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Die Malediven : Ein echter Traum

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Echtzeit: So sieht das normale Leben auf den Malediven aus – eine Welt, von der die Touristen bislang nichts mitbekommen haben Bild: action press

Die Malediven sind für Touristen eine Kunstwelt mit gekühlten Handtüchern, importierten Weißbieren und luxuriösen Spa-Anlagen. Doch nun machen auch Einheimische Pensionen auf und empfangen die ersten Feriengäste. Ein Besuch auf der anderen Seite.

          Als das Speedboot wendet und wir alleine zurückbleiben am Kai von Mahibadhoo, greift endlich niemand mehr nach unseren Koffern. Niemand reicht uns ein Glas Champagner und weist uns auf Programmhighlights wie „Super Legs“ hin. Auf den Malediven, dem Land der eisgekühlten Handtücher, sind wir in der Wirklichkeit gelandet, zwei Schwestern, erschöpft vom deutschen Winter. Wir sind die ersten Touristen, die hier Ferien machen werden: auf der Insel Mahibadhoo, auf der bislang die Einheimischen unter sich geblieben sind.

          Über den verlassenen Fischerbooten und der ungeteerten Promenade staut sich die Mittagshitze. Bis auf das Brummen eines Generators ist es still. Dann tritt ein Mann aus dem Schatten der Palmen. Es ist Shujau, 45, unser Vermieter, ein nachdenklicher Mann, der älter aussieht, als er ist. Mehr als zwanzig Jahre lang war er Tauchlehrer in den Luxusresorts, bis seine kräftigen Schultern nicht mehr die Verantwortung für all die Anfänger tragen wollten, die er jeden Morgen tief ins Wasser lassen musste.

          Seit Präsident Mohammed Nasheed, 43, die Öffnung der Inseln der Einheimischen für den Tourismus erklärt hat, eröffnen sich für Menschen wie Shujau, ausrangiert von der Luxusindustrie, zarte Perspektiven. Bisher vor die Wahl gestellt, als Fischer trotz Rückgang der Bestände durch die neuerdings erlaubte Langleinenfischerei die eigene Lebensgrundlage zu zerstören oder auf den Luxusinseln als Roomboy anzuheuern, dürfen sie nun theoretisch am Millionengeschäft mitverdienen.

          Mobilfunkmast für die Resorttouriste

          Feierlich stößt Shujau die Tür zu einer dunklen Kammer auf. Die schmalen Betten, den Fernseher, die Lampen, die träge im Geknatter des Ventilators schaukeln: Alles hat er in Bangkok gekauft. Jetzt sitzt er hinter einem Schreibtisch und schreibt die Namen seiner Gäste aus den Reisepässen ab.

          Traumzeit: Und so sieht es aus, wenn Touristen Luxusferien auf den Malediven machen

          Vier Zimmer hat er anzubieten, einen schmalen, der Tropensonne ausgesetzten Innenhof, eine Gitarre, eine Gemeinschaftsküche, in der alte Elektrogeräte auf Wartung hoffen, und einen Besen. „Ausgebucht“ sei er. Von den anderen Gästen ist nichts zu sehen. Sie sind sicher am Strand, denken wir uns.

          Vorbei am Fußballplatz und einem riesigen Mobilfunkmast für die Resorttouristen auf den umliegenden Inseln geht es zur Inselspitze. Hier, neben einer rostigen Blechhütte, sollen wir schwimmen gehen. Auf dem hellen Sand, der nicht, wie in den Clubs, schon bei Sonnenaufgang wellenförmig frisiert wurde, glänzen Metallteile und verbeulte Seven-up-Plastikflaschen. Eine Brise hebt an und lässt das grüne Wasser zittern. Im Bikini, erinnern wir uns gerade noch rechtzeitig, würden wir gegen die Scharia verstoßen.

          Leben jenseits des Luxustourismus

          Shujau führt uns zurück ins Café zu einem „Welcome Drink“. Er sagt: „Die Welt der Luxusresorts hat mit unserer Welt nichts zu tun.“ Er klingt fast ein wenig verbittert. Jetzt setzt er auf den Präsidenten. Auch die nächsten Mahlzeiten nehmen wir in Shujaus Gesellschaft im selben Café unter dem staubigen Rascheln der Palmen ein.

          Willkommen auf den Malediven: „Amazing“ (Dritter von links) mit Familie

          Zum Spazierengehen ist es zu heiß, im Café waren wir schon, also gehen wir ins Zimmer und warten auf Schatten. Durch die Wand dröhnt arabisches Fernsehen. Sobald wir das Zimmer verlassen, hören wir Shujaus freundlich schlurfende Schritte. Das Leben jenseits des Luxustourismus, das echte Leben also, das noch kein Tourist vor uns erleben durfte: Ein bisschen fühlt es sich an wie Hausarrest.

          Am nächsten Tag lassen wir Shujau, die beiden Verwaltungsangestellten von Male auf Zimmer 3, die Gitarre, die nicht zum Einsatz kam, und die anderen Gäste, die auch nie kamen, mit schlechtem Gewissen zurück und wechseln das Quartier. Wir haben ein weiteres „Hotel“ gefunden, zwei Zimmer mit einem bezaubernden Innenhof, einer Bananenstaude, einer Kokosnusspalme, einem Außenbad mit Brunnen, einem Panoramablick aufs Meer und Hassan Mazin, genannt „Amazing“. Amazing, 25, quälen weder Zweifel noch Schuldgefühle. „Ich würde meine Gäste doch auch zu Shujau schicken, wenn sie umziehen wollen. Macht euch keine Sorgen, wir kennen uns, das geht schon in Ordnung.“ Auch er hat lange als Tauchlehrer gearbeitet, nur muss es ihn anders geprägt haben.

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