05.03.2010 · Afghanistan war eimal ein Reiseland. Warum sich ein Besuch Kabuls durchaus noch immer lohnt, versucht Safi Airways seinen Passagieren zu erklären.
Von Karen KrügerMarjan war stark, zottelig und konnte brüllen, dass die Wände wackeln. Marjan war ein Löwe, wie man ihn sich nicht besser wünschen könnte. Geboren in Köln, als Löwenbaby nach Afghanistan verschenkt, lebte er achtunddreißig Jahre im Zoo von Kabul, erlebte die Schrecken des Talibanregimes und überlebte - man fragt sich, wie, denn am Zoo entlang verlief die Front - den Krieg der neunziger Jahre. Als Marjan 2002 starb, war er zu einer Legende geworden. Denn Marjan hatte etwas getan, von dem manch Afghane nur träumen kann: Als ein Taliban es wagte, in sein Gehege einzudringen, fraß Marjan ihn kurzerhand auf. Schon am nächsten Tag erschien der Bruder des Getöteten und nahm Rache: Mit einer Handgranate, die er durch die Gitterstäbe warf - die Sitten in Afghanistan sind eben rauh. Blind und lahm verbrachte Marjan seinen Lebensabend. Dabei aber habe ihm "außreichend Futter und medizinischer Versorgung" zur Verfügung gestanden, tröstet uns das In-flight-Magazin von Safi Airways. Auf Fotos in der Ausgabe ist ein traurig anmutender Löwe zu sehen; das Maul vernarbt, die Mähne dünn - der König der Tiere, geschunden wie seine Zwangsheimatstadt.
Doch Afghanistan wäre nicht Afghanistan, ließe es sich seinen Stolz auf Marjan oder Kabul nehmen. Auch Fremde sollen die Vorzüge der Stadt endlich erkennen, scheinen sich die Strategen der afghanischen Fluggesellschaft gedacht zu haben. Das Problem: Sobald die Besucher das Flugzeug (ruhig Economy buchen, die Maschinen sind so leer, dass man dort oft eine ganz Sitzreihe für sich hat) verlassen haben, lenkt die Sorge um die eigene Sicherheit von Sehenswürdigkeiten ab. Was kann da besser für eine Sightseeingtour geeignet sein als ein In-flight-Magazin. Um untergegangenen Glanz in der Gegenwart strahlen zu lassen, gibt es genügend unauffällige Temporaladverbien (ehemals, einst, damalig, vorher, einstmals). Es ist ein rührender Versuch. Also lesen wir weiter.
Spazieren gehen macht hungrig
Nach dreißig Jahren Krieg und Zerstörung sei das Leben in Kabul immer "noch nicht einfach". Inzwischen gebe es aber sogar "glitzernde Shopping-Malls", alles werde "von Monat zu Monat besser", schreibt die Fluggesellschaft und weist dennoch auf das Überlebensnotwendigste hin: nicht im Dunkeln auf die Straße, tagsüber die Routen variieren, Militärkonvois meiden (beliebt bei Selbstmordattentätern), Krawalle umgehen (die Polizei antwortet mit Waffen). Hat man das alles beherzigt und ein Zimmer bezogen, in dem "mit neuen Sicherheitsmaßnahmen" ausgestatteten Luxushotel Serena (zuletzt im Januar von Taliban angegriffen), steht einem Spaziergang nichts mehr im Weg: Zum Nationalmuseum etwa, seine Sammlung "ist einst die bedeutendste in ganz Zentralasien gewesen" (Artefakte gab es kürzlich noch bei Ebay), oder zum Darulaman Palast (Foto: dachlose Kuppeln, fußballtorgroße Einschusslöcher). Sehenswert auch der Vergnügungspark Barbur (mit einer Schiffschaukel, die jeden deutschen TÜV auch aus der Ferne schwindelig werden lässt) oder das von Russen erbaute Schwimmbad auf dem Bibi Mahru (es hat nie einen Tropfen Wasser gesehen, vom Sprungturm wurden während des Talibanregimes Menschen geschubst). Wer tatsächlich baden möchte, dem empfiehlt Safi Airways den nahe gelegenen Quargha-See, für den es "Pläne für Wasser- und Jetski"gibt. Noch aber ist in dem gleichnamigen Stadtteil ein Lager, in dem vor allem Flüchtlinge aus Helmant leben. Besonders auf Briten und Amerikaner sind sie nicht gut zu sprechen.
Spazieren gehen macht hungrig, das weiß auch Safi Airways. Doch was, wenn sich die Sicherheitslage verschärft, da Kabul - nicht vergessen - "eindeutig gefährlicher als London, Berlin oder New York" ist, und man sein Zimmer nicht verlassen kann? Einfach beim neuen Lieferservice "Easy Food" bestellen, lesen wir. Das müssen wohl Löwen sein, die das Essen bringen.