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Mittwoch, 22. Februar 2012
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Die Malediven Ein echter Traum

29.01.2012 ·  Die Malediven sind für Touristen eine Kunstwelt mit gekühlten Handtüchern, importierten Weißbieren und luxuriösen Spa-Anlagen. Doch nun machen auch Einheimische Pensionen auf und empfangen die ersten Feriengäste. Ein Besuch auf der anderen Seite.

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© action press Echtzeit: So sieht das normale Leben auf den Malediven aus – eine Welt, von der die Touristen bislang nichts mitbekommen haben

Als das Speedboot wendet und wir alleine zurückbleiben am Kai von Mahibadhoo, greift endlich niemand mehr nach unseren Koffern. Niemand reicht uns ein Glas Champagner und weist uns auf Programmhighlights wie „Super Legs“ hin. Auf den Malediven, dem Land der eisgekühlten Handtücher, sind wir in der Wirklichkeit gelandet, zwei Schwestern, erschöpft vom deutschen Winter. Wir sind die ersten Touristen, die hier Ferien machen werden: auf der Insel Mahibadhoo, auf der bislang die Einheimischen unter sich geblieben sind.

Über den verlassenen Fischerbooten und der ungeteerten Promenade staut sich die Mittagshitze. Bis auf das Brummen eines Generators ist es still. Dann tritt ein Mann aus dem Schatten der Palmen. Es ist Shujau, 45, unser Vermieter, ein nachdenklicher Mann, der älter aussieht, als er ist. Mehr als zwanzig Jahre lang war er Tauchlehrer in den Luxusresorts, bis seine kräftigen Schultern nicht mehr die Verantwortung für all die Anfänger tragen wollten, die er jeden Morgen tief ins Wasser lassen musste.

Seit Präsident Mohammed Nasheed, 43, die Öffnung der Inseln der Einheimischen für den Tourismus erklärt hat, eröffnen sich für Menschen wie Shujau, ausrangiert von der Luxusindustrie, zarte Perspektiven. Bisher vor die Wahl gestellt, als Fischer trotz Rückgang der Bestände durch die neuerdings erlaubte Langleinenfischerei die eigene Lebensgrundlage zu zerstören oder auf den Luxusinseln als Roomboy anzuheuern, dürfen sie nun theoretisch am Millionengeschäft mitverdienen.

Mobilfunkmast für die Resorttouriste

Feierlich stößt Shujau die Tür zu einer dunklen Kammer auf. Die schmalen Betten, den Fernseher, die Lampen, die träge im Geknatter des Ventilators schaukeln: Alles hat er in Bangkok gekauft. Jetzt sitzt er hinter einem Schreibtisch und schreibt die Namen seiner Gäste aus den Reisepässen ab.

Vier Zimmer hat er anzubieten, einen schmalen, der Tropensonne ausgesetzten Innenhof, eine Gitarre, eine Gemeinschaftsküche, in der alte Elektrogeräte auf Wartung hoffen, und einen Besen. „Ausgebucht“ sei er. Von den anderen Gästen ist nichts zu sehen. Sie sind sicher am Strand, denken wir uns.

Vorbei am Fußballplatz und einem riesigen Mobilfunkmast für die Resorttouristen auf den umliegenden Inseln geht es zur Inselspitze. Hier, neben einer rostigen Blechhütte, sollen wir schwimmen gehen. Auf dem hellen Sand, der nicht, wie in den Clubs, schon bei Sonnenaufgang wellenförmig frisiert wurde, glänzen Metallteile und verbeulte Seven-up-Plastikflaschen. Eine Brise hebt an und lässt das grüne Wasser zittern. Im Bikini, erinnern wir uns gerade noch rechtzeitig, würden wir gegen die Scharia verstoßen.

Leben jenseits des Luxustourismus

Shujau führt uns zurück ins Café zu einem „Welcome Drink“. Er sagt: „Die Welt der Luxusresorts hat mit unserer Welt nichts zu tun.“ Er klingt fast ein wenig verbittert. Jetzt setzt er auf den Präsidenten. Auch die nächsten Mahlzeiten nehmen wir in Shujaus Gesellschaft im selben Café unter dem staubigen Rascheln der Palmen ein.

Zum Spazierengehen ist es zu heiß, im Café waren wir schon, also gehen wir ins Zimmer und warten auf Schatten. Durch die Wand dröhnt arabisches Fernsehen. Sobald wir das Zimmer verlassen, hören wir Shujaus freundlich schlurfende Schritte. Das Leben jenseits des Luxustourismus, das echte Leben also, das noch kein Tourist vor uns erleben durfte: Ein bisschen fühlt es sich an wie Hausarrest.

Am nächsten Tag lassen wir Shujau, die beiden Verwaltungsangestellten von Male auf Zimmer 3, die Gitarre, die nicht zum Einsatz kam, und die anderen Gäste, die auch nie kamen, mit schlechtem Gewissen zurück und wechseln das Quartier. Wir haben ein weiteres „Hotel“ gefunden, zwei Zimmer mit einem bezaubernden Innenhof, einer Bananenstaude, einer Kokosnusspalme, einem Außenbad mit Brunnen, einem Panoramablick aufs Meer und Hassan Mazin, genannt „Amazing“. Amazing, 25, quälen weder Zweifel noch Schuldgefühle. „Ich würde meine Gäste doch auch zu Shujau schicken, wenn sie umziehen wollen. Macht euch keine Sorgen, wir kennen uns, das geht schon in Ordnung.“ Auch er hat lange als Tauchlehrer gearbeitet, nur muss es ihn anders geprägt haben.

„Keine getarnten Bordelle“

Das Spa-Verbot, mit dem die Regierung auf die Forderung der islamistischen Opposition reagierte, fand er lächerlich. „Das sind keine getarnten Bordelle, so ein Unsinn.“ Trotzdem möchte er nicht, dass seine Schwestern für die reichen Touristen arbeiten. „Ich könnte Geschichten erzählen“, gibt er an, aber dann tut er es nicht und wirkt verlegen.

Das Verbot stellte sich schnell als Fehler heraus; konservative Parlamentarier erinnerten sich daran, dass sie Resorts besaßen, und wollten sich nicht selber schaden. Das Verbot wurde zurückgezogen.

Diesmal sieht das Arrangement so aus, dass wir eine Art Vollpension bei Amazings 21-köpfiger Familie haben. Die Mutter kocht. Ohne hinzuschauen, schneidet sie Zwiebeln in atemberaubendem Tempo klein. Es gibt Mashuni, ein köstliches Gericht aus Kokosnuss, Zwiebeln und Fisch, mit dünnen Mehlfladen. Das gesamte Leben findet in diesem großen, schattigen Hof statt, zwischen Wäscheleinen, einer Aluminiumwerkstätte, einem Fischteich, alten Motorrädern: an einem runden Tisch, an dem immer nur ein Teil der Familie Platz findet. Amazing, der ausgezeichnet Englisch spricht, ist, obwohl er ältere Brüder hat, das Oberhaupt der Familie, eine Autorität, die alle akzeptieren. Und brauchen.

Die Synthese der alten und der neuen Malediven

Denn aus Male kommt Heroin, so billig, dass dort schon die Kinder damit anfangen. Amazing droht: „Wenn ihr damit anfangt, müsst ihr die Familie verlassen!“ Er ist verheiratet, er sagt, ohne mit der Wimper zu zucken, dass er sich auch eine zweite Frau vorstellen kann, er trägt Surfer-Shorts aus Hongkong, er schwimmt wie ein Fisch, er wird irgendwann die gesamte Familie ernähren: Man kann sagen, er ist die Synthese der alten und der neuen Malediven.

Was macht man als Gast, sobald die Koffer ausgepackt sind, auf so einer Insel? Niemand badet, niemand hastet zur Massage, niemand leistet sich eine Runde Jetski. Es gibt kein Beach-Volleyball, keine Karaoke-Nacht, keine Yogaklassen, keine Minibar, es gibt überhaupt keinen Alkohol, und es gibt überhaupt nichts zu tun. Außer tauchen.

Also tauchen wir. Trotten zurück zur Inselspitze, waten ins Wasser, hängen, mit langem Hemd und Hose, an Amazings Schulter wie zwei nasse, stumme Wäschesäcke und schauen nach unten.

Einsam in die Tiefe des Meeres

Hier am Noovilu, in der Stille am blauen Riff, das Amazings Pension den Namen gab, verstehen wir endlich die Aufregung um die Malediven, um eine Unterwelt, so anmutig, reich und friedlich, dass man nie wieder auftauchen möchte. Höflich ziehen elegante schwarze Fische vorbei, deren Flossen wie Federn zittern. Gelb und schwarz gestreifte Fische stoßen mit der Nase in den Sand, eine gelb und blau gestreifte Schönheit schwimmt einsam in die Tiefe des Meeres, ein orange-blau gemusterter Riesenfisch biegt in die Tiefgarage seines schillernden Korallen-Penthouses ein.

An der Inselspitze, wo junge Mädchen verschleiert plantschen, steht die Sonne tief, als wir zurücklaufen. Frauen kehren mit riesigen Besen die sandige Uferpromenade und stellen sich uns lachend in den Weg. Entweder bringen wir ihnen etwas zu trinken, oder wir müssen ihnen Geld geben, als Dankeschön für ihre gemeinnützige Arbeit, das ist der Deal. In den Schaukeln, die überall im Schatten der Palmen hängen, sitzen die Menschen, plaudern und nicken uns freundlich zu, selbst die Alten.

Gerade war der Frieden über der Insel unerschütterlich, plötzlich ist er in Gefahr. Die ganze Insel weiß inzwischen, dass wir Shujau verlassen haben. Spät am Abend, als wir am Pier im Licht der gelben Straßenlaternen die Fischer beobachten, die ihre Vorbereitungen treffen, findet uns Shujau und legt los: Amazings Pension sei nicht registriert, noch immer seien wir seine Schutzbefohlenen, Amazing selbst ein Lügner, es drohe Ärger mit der Polizei, die Behörden wollten Geld für die Übernachtungen. Ein ominöser Reiseagent schaltet sich ein, stumm reicht Shujau sein Handy herüber, und man warnt uns: „Sie brechen das Gesetz! Entweder Sie ziehen zurück zu Shujau, oder Sie müssen die Insel verlassen.“ Kommen wir sonst ins Gefängnis? Shujau steht unter sternklarem Himmel und schaut an uns vorbei. Er sieht aus, als hätte er geweint, und lässt sich nur schwer beruhigen. Mit hängenden Schultern geht er schließlich. Alle Bestimmungen hat er gehorsam befolgt, die schweren Matratzen auf die Insel gehievt, ordnungsgemäß eine Quittung mit Mehrwertsteuer ausgedruckt, und jetzt soll ein anderer, Jüngerer, den Sieg davontragen?

Polizisten mit Pfefferspray

Wie wird es hier aussehen in ein paar Jahren, nach dem Auszug aus dem Paradies? Wird es auch hier Kofferträger geben, in Lavendel getunkte Erfrischungstücher, „Landliebe-Joghurts“, Menschen, die täglich Pestizide in die Sträucher sprühen, und eine maledivische Rockband, die „Unchain My Heart“ von Joe Cocker singt? Werden überhaupt Gäste kommen, und werden sie noch den Dieselgeruch der Boote riechen dürfen?

Der Direktor der Oberschule, Abdullah Kahleel, hatte am Nachmittag gesagt: „Die Kinder sollen lernen, frei zu denken. Wir werden niemandem zu einem guten Bürger erziehen, wenn wir ihnen nicht diese Fähigkeit beibringen.“

Wir reisen ab. Zurück in Male geraten wir in eine Demonstration der Oppositionspartei des ehemaligen Diktators Maumoon Abdul Gayoom. In Sprechchören schimpfen seine Anhänger, dass die Regierung zu wenig den Richtlinien des Islam folge. Polizisten mit Pfefferspray tauchen auf. Abtauchen, würde Amazing raten. Diese winzige, kostbare Demokratie mitten im Ozean wird überleben.

„Im schlimmsten Fall gibt es einen Notfallknopf“

Vor dem Rückflug kommen wir noch ein paar Tage im „Conrad Rangali“ unter, einem Resort mit wunderschöner Bucht und etwa siebzehn Sternen. Im Spa sitzen zwei Männer aus Qatar. Sie blättern in einem Prospekt, der Chakra-Kosmetik anbietet, und warten auf ihre Frauen. Die russische Masseurin mit dem Kindergesicht lacht nur. „Wir hatten das Spa zu keinem Zeitpunkt geschlossen. Das wäre das Ende für uns. Getarnte Prostitution gibt es vielleicht in Male für die chinesischen Leiharbeiter. Wenn ein Gast frech wird, brechen wir die Behandlung ab. Im schlimmsten Fall gibt es einen Notfallknopf.“ Ihr Lieblingsschriftsteller ist Kurt Vonnegut, zu Hause im Ural hat sie als Ärztin gearbeitet.

Das Hotelmanagement im „Conrad“ hat die Uhr um eine Stunde zurückgestellt, damit die Gäste mehr vom Tag haben. So versinkt die Sonne erst nach der Cocktailstunde im Indischen Ozean. Die meisten Gäste haben keine Ahnung, wo sie sind. Hauptsache Sand, Hauptsache Sonne, Hauptsache teuer. So wie Käse aus Frankreich, Eier aus Deutschland, Orangen aus Australien importiert werden müssen, so wird auch das Feriengefühl importiert. Das klappt. Nur gelegentlich flackert ein flaues Gefühl auf, weil es zu denen, die einen bedienen, nur einen Weg der Kommunikation gibt: den des Trinkgelds. Auch in Mahibadhoo wurde einem ein Glas Saft vor die Nase gestellt. Den Menschen, der es einem brachte, konnte man aber noch erkennen. Dagegen kommt kein Franziskaner Hefeweizen, wie es im „Conrad“ auf der Karte steht.

Auf Amazings Wunsch essen wir im Unterwasserrestaurant, in derselben Tiefe, in der Präsident Nasheed 2009 das Kyoto-Protokoll zur Reduktion der CO2-Ausstöße unterzeichnet hat. Man bietet uns Wagyu-Steaks, Pata Negra und Grünen Veltliner an. Um den drohenden Klimawandel abzubremsen, müsste man weltweit den Ausstoß von Treibhausgasen bis zum Jahr 2050 mindestens halbieren. Unbeirrt ziehen die Fische vor unserer Nase vorbei zum Korallengarten, den Amazing seinerzeit angelegt hat. Lange war unklar, ob die Korallen den Umzug überleben würden. Sie haben. Damals war Amazing noch ein kleiner Fisch. Jetzt will er ein großer werden.

Anreise: Etihad Airways (www.etihadairways.com) fliegt ab Frankfurt über Abu Dhabi, Emirates (www.emirates.com) über Dubai und Qatar über Doha, Air Berlin (www.airberlin.com) ab München nach Male.

Mahibadhoo ist die Hauptstadt des Alif-Dhaal-Atolls, etwa 75 Kilometer von Male entfernt. Da das Transportwesen immer noch nicht die Einheimischen- mit den Resortinseln verbindet, empfiehlt sich die Anreise mit dem Wasserflugzeug nach Conrad Rangali Island (30 Minuten), von dort weiter mit dem Speedboot (45 Minuten). Wer mehr Zeit hat und abenteuerlustig ist, kann sich mit der Local Ferry von Male von Atoll zu Atoll fortbewegen (mindestens fünf Stunden).

Unterkunft: Im „Conrad Maldives“ auf Rangali Island kostet eine Beach Villa ab ca. 480 Euro pro Nacht. Mehr unter www.conradmaldives.com. Auf Mahibadhoo kostet eine Nacht im „Hotel Noovilu“ im Doppelzimmer ab 50US Dollar. Reservierung und Information über Hassan Mazin, Telefon 0096/7820949 oder Facebook: „Hotel Noovilu“. Da die Einheimischeninseln bis vor kurzem relativ abgeschottet waren, sollten Touristen die Regeln, die in islamischen Ländern gelten, einhalten: lange Kleidung, die Schultern und Beine bedeckt, kein Alkohol, Badeanzug statt Bikini.

Weitere Informationen zu Reisen auf die Malediven finden sich unter www.visitmaledives.com.

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