26.02.2007 · Auf Flugreisen bringen Amerikaner vermehrt ihren Proviant selbst mit. Zwischen Frittentüten und Brausebechern leidet neben dem Komfort, aber auch die Sicherheit. Die Lösung: Nur noch Wasser und Brot an Bord - Fastenfliegen eben.
Von Jakob Strobel y SerraIn Ländern mit rustikalem Humor, in denen Ziegen noch von Hand geschlachtet und das halbe Huhn gern in der Manteltasche herumgetragen wird, gehören Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu den kulinarisch-kulturellen Primärerlebnissen. Mit schicksalhafter Gewissheit folgen Züge und Busse einem rätselhaften Reflex und verwandeln sich schon wenige Augenblicke nach der Abfahrt in Speisewagen. Jeder holt hervor, was er als Wegzehrung dabeihat, und teilt es mit dem Fremden, weil es keinen größeren Trost als gemeinsames Essen und Trinken gibt - ein Akt der kollektiven Duldsamkeit und menschlichen Solidarität.
Solche Länder nennt man gemeinhin Dritte Welt. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind nach allgemeinem Verständnis Allererste Welt, jedenfalls noch. Dass nämlich das menschliche Fortschrittsstreben auch einen Rückwärtsgang hat, beweist Amerika Tag für Tag bei der Rustikalisierung seines Luftverkehrs.
Zwangspicknick über den Wolken
Da es an Bord nichts mehr umsonst gibt außer dem Herzenswunsch nach einem möglichst raschen Ende des Fluges, bringen sich die Passagiere ihre Verpflegung selbst mit - aus Sicherheitsgründen keine Ziegen und halbe Hühner, sondern das immer ein wenig nach alten Socken riechende Sortiment der Fastfood-Ketten aus den Wartehallen. Im Flugzeug fühlt man sich dann wie in einer fliegenden Frittenbude. Es riecht süßlich nach quallenschlaffen Semmeln, beißend nach silikonzähem Ketchup, fettgeschwängert nach ersäuften Pommes frites.
Es klebt überall, weil Limonade in Turbulenzen verschüttet wird, es quillt der Müll aus allen Ritzen, weil ein amerikanisches Mahl zu höchstens einem Drittel aus Essbarem und zu mindestens zwei Dritteln aus Plastik und Styropor besteht. Man wähnt sich beim Zwangspicknick über den Wolken, sehnt sich nach Drittwelthühnerhälften und fragt sich besorgt, ob nicht nur Mägen, sondern auch Flugzeugrümpfe an einer Überdosis Kalorien platzen können.
Triumph über die Fettsucht
Doch plötzlich kommt einem ein noch viel furchtbarerer Gedanke: Salben und Cremes werden beim Einsteigen inzwischen streng kontrolliert, mehr als hundert Milliliter dürfen es nicht sein, weil das ausreicht, um ein Flugzeug in die Luft zu sprengen. Wer aber kontrolliert die literweise an Bord geschleppten Brauseeimer und Ketchuptröge? Wer sorgt dafür, dass das amerikanische Plastikessen nicht in Wahrheit aus Plastiksprengstoff besteht? Wer garantiert, dass der Hamburger keine getarnte Tellermine ist, nicht anders sieht er aus? Und wer weiß, welche verheerende chemische Reaktion der Kontakt von Thousend-Island-Salatsaucen-Kleister mit Hot-Dog-Senfimitat-Emulsionen auslöst?
Das sind die Sicherheitsfragen der Zukunft. Sie verspricht Wasser und Brot an Bord - halt, hoppla, da kommt uns ein Gedanke: Fastenfliegen, ein neues Geschäftsfeld für die Gesundheitsindustrie, Low-Fat-Airlines, Zero-Cholesterol-Carrier, der Triumph im Fluge über die Fettsucht spätkapitalistischer Gesellschaften. Der Fortschritt ist eben doch unaufhaltsam.
Unlustig
Stefan Klein (stefan_essen)
- 23.02.2007, 13:43 Uhr
Fastenfliegen
Bernd Schmidt (BerndSchmidt5463)
- 26.02.2007, 19:40 Uhr
Kudos
Joachim Noob (jnoob)
- 27.02.2007, 01:30 Uhr
Sinnfreier Kommentar
Dominik Reinmund (reinmund)
- 27.02.2007, 03:27 Uhr
Das Schlechte liegt so nah
Christian Probst (cwprobst)
- 27.02.2007, 22:55 Uhr