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Veröffentlicht: 08.09.2005, 11:10 Uhr

Ecuador Der Schatz von Santa Clara

Ein Teil der Geschichte Ecuadors liegt noch immer auf dem Meeresgrund: Gesunkene spanische Galeonen aus dem 17. Jahrhundert, voller Gold und Silber. In den Gewässern tummeln sich heute wagemutige Schatzsucher - und Piraten.

von Ivo Goetz
© F.A.Z. - Ivo Goetz Schatztaucher in Ecuador

Es war früh am Morgen, und der Pazifik lag schläfrig unter dem Schiff. Carlos Saavedra saß auf dem Kommandodeck und starrte mißtrauisch auf die spiegelglatte Fläche des Wassers, als würde ihn etwas in der Tiefe darunter beobachten. Trotz der frühen Stunde war die Luft schwül und drückend, und der Horizont verschwamm mit dem diesigen Himmel des Äquators.

Das alte deutsche Kanonenboot mit den beiden amerikanischen Zehnzylindermotoren, das die ecuadorianische Marine nach dem Zweiten Weltkrieg billig erstanden hatte, schob sich brummend auf die dunklen Punkte zu, die am Horizont auftauchten. Ein paar fliegende Fische zuckten über die Oberfläche und hinterließen kräuselnde Spuren. Ab und zu segelte ein großer Vogel von weit her an das Boot heran und verschwand wieder im Nichts. Das Meer und der Himmel saugten alles auf an diesem Morgen.

Ein Schiff mit seltsamen Tentakeln

Die dunklen Punkte kamen näher. Es waren die Inseln Santa Clara und ein paar Felsen, die dreißig Seemeilen westlich der Hafenstadt Machala im Süden Ecuadors im Pazifik liegen. Einer der Punkte war ein Schiff mit seltsamen Tentakeln. Es gehörte Roberto Aguirre, den sie hier den Sardinenkönig nennen. Die Sardinen hatten ihn reich gemacht, aber seit einiger Zeit steckte er das Geld aus seinem Fischfangimperium in die Schatzsuche. Ein Teil der Geschichte Ecuadors liegt noch immer auf dem Meeresgrund unter der grauen Wasserfläche, und diese Geschichte emporzuholen war das, was ihn seither interessierte.

Ecuador © F.A.Z. Vergrößern

Seit langem werden spanische Galeonen aus dem 17. Jahrhundert voll Gold und Silber vor der Küste vermutet, und immer wieder wurden Schiffe entdeckt. Roberto Aguirre und sein Partner Carlos Saavedra gründeten Ende der 90er Jahre ein Unternehmen, das Robcar heißt und die versunkenen Schiffe aufspüren soll - wobei ihr Interesse nicht nur historischer Natur sein dürfte. Der Finder eines Schatzes erhält die Hälfte, die andere Hälfte gehört dem Staat.

Vollgestopft mit Münzen aus Silber und Gold

Vor ein paar Jahren hatten sie einen ersten sensationellen Fund gemacht: Vor Santa Clara entdeckten sie die spanische Galeone „Santa Maria de la Consolacion“, die 1681 auf dem Weg von Peru nach Panama gesunken war. Dem Kapitän des spanischen Schiffes, Juan de Lerma, war damals die Ladung zum Verhängnis geworden: Vollgestopft mit Münzen aus Gold und Silber und Kanonen aus Bronze und Eisen war die Galeone vierhundert Tonnen schwer und dadurch langsam wie ein alter, fetter Wal. Der englische Piratenkapitän Bartholomew Sharpe jagte de Lerma auf ein Riff und schlug zu.

Aus Verzweiflung zündete der sein Schiff an und versenkte sich und die Ladung, damit den Piraten die Fracht nicht in die Hände falle. Fast die gesamte Mannschaft und die meisten der Passagiere konnten an Land rudern oder schwimmen, allerdings wurden die 350 Schiffbrüchigen auf der Insel von den Piraten erwartet, die, außer sich vor Wut über die entgangene Beute, alle Gefangenen köpften. Seit diesem Blutbad wird die Insel auch El Muerto genannt. Heute brüten Tausende Blaufußtölpel und Pelikane auf der Insel, große Echsen dösen faltig und matt in der Sonne, die Schrecken sind vergessen - aber die Schätze, die in der Tiefe warten, nicht.

Ein Fall für den Schiffsfriedhof

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