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Fußballfreie Zone (4) Die grünen Rächer von Polokwane

 ·  Es mag bessere Anlässe geben, in Dublin von Pub zu Pub zu wandern, als ein Spiel der französischen Nationalelf. Spaß hat es trotzdem gemacht. Und das, obwohl sich die Iren genau genommen überhaupt nicht für Fußball interessieren, sondern nur für Gerechtigkeit.

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Als kurz nach zwei Uhr irischer Zeit der argentinische Nationalspieler Gabriel Heinze den Ball im Spiel gegen Südkorea mit der Hand abfängt und ihn sich ein wenig zu selbstherrlich vor die eigenen Füße legt, gibt es unter den Gästen im Fitzsimmons nicht einmal ein Murren. Der Schiedsrichter ist weniger großzügig und kramt seelenruhig die Gelbe Karte aus dem Hemd.

Auf der einen Seite im Pub sitzen vier, fünf Asiaten auf Barhockern an einem eckigen Tisch, auf der anderen vier, fünf Südamerikaner um einen runden Tisch herum. Jeder hat ein Glas Bier vor sich; keiner von ihnen trinkt Guinness. Andere Gäste gibt es nicht. Von draußen dringt das Tageslicht in den Pub und fließt in Schlieren über die Großbildleinwand, auf der jetzt Gabriel Heinze den Schiedsrichter mit einer Unschuldsmiene anblickt, wie sie sonst nur Dackel aufsetzen, nachdem sie mit einem präzis ausgeführten Manöver die gute Stube in ein Schlachtfeld verwandelt haben. Darüber immerhin lachen die paar Zuschauer. Von Genugtuung ist nichts zu spüren. Denn der einzige Ire im Pub steht hinter dem Tresen und sortiert Gläser. Und für die ausländischen Gäste ist ein Handspiel einfach nur ein Foul.

Mehr als nur ein Foul

Für die Iren aber ist seit dem 18. November des vorigen Jahres Handspiel im Fußball ein Politikum. Da hatte in der hundertdritten Minute des entscheidenden Qualifikationsspiels für die Fußball-Weltmeisterschaft der französische Kapitän Thierry Henry im Stade de France gleich zweimal nach dem Ball gegriffen, bevor er ihn an seinen Teamkollegen William Gallas weiterreichte. Der versenkte ihn im irischen Tor - und damit zugleich Irlands Hoffnung, in Südafrika mittun zu dürfen. Auf der Fifa-Website war kurz darauf von einem "späten Glückstreffer" der Franzosen die Rede. Die irischen Zeitungen sprachen am kommenden Tag ungleich deutlicher von "Betrug". Und wussten damit Thierry Henry hinter sich. Denn während der Schiedsrichter Martin Hansson noch versichert hatte, er sei "hundertprozentig sicher, dass es nicht Hand war", widersprach Henry nach dem Spiel einigermaßen abgebrüht; er wolle ehrlich sein: "Es war Handspiel." Immerhin war er redlich genug, nicht den lieben Gott zu bemühen.

Am Ausgang änderte das nichts mehr - da konnte Irlands Justizminister Dermot Ahern eine Wiederholung des Spiels verlangen, so lange er wollte. Und der irische Ministerpräsident Brian Cowen machte das Foul zwei Tage später beim Sondergipfel in Brüssel sogar zum Thema im Gespräch mit Sarkozy, musste den irischen Freunden des Fußballs jedoch eingestehen, dass es keine politische Lösung für den Fall geben könne.

Jeder, bloß die Franzosen nicht

"Die Franzosen sind beunruhigt und enttäuscht", kommentierte damals die franzöische Gesundheits- und Sportministerin Roselyne Bachelot die Moral der Spieler. Mary Hanafin hingegen, Irlands Ministerin für Tourismus, Kultur und Sport, spielte den Vorfall dieser Tage bei ihrem Besuch in Deutschland herunter; allerdings ist sie auch erst seit Ende März im Amt. Das verlorene Spiel habe die Stimmung nicht weiter gedrückt, behauptete sie im Frankfurter Restaurant Le Parc zwischen weißer Tomatenschaumsuppe mit gegrillter Riesengarnele und einem Rinderfilet in Kräuter-Pfeffer-Hülle mit Morchelrahm, aber die Teilnahme an der Weltmeisterschaft hätte die Stimmung im Land natürlich ganz erheblich verbessert. Und das hätte Irland gutgetan. Seit gut zwei Jahren hat der keltische Tiger die Krallen eingezogen. Falsche politische und wirtschaftliche Entscheidungen haben das Land über den Umweg einer Immobilienblase an den Rand des Ruins geführt, ohne dass man Lehman den Schwarzen Peter zuschieben könnte. Zehn Jahre Boom und Partystimmung hatten den Blick auf die Realität deutlich getrübt. Nun müsse im großen Stil gespart werden, sagt die Regierung - und sagte auch Ministerin Hanafin. Und so redeten sich manche Iren sogar ein, fügte sie hinzu, dass es viel besser sei, zu Hause zu bleiben, als teures Geld für eine Südafrika-Reise auszugeben. Womit sie nicht zuletzt von ihrem eigenen Ministerium sprach, denn als Zuständige für den Sport hätte sie zu den Spielen der Iren fliegen dürfen. Später erzählte Mary Hanafin noch, wie peinlich es ihr sei, dass eine irische Boulevardzeitung Fan-T-Shirts mit der Aufschrift "Anyone but the French" verteilt habe: Jeder, bloß nicht die Franzosen. Das habe in Irland niemand lustig gefunden.

Das Hemdchen ist tatsächlich nirgendwo zu sehen an diesem siebten Tag der Fußball-Weltmeisterschaft. Schon gar nicht im Fitzsimmons, wo die paar Asiaten mit dem Abpfiff der Begegnung zwischen Argentinien und Südkorea wegen des 4:1 den paar Südamerikanern anerkennend zunicken. Dann leeren sie mit einem letzten großen Schluck ihre Gläser und gehen mit ernsten Gesichtern zur vorderen Tür hinaus, dorthin, wo die Liffey unter einem Dutzend Brücken hindurch gemächlich dem Meer entgegenfließt. Kurz darauf gehen auch die Südamerikaner. Ein wenig beschwingter als die andern. Und ganz offenbar ein wenig vertrauter mit den lokalen Gegebenheiten. Sie nehmen die Hintertür und lassen sich augenblicklich mit dem Strom der Passanten durch die kopfsteingepflasterten Gassen von Temple Bar treiben, dem Amüsier- und Ausgehviertel Dublins mit seinen Galerien, Souvenirläden und den vielen Pubs. Es sind noch fünf Stunden bis zur Begegnung zwischen Mexiko und Frankreich.

Niemand sieht das erste Tor

Obwohl in den meisten Wirtshäusern die Fernsehgeräte laufen, werben nur die wenigsten mit der Übertragung der Fußball-Weltmeisterschaft. In manchen ist sogar das Pferderennen von Ascot zu sehen. Zu einer Zeit freilich, da die Alternative noch Nigeria gegen Griechenland heißt. Im Doheny & Nesbitt fällt das erste Tor, ohne dass der einzige andere Gast es mitbekäme. Er plaudert mit dem Wirt. Der Ton ist abgedreht. Es ist gespenstisch still ohne den Klangteppich der Vuvuzelas, der sonst jedes Gespräch in den Pubs zum Geschrei werden lässt.

Ein paar Straßenzüge weiter halten im O'Neill's vier deutsche Urlauber gerade noch die erste Halbzeit durch. Dann gehen sie nach draußen, woraufhin einer der beiden irischen Gäste über die Qualitäten des deutschen Fußballs zu referieren beginnt. Dann geht auch er. Mitten im Satz. Es sind noch immer dreieinhalb Stunden bis zum Abendspiel. Und es sitzt nun nur noch ein junger Mann mit wirrem Haar und langem Mantel an einem der kleinen Tische nahe dem Eingang. Eine Figur, wie man sie sich in einem irischen Pub wünscht, geradeso, wie sie in der irischen Literatur beschrieben wird - nicht nur von den vier Nobelpreisträgern des Landes, deren Büsten und Skulpturen in Dublin man auf Schritt und Tritt begegnet. Eine Figur vielleicht sogar, wie sie den Gästen während der organisierten Pub-Touren auf den Spuren der Literaten vorgeführt werden. Dort freilich von Schauspielern in Szene gesetzt.

Seine Frage nach einer Zigarette nutzt der junge Mann umstandslos aus für das Bekenntnis, von Fußball nichts zu verstehen. Sein trüber Blick verrät, dass er dem Spiel am Abend selbst bei größerem Interesse kaum würde folgen können. Trotzdem bestellt er noch ein Pint Guinness, das wie in Zeitlupe ins Glas rinnt und dessen Kohlensäure einen Wirbel in der finsteren Flüssigkeit veranstaltet wie eine Gewitterwolke, die sich in einem Steven-Spielberg-Film entlädt. Schon dieses Anblicks wegen möchte man in einem irischen Pub nie aufhören, Guinness zu bestellen.

Eierlauf für harte Kerle

"Hurling", sagt dann der junge Mann, zunächst so leise, dass er die Vuvuzelas nicht übertönt. Dann noch einmal. Lauter. "Hurling ist mein Spiel." Und obwohl es nicht leicht ist, skizziert er mit ein paar Vokabeln den Spielablauf. "Es ist wie Fußball und Handball zusammen, mit den Schrittregeln vom Basketball und einem Abschlag wie beim Volleyball. Und dann hat man noch den Hurley, einen Schläger, so wie beim Hockey." Auch ein bisschen wie beim Eierlauf, denkt der Unbedarfte, der zum ersten Mal zuschaut, wenn die Spieler den Ball auf dem Schläger balancieren und dabei im Sprint durch eine Masse aufgebrachter Spieler rasen, die jede Rugby-Mannschaft wie ein englisches Teekränzchen aussehen lassen. Hurling ist der schnellste Sport der Welt. Sagen die Iren. Und der Sport, der am meisten Geschicklichkeit verlangt. In Irland spielt man ihn vermutlich seit zweitausend Jahren. Er ist so etwas wie eine Religion. Und er ist Politik.

Das Stadion Croke Park in Dublin ist mit seinen fünfundachtzigtausend Plätzen das viertgrößte Stadion Europas. Es wurde ausdrücklich nur für gälische Sportarten gebaut. Deshalb sprachen einige Iren auch von der Schändung heiligen Bodens, als es in den vergangenen Jahren zum Ausweichquartier der Fußballer wurde, bis deren neues Aviva Stadion fertig war. Dafür, dass jeder Ire Croke Park mindestens dreimal im Leben besucht, sorgt der Staat: mit einem Ausflug in der Grundschule, einem in der weiterführenden Schule und bei einem Schülerwettbewerb, für den jede irische Provinz jeweils drei Tage lang über das Stadion verfügen darf. Bei den Führungen werden die Schulklassen nicht nur in die Umkleidekabinen und die VIP-Lounges geführt, sondern erfahren auch vom ersten Bloody Sunday in Irland, einem Massaker, das die englische Armee im November 1920 im Stadion veranstaltet hat. Und im angegliederten Museum können sie später nachlesen, wie viele Debatten fast über ein ganzes Jahrhundert geführt wurden, bevor Iren nicht aus der GAA, der Gaelic Athletic Association verbannt wurden, nur weil sie irgendwo Fußball spielten - und dass erst seit wenigen Jahren Engländer in der GAA Hurling und Irish Football spielen dürfen.

Croke Park sieht aus wie ein Ozeandampfer, dessen Kapitän einen falschen Abzweig genommen hat und der jetzt inmitten einer Arbeitersiedlung gestrandet ist. Aber wenn man im Museum fragt, ob es sich dabei nicht vielleicht um das Mekka der Iren handele, bekommt man ein bedächtiges Nicken zur Antwort. Vierundsechzig Prozent aller Sportbesucher in Irland sehen sich die gälischen Spiele Hurling und Irish Football in den Stadien an. Nur sechzehn Prozent gehen zum Fußball. Wieso dann die Aufregung um das erschummelte Tor der Franzosen? Weil es Betrug war! Und weil wir immer schon die Verlierer waren, die Underdogs. Sagen die Iren. Sie hätten die Nase voll von Schicksalsschlägen. In Irland ist es vom Sport nie weit zur Politik.

Oben ist es einfacher

Und wie wird gezählt beim Hurling, will ich wissen, von dem jungen Mann mit dem wirren Haar und dem langen Mantel. Sein Guinness ist schon wieder leer. Man bekommt Punkte, sagt er. Dazu müsse man den Ball ins Tor werfen oder schießen oder oben drüber. Das würde dann unterschiedlich bewertet. Wie genau, das wisse er jetzt beim besten Willen nicht mehr. "Aber oben ist einfacher", sagt er noch. Es klingt wie eine Aufforderung, das Stockwerk zu wechseln.

Hier ein breites Treppenhaus, dort eine schmale Stiege, hier eine Zwischenetage, dann plötzlich die Dachterrasse, man könnte meinen, M. C. Escher hätte das O'Neill's entworfen. Der Pub scheint in keiner Richtung zu enden. Ein Schankraum folgt dem anderen. 520 Personen nennt ein Messingschild als "Max Occupancy" für den Grand Floor, 252 für das obere Stockwerk; wir sind zu acht. Und dann öffnet sich auch noch ein weiterer Raum mit einer Glastheke wie in einer Betriebskabine, hinter der zwei Köche von riesigen Stücken Fleisch gigantische Portionen abschneiden. Schwein, Rind oder Lamm, dazu Berge von Gemüse und schöpfkellenweise Soße, türmen sie die Speisen auf, bis man Stopp rufen möchte. Nur Fish und Chips gibt es nicht sofort, sondern werden eigens zubereitet. Sieben Minuten dauert das. Wie ein gutes Pils, denkt der Besucher aus Deutschland und bestellt dann doch wieder ein Guinness. Als Griechenland sein zweites Tor schießt, jubelt nur ein einziger Gast. Die anderen schauen nicht einmal von ihrem Essen auf. Und als der Kommentator in Anschluss erklärt, dass das Abendspiel von besonderem Interesse für Irland sei, bekommt es niemand mit.

Gegen Abend wird es immer enger in den Gassen von Temple Bar. Es ist ein Gewühle und Geschubse wie im Schlussverkauf. Und nun stellen sich auch noch Kellner mit Speisekarten in den Weg, um Gäste in die Lokale zu ziehen. Fußball? Nein, gutes Essen! Sagen sie. Dreißig Minuten vorm Anpfiff.

Irische Nacht unter der Trikolore

Wirklich nachtragend scheint in Irland nur der TV-Komiker James Cordon zu sein. Er hat im Studio für seinen Kommentar nach jedem Spiel für jedes Land der Weltmeisterschaft das Foto eines Fans an die Wand gepinnt, nur nicht für Frankreich, als könne man diese Mannschaft gar nicht mögen. Förmlicher formulieren es die Gäste im Buskers mit ihren grünen T-Shirts von der Brauerei Corona: „Irish People Support Mexico at the Fifa World Cup 2010“. Dabei, sagen manche Iren, hätten sie sich gewünscht, zu offiziellen Anhängern der deutschen Nationalmannschaft ernannt zu werden. Immerhin seien sie zu einem der ersten Länderspiele nach dem Zweiten Weltkrieg gegen Deutschland angetreten - und nur deshalb habe der DFB Grün als seine Farbe gewählt.

Am Ende bin ich im Sinnotts gelandet. Einem riesigen Pub in einem Keller, dennoch mit einem gewaltigen Dachgewölbe, an dem alle Flaggen der WM-Teilnehmer hängen, auch die Trikolore. Obwohl das Sinnotts erst 1989 eröffnet wurde, sieht es aus, als sei es hundert Jahre alt. Nur dass dann noch nicht die vielen Bilder von James Joyce und Oscar Wilde die Wände dekoriert hätten. Und es nicht die fünf Leinwände gegeben hätte, jede kaum kleiner als ein Fußballfeld, vor denen nun so viele Gäste stehen und sitzen wie sonst in einem Stadion. Es herrscht Ausnahmezustand nach der ersten Torchance für Mexiko. Beim ersten Tor springt das ganze Lokal in die Luft. Hätte Irland gespielt, es hätte nicht toller zugehen können. Als das Spiel zu Ende ist, fragt der Moderator von RTÉ Sport trocken: „Does anyone feel sorry for France?“ Als ich meinen Nachbarn am Tresen frage, ob Mexiko nun auch Weltmeister werden solle, mischt sich der Manager ein. „Wir sind für alle Teams“, sagt er bestimmt und zählt sie auf wie abgelesen von einer alphabetisch sortierten Liste: „Algerien, Argentinien, Australien . . .“. „Nein, nein!“, schüttelt der Nachbar den Kopf. „Argentinien soll gewinnen. Weil sie die Engländer besiegt haben.“ In Irland ist es wirklich nie weit vom Sport zur Politik.

Das Ende der Betrüger

Draußen ist es still. Keine Autokorsos, keine Hupkonzerte, keine Fahnen. Das grüne T-Shirt sieht man auch nirgendwo mehr. Einfach nur zufrieden flanieren die Passanten durch die Fußgängerzone Grafton Street. Ein Straßenmusikant spielt Stücke von U2, und im Sinnotts beginnt nun unter den Hunderten von Literatenbildern die Karaoke-Nacht. Vielleicht ist Rockmusik ja die Poesie unserer Zeit?

Am nächsten Tag begnügt sich die „Irish Times“ auf Seite eins mit Meldungen vom Cricket und aus Ascot. Die „Irish Sun“ jedoch titelt: „Die Jungs in Grün: 2. Die französischen Betrüger: 0.“ Dazu das Bild des Mittelfeldspielers Florent Malouda am Boden, ausgestreckt auf dem Rasen von Polokwane. Irland ist obenauf.

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Jahrgang 1957, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

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