick ins Tal oder auf die gegenüberliegenden Hügel, der für misslungene Versuche entschädigt, die Spieltaktik mit den Schräglagen und Blindschlägen über Kuppen in Einklang zu bringen. Höchst stolz ist man hier, der älteste Club Italiens zu sein, gegründet 1889 (allerdings zog man von einem früheren Platz 1933 zum jetzigen Ort um, so dass die Ehre des ältesten Golfplatzes dem „Circolo del Golf di Roma“ gebührt). Man merkt es auch auf dem Platz: Er atmet Geschichte und Tradition und wirkt - kurz, aber keineswegs leicht - eher naturbelassen als so perfekt angelegt wie jener bei Prato.
Golfspielen ist gefährlich
Das Gelände bot nicht genug freie Fläche für die Erweiterung auf achtzehn Bahnen, so dass man auf ein Gebiet jenseits der herführenden Via Chiantigiana ausweichen musste. Diese Bahnen (dreizehn bis siebzehn) sind nicht nur weniger attraktiv und liegen dicht an der vielbefahrenen Autostrada nach Siena, von der es zudringlich herüberdröhnt, sie scheinen auch in puncto Sicherheit nicht unbedenklich. Ein Abschlag ist gesperrt, ein Par-Vier zu einem Par-Drei verkürzt - Golfbälle gelten wohl selbst in Italien, wo man das Risiko auf der Straße schätzt, als unerwünschte Verkehrsteilnehmer.
Im denkmalgeschützten Clubhaus - es ist im Stil des Razionalismo in den dreißiger Jahren erbaut - erklärt der Clubmanager später, warum der Platz so wenig bespielt sei. Man habe kein großes Interesse an vielen Gästen. Um die Offenen Meisterschaften von Italien, die 1983 in „Ugolino“ ausgetragen (und von Bernhard Langer gewonnen) wurden, habe man sich später nicht mehr beworben. Die Mitglieder des Clubs, in den man über Bürgen und eine lange Warteliste gelangt, wollten sich nicht noch einmal mit den Einschränkungen, die das Turnier erforderte, abfinden.
Verfluchte Maremma
Wem der wunderschöne, aber anstrengende Platz von „Ugolino“ von den Steigungen her nicht anspruchsvoll genug ist, der sollte den ebenfalls im Florentiner Umland gelegenen „Montecatini“ ausprobieren. Auf diesem Golfplatz für Bergziegen ist ein wenig Masochismus hilfreich, mehr noch, als überhaupt nötig ist, um sich mit dem Golfsport laufend zu versichern, dass man so begabt, wie man dachte, doch nicht ist. Aber trotz müder Waden: Ist Golf, das ja nur durch die rund acht Kilometer Fußweg pro Runde einen Hauch von Sportlichkeit aufweist, nicht kastriert und jämmerlich, wenn man es mit Hilfe eines Carts betreibt?
Den oft gelobten Club „Poggio dei Medici“, östlich von Florenz, lassen wir aus, ebenso die neueren Neun-Loch-Anlagen der Gegend und nehmen lieber eine weite Anfahrt in Kauf - 175 Kilometer -, um in Punta Ala abzuschlagen, mit weitem Blick auf das Meer und die Insel Elba. Ausgerechnet hier, wo ein vielgesungenes Volkslied mit dem Vers „Sia maledetta Maremma Maremma“ (sei verflucht, Maremma) entstand, auf das einst mückenverseuchte Sumpfgebiet anspielend, hier also trifft man auf einen wirklich phantastischen Golfplatz. Er bietet einen herrlichen Ausblick, aber mehr noch Schluchten und Waldbahnen zwischen Pinien und Korkeichen, und es kommt einem vor, als gehöre der gesamte Platz nur einem selbst allein. Es ist ein Ausflug, der sich lohnt, aber auch ein Kraftakt - diesen Platz kann man kaum zum natürlichen Golfgebiet einer Reise rechnen, die ihren Ausgangspunkt nahe Lucca hat.
Ein Mann, ein Schläger, ein Ball
Von hier aus kommen eher schon die beiden Plätze in Tirrenia ins Spiel, die am Meer dicht bei Pisa liegen. Der Neun-Loch-Platz, mitten in einen Pinienwald hineingebaut, überzeugt, auch mit seinem familiären, gar nicht hochnäsigen Charme, und ist ein schönes Begleitprogramm, wenn man sich etwa durch die Menschenmassen unter Pisas Schiefem Turm gewunden und die Belästigungen der Straßenverkäufer überstanden hat. Auf diesem Golfplatz ist der Driver meistens keine gute Wahl, sondern Genauigkeit gefragt. Ein dicker Italiener überholt, pfeifend und mit watschelndem Gang, und demonstriert eindrucksvoll sein Minimalprogramm: ein Schläger, ein Ball.
Wer hingegen im Urlaub den Kontakt zu Einheimischen meiden möchte, sollte den anderen, direkt angrenzenden Platz in Tirrenia zu seinem Hausplatz erklären. Auf dem „Cosmopolitan“ spielen fast nur Touristen, Deutsche zumeist, seltsam oft in roten Shorts (der Gegentrend zum Orange aus Prato?). Man steht und wartet vor nahezu jedem Schlag, jetzt schon, vor der Hauptsaison, betrachtet das Spiel um einen herum - was kein rechtes Vergnügen ist, zieht es hierher doch die Golfer höherer Handicaps. Sie wissen, warum: Der Platz ist der mit Abstand leichteste der gesamten Region - und das Attribut „fordernd“, mit dem er auf einer Internetseite über Golf in der Toskana (samt Reiseangeboten) angepriesen wird, ist ein ebenso schlechter Scherz wie die Beschreibung als „empfehlenswerter Links-Course nach schottischem Vorbild“ im „Golfführer Italien“: kaum Bunker an den stumpfen Grüns, wenig Hindernisse, Wasser nur, wo es nicht zu sehr ins Spiel kommt. Und dann die Längen: Alles scheint deutlich kürzer zu sein als angegeben - als handle es sich um das golferische Äquivalent zu den italienischen Kleidungsgrößen: „Large“ für Männer von 1,72 Metern Körpergröße.
Keine Marshalls auf den Bahnen
Hier also hat man die Bedeutung des Tourismus erkannt, anders als in den meisten anderen Golfclubs der Toskana. Was nicht nur schlecht ist: Zwar sind die Greenfee-Preise, die zwischen fünfzig und siebzig Euro liegen und zur Hauptsaison ab Juli noch einmal ansteigen, nicht gerade niedrig, aber bei weitem nicht so hoch wie in Spanien und Portugal gefordert. Anders als dort verfolgen in der Toskana keine Marshalls die Spieler auf den Bahnen und mahnen zur Eile, die Flights werden nicht aufgefüllt mit fremden Spielern, um maximale Ausnutzung zu erreichen, und von Golfcartzwang wie auf manchem Platz auf Mallorca ist hier keine Rede. Der Nachteil ist die geringe Platzdichte, was zu weiten Wegen führt, und mangelnde Professionalität im Umgang mit Gästen - oder auch mangelndes Interesse an ihnen.
Hier liegt ein Potential brach. Doch in der Schnödigkeit italienischer Golfclubs steckt zugleich ein souveräner Unwille, aus allem das touristisch Machbare herauszuklopfen. Es bleibt dabei, und sicher für Jahre: Die Toskana ist ein Traumreiseziel, aber bei weitem kein Traumland für Golfer, trotz einiger schöner Plätze. Wer kommt, um sich an Landschaft und Kultur zu erfreuen, kann auch seine Golfschläger mitbringen. Nicht umgekehrt.
In der Toskana und in den angrenzenden Regionen Umbrien und Marken findet man 21 Golfplätze. Die meisten gruppieren sich um Pisa und Florenz. Kritische, ungeschönte Platzbewertungen sind jedoch, wie überhaupt beim Golf, kaum zu bekommen. Der „Golfführer Italien“ des Albrecht Golf Verlags (12,90 Euro) bietet immerhin kurze Charakteristika und Anfahrtswege.
Die Greenfees liegen zwischen fünfzig Euro (Cosmopolitan) und siebzig Euro (Le Pavoniere), höhere Preise am Wochenende und in der Hauptsaison (Juli und August). Nachlässe gibt es bei Hotelarrangements.