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Familienstudienreise nach Istanbul Im Morgenland, Kinder, wird’s was geben

 ·  Reisen bildet. Muss das sein? Es sind doch Ferien! Eine Studienreise für die ganze Familie kann auch Spaß machen

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© Agentur Focus Geschichtsstunde: Die Kuppel der Blauen Moschee tragen vier „Elefantenfüße“

Annaleanderluuucas - ein wenig hört sich der Vater aus Paderborn an wie einer der Muezzine, die fünfmal am Tag von den Minaretten rufen. Denn auch wenn die Hagia Sophia und die Blaue Moschee einander quasi gegenüber liegen, gibt es auf den weniger als fünfhundert Metern Entfernung tausend Anreize, die Anna, Leander oder Lucas dazu verleiten könnten, sich von der Gruppe zu entfernen: die süße schwarze Katze zum Beispiel, die dringend gestreichelt werden muss, oder der hinkende Hund, der aussieht, als ob er Hunger habe. Der Simit-Händler da vorne, der seine appetitlich braunen Sesamkringel staunenswert stabil auf dem Kopf balanciert. Oder der Schuhputzer, der gerade eine blankpolierte Kiste auf dem Bürgersteig aufgeklappt hat und bereits hingebungsvoll den ersten Schuh wienert.

Doch den Rufen der Väter, den zupackenden Händen der Mütter und den sich ständig drehenden Köpfen der Großmütter sei Dank: Alle 13 Kinder zwischen knapp sechs und gut 13 Jahren finden sich am letzten Tag der fünftägigen Familienstudienreise zum gemeinsamen Abendessen in einem Kebap-Restaurant am Kindertisch ein. Nach ungezählten Fußschritten kreuz und quer durch Istanbul, 340 mit dem Bus zurückgelegten Kilometern und diversen Seemeilen atmen die Erwachsenen - endlich - auf.

Faulenzen fällt aus

Muss man denn auch mit Kindern nach Istanbul reisen, um Kunst und Kultur zu studieren? In den Ferien, die - so meint sogar das Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen - doch „der Erholung der Schülerinnen und Schüler“ dienen sollen. Weswegen etwa Hausaufgaben in den Ferien „unzulässig“ sind.

Hausaufgaben gibt es zwar nicht während der Reise. Ein Spaß ist es aber auch nicht, pünktlich um 8.30 Uhr im Bus zu sitzen und erst spät am Abend wieder ins Hotel zu taumeln, ohne zwischendurch Fußball gespielt, ferngeschaut oder einfach nur gefaulenzt zu haben. Einerseits. Andererseits: Reisen bildet. Bereits seit der Renaissance wurden die Söhne des europäischen Adels und später auch des gehobenen Bürgertums auf die sogenannte Grand Tour geschickt, um die Sitten und Gebräuche der mitteleuropäischen Welt zu studieren. Erst die Grand Tour gab damals der Erziehung den letzten Schliff.

Zwar waren die jungen Menschen älter damals, Goethe etwa brach erst mit 37 Jahren zu seiner italienischen Reise auf. Aber Kinder werden schließlich immer schneller erwachsen, machen nach zwölf Schuljahren Abitur, vorher mit 17 den Führerschein, und wenn die Piratenpartei sich durchsetzt, dürfen sie schon mit 14 Jahren an die kommunalen Wahlurnen.

Stetig steigende Buchungszahlen

Die Investition in eine frühe Bildungsreise ist also gut angelegt. Studiosus, der Marktführer unter den Studienreiseanbietern, hat seit 2006 auch Familienstudienreisen im Angebot. Andere Reiseveranstalter folgten mit Ideen für das bildungshungrige und reiselustige Kind und seine Eltern: 2007 erweiterte der Abenteuerreiseanbieter Djoser sein Angebot um spezielle Familienreisen, bei denen vor allem exotische Reiseziele im Vordergrund stehen. Bei ReNatour und Travel-to-Nature geht es währenddessen um das möglichst authentische Naturerlebnis.

Bereits 25-jähriges Jubiläum feiern in diesem Jahr Vamos-Reisen, die Kinder in den Ferien zur Kreativität ermuntern. Stetig steigende Buchungszahlen beweisen den Erfolg. Doch auch die klassische Studienreise findet Anklang: Die acht Angebote, die Studiosus anfänglich im Programm hatte, haben sich inzwischen fast verdoppelt. In diesem Jahr geht es zu insgesamt fünfzehn Zielen in zwölf Ländern. Erstmals ist auch Istanbul dabei.

“Türkischer Honig am Bosporus“ heißt die Reise. Doch ehe die Kinder und dazugehörigen Eltern oder Großeltern bei Koska in der Istiklal Caddesi, der Istanbuler Fußgängerzone, in den Genuss der klebrig süßen Geleewürfel kommen, gilt es erst einmal eine Reihe von Aufgaben zu bewältigen: die Turbannadel des Sultans im Topkapi-Palast zu finden und abzumalen, das Barthaar des Propheten zu entdecken oder das Tor der Glückseligkeit zu zeichnen.

Schummeln ist erlaubt

Für jedes Kind hat Aysel, die Reiseleiterin, eine Aufgabe erdacht. Schummeln allerdings ist bei Aysel erlaubt: Wer nicht weiterkommt, darf eine Postkarte im Museumsshop abpausen, schließlich sind doch Ferien!

Nach dem Besuch des Palastes geht es gleich weiter in die spätantike Yerebatan-Zisterne. Mit ihren insgesamt 336 jeweils acht Meter hohen Säulen sieht sie tatsächlich so aus, wie sie genannt wird: wie ein versunkener Palast. Erst auf dem Großen Basar mit seinen etwa 4000 Geschäften ist eine Stunde „Freizeit“ angesagt.

Das dichte Programm schreckt die Kinder allerdings nicht. Henno ist 13 und war mit Studiosus schon in Neapel. Lena war voriges Jahr auf einer Familienstudienreise in Paris. Auch die temperamentvolle ältere Dame aus Bonn, die mit ihren beiden Enkelinnen reist, war bereits mehrfach mit Studiosus unterwegs und nimmt nun an ihrer ersten Familienfahrt teil: „Es ist großartig, die Mädchen ein paar Tage ganz für mich zu haben und mit ihnen etwas Besonderes zu erleben. Ich hoffe, sie werden sich immer an diese Reise erinnern!“

Der Jüngste wird sechs

Die junge Lehrerin aus Würzburg und ihr Partner haben noch keine Kinder. „Aber wir wollten mal einen anderen Altersdurchschnitt als bei unseren früheren Studienreisen.“ Für den weit unter dem bei Studiosus üblichen 50-plus-Schnitt sorgt vor allem Leander: Der Jüngste der Gruppe ist gerade einmal fünf Jahre und zehn Monate alt. Papier marmorieren kann er aber schon: Konzentriert spritzt er die mit Ochsengalle versetzten Aquarellfarben in die Blechwanne, zieht Spiralen und kämmt die bunten Schlieren, die sich am Ende kunstvoll auf das Papier übertragen. Maximiliane hingegen hat sich für den Kalligraphie-Workshop in der historischen Medrese entschieden. In der ehemaligen Universität, die der bedeutende osmanische Architekt Sinan gebaut hat, verzweifelt sie leise fluchend an ihren elf Buchstaben. Diese wollen bei weitem nicht so elegant auf das Papier fließen wie bei Mehmet, dem Workshop-Leiter. Aber dafür kann Maximiliane ihr Ergebnis gleich mitnehmen.

Jan muss warten, bis seine Kachel mit dem bunten, osmanischen Ornament gebrannt ist. „Keine Sorge, ich hole sie morgen ab“, verspricht Aysel.

Versprochen ist versprochen: Am nächsten Tag zaubert Aysel die gebrannten Kacheln und die trockenen Marmorpapierbögen aus ihrem schwarzen Rucksack, der ebenso bodenlos zu sein scheint wie die Handtasche von Harry Potters Freundin Hermine. Doch Aysel hat nicht wie sie eine ganze Bibliothek darin untergebracht. Die Nachschlagewerke hat Aysel im Kopf. Sie schleppt stattdessen Postkarten mit Abbildungen unterschiedlicher Berufe am Hof des Sultans mit sich herum, Blöcke, Stifte, Pläne, Türkischen Honig in verschiedenen Sorten, ein Kartenspiel und für alle einen Anhänger mit dem Blauen Auge. Das soll vor dem bösen Blick schützen.

Eigentlich fast unlösbare Aufgabe

Der allerdings kommt weder von den Eltern noch den Kindern. Auch wenn zwischendurch immer mal wieder gequengelt wird, weil es in der Moschee zu kalt und draußen zu warm, die Schlange zu lang und die Pause zu kurz, das Fleischstück zu groß und das Ziegenmilcheis zu klein ist und außerdem die Nintendo-Akkus immer während des Abendessens keine Energie mehr haben: Die eigentlich fast unlösbare Aufgabe, eine Millionen-Metropole mit 2600 Jahren Geschichte, die drei großen Weltreichen als Hauptstadt diente, sowohl Kindern als auch Erwachsenen in drei Tagen vorzustellen, gelingt ganz gut.

Am besten funktioniert das Programm, wo es die üblichen Touristenpfade verlässt: wenn Aysel in der Blauen Moschee den Kindern die Bewegungen beibringt, die ein betender Muslim ausübt; wenn die Kunst, die überall zu bestaunen ist, die Fayencen und die Kalligraphie, selbst umgesetzt wird; wenn die Kinder das Kommando übernehmen und den Bosporus entlangschippern; wenn Teppiche nicht nur gekauft, sondern auch geknüpft werden; oder wenn der smarte und fast akzentfrei Deutsch sprechende Sprecher der Deutsch-AG des Anatolischen Gymnasiums sich den Fragen der Jugendlichen stellt: „Sind die Lehrer oft krank bei euch?“, „Nein, leider nicht . . .“

Studienreisen mit Kindern

Insgesamt 15 Familienstudienreisen hat Studiosus 2012 im Programm. Die fünftägige Reise „Türkischer Honig am Bosporus“ wird im Juni, im Oktober und im November noch einmal angeboten. Erwachsene zahlen ab 1139 Euro, Kinder ab 539 Euro, www.studiosus.com.

Djoser Junior organisiert Reisen für Familien mit Kindern zwischen 5 und 15 Jahren nach Lateinamerika, Nordamerika, Afrika, Asien und in den Orient. In Europa wird eine Rundreise durch Island angeboten, www.djoserjunior.de.

Der Nürnberger Reiseveranstalter ReNatour hat für Familien unter anderem eine Reise nach Lappland im Programm, bei der 14-tägigen Fahrt „Auf Odysseus’ Spuren“ werden im türkischen Küçükkuyu auch Trojanische Pferde gezimmert, www.renatour.de.

Travel-to-Nature hat sich spezialisiert auf Fernreisen für Familien, Tierbeobachtungsreisen und Studienreisen zu ökologischen und sozialen Projekten, www.travel-to-nature.de oder www.familien-reisen.com.

Die Vamos-Eltern-Kind-Reisen führen zu europäischen Reisezielen. Dort beschäftigen sich die Kinder mit Philosophie oder Literatur, spielen Theater oder drehen einen Film, www.vamos-reisen.de.

Zwei Mütter und passionierte Reisende gründeten die Geschichtentaucher-Familienreisen. Im Angebot sind Norddeutschland, Spanien, Irland, Oman sowie Vietnam und Kambodscha. Dort werden Lampions gebastelt, landestypisch gekocht, Fahrrad- und Bootstouren gemacht und einheimische Familien kennengelernt, www.geschichtentaucher.de.

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