09.09.2010 · An Bord von Flugzeugen wird keine Kost für Gourmets serviert, nicht einmal bei Fluggesellschaften aus Ländern, in denen Gott zu Hause ist. Darauf kann man fatalistisch reagieren - oder mit flammendem Protest.
Von Jakob Strobel y SerraNiemand wird behaupten wollen, dass die Welt gerecht sei. Trotzdem schaffen wir sie nicht ab, sondern leben seufzend weiter auf und in ihr. Niemand käme ernsthaft auf den Gedanken, Flugzeugessen als kulinarischen Genuss zu bezeichnen. Trotzdem nehmen wir es hin und essen unser Tablettchen brav wie stille Büßer leer. Solche Duldsamkeit hat uns das Leben gelehrt. Kinder stehen noch am Anfang ihrer Lehrjahre und wissen nichts vom Nutzen dieses Fatalismus, nichts vom tieferen Sinn des Zufriedenheitsminimalismus, der die Erwachsenen sicher durch die Beschwernisse ihres Erdenseins bringt. Arme Kinder, denken wir uns und beneiden sie zugleich um die unversöhnliche Radikalität ihres Weltbildes. Glückliche Kinder, gestehen wir uns ein, eigentlich haben sie ja recht mit ihrem sturen Maximalismus, auch wenn er nicht immer schön und gut ist - und manchmal auch gar nicht gut riecht.
Neulich haben wir uns unseren ersten Urlaub in Übersee gegönnt. Wir sind mit einer Fluggesellschaft über den Atlantik geflogen, die ihren Firmensitz in demselben Land hat, in dem auch Gott amtlich gemeldet ist und in dem angeblich besser gekocht und gegessen wird als irgendwo sonst auf dem Planeten. Passagiermaschinen sind juristisch zwar Hoheitsgebiet ihres jeweiligen Heimatlandes, kulinarisch aber gilt dieses Gesetz unglücklicherweise nicht. Es wurde serviert, was eben so serviert wird hinten im Flugzeug: ein Salat mit klangvollem Namen, doch von kümmerlicher Erscheinung; ein Hauptgericht in einem undefinierbaren Aggregatzustand zwischen fest und flüssig mit dem Aroma einer Theaterdekoration; ein Dessert aus anorganischen Materialien mit einem dicken Anstrich von Lebensmittelfarbe; kurzum, das übliche Plastikpotpourri in Plastikschälchen mit Plastikbesteck und Plastikgeschmack.
Champagner in Mengen und dennoch kein Trost
Der Paterfamilias, der beruflich viel fliegt, aß alles auf. Die Frau und die beiden Töchter hingegen, die sehr gerne kochen und sehr selten fliegen, kosteten pikiert, verzogen dann das Gesicht, als läge lauter Ungeziefer vor ihnen, und gaben dem Essen Bezeichnungen, die Menschen mit Anstand beim besten Willen hier nicht wiedergeben können. Zwei der drei Damen bewahrten immerhin die Contenance und knabberten leidend Salzgebäck, während die Dritte im Bunde ihrem Missfallen dadurch zusätzlich Ausdruck verlieh, dass sie das Halbverdaute großflächig auf der Hose des Vaters ausbreitete. Das indignierte Bordpersonal verwies die Familie wie ungehörige Schüler in die letzte Reihe des Flugzeuges. Die nun erleichterte Tochter verschlief mit engelsgleichem Gesicht den gesamten Flug. Der Vater säuberte sich notdürftig in der Bordtoilette, verlangte als Wiedergutmachung Champagner, fand trotzdem weder Schlaf noch Trost, hegte aber auch keinen Groll. Stattdessen sagte er sich dämmerdösend, dass der stumme, wenngleich drastische Protest der Tochter im Grunde die einzig richtige Reaktion sei, gutes Mädchen, kluges Mädchen, und strich ihr zärtlich über den Kopf.