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Sonntag, 12. Februar 2012
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Geschäftsreisen Wir greifen wieder nach den Sternen

26.05.2010 ·  Die Welt steckt in der Krise, es brennt an allen Ecken, doch das ist uns egal: Auf der Geschäftsreisenmesse Imex in Frankfurt ist Optimismus Pflicht und für Apokalypse kein Platz.

Von Jan Hauser
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Sie zupft so in sich gekehrt, als wäre sie gar nicht hier. Immer wieder berührt sie mit ihren Fingern die roten, blauen und weißen Saiten des Gaya Gum, eines koreanischen Musikinstruments, das etwa einen Meter lang ist. Die Töne fliegen leise, leicht und luftig umher, aber kommen nicht weit. Die Menschen drängen durch die Frankfurter Messehalle, sie schütteln Hände, packen Flugblätter ein, setzen sich manchmal - doch vor allem reden sie unaufhörlich. Auch um den Stand Seouls schwirren die Geräusche hin und her. Die musizierende Koreanerin sitzt auf einem kleinen weißen Hocker, ihre schwarzen Haare festgesteckt, umhüllt von einem traditionellen Seidengewand, dem Han-Bok: Schleife vor der Brust, oben eine Art Jäckchen, unten ein weites Kleid. Zu besonderen Anlässen wurde es früher von Koreanerinnen getragen, zur Hochzeit oder zu Neujahr. Sie zupft unaufhörlich. Doch die Klänge der Tradition sind kaum zu hören. Nur wenige bleiben stehen, denn auf der Imex, der international führenden Messe für Meetings, Events und Incentive-Reisen, hat niemand Zeit für Folklore. Hier geht es allein ums Geschäft.

Wie im vergangenen Jahr haben auch dieses Mal dreitausendfünfhundert Länder, Regionen und Reiseveranstalter einen Stand auf der Frankfurter Messe aufgebaut. Sie alle wollen sich präsentieren, Geschäftsreisende auf sich aufmerksam machen und das Besondere zeigen, das sie ausmacht. Und doch sieht alles auf den ersten Blick ziemlich gleich und erwartbar aus - Messebauten bleiben eben Messebauten, die höchstens Platz für kleine Variationen lassen. Am Stand der Dominikanischen Republik liegen getrocknete Tabakblätter aus, ein Mann mit Strohhut und hellem Hemd dreht Zigarren daraus, die er für drei Euro das Stück verkauft. Am Stand von Polen steht ein junger Kerl in Mittelalterkluft mit einem meterlangen Bart und malt. Doch er tut nur so, als ob: Er streicht mit einem trockenen Pinsel über ein schon vollendetes Porträt, das die neben ihm stehende Frau zeigt, auch sie in einem Gewand aus einer vergangenen Zeit. Am Münchner Stand begnügen sich die Damen und Herren dagegen mit einem Dirndl und Lederhosen, wie auch Estland manche Hostess in landesübliche Tracht gekleidet hat.

Die Chance zur Imagepolitur

Neuntausend Besucher aus hundert Ländern werden in diesem Jahr zur Imex erwartet. Die Veranstalter rechnen mit mehr Ausstellern, Fachbesuchern und Einkäufern aus dem Ausland als 2009, ein Zeichen für die weitere Internationalisierung der Messe. "Die vergangenen zwölf Monate haben wir damit verbracht, uns auf neue Partnerschaften zu konzentrieren, die noch mehr hochwertige Einkäufer aus den wichtigsten internationalen Märkten bringen", sagt Ray Bloom, der Chef der Imex, die einen komplizierten Beinamen trägt: "Incorporating Meetings made in Germany - the worldwide exhibition for incentive travel, meetings and events".

Manche Staaten nutzen die Messe aber auch zur Krisenbewältigung und Imagepolitur. Griechenland zum Beispiel. Mit der aktuellen Präsenz seines Landes in den Medien ist Giorgios Poussaios nicht zufrieden. Der Staatssekretär im griechischen Ministerium für Kultur und Tourismus sitzt in einem kleinen Raum am Glastisch. Die Wände in den Kulissen des griechischen Standes sind hoch, aber die Decke der Halle ist noch viel höher. So dringen der Lärm, das Durcheinander, das Stimmengewirr von oben in den kleinen Raum. Manchmal lassen sich Poussaios' Worte kaum verstehen. "Ich weiß, wie die Situation aussieht", sagt er. Die Schuldenkrise seines Landes habe ein gewisses Reizklima hervorgerufen, aber dies solle nicht lange anhalten. Er ist auch nach Frankfurt gekommen, um Spannungen zwischen Deutschen und Griechen abzubauen. "In diesem Jahr wollen wir beweisen, dass wir in der Lage sind, die Krise zu einer Möglichkeit werden zu lassen." Das traditionelle Bild der griechischen Gastfreundschaft existiere noch, meint Poussaios. Und welche Vorzüge für Geschäftsreisende gibt es in seiner Heimat? Gerade bauten sie in Athen ein Kongresszentrum, von dem aus man das Meer sehen könne und in zehn Minuten in der Innenstadt sei. Dann redet Poussaios von der Philosophie - so wie Davos für den Weltwirtschaftsgipfel stehe, solle Athen als Stadt der Philosophie bekannt werden und entsprechende Kongresse organisieren.

Gute Nachrichten, schlechte Nachrichten

Geschäftsreisen sind ein delikates Feld. Alles, was in der Welt passiert, wirkt sich auf sie aus: der 11. September, die Vogelgrippe oder jetzt die Vulkanasche. Und der Markt hängt am Tropf der Konjunktur, um die es derzeit auch nicht gerade gut bestellt ist. So gingen 2009 geschäftlich motivierte Reisen nach Deutschland um acht Prozent zurück. Besonders betraf dies Reisen zu Messen und Ausstellungen sowie Kongressen, Tagungen und Events, die um zwölf Prozent abnahmen. Zu diesem Ergebnis kommt das auf der Messe vorgestellte "Meeting- und Eventbarometer 2010" des Europäischen Instituts für Tagungswirtschaft. Im Jahr 2009 gab es demnach 2,46 Millionen Veranstaltungen (minus zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr) mit 302 Millionen Teilnehmern (minus 4,8 Prozent).

Doch es gibt auch eine gute Nachricht: Jeder zweite Befragte glaubt laut Meetingbarometer, dass die Talsohle der Wirtschaftskrise erreicht ist und es wieder aufwärtsgeht. Die schlechte Nachricht: Das sagten die Befragten vor der griechischen Schuldentragödie. Und noch eine gute Nachricht zum Trost: Acht von zehn Befragten glauben, dass Deutschlands Bild als Tagungs- und Veranstaltungsziel immer besser werde. Beliebtestes Bundesland der Veranstalter ist Bayern vor Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg. Die beliebtesten Metropolregionen sind Berlin-Potsdam, München mit Umland sowie das Rhein-Main-Gebiet.

Der Fußball wird es schon richten

Die schlechten Wirtschaftsnachrichten trüben nicht die Stimmung der Aussteller und Besucher. Man sieht nur wenige Menschen mit ernster Miene auf der Messe, die meisten wirken entspannt und gespannt auf die Stände und deren Angebote. Viele Aussteller sagen, dass sie zufrieden seien, und berichten von fruchtbaren Kontakten. Und überall sieht man Menschen ins Gespräch vertieft. Selten bleiben an den Ständen viele Stühle frei. Weltuntergang sieht wahrlich anders aus.

Roshene Singh sitzt in einem kleinen Raum, der Weg zu ihr führt durch zwei Türen, auf dem Tisch stehen ein Computer, ein Pappbecher mit Kaffee und ein Teller Schokokekse. Ihrem Land und dem Tourismus soll ein sorgsam vorbereitetes Ereignis Aufschwung geben: die Fußball-Weltmeisterschaft. Singh ist Marketingchefin der südafrikanischen Tourismusagentur und erstmals zur Imex nach Frankfurt gereist. "Südafrika hat viel zu bieten", sagt sie, "aber nicht jeder weiß das." Sie hofft auf einen Schub durch die Weltmeisterschaft, die zudem für eine bessere Infrastruktur und neue Hotels gesorgt habe. 120000 Karten für die Fußballspiele sind an Sponsoren und damit Unternehmen gegangen. So kämen Geschäftsleute, lächelt sie. Singh ist auch selbst an Tickets gekommen - für das Eröffnungsspiel und das Finale.

Ganz allein im All

Aber ob die Veranstaltung wirklich sicher sei? Ja, meint Marketingfachfrau Singh, das sei immer eine Frage, aber kein Problem. Touristen sollten sich erkundigen, wohin sie gehen könnten. Im vergangenen Jahr hatten sie vier große Sportveranstaltungen wie den Confederations Cup ohne große Vorfälle organisiert. Und vier von zehn Touristen, die nach Afrika fahren, kämen wieder, sagt sie. "Geschäftsreisende sollen nach Südafrika kommen, weil es so anders als Europa ist." Vor einer Tagung können deren Teilnehmer morgens auf einen Berg steigen und die Weite des Landes sehen. Aber vor allem, sagt sie, solle, wer nach Afrika komme, eine Safari machen - "nur man selbst, die Natur und so viele Sterne, dass man denkt, im All zu sein". Aber bald rollt erst einmal der Ball.

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