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Sonntag, 12. Februar 2012
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Frühstück mit Bären Klatschen hilft immer

08.09.2010 ·  Wenn bei uns ein Bär aus heiterem Himmel auftaucht, bekommt er einen Namen und ein Loch in den Bauch. In Kanada geht man mit den Tieren anders um.

Von Ulrich Willenberg
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Diese Geschichte ist leider kein Witz: Ein Bär tappt in den frühen Morgenstunden in einen Schnellimbiss nahe der westkanadischen Stadt Vancouver. Der vor sich hin dösende Verkäufer schreckt auf, sprintet in einen Nebenraum und wirft dessen Tür hinter sich zu. Derweil schnuppert der Bär an den Sandwiches im Kühlregal, findet aber offenbar keinen Geschmack daran und verlässt den Laden wieder - was nicht gerade für die Qualität der Imbisskette spricht. Denn eigentlich ist der Bär ein Allesfresser und verschmäht im Allgemeinen so gut wie nichts.

Manchmal fressen sie auch Touristen, behauptet Terrance Young gern. Er wohnt am Rande des westkanadischen Wells Gray Provincial Park, in dem viele Bären leben. Der Mechaniker, dessen Werkstatt auch von defekten Urlauberautos lebt, macht natürlich nur Spaß. Denn Menschen gehören nicht zur Beute von Bären. In der Regel gehen die Tiere Zweibeinern aus dem Weg. Doch immer mehr Straßen, Siedlungen und Campingplätze zerschneiden deren Reich. Das macht die Suche nach Futter für sie zu einem Hindernislauf - vor allem in Frühling.

Dann nämlich erwacht der Petz mit einem Bärenhunger aus seiner Winterruhe und ist in den folgenden Wochen hauptsächlich mit Futtern beschäftigt: Junge Triebe schmecken ihm besonders gut, auch Gras und Blumen. Löwenzahn ist geradezu eine Delikatesse für den Bärengaumen. Der wächst jedoch vor allem auf den Grünstreifen entlang der Autostraßen, weshalb die Bären dort in der Dämmerung häufig zu beobachten sind. Etwa an dem viel befahrenen Trans-Canada Highway oder dem berühmten Icefields Parkway in der Provinz Alberta. Sie führen quer durch die Rocky Mountains und gelten als schönste Bergstrecken Nordamerikas.

Bärenstau in der Wildnis

Tausende von Touristen sind in der Reisesaison auf ihnen unterwegs. Für viele von ihnen ist es das Größte, einen Bären in der freien Natur zu sehen. Regelmäßig kommt es deshalb zu sogenannten "Bear Jams" - das ist keine Bärenmarmelade, sondern meint durch Bären ausgelöste Verkehrsstaus, da die Touristen aussteigen, um zu fotografieren. Anick Cadieux, die im Banff National Park arbeitet, warnt vor solch leichtsinnigem Verhalten. Denn Bären mögen es gar nicht, wenn man ihnen zu dicht auf den Pelz rückt. Vor allem wollen sie nicht beim Fressen gestört werden. Respektiert man dies nicht, dann verwandelt sich das friedlich grasende Tier schnell in einen wutschnaubenden Angreifer. Autofahrer sollten deshalb mindestens hundert Meter Abstand zu den Tieren halten und niemals aussteigen, sagt Anick Cadieux. Immer noch am besten sei es, einfach weiterzufahren. Auch wenn das schwerfällt.

Kritisch kann es werden, wenn die Tiere sich erschrecken oder Menschen zwischen eine Mutter und ihre Jungen geraten. Wanderer und Radfahrer sollten nur gekennzeichnete Wege benutzen und sich durch Singen, Rufen oder In-die-Hände-Klatschen bemerkbar machen. Der Bär soll wissen, dass Menschen in der Nähe sind, sagt Anick Cadieux. Denn dann habe das Tier Zeit, sich zurückzuziehen. Die niedlichen Bärenglöckchen, die sich viele Wanderer an ihren Rucksack heften, hält sie für nutzlos. "Das ist nur ein Touristengag", sagt sie.

Was aber ist zu tun, wenn es dennoch zu einer Begegnung mit einem Bären kommt? Die Regeln sind einfach, doch sicherlich braucht es starke Nerven, um sie im Angesicht eines Bären umzusetzen: bestimmt und ruhig mit dem Bären sprechen, ohne ihn dabei direkt anzusehen. Dadurch merkt der Bär, dass das Gegenüber ein Mensch und kein Beutetier ist. Dann langsam rückwärts gehen. Weglaufen ist zwecklos, denn auf kurzen Strecken kann ein Bär schneller rennen als ein Pferd. Empfehlenswert ist es auch, sogenanntes Bärenspray bei sich zu tragen, mit dem sich die Tiere abwehren lassen. Angriffe von Bären sind allerdings selten. Viel häufiger werden Menschen von Hirschen verletzt.

Der Mensch ist die Gefahr

Für den Bären ist der Mensch die weit größere Gefahr als umgekehrt: Immer wieder werden Bären von Autos getötet; vor allem in der Dämmerung. In der Provinz Alberta wurde der Grizzly im Juni 2010 deshalb sogar als gefährdete Tierart eingestuft. Auch auf Eisenbahnschienen kommen Bären ums Leben: Sie suchen dort nach Getreidekörnern, die aus den kilometerlangen Güterzügen fallen. Von dem Hupen der Bahn lassen sich die Tiere nicht mehr stören, denn daran haben sie sich längst gewöhnt.

Auf der Suche nach Futter treiben sich Bären auch auf Camping- und Picknickplätzen herum, angelockt vom Essensduft, den sie mit ihrer feinen Nase kilometerweit riechen. Auch den Geruch von Kosmetika, Sonnencreme und Zahnpasta finden sie interessant. Um die Camping- und Picknickplätze bärenfrei zu halten, hat man spezielle Müllcontainer installiert. Die Stahlbehälter sind in den Boden einzementiert und durch einen speziellen Mechanismus gesichert, der von Bärenpfoten nicht geöffnet werden kann. Manche Zeltplätze bieten auch Metallbehälter zum Lagern von Lebensmitteln. Dennoch lassen manche Gäste Essen herumliegen oder füttern die Tiere sogar. Verliert ein Tier auf diese Weise seine Scheu und sucht seine Nahrung öfter beim Menschen, dann wird es schnell zum "Problembären", der im äußersten Fall erschossen werden muss. Anick Cadieux erzählt von einem dreijährigen Schwarzbären in der Nähe von Calgary, dem Camper einen Kebab-Spieß hinwarfen - ein Foto des Tieres mit dem Spieß im Maul brachte es auf die Titelseite einer Tageszeitung. In der Folgezeit näherte sich der Bär immer wieder Autos und bettelte aggressiv nach Futter. Er wurde zur Gefahr. Die Behörden sahen keinen anderen Ausweg mehr, als ihn zu töten. Vor einem Abschuss werde zwar oft versucht, den Bären mit Feuerwerk und Gummigeschossen zu vertreiben. Oder das Tier wird eingefangen und woanders wieder ausgesetzt. Doch einige Bären kommen zurück. So etwa die Grizzlymutter in Lake Louise, die mit ihren beiden Jungen in eine Hütte eingebrochen war. Zweimal wurde die Bären-Familie in entlegene Gebiete ausgeflogen, jedes Mal kehrte sie wieder zurück und bereitete den Menschen wieder Probleme.

Der Zoo macht es leicht

Bären gefahrlos aus der Nähe betrachten kann man in den kanadischen Zoos. Das Bärengehege nahe der kanadischen Provinzstadt Golden in Britisch-Kolumbien gilt als verhältnismäßig artgerecht. Mit neun Hektar ist es das größte seiner Art. Hier lebt der neun Jahre alte Boo, ein gestandener Grizzly von dreihundertfünfzig Kilogramm. Wenn er sich aufrichtet, um seine Umgebung zu sondieren, ist er 2,30 Meter groß. Seine Mutter wurde von einem Wilderer am Rande eines Highway erschossen. Da war Boo gerade fünf Monate alt und damit viel zu jung, um alleine überleben zu können: Bärenkinder bleiben mehrere Jahre in Begleitung ihrer Mutter.

Boo wurde deshalb von Menschen großgezogen, bevor man ihn in das Bärengehege brachte. Er kann dort im dichten Gehölz herumstromern, Nagetiere jagen, in einem Bach oder einem der Tümpel baden. Gerne kommt er aus dem Wäldchen hervor, um die Besucher am Elektrozaun zu beschnuppern. Oder er beobachtet die Mountainbiker, die nebenan mit der Seilbahn auf einen Berg schweben, um dann zu Tal zu brettern. Hat er keine Lust auf menschliche Gesellschaft, dann verzieht er sich ins Dickicht. In die freie Wildbahn kann man Boo nicht mehr entlassen, da er seine natürliche Scheu vor Menschen verloren hat. Einmal brach er aus - für ein Liebesabenteuer. Nach einem knappen Monat jedoch stand er wieder vor dem Zaun seines Refugiums.

Wie viele Bären in Kanada leben, ist umstritten. Die Zahl der Schwarzbären wird auf etwa dreißigtausend geschätzt. Grizzlies soll es mindestens siebentausend geben - die Jäger behaupten allerdings, dass es dreizehntausend sind.

Bärentouren: Der Veranstalter Dertour hat mehrere Reisen nach Kanada im Programm, darunter auch Ausflüge zur Bären- und Wildtierbeobachtung, ab 855 Euro inklusive zwei Übernachtungen mit Vollpension in der schwimmenden Great Bear Lodge und der Anreise mit Wasserflugzeug ab Port Hardy in Westkanada. Auch die schwimmende Kight Inlet Lodge bietet Exkursionen in die Wildnis. Mit dem Wasserflugzeug erreicht man sie von Campbell River aus (ab 1017 Euro.) Eine zweieinhalbstündige Bootstour zu wildlebenden Bären auf Vancouver Island kann man bei Dertour für 54 Euro buchen, im Internet unter www.dertour.de.

Quelle: F.A.Z.
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