11.07.2010 · Seitdem amerikanische Fluggesellschaften für jeden aufgegebenen Koffer Geld verlangen, nimmt jeder so viel wie möglich mit an Bord. Doch auch für Handgepäck soll man jetzt einen Aufpreis zahlen.
Von Nina RehfeldKeine Aschewolke, sondern die Ankündigung einer kleinen Billigfluggesellschaft hat den Fliegerhimmel über den Vereinigten Staaten verfinstert: Vom 1. August an will nun Spirit Airlines bis zu 45 Dollar für jedes in die Kabine mitgebrachte Gepäckstück berechnen. Seit zwei Jahren bitten die amerikanischen Fluggesellschaften ihre Passagiere für immer mehr der bisher selbstverständlichen und kostenlosen Leistungen zur Kasse. Nun soll sogar die Mitnahme von Handgepäck kostenpflichtig werden. "Was kommt als Nächstes? Gebührenpflichtiger Sauerstoff?", fragte die Zeitung "Chicago Sun-Times" entsetzt. Erboste Flugreisende machten ihrem Ärger hingegen auf einer eigens dafür eingerichteten Internetseite www. boycottspirit.com Luft, auf der Website Facebook ruft eine Seite unter dem Motto "Spirit, ihr stinkt!" zu einem Boykott der Fluggesellschaft auf. Der amerikanische Politiker Charles Schumer, ein New Yorker Senator, griff gar zum Telefon und rang den Chefs von fünf großen amerikanischen Fluggesellschaften - United, American, Delta, US Airways und Jet Blue - das Versprechen ab, in ihrem Unternehmen auf eine solche Gebühr zu verzichten. Vorerst zumindest.
Seit das Gebührengestrüpp der amerikanischen Luftfahrt vor zwei Jahren zu sprießen begann, ist es zum dichten Dschungel gewuchert. Schon seit dem Jahr 2003 servieren die meisten Fluggesellschaften Mahlzeiten nur noch gegen Bezahlung, vor zwei Jahren begann man, aufgegebene Gepäckstücke extra zu berechnen. Inzwischen werden Passagiere auch für alkoholische Getränke, Decken und Kissen und sogar für "Vorzugsplätze" - zum Beispiel die am Notausgang, die über größere Beinfreiheit verfügen - zur Kasse gebeten. Der Kundschaft wird das Ganze als erweiterte Wahlmöglichkeit verkauft - "ungebündelte Service-Angebote" lautet der Fachbegriff. Zwar ist das sogenannte À-la-carte-Denken bei den Amerikanern äußerst beliebt: Wer sich den Grad seiner Reise-Bequemlichkeit sozusagen selbst maßschneidern kann, freut sich über das hierzulande zu hoch geschätzte Gefühl individueller Entscheidungsfreiheit.
Höchst profitable Nebeneinnahmen
Doch die Sache mit der Freiheit über den Wolken ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Die Fluggesellschaften haben einen guten Grund, bisher im Ticketpreis enthaltene Leistungen zu entkoppeln: Einem Gesetz aus dem Jahr 2008 zufolge sind sie zwar zur Abführung einer Steuer von 7,5 Prozent auf den Ticketpreis, nicht aber auf Extragebühren für sogenannte "verzichtbare Dienstleistungen" verpflichtet. Die Strategie, die angesichts steigender Spritpreise angeblich bloß Transportkosten im Rahmen halten sollte, ist so längst zum höchst profitablen Wirtschaftszweig angewachsen. Vier Milliarden Dollar, so wird erwartet, werden amerikanische Fluggesellschaften im Jahr 2010 allein an Gepäckgebühren einnehmen. Die Fluggesellschaften zeigen sich entsprechend kreativ: United Airlines erhebt neuerdings sogar eine Umbuchungsgebühr von 50 Dollar auf Standby-Flüge: Wer einen früheren Flug als gebucht erwischen möchte oder den geplanten verpasst hat, kommt auf einem anderen nur noch gegen Extrabezahlung mit.
Die Strategie, die angesichts steigender Spritpreise angeblich bloß Transportkosten im Rahmen halten sollte, ist so längst zum höchst profitablen Wirtschaftszweig angewachsen. Im ersten Quartal 2010 nahmen die amerikanischen Fluggesellschaften allein an Gepäckgebühren 769 Millionen Dollar ein. Das ist ein Drittel mehr als im selben Zeitraum des vergangenen Jahres. Allerdings haben sich diese mit den Gepäckgebühren nicht nur Kosten, sondern auch gleich die Mühe gespart, die neue Regelung zu Ende zu denken. Sonst hätten sie womöglich vorausgesehen, dass das Ganze in blankem Chaos in der Kabine mündete. Darum bemüht, die steigenden Gepäckkosten zu sparen - fünfzig Dollar werden inzwischen bei den meisten Fluggesellschaften für ein aufgegebenes Gepäckstück pro Hin- und Rückflug fällig -, schleppen Passagiere immer mehr Handgepäck mit ins Flugzeug. Rangeleien um Platz im Gepäckfach sind an der Tagesordnung, und das Flugpersonal ist dem Nervenzusammenbruch nahe. "Ich bin absolut für Handgepäckgebühren", sagt denn auch die Flugbegleiterin Diane Westrom, nachdem sie auf einem United-Flug in Atlanta Dutzende von schweren Koffern in die Gepäckfächer gehievt oder darin herumgerückt hat. Meist, sagt Westrom, seien die Fächer schon voll, wenn erst die Hälfte der Passagiere an Bord sind. "Wir müssen die restlichen Passagiere dann bitten, uns ihr Gepäck zu überlassen, damit wir es im Frachtraum mitnehmen können. Das kostet sie nichts, aber viele haben eine seltsame Trennungsangst." Die Flugbegleiterin macht ein mürrisches Gesicht: "Sie haben es ja gesehen, ich musste eben mit drei Passagieren längere Diskussionen darüber führen!" Der Großteil von Flugverspätungen in Amerika, sagt sie, gingen mittlerweile auf das Konto des Handgepäck-Gemenges.
Basis-Komfort muss reichen
Dass das so kaum weitergehen kann, ist den meisten schon lange klar. "Als ich das Geschimpfe der Stewardessen hörte, wusste ich, dass irgendwann die Handgepäckgebühr kommt", sagt ein Handelsvertreter, der mit einem mittelgroßen Rollkoffer und einer Laptoptasche auf dem Weg nach Minneapolis ist. Freilich hat sich damit das Argument der Wahlfreiheit erledigt. Wer reist schon mit nichts als einer Jacke über dem Arm? Und so fühlen sich viele Passagiere von den Airlines düpiert. Ein vielreisender Aeronautik-Ingenieur, der eben einen Sechzig-Liter-Koffer ins Handgepäckfach des United-Fluges von Atlanta nach Denver gedrückt hat, sagt: "Meine Familie stammt aus Indien, und gerade erst hat mir ein Freund erzählt, dass er auf einer Reise dorthin vierhundert Dollar für Gepäckgebühren berappen musste. Ich plane zum Jahresende ebenfalls einen Familienurlaub, und mir ist jetzt schon ganz mulmig, wenn ich daran denke, wofür sie dann womöglich noch Gebühren erheben." Andere versuchen, die positiven Seiten zu sehen. "In Europa soll's ja noch schlimmer sein", sagt eine ältere Dame, die mit einem geblümten Handkoffer und einer großen Einkaufstasche in Denver auf ihren Anschlussflug nach San Francisco wartet.
Unterdessen haben zwei Kongress-Abgeordnete aus den Bundesstaaten New York und North Carolina einen Gesetzesvorschlag eingebracht, dem zufolge Reisende das Recht auf ein gratis aufzugebendes Gepäckstück haben. Und Senator Schumer hat den amerikanischen Fluggesellschaften angedroht, mit weiteren legislativen Schritten Handgepäck als "unverzichtbar" zu erklären. Doch Billigfluglinien wie Spirit argumentieren, dass sie ihre Niedrigpreise nur dann halten können, wenn darin bloß Basis-Komfort enthalten ist. Kürzlich hat die Fluggesellschaft zwei neue Airbusse in Dienst genommen, deren Sitzlehnen sich nicht verstellen lassen.
Der Fluggast als Kleiderzwiebel
Aber die Amerikaner sind ja berühmt für ihre Anpassungsfähigkeit an sich verändernde Marktlagen. Vielleicht muss man auf amerikanischen Flughäfen, die schon jetzt nicht unbedingt für die Eleganz ihrer Passagiere berühmt sind, eine neue Flieger-Couture befürchten: zwiebelartig übereinander getragene Lagen von Kleidung, die man statt wie bisher in Reisetaschen nun direkt am Körper mitführt, um zusätzliche Kosten zu vermeiden. Den Schreckensphantasien sind jedenfalls keine Grenzen gesetzt.