Home
http://www.faz.net/-gxj-y6ox
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ecuador Der alte Mann und das Öl

 ·  Unter dem Dschungel Ecuadors liegt schwarzes Gold in großen Mengen. Doch die Indianer wehren sich gegen die Förderung. Ein Besuch bei den Cofan im Yasuni-Regenwald.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Zuverlässig hat die Buschtrommel funktioniert. In dem kleinen Dorf der Cofan am Aguarico mitten im Yasuni-Regenwald wissen alle, dass Besuch zu erwarten ist, Touristen aus Deutschland. Sie kommen regelmäßig nach Pacuya, seit die "Jungle Discovery" den Fluss befährt. Doch an diesem Tag zeigt das Dörfchen mit den Holzhütten den Gästen die kalte Schulter. Eine Handvoll Kinder drängt sich kichernd in einer Ecke zusammen, aus dem Haupthaus dringt Stimmengewirr, eine Frau äugt scheu aus einem der Fenster. Franziska aus der Schweiz, die einen Anteil am Flussschiff hält und die Touristen durch den Regenwald führt, bleibt dennoch beharrlich. Schließlich kostet jeder dieser Besuche in Pacuya "Eintrittsgebühr", und dafür sollen die Touristen auch etwas zu sehen und vor allem Informationen bekommen. Ohne diese Gelder könnten die Cofan, einer der sechs indigenen Stämme der Gegend, kaum im Regenwald überleben. Zweitausend A'i, Menschen, wie sich die Cofan auch nennen, sind von den einst fünfzigtausend noch übriggeblieben. Die meisten leben tief im Regenwald wie am Aguarico, wo sie ihre tausendjährige Kultur, ihre Tradition und Sprache pflegen. Doch die Neuzeit ist auch bei ihnen angekommen - mit Jeans und T-Shirts, aber auch mit Sonnenkollektoren und einem Wassertank von der Europäischen Union.

Ein bildhübsches Mädchen kommt schließlich aus dem Haupthaus. Ireda heißt die Dreizehnjährige in kurzen Hosen und modischer Bluse. Die Männer seien alle bei einem Fest in einem der anderen Cofan-Dörfer, sagt sie. Nur der alte Atanasi sei noch da, der Dorfälteste, und er sei auf die Fremden nicht vorbereitet. Ireda lächelt entschuldigend. Sie kennt sich aus mit den Vorstellungen der weißen Gäste, besucht sie doch die Schule in Dureno und betreut zusammen mit einer spanischen Biologin ein Projekt zur Beobachtung der seltenen südamerikanischen Harpye-Greifvögel. Am liebsten würde sie Lehrerin werden, sagt Ireda, und wieder lächelt sie, rätselhaft wie Mona Lisa.

Symbolfigur des Widerstands

Dann tut sich doch etwas im Haus hinter ihr. Ein zerbrechlich wirkender Greis klettert erstaunlich agil die Hühnertreppe herunter und schwenkt eine Bananenstaude. Seltsame weiße Plastikröhrchen schmücken seine Ohren und seine Nase. Es sind Lutscherstiele. Der Alte grinst zahnlos und bietet die Bananen als Gastgeschenk an. Keiner im Dorf weiß, wie alt Atanasi ist, achtzig, fünfundachtzig, neunzig, Zahlenspielerei. Wichtig ist, was der alte Mann zu sagen hat. Der frühere Schamane ist in Pacuya die letzte Instanz und eine Symbolfigur im Widerstand gegen die Ölgesellschaften, die Ecuador immer systematischer ausbeuten. Sie kamen mit Bulldozern und Hubschraubern, rammten Straßen in den Regenwald und fällten jahrhundertealte Bäume. Für eine Handvoll Dollar oder ein paar Fußbälle hatten findige Ölmanager alkoholisierten Stammesältesten die Besitzrechte am Boden abgekauft. Doch als 1993 die ersten Ölgesellschaften in dieser Gegend auftauchten, kidnappten die Cofan die Arbeiter - und die Ölgesellschaft Petro Amazonas zog sich aus dem Gebiet zurück. Inzwischen sind die Firmen wieder auf dem Weg hierher. Vor kurzem haben junge Männer eine Brücke zerstört, die zum Fluss führt. Sie wollen die schweren Fahrzeuge daran hindern, tiefer in den Regenwald vorzudringen.

Seit sie denken können, leben die Cofan und andere indigene Stämme im Einklang mit der Natur. Der Dschungel mit seiner immensen biologischen Vielfalt ist ihnen Nahrungslieferant und Hausapotheke zugleich. Gegen fast alle Krankheiten ist hier ein Kraut gewachsen, auch gegen eingebildete. Triebe einer Palme helfen bei Ohrenweh, Blätter einer anderen bei Kopfschmerz, der Sud einer Pflanze wirkt gegen Durchfall, mit dem "Waldknoblauch" werden Tumore bekämpft. Die Eisenholzpalme mit ihren penisartigen Wurzeln ist das Viagra des Regenwaldes, es gibt Blätter, die sich als Liebeszauber verwenden lassen, und Gewächse, die Schwangerschaften verhindern. Ireda kennt sie alle, das hat sie von ihrer Großmutter gelernt.

Abendliche Ausfahrt mit dem Kanu

Mit einer Machete bahnt sie sich und den Touristen einen Weg durch den dichten Dschungel mit den gewaltigen Bäumen. Sonnenlicht tropft durch das dichte Blätterdach, beleuchtet hier eine grellrote Blütenkrone, dort einen Termitenbau. Es ist eine seltsam lebendige Welt, auch wenn kaum größere Tiere zu sehen sind, eine Welt, die sich ständig erneuert, die uralt ist und doch frühlingsfrisch. Die Cofan haben sich ins Herz des Regenwalds zurückgezogen, um so weiterzuleben wie ihre Ahnen, so wie es der alte Atanasi ihnen erzählte.

Wenn die "Jungle Discovery" ins Abendrot fährt, wirkt die Welt wie verzaubert - und man versteht in diesem Moment den Wunsch der Cofan, nur hier leben zu wollen. Hellrot schillernde Aras fliegen schimpfend auf, grellgelbe Kaziken schwingen sich von Ast zu Ast, auf einer Baumspitze sonnt sich ein Tukan im letzten Sonnenlicht. Zwischen all dem Grün flattert himmelsblau ein Morpho-Schmetterling. Bei der abendlichen Ausfahrt mit dem Kanu steht der Wald im nachtschwarzen Wasserspiegel kopf, kahle Baumriesen liegen im Fluss wie Skelette, und über allem schwebt das melancholische Pfeifen des Tinamu. Dann stimmen die Zikaden ihr nächtliches Konzert an, der Chor der Frösche fällt ein, während am Himmel ein Sternenheer steht.

Klimageschenk für Kinder

Doch ist auch diese Welt schon lange nicht mehr heil. Die Gier nach dem Erdöl hat Ecuador verändert. Wie sehr, ist schon auf dem Weg zur "Jungle Discovery" sichtbar geworden. Am Horizont wabern Gasfackeln, rostige Pipelines begleiten die Straße, die schnurgerade die Landschaft zerschneidet. Frauen waschen am Fluss unter dem Leitungsgewirr ihre Wäsche und hängen sie über die Rohre. Neben der Straße gesichtslose Dörfer und vor allem ödes Land. "Eine Straße ist das Schlimmste, was einem tropischen Regenwald passieren kann", sagt Franziska und zeigt auf lecke Pipelines und unkontrolliertes Formationswasser. Zwar hat Präsident Rafael Correa angekündigt, schonend mit dem Regenwald und seinen Ressourcen umzugehen, und die neue Verfassung garantiert seit Ende September vergangenen Jahres jedem Ecuadorianer das Recht, in einer Umgebung ohne Umweltverschmutzung zu leben. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Als Texaco 1992 nach zwanzig Jahren Ölausbeutung Ecuador verließ, blieben siebenhundert Auffangbecken mit giftigem Schlamm, Öl und Formationswasser zurück, neunzehn Milliarden Gallonen Abfälle wurden vergraben. Sechzehn Millionen Gallonen Rohöl wurden in Flüsse, Sümpfe und Bäche gepumpt, eineinhalbmal so viel, wie die "Exxon Valdez" in Südalaska verlor. "Texaco holte sich das Beste aus dem Land und ließ uns seinen Dreck zurück", sagt der Anwalt Mario Melo, der sich für den Schutz der Umwelt engagiert. Er unterstützt die Sechzehn-Milliarden-Dollar-Klage gegen Chevron-Texaco, die 2003 von fünf indigenen Gruppen und achtzig Gemeinden erhoben wurde - David gegen Goliath. Chevron-Texaco will mit einem Handelsboykott gegen Ecuador ein Urteil verhindern.

Die ecuadorianische Umweltministerin Marcela Aguinaga hat unlängst den europäischen Staaten angeboten, das Erdöl unter dem Yasuni-Regenwald nicht zu fördern, wenn die Europäer im Gegenzug Kohlendioxid-Zertifikate von Ecuador erwerben. Die Einnahmen würden für den Schutz der fünf Millionen Hektar großen Naturschutzgebiete und ihrer indigenen Bewohner eingesetzt. Bleiben Politiker weiterhin abwartend, will Aguinaga weltweit umweltbewusste Bürger dafür gewinnen, die Zertifikate zu kaufen - als Klimageschenk für ihre Kinder.

Hof halten für die Fotografen

In Pacuya sind einige der Männer vom Fest zurückgekehrt, die Frauen haben Verkaufsstände mit Ketten, Armbändern und Taschen aus Palmfasern aufgebaut, und der Stammesälteste hat sich in Schale geworfen. Eine Federkrone schmückt Atanasis Kopf, um seinen Hals hat er Ketten geschlungen mit einer Reihe von Stoßzähnen, die Lutscherstiele in Ohren und Nase sind gleichfalls einem Federschmuck gewichen. Stolz wirkt er, und gelassen stellt er sich den Fotografen, gerade so, als würde er Hof halten. Lieber als die Ölgesellschaften, die mit dem Regenwald auch die Lebensgrundlage der Cofan vernichten, nehmen er und seine Mitbewohner die Touristen in Kauf. Sie bringen auch Geld und gehen wieder, ohne verbrannte Erde zu hinterlassen.

Jungle Discovery: Das Schiff befährt bei einer neuntägigen Kreuzfahrt die Amazonas-Zuläufe Aguarico und Rio Napo im ecuadorianischen Regenwald. Die Route folgt den Spuren der Expedition von Francisco de Orellana, die 1542 den Amazonas entdeckte. Die Anreise ist lang, sie führt von Quito mit dem Flugzeug nach Coca oder Puerto Francisco de Orellana, von da mit dem Auto nach Puerto Gregorio und weiter mit dem Kanu zur "Jungle Discovery" auf dem Aguarico. Die Kabinen sind sehr unterschiedlich in Größe und Ausstattung, auf dem Schiff wird Vollpension geboten.

Exkursionen: Die Ausflüge in den Regenwald werden meist von ortsansässigen Vertretern der Kichwa oder Cofan begleitet.

Arrangmements: Gebucht werden kann die Reise beim Berliner Veranstalter Lernidee-Reisen, der auch eine ähnliche Tour auf dem Orinoco in Venezuela anbietet (www.lernidee.de), oder bei der ecuadorianischen Agentur Kem Pery Tours (www.kempery.com).

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
Weitersagen