Man fragt sich, wie Leute ticken, die regelmäßig Fremde auf ihren Sofas übernachten lassen. Haben die keine Freunde? Langweilen sie sich zu Hause? Sind sie am Ende gar exhibitionistisch veranlagt?
Fest steht: Sie tun es. Immer mehr Menschen öffnen ihre Häuser für Gäste. Deren Motiv leuchtet ein: Fast jeder Reisende hat sich in einer fremden Stadt schon mal auf der Couch oder im Gästebett von Freunden einquartiert. Meist genießt man solche herzlich-improvisierten Unterkünfte mehr als ein anonymes Hotel - die Gastgeber und ihre Wohnungen lassen ein Gefühl von Zuhause aufkommen.
So gesehen verwundert es nicht, dass Couchsurfing und Social Travelling, also das Übernachten in Privatwohnungen, der neue Reisetrend sind. Man kann zwar nicht in jeder Stadt der Welt Freunde haben, aber überall auf der Welt gibt es Menschen, die Fremden für ein paar Tage ein Bett anbieten.
Wie unter echten Freunden wollen viele nicht einmal Geld dafür - vor allem diejenigen, die auf Plattformen wie Couchsurfing, Hospitality Club oder Haustausch eingetragen sind. Das sind mehr als 3 Millionen Menschen weltweit, wobei nicht jeder, der sich registriert, automatisch Couchgäste beherbergen muss. Unter ihnen ist es verpönt, Geld zu verlangen oder zu bezahlen, wenn man eines der Quartiere in gut 80 000 Städten und fast allen Ländern der Welt teilt.
Viele wollen sparen
Viele Mitglieder wollen in erster Linie sparen. 20 Euro kostet die Registrierung auf der Couchsurfing-Plattform, gefolgt von einer Kontrolle der Identität, das gibt allen Beteiligten Sicherheit. Die Unterkunft ist kostenfrei. Manche werden nach einer Nacht auf einem fremden Sofa selbst zum Gastgeber, andere lieber nicht. Immerhin jedes dritte Mitglied bietet ein Bett an. Trotz des ungleichen Verhältnisses scheint das System prächtig zu funktionieren. Rund sechs Millionen Gäste seien schon über fremde Sofas gehopst, berichtet der Marktführer Couchsurfing. Wobei ein Sofa auch ein Gästebett sein kann, eine Matratze auf dem Boden oder gar ein eigenes Zimmer.
Die größte Frage ist natürlich: Wie sicher ist es, sich Fremde ins Haus zu holen oder als alleinreisende Frau bei einem fremden Mann zu übernachten? Für viele ist es eine gruselige Vorstellung. Bisher machte aber nur ein Verbrechensfall Schlagzeilen, als eine Touristin aus Hongkong 2009 in England vergewaltigt wurde. Ansonsten erzählen sich die Nutzer in Internetforen fast nur Gutes. Auch eine Studie der Universität Michigan ergab, das Verhältnis guter zu schlechten Erfahrungen liege bei 2500 zu eins.
Offen aus Gastfreundschaft
Den meisten Zimmerbesitzern darf man also unterstellen, dass sie ihre Wohnung aus Gastfreundschaft öffnen. So hatte es sich Bob Luitweiler gedacht, der 1949 die erste Bewegung dieser Art gründete, die Servas Open Doors. Er verstand sich als Friedensstifter und wünschte sich, dass die Idee um die Welt ginge. Mit dem Internet tat sie es dann. Die meisten Sofa-Anbieter sagen heute Sätze wie: „Ich habe von der Hilfsbereitschaft anderer profitiert und will etwas zurückgeben.“ Manche sind pragmatischer: „Wir haben keine Zeit zum Reisen, also holen wir uns die Welt ins Haus.“ Wieder andere bekennen: „Ich wohne ungern allein und freue mich über Besuch.“
Viele wollen ihren Gast tatsächlich kennenlernen, mit ihm kochen, ihm die Stadt zeigen oder durch die Kneipen ziehen. Dafür vergleichen Zimmeranbieter und Reisende zuvor ihre Plattform-Profile und bekennen, welche Musik sie hören, über welche Themen sie gern diskutieren oder welche Fähigkeiten sie weitergeben können. Im Schnitt sind Surfer 28 Jahre alt, das sollte man vielleicht wissen. Denn im Grunde ist Sofasurfing so etwas wie ein Blind Date, bei dem einer gleich die Zahnbürste dabei hat. Und man will ja nicht, dass schon am Abendbrottisch Stille herrscht, weil man sich plötzlich nichts mehr zu sagen hat.
Zimmer mit Anschluss
Nun mag ein Zimmer mit Anschluss für manchen Weltenbummler auch zu viel des Guten sein. Sie suchen ein Bett für die Reise, aber machen ungern Smalltalk mit Wildfremden am Küchentisch. Andere Reisende mögen Hemmungen haben, sich einfach bei Freunden einzuquartieren, ohne ihnen nicht wenigstens am Morgen nach der Übernachtung die berühmten 150 Euro in die Hand zu drücken, wie es einst eine Fernsehmoderatorin einem Bundespräsidenten empfahl.
Auch diesen Reisenden kann geholfen werden: Es gibt Social-Travelling-Plattformen, bei denen man ein Gästebett bucht und ganz einfach bezahlt. Das verpflichtet sonst zu nichts - außer natürlich dazu, das Zimmer in ordentlichem Zustand zu hinterlassen.
Über Anbieter wie 9Flats, Airbnb, HouseTrip oder Wimdu vermieten Privatleute Einzelzimmer für kurze Zeit oder überlassen einem Gast gleich die ganze Wohnung. Sie haben Platz, weil sie selbst auf Reisen gehen oder weil sie unter der Woche in einer anderen Stadt arbeiten. Manche wollen schlicht Geld hinzuverdienen, indem sie ihre Zimmer an langen Wochenenden für Urlauber und in Messezeiten für sparsame Geschäftsreisende räumen. Nicht selten verdienen sich diese Wohnungsbesitzer dank der Kurzzeitmieter ihre eigene Miete, die sie sonst in sündhaft teuren Städten wie Paris oder London kaum finanzieren können.
Viele entdecken das Mitwohnen auf Zeit
Auch in München und Berlin scheint die Rechnung aufzugehen. Gerade Berliner haben das Mitwohnen auf Zeit entdeckt und bieten Hunderte Wohnungen an. Insgesamt kann man sich bei den großen vier Anbietern durch über 200.000 Wohnungen in aller Welt klicken. Etwa die Hälfte davon hat Airbnb im Angebot, das Portal kommt auf 10 Millionen Übernachtungen.
Früher hatten die Plattformbetreiber es auf die Rucksackreisenden der Welt abgesehen. Mittlerweile aber checken vor allem Familien, Rentner und Geschäftsreisende in Privatwohnungen ein, weil es gemütlicher ist und oft billiger.
Im Schnitt zahlen die Kurzzeitmitbewohner 60 Euro - je Übernachtung, nicht je Person wie im Hotel. Rund 100 Euro kosten komplett eingerichtete Wohnungen für eine Nacht, egal in welcher Stadt. Über Feiertage wie Ostern und Weihnachten steigt der Preis auf rund 400 Euro. Dafür können die Besucher sich in einer von vielen stylischen Wohnungen zu Hause fühlen, auf Designersofas lümmeln, den Mixer in der Küche nutzen. Sie können in riesigen Lofts auf der Dachterrasse sitzen oder sich ein Hausboot in Hongkong mieten, wenn sie Lust haben.
Eine Wohnungsannonce zu schalten kostet den Gastgeber meist nichts. Er bestimmt den Mietpreis und entscheidet, ob er eine Versicherung abschließen will. Bei 9Flats ist die Versicherung sogar inbegriffen und umfasst Schäden an Wohnung und Inventar. Der Gast zahlt vorab per Kreditkarte, so geht der Gastgeber sicher, dass er sein Geld bekommt. Viele Plattformen behalten vom Endpreis 10 Prozent als Provision ein. Das klingt zwar wenig nach Sozial- und Reiseromantik. Dafür sagen die meisten Wohnungssurfer hinterher: Was für ein entspannter Urlaub.