21.01.2012 · Draußen Schneemassen, drinnen ein Mikrokosmos - wie fühlt sich das an, wenn man eingeschneit ist? Fünf Geschichten aus Österreich, Italien, Estland, Norwegen und der Türkei.
Wir kamen im Sommer und gingen im Winter, denn das Kühtai ignorierte den Herbst. So war das damals, als wir auf einer kleinen Hütte oberhalb des auf zweitausend Meter Höhe liegenden Tiroler Ortes zehn Tage verbrachten. Die ersten paar Tage saßen wir auf der Holzterrasse, lasen in Büchern und ließen uns die Sonne ins Gesicht scheinen. Und erst als die Sonne hinter dem Berg verschwand, zogen wir uns in die Stube zurück und feuerten den Kamin an. Doch dann, am fünften Tag, begann es plötzlich zu schneien, erst ein paar verirrte Flocken, die sich zu einer zarten Schneedecke zusammenschlossen und wuchsen, wuchsen, wuchsen. Zehn, fünfzehn, zwanzig Zentimeter - und es schneite weiter. Dabei hatten wir noch den Sommer im Kopf. Nach zwei Tagen dichten Schneefalls kam schließlich der Hüttenwirt und sagte: „Die Straße ins Kühtai ist wegen Lawinengefahr gesperrt. Es sind anderthalb Meter Schnee gefallen, und man darf das Dorf keinen Meter weit verlassen.“ Er sagte auch: „Wenn die Vorräte ausgehen, werden wir per Hubschrauber versorgt.“ Und er erzählte, dass das alles nicht ungewöhnlich sei und hier im Kühtai vor einigen Jahren so viel Schnee gefallen sei, dass der Räumdienst einen eingeschneiten Kleinwagen in den Graben geschoben hat. Wir schauten ihn ungläubig an, und er sagte nur: „Der Räumdienst hat das gar nicht gemerkt!“ Ein Glück, dass wir alles hatten, was man als Eingeschneiter braucht: Holz zum Heizen, Bücher zum Lesen, Weißbier zum Trinken. Und jeden Abend gingen wir mit Schneeschuhen eine Runde durch den lawinensicheren Wald vor der Hütte. Die Stimmung war plötzlich unglaublich entspannt und losgelöst von der Welt jenseits des Schnees. Es war eine wunderbare Zeit. Und als sie es dann endlich geschafft haben, die Straße zu räumen und lawinensicher zu machen, waren wir fast ein wenig traurig. (Andreas Lesti)
Es war die erste Auszeit im Arbeitsleben - eine Woche Skiurlaub in Tonale in den italienischen Bergen, ein Luxus, den wir uns als Zivildienstleistende nur leisten konnten, weil die Eltern meines Freundes dort eine Ferienwohnung besaßen. Bei der Ankunft fanden wir noch: Ein bisschen mehr Weiß täte gut. Aber für die meisten Pisten war genügend Schnee zusammengekratzt worden, dazu schien die Sonne. Am Nachmittag zogen Wolken auf, und am Abend fielen die ersten Flocken. Unsere Stimmung stieg. Tatsächlich waren am nächsten Tag ganz Tonale und die italienischen Berge unter einer dicken Schneeschicht versunken. Ein halber Meter Neuschnee war über Nacht gefallen - der Auftakt des Schneeinfernos, das auch die Schließung des Skigebiets zur Folge hatte. Bis auf den Bambini-Seillift ging nichts mehr.
Statt Schneepflügen räumten fortan Bulldozer die Dorfstraße und türmten gigantische Schneeberge auf. Zum Einkaufen ging man am besten in Skischuhen und mit Schneebrille. Am vierten Tag fiel der Strom aus, die Passstraße war schon längst geschlossen. In der Pizzeria aßen die Gäste bei Kerzenschein, nur die Diskothek hatte ein Notstromaggregat. Dort wurde mir dann auch noch die Lederjacke geklaut, und ich rannte im Hemd durch den Schneesturm zurück zur Ferienwohnung.
Wirklich hart wurde es aber, als wir zwei Tage später bei Sonnenschein packen mussten. Die Lawinenschranke war geöffnet worden, und wir hätten ja eigentlich schon einen Tag vorher wieder als Zivis dienen sollen. Irgendwann auf der Heimfahrt beschlossen wir: Tonale ist immer noch eingeschneit! Vor den Zeiten des Internets konnte man so etwas behaupten. Von einer Telefonzelle aus kündigten wir dem Chef die Rückkehr für übermorgen an, dann sei der Pass wieder offen. Dann fuhren wir nach Hause ins Allgäu, der Himmel war blau, der Schnee perfekt, und wir gingen Ski fahren. (Roland Wiedemann)
Tallinn ist eine dieser Städte, die schöner wären, wenn man nicht hören könnte. Aus irgendeinem Grund scheint man dort zu meinen, es wäre unhöflich, Passanten ohne Musikbegleitung durch die Altstadtgassen spazieren zu lassen, und so sind vor vielen Restaurants oder Cafés Lautsprecher angebracht, aus denen Musik schallt, und zwar von dieser ausgesucht scheußlichen, mit billigen Technobeats unterlegten Art. Denkt man sich das Gedudel weg - und auch gleich noch die Autos, die unter der dicken Schneedecke aktuell sowieso kaum zu sehen sind -, fühlt man sich in Estlands Hauptstadt schnell ins Mittelalter zurückversetzt. Massige steinerne Gotikbauten mit steil aufragenden, spindeldünnen Türmchen, dicke Stadtmauern, spitz zulaufende Hausdächer, Zinnen, wie man sie von der Playmobilritterburg kennt.
Vorsichtig wird im Reiseführer auf die Besonderheiten der estnischen Bevölkerung hingewiesen: „Die Esten sind wortkarg, zurückhaltend, distanziert und auf den ersten Blick sogar manchmal etwas unfreundlich“, heißt es dort; es gelte, ihnen nicht zu nahezutreten, „im direkten wie im übertragenen Sinn“. Dergestalt vorbereitet, versuchte ich also, den in dieser Jahreszeit dick vermummten Einheimischen nicht versehentlich im Vorbeilaufen in ihre Aura zu grätschen, verhielt mich bei direkter Ansprache äußerst defensiv - und konnte nicht anders, als die ansatzweise hochgezogenen Mundwinkel, zu denen es hier und da wenigstens andeutungsweise kam, als überragenden, binneneuropäischen Erfolg zu werten.
Letztes Jahr lag so viel Schnee wie nur vorletztes Jahr - und davor seit Estengedenken nicht. Wegen akuter Dachlawinengefahr empfahl es sich, die Gehsteige dem Schnee zu überlassen und auf der Mitte der Straße zu laufen, stapfen, klettern. Und nun schneit es schon wieder seit Tagen. (Johanna Adorján)
Die Hardangervidda ist eine riesige, menschenleere Hochebene in Norwegen. Im Sommer kann man da wunderbar fischen, wandern und wild campen, im Winter ist die Landschaft mit ihren zugefrorenen Seen ideal, um Skitouren zu unternehmen. Man wandert von Hütte zu Hütte, was man essen möchte, hat man im Rucksack mit dabei. Denn bewirtschaftet werden die Unterkünfte im Winterhalbjahr erst gegen Ostern. Eine freundliche Dame vom Tourismusbüro drückte uns einen Umschlag mit den Hüttenschlüsseln in die Hand und erklärte das Notwendigste: Als Erstes Feuer im Holzofen machen, dann draußen Schnee in einen Eimer schippen, der dann auf dem Ofen geschmolzen wird - fließendes Wasser gibt es auf der Hardangervidda nur im Sommer. Der Himmel war blau, und die Sonne strahlte, als wir aufbrachen. Wir waren zu fünft, und alles war bestens, jedenfalls am ersten Tag und am zweiten auch noch, zumindestens ein paar Stunden lang. Dann aber zeigte sich, dass meine geliehenen Tourenskischuhe eben doch nicht passten. Schon am Abend waren die Fersen wund, und als sei das nicht schon unerfreulich genug, zog sich über Nacht der Himmel zu. Wir wanderten weiter, es fing an zu schneien, erst in kleinen, zarten Flocken, dann bald so stark, dass man seinen Vordermann nur noch schemenhaft erkennen konnte. Auch die Markierungen verschwanden im weißen Nichts. Zum Umkehren war es zu spät, denn um diese Jahreszeit gibt es auf der Hardangervidda nur wenige Stunden Licht. Erschöpft überlegten wir, ob wir eine Höhle in den Schnee graben sollten. Aber die Mehrheit stimmte dagegen: Niemals! Als wir schließlich die Hütte erreichten, war es Nacht. Zwei Tage blieben wir dort. Eine Skitour haben wir seitdem nicht mehr gemacht. (Karen Krüger)
Wenn man irgendwo eingeschneit ist, ist draußen das Wetter und drinnen ein Mikrokosmos. Als ob alle Welt diesen Ort vergessen hätte und der Schnee schweigend am Ende der Welt fiele. Das kann wunderbar oder die Hölle sein und hängt vor allem davon ab, mit wem man festsitzt. In Orhan Pamuks Roman „Schnee“ ist gleich eine ganze Stadt eingeschneit, Kars in Anatolien. Islamisten, Kurden, Aserbaidschaner, Kommunisten sind drei Tage lang auf sich selbst zurückgeworfen. Als ob der Schnee auf alle Feindschaft, Begierde und Hass sinke und die Menschen einander annähere. Doch vorher kommt es zu Morden und einem Militärputsch, und mittendrin ist der Dichter Ka, der eigentlich nur einen Artikel über die häufigen Selbstmorde der „Kopftuchmädchen“ schreiben soll. Wären die Straßen nicht durch Schnee blockiert gewesen, wäre er mit dem nächsten Autobus von hier geflohen.
Kars liegt im Nordosten der Türkei, mit dem Zug braucht man zwei Tage bis Istanbul. Es schneit dort wirklich oft, jetzt gerade auch, nachts sind minus 25 Grad. Doch vom Wetter abgesehen distanziert man sich von Pamuks Buch. Als wir die Bewohner auf „Schnee“ ansprachen, sagten fast alle, dass Kars zu rückständig dargestellt sei. „Er hat Bruchstücke aus der Realität genommen und eine Suppe daraus gemacht“, sagt Sezai Yazici. Yazici taucht im Buch als Leiter des Fernmeldeamtes auf, er hat Pamuk oft durch die Stadt geführt. Weil viele Touristen die Schauplätze aus „Schnee“ sehen wollen, hat Yazici einen Pamuk-Rundgang ausgearbeitet. Die märchenhafte Welt aus dem Buch ist dabei nur schwer wiederzufinden. An der Stelle des „Hotels Schneepalast“ zum Beispiel liegt ein Käseladen. Der Betreiber zumindest hat nichts gegen Pamuk: Die Literaturtouristen kaufen oft Käse und Honig bei ihm. (Anne-Dore Krohn, Zitate aus Orhan Pamuks „Schnee“, z.B. als Fischer-Taschenbuch, 9,95 Euro)
Hardangervidda
Thomas Müller (TMdriver)
- 23.01.2012, 09:40 Uhr