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Galápagos-Inseln Zweihundert Jahre Einsamkeit

 ·  Es hilft alles nichts: Die Galápagos-Inseln sind ein Ort, den man einmal im Leben gesehen haben muss. Doch wie viele Menschen verträgt diese unvergleichliche, hochempfindliche Welt aus einer Zeit vor der Zeit?

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Niemand auf dieser Welt ist so einsam wie der einsame Georg. Wahrscheinlich ist auch kein anderes Lebewesen trauriger als dieser unfreiwillige Eremit, dieser unschuldige Einzelhäftling des lebenslangen Alleinseins. Vor vierzig Jahren wurde er auf der Insel Pinta ganz im Norden des Galápagos-Archipels entdeckt, als der Allerletzte seiner Art. Seither frisst der freund- und freudlose Georg in der Charles Darwin-Forschungsstation auf Santa Cruz sein Gnadenbrot, liegt apathisch in seinem Gehege und starrt so melancholisch ins Leere, als wolle er sagen: Reicht es denn nicht, dass sich die Schöpfung diesen bösen Scherz mit mir erlaubt hat und mich Tag und Nacht mein schweres Haus mit mir herumschleppen lässt? Muss es denn auch noch mein Schicksal sein, dass meine Spezies ausgerechnet mit mir Unglücksraben ausstirbt? Zur Aufmunterung des armen Georg, der es als „Solitario Jorge“ zur nationalen Berühmtheit und als „Lonesome George“ sogar zu einer eigenen Modemarke gebracht hat, leisten ihm ein paar genetisch verwandte Damen Gesellschaft. Doch sie warten vergeblich auf seine Avancen, weil Schwermut jede Sexlust vertreibt. So wird unser Einsiedler irgendwann, vielleicht mit zweihundert Jahren, seine Unterart der Galápagos-Riesenschildkröten selbst auslöschen. Und dass wir alle dann schon lange tot sein werden, ist für den einsamen Georg bestimmt ein schwacher Trost.

Georges Schicksal gehört zu den schlechten Nachrichten in einem Chor alarmierender Meldungen, die man immer wieder über die Bedrohung und Zerstörung des fragilen Ökosystems auf den Galápagos-Inseln hört, über unkontrollierte Zuwanderung, systematische Überfischung oder die zerstörerische Invasion fremder Arten - und dabei die gute Nachricht völlig aus den Augen verliert. Denn Galápagos ist eine spektakuläre Erfolgsgeschichte, wahrscheinlich der größte Triumph der Menschen im Sisyphos-Kampf um die Rettung unseres Naturerbes und neben der Serengeti längst weltweit der Inbegriff eines um jeden Preis zu bewahrenden Schöpfungsschatzes. Keine andere Inselgruppe der Erde ist heute so gut geschützt wie das Archipel tausend Kilometer westlich des ecuadorianischen Festlands, auf keinem anderen Flecken des Planeten ist der Grad an erhaltener Biodiversität auch nur annähernd so hoch wie hier. Fünfundneunzig Prozent der Pflanzen und Tiere, die in den Anfangstagen der Evolution auf Galápagos lebten, existieren dort noch immer - auf Hawaii sind es bestenfalls noch fünfzehn Prozent. So ist es kein Wunder, dass angesichts dieser Unversehrtheit dieser Ursprünglichkeit kaum ein anderer Ort so oft mit dem Sehnsuchtsprädikat des Paradieses bedacht wird wie Galápagos.

Ein Ort der Verbannten und Verfluchten

Wenn es im Garten Eden wirklich so aussieht wie auf diesen Inseln, können wir Adam und Eva gut verstehen. Hier will man nicht lebendig begraben sein - das ist der erste Gedanke, der einem durch den Kopf geht, wenn man auf Baltra landet, das einmal ein amerikanischer Militärstützpunkt war und heute einen der beiden Flughäfen des Archipels, ansonsten aber nichts Zivilisatorisches beherbergt: kahles Land, rohes Gestrüpp, schwarzer Stein, eremitische Opuntien, blanker Überlebenskampf, kein Paradies, sondern im Gegenteil ein Ort der Verbannten und Verfluchten, eine Ödnis „dumpf und drückend, verkümmert und sonnenverbrannt“, wie Charles Darwin erschüttert meinte, „die Welt nach einem göttlichen Strafgericht“, wie Herman Melville entsetzt schrieb. Hier ist man lebendig begraben.

Totenstill liegen Baltra und die dreizehn anderen Hauptinseln in der Gefangenschaft von tausend Kilometer Ozean in allen Himmelsrichtungen, verloren im toten Winkel der Weltgeschichte, vergessen von Schicksal und Zeit, Inseln abseits aller Handelsrouten und jenseits allen menschlichen Interesses. Piraten und Walfänger waren über Jahrhunderte die Einzigen, die auf Galápagos ankerten, um Vorräte zu bunkern und ihre Schiffe zu reparieren. Sonst gab es nur menschenleere Einsamkeit auf diesem grundwasserlosen Archipel. Und Schiffbrüchige waren alle Lebewesen, die es hierher verschlug - schwimmend, fliegend, auf natürlichen Flößen treibend, alle unterwegs auf einer Reise ohne Wiederkehr. So fühlt sich der Besucher trotz Rückflugticket bis heute, wenn er auf Galápagos anlandet: wie Strandgut, angespült an der Wiege der Schöpfung.

Kleine Warnung vom großen Haifisch

Doch dieses Gefühl einer bestürzenden Isolation dauert nur wenige Minuten. Ein Bus bringt uns an die Küstenlinie von Baltra, an der uns eine kleine Fähre zur touristischen Hauptinsel Santa Cruz übersetzt. Und sofort merken wir, dass hier etwas nicht stimmt, dass etwas ganz anders ist als gewohnt, dass nicht die vertrauten Regeln gelten im Zusammenleben von Mensch und Tier. Ein ganzes Geschwader Pelikane, Blaufußtölpel und Fregattvögel, urtümliche Wesen mit dreieckigen Drachenflügeln und Schnäbeln lang wie Schwertern, kreist so niedrig über unseren Köpfen, als seien wir Steine, und landet so ungeniert zwischen uns, als existierten wir nicht. Ein Seelöwe wiederum kommt an den Steg geschwommen, stützt sich mit seinen Flossen ab wie eine freche Göre, mustert uns fast spöttisch und scheint zu fragen: Woher kommt ihr denn? Und was macht ihr hier? Unter ihm sehen wir einen Schatten durchs Wasser gleiten, der die Besucher genauso halb kritisch, halb gelangweilt in Augenschein nimmt. Es ist ein Galápagos-Hai, und seine Botschaft scheint klar zu sein: Das hier, Leute, ist meine Badewanne.

Wir bleiben also lieber an Land und stehen nach wenigen Minuten an zwei höllenschlundtiefen Zwillingskratern mit Steilwänden aus pechschwarzer Lava, die aber gar keine Krater sind, sondern eingestürzte Magmakammern, die dampfenden Erbschaften der vielen Vulkane, die sich selbst und damit Galápagos einst aus dem Meer gespuckt haben und immer noch nicht zur Ruhe kommen wollen, als sei die Wut im Bauch der Erde unerschöpflich. Wir blicken schaudernd in die Tiefe, glauben die Hammerschläge auf dem Amboss zu hören, mit denen hier die Welt geschmiedet wird, und werden plötzlich, einfach so, von Darwin-Finken umhüpft wie von neugierigen Schulkindern - von kleinen, unauffälligen, graugrünen Vögelchen, die nichts anderes als das berühmteste Federvieh der Wissenschaftsgeschichte sind.

Ein Aprilscherz der Schöpfung

Denn sie waren für Darwins Evolutionstheorie das, was der Apfel für Newtons Schwerkraftsgeniestreich gewesen ist. Darwin stellte fest, dass sich die Finken ein und derselben Art auf den einzelnen Inseln je nach deren Topographie und Nahrungsangebot unterschiedlich entwickelt hatten, und folgerte daraus das Naheliegendste, Gotteslästerlichste, erst seit hundertfünfzig Jahren Selbstverständlichste, das jahrtausendelang Übersehene: dass die Schöpfung kein definitiver Akt war, sondern sich alle Lebewesen ihrer Umgebung ständig anpassen und dabei der Klügste, Cleverste, Fitteste überlebt.

Es ist ein schönes Gefühl und - das geben wir gerne zu - auch ein Moment pathetischer Überwältigung, wissenschaftliche Beweise von glaubenserschütternder Wirkungsmacht so leichtfüßig um sich hüpfen zu sehen. Und es ist eine noch schönere Ironie, wenn sich die Evolutionstheorie ein paar Kilometer weiter selbst gravitätisch in Frage stellt. Wenn das der Beweis des „Survival of the Fittest“ sein soll, dieser Aprilscherz der Schöpfung, diese trägen, faulen, nichtsnutzigen, erzsympathischen Dreihundert-Kilo-Urzeitgeschöpfe, diese friedfertigen Monstren aus Dinosaurierzeiten, die aussehen, als habe die Natur ausnahmsweise Gnade vor Recht walten lassen und diesen gänzlich unsportlichen Giganten auf Galápagos ein letztes Refugium gewährt. Im Dutzend liegen die berühmten Riesenschildkröten auf den Wiesen von Santa Cruz herum wie lebendige Findlinge, wie Irrläufer der Evolution, die sich mächtig im Jahrtausend geirrt haben, und schlagen sich den ganzen Tag lang schwerfällig den Bauch voll.

Eine Orgie mit Massenlustschreien

Das kann keinen Spaß machen. Jedenfalls schauen uns alle Riesenschildkröten mit einem ebenso melancholischen Blick an wie der einsame Georg, kümmern sich ansonsten aber kein bisschen um uns, furzen sogar ungeniert in unserer Gegenwart und lassen uns allmählich daran zweifeln, ob all die Tiere hier das mit der Krone der Schöpfung auch richtig verstanden haben. Immerhin haben diese Kröten in Gegensatz zum entsagungsvoll lebenden Georg ein reges Liebesleben. Zur Paarungszeit, sagt man uns, gehe es hier zu wie bei einer Pasolini-Orgie inklusive hemmungslosem Massenlustschreistöhnen, das nicht nur Klosterschülerinnen die Schamesröte ins Gesicht treibt.

Niemand weiß, wie alt Riesenschildkröten werden. Es gibt nur Vermutungen, und legendär ist die Lebensgeschichte des langlebigen Harry, den Charles Darwin 1835 als Jungtier auf Galápagos einsammelte, später dem Gouverneur von Australien schenkte und der ebendort 2006 sanft entschlief - im Alter von deutlich mehr als hundertsiebzig Jahren. Noch legendärer ist - jedenfalls für die Einheimischen - die Biographie von Super-Diego, einem besonders virilen Riesenschildkrötenmännchen, das in einer Zuchtstation offiziell tausendfünfhundert Schildkrötenkinder gezeugt hat, illegitimen Nachwuchs nicht eingerechnet. Das war auch bitter nötig, denn der ursprüngliche Bestand von sechshunderttausend Tieren war von gierigen Seeleuten im Lauf der Jahrhunderte auf fünfzehntausend Exemplare dezimiert worden. Sie nahmen die Schildkröten, die bis zu einem Jahr ohne Wasser und Nahrung an Bord ausharrten, als lebende Fleischvorräte mit. Heute soll die Population wieder vierzigtausend Tiere betragen - ein Wunder, ein Glück und der Beweis, dass der Mensch die Natur nicht nur zerstören kann.

Der perfide Trick mit der Judas-Ziege

Um zu retten, was noch zu retten war, schickte die California Academy of Science im Jahr 1905 eine Expedition nach Galápagos. Die Wissenschaftler sammelten Hunderte endemischer Pflanzen und Tieren ein, weil sie fest davon überzeugt waren, dass eines Tages nichts mehr davon existieren, sondern alles aufgefressen und kahlgefressen sein würde von den Abertausenden verwilderter Ziegen, Esel und Hunde. Dann ließ man jahrzehntelang den Dingen seinen Lauf. Erst 1959 erklärte Ecuador den gesamten Archipel samt des Meeres zum Nationalpark. Von Anfang an herrschte dabei eine symbiotische Komplizenschaft zwischen Naturschutz und Tourismus. Die Besucher sorgten dafür, dass sich die Kunde des Schatzes von Galápagos mit einem geradezu mythischen Raunen verbreitete - und damit die Bereitschaft in aller Welt, ihn zu bewahren. Die Naturschützer schafften wiederum das Bravourstück, Flora und Fauna vor der Zerstörung durch eingeschleppte Arten zu bewahren und selbst auf Inseln von der Größe Hessens die verwilderten Haustiere komplett auszurotten. Das ist nirgendwo sonst auf der Erde mit dieser Konsequenz gelungen.

Zimperlich war man dabei allerdings nicht und bediente sich auch perfider Methoden, etwa der sogenannten Judas-Ziegen: Kastriert und mit einem Peilsender ausgestattet, wurden sie auf die Suche nach versteckten Artgenossen geschickt. Da Ziegen nicht gerne alleine sind, fanden sie schnell Anschluss, lockten die Parkranger auf die richtigen Fährten und die verwilderten Ziegen in eine tödliche Falle. Sie wurden allesamt von Hubschraubern aus erschossen und den Bussarden zum Fraß liegen gelassen. Auch die Riesenschildkröten rettete man in letzter Sekunde: Als der Nationalpark gegründet wurde, galten drei der vierzehn Unterarten als ausgerottet und die übrigen elf als hochgradig gefährdet. Heute ist nur dem einsamen Georg nicht mehr zu helfen.

Mülltrennung und Volkssolidarität

Wenigstens bekommt er viel Besuch. Denn der schicksalsgeplagten Schildkröte in der Darwin-Station seine Aufwartung zu machen gehört zum Pflichtprogramm jedes Besuchers in Puerto Ayora, dem Hauptort von Santa Cruz und touristischen Epizentrum der Galápagos-Inseln. Eine charmestrotzdende Schönheit ist das Städtchen mit seinen fünfzehntausend Einwohnern und den zweistöckigen Betonhäusern im lateinamerikanischen Flachdacheinheitsstil nicht gerade, aber auch keine wildwuchernde Scheußlichkeit und schon gar keine Ausgeburt massentouristischer Exzesse. Ganz im Gegenteil, auf Ordnung wird größter Wert gelegt, weil hier so gut wie alle sehr gut vom Schatz ihrer Natur leben und ihn deswegen hüten wie ihren Augapfel.

Den Müll trennt man so gewissenhaft wie nirgendwo sonst in Lateinamerika, die Straßen und Strände sind so sauber wie nur noch in Singapur, und überhaupt macht Puerto Ayora den Eindruck einer ausgesprochen aufgeräumten und friedlich in sich ruhenden Kleinstadt - was kein Wunder ist, schließlich lebt man hier nicht nur in der reichsten, sondern auch der sichersten Provinz Ecuadors, in der ein Fahrraddiebstahl schon als Schwerverbrechen gilt und die Volkssolidarität viel mehr als nur ein Wahlkampfslogan ist. Davon profitieren Menschen wie der unglückselige Fischer Juan Anchandia, der - wie wir dem Aushang an einem Laternenmasten entnehmen - einen schweren Arbeitsunfall hatte und deswegen nun in den Genuss einer Benefizparty inklusive Bingo und Fußballturnier kommt.

Seelöwen haben schlechte Manieren

Seine Kollegen landen jeden Nachmittag ihren Fang an der kleinen Fischermole an und holen Dutzende draller Gelbflossenthunfische aus den Bäuchen ihrer Boote, vor denen, so ist es verbürgt, manchmal japanische Touristen weinend aus Rührung und Ehrfurcht niederknien. Dann zerlegen die Männer auf den Betontheken am Ufer diese Delikatessen unter reger Anteilnahme der schwatzenden Bevölkerung und der einheimischen Tierwelt. Kormorane und Pelikane hocken ohne eine Spur von Scheu keinen Meter vom Fischer entfernt, begutachten dessen Arbeit fachmännisch, nehmen sich ganz selbstverständlich ihren Anteil vom Fang und wirken eher wie Kollegen und nicht wie wilde Tiere. Schlechte Manieren hat hingegen ein vorlauter Seelöwe, der zwischen den Beinen eines Fischers herumturnt, seinen Kopf mit treuherzigem Blick auf die Theke legt wie ein bettelnder Hund und sich bei jeder günstigen Gelegenheit ein Stück Thunfisch stibitzt - unter den Flüchen des Fischers, dem Gelächter der Schaulustigen und dem eigenen Gegluckse, in dem nicht die kleinste Andeutung von schlechtem Gewissen mitschwingt. Schließlich leben die Seelöwen seit Jahrhundertausenden auf Galápagos und die Zweibeiner erst seit ein paar Jahrzehnten.

Es werden immer mehr Menschen, dreißigtausend sind es schon gegenüber ein paar Hunderten noch vor vierzig Jahren, und das darf nicht sein. Denn jeder weitere Zuzügler, jedes weitere Versorgungsschiff kann das labile Gleichgewicht von Galápagos katastrophal stören. Manchmal reicht dazu eine eingeschleppte Feuerameise in einer Bananenkiste, die sich auf den Inseln ausbreitet und die endemischen Arten wie ein Hunnenheer vernichtet. Deswegen wird jede Warenlieferung auf das Archipel von der ecuadorianischen Regierung scharf kontrolliert, jeder Tourist am Flughafen gefilzt wie ein potentieller Drogenschmuggler und jeder Versuch einer Zuwanderung seit fünf Jahren streng reglementiert, was das Bevölkerungswachstum zumindest verlangsamt hat. Doch es wird im selben Rhythmus zunehmen wie der Tourismus, der das große Dilemma von Galápagos ist, Fluch und Segen zugleich. Denn die Gäste sind nicht nur eine Bedrohung für die Natur, sondern dank ihrer Motive und ihrer Ausgaben auch deren machtvollste Beschützer. 175000 Besucher kamen im vergangenen Jahr auf die Inseln, und noch scheint das Archipel diese Zahl verkraften zu können, die sich ohnehin relativiert, da nur 0,01 Prozent der Fläche von Galápagos für die Touristen zugänglich ist.

Das Mysterienreich der Evolution

Noch halten sich alle an die strengen Regeln, die die einzige Lebensversicherung von Galápagos sind, noch denkt niemand daran, sie aufzuweichen. Jede Yacht zum Beispiel, jedes der kleinen Kreuzfahrtschiffe mit maximal hundert Plätzen muss auf der Fahrt zwischen den Inseln eine genaue Route und exakte Zeiten für die Landgänge einhalten, sonst drohen Strafen. Für uns heißt das: vormittags Tiere unter Wasser und nachmittags Tiere über Wasser besuchen, was unser Selbstwertgefühl als menschliche Wesen ein weiteres Mal auf die Probe stellt. Denn weder die einen noch die anderen Tiere zeigen irgendeine nennenswerte emotionale Reaktion uns gegenüber - kein Interesse, keine Furcht, keinen Respekt, keine Achtung. Niemand tarnt sich, niemand versteckt sich, niemand fühlt sich bedroht. Unter Wasser verkraften wir das besser, weil dort neben freundlichen Wesen wie Meeresschildkröten und Flötenfischen auch allerlei Haie so nah um uns herumscharwenzeln, wie es sonst nur aufdringliche Köter beim Joggen im Stadtpark tun. Die Seelöwen hingegen kommen erst freudig auf uns zugeschossen und vollführen ein paar animierende Volten, um dann schnell festzustellen, dass wir trägen Geschöpfe als Spielkameraden nichts taugen - und schon flitzen sie enttäuscht davon.

Die Nachmittagsinsel, ein staubtrockener, menschenleerer, gottverlassener Lavabrocken, schütter bewachsen von ein bisschen Heidekraut und vereinsamten Opuntienkakteen, betreten wir, ohne es erst richtig zu begreifen, wie durch ein unsichtbares Tor, hinter dem nach einer Zeitreise durch Jahrmillionen das Mysterienreich der Evolution liegt. Die Stille trifft uns wie ein dumpfer Schlag. Und sie ist ganz anders als sonst, keine Atempause vom gewohnten Krach, kein Refugium des Schweigens in einer lauten Welt, sondern die Unvorstellbarkeit von zivilisatorischem Lärm. Und dann erst spüren wir, was das bedeutet: Es hat ihn an diesem Ort niemals gegeben, nicht als fernes Echo und nicht als Negation. Es ist ein Ort aus einer Zeit vor der Zeit, ein Ort, der genauso aussieht wie die Erde am Mittag des sechsten Schöpfungstages. Seit dem Anbeginn aller Tage tollen hier die Seelöwen am Ufer, während die Haie entlang der Küste patrouillieren, immer in der Hoffnung, dass sich ein Jungtier zu weit ins offene Wasser wagt. Seit immer liegen die gelbgrünen Landleguane wie Bonsaidinosaurier, wie die vergessenen Kinder der Evolution, unter den Opuntien und warten darauf, dass ein Stück Kaktus herunterfällt, um es dann mit dieser ungeheuerlichen Ruhe zeitloser Wesen aufzufressen.

Eine ohrenbetäubende Einsamkeit

Dann steigen wir die Insel hinauf bis zur Steilküste, die jäh und schwarz ins Meer stürzt, müssen auf dem Weg entgegenkommenden Leguanen ausweichen, die ihrerseits überhaupt nicht daran denken, uns auszuweichen, blicken von ganz oben auf die riesigen Fischschwärme tief unten im Wasser hiab, auf die wie festgenagelt im Wind stehenden Möwen und die tyrannische Weite des Pazifiks. Wir sehen nicht den geringsten Hinweis auf die Existenz von Gegenwart und die Unausweichlichkeit von Zeit, kein Schiff, kein Flugzeug, kein Haus, keinen Leuchtturm. Wir spüren, wie eine ohrenbetäubende Einsamkeit von uns Besitz ergreift, ein Alleinsein, wie sie sonst nur der einsame Georg kennen mag, ein Verlorensein in einer Welt jenseits aller unserer Koordinatensysteme, und fühlen uns endgültig am äußersten Ende der Erde angekommen.

Doch es ist gar nicht ihr Ende. Galápagos ist aller Erde Anfang.


 

Unter Haien und Schildkröten

Anreise: Die bequemste Verbindung bietet Iberia an (www.iberia.com). Die Gesellschaft fliegt täglich von mehreren deutschen Flughäfen über Madrid nach Quito und Guayaquil. Die Preise beginnen bei 1200 Euro in der Economy Class. Von dort aus geht es mit ecuadorianischen Gesellschaften wie Tame (www.tame.com. ec) oder Aerogal (www.aerogal.com. ec) weiter auf die Galápagos-Inseln. Die Ticketpreise liegen zwischen 400 und 450 Euro. Der Eintritt in den Nationalpark Galápagos kostet pro Person 110 Dollar.

 Arrangements: Verschiedene Veranstalter bieten Arrangements für Galápagos oft in Verbindung mit Rundreisen durch das ecuadorianische Festland an. Auf dem Archipel kann man auf Yachten von Insel zu Insel kreuzen, in Hotels übernachten und Tagesausflüge machen oder beides kombinieren. Der auf hochwertige Reisen spezialisierte Veranstalter Windrose Travel zum Beispiel (www.windrose.de, Telefon: 030/2017210) hat eine große Rundreise „Ecuador & Galápagos (ab 8990 pro Person im Doppelzimmer) und eine reine Galápagos-Reise (ab 5590 pro Person im Doppelzimmer) im Programm. Das Finch Bay Eco Hotel auf Santa Cruz bietet ein Drei-Tages-Paket ab 1427 Dollar pro Person im Doppelzimmer an inklusive Verpflegung, Transfers, zwei Tagesexkursionen und Besuch der Charles Darwin-Station (www.finchbayhotel.com).

Informationen: im Internet unter www.ecuador.travel.


 

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Jahrgang 1966, Redakteur im „Reiseblatt“.

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