11.12.2011 · Hier sind alle pazifisch eingestellt: Die Cook Inseln liegen am anderen Ende der Welt, und es leben dort etwa 20.000 Gründe, warum man die Inseln unbedingt entdecken sollte.
Von Barbara LiepertAlles, was man als aufmerksamer Zeitungsleser bisher über Aitutaki wusste, stand in einer kleinen Meldung im vergangenen August: Es war eine schöne Meldung, denn sie kam aus der Südsee, von einer kleinen, palmenbewachsenen Insel, umgeben von einer sehr blauen Lagune. Die Menschen dort, so war zu lesen, seien sehr fromm, auf Aitutaki stünden zwanzig Kirchen für 2000 Einwohner, von der „höchsten Kirchendichte der Welt“ war sofort die Rede - und dann das: „Südseeparadies geschockt! Erster Bankraub in der Geschichte!“ Laut dpa entwendeten die Räuber 200.000 US-Dollar, bei AFP waren es neuseeländische Dollar, umgerechnet aber immer noch etwa 116.000 Euro. Viel Geld für so eine kleine Insel. Als unbestätigtes Gerücht verbreiteten die Agenturen auch, dass die Bank nur mit einem Vorhängeschloss gesichert gewesen war.
Die Menschen auf Rarotonga, der Hauptinsel des Cook-Archipels, schütteln den Kopf über die Ereignisse auf der kleinen Nachbarinsel. „Da war was los“, erinnert sich Alex Wilson, Hotelmanager. Zwei Wochen nach dem Überfall seien ein paar Journalisten aus Neuseeland angereist, erinnert sich Wilson, aber herausgefunden hätten die genauso wenig wie die Behörden. So weit er sich erinnere, sei das gar keine große Summe gewesen. Das Geld habe da einfach so rumgelegen, die Bank war vermutlich gar nicht abgeschlossen, sagt wenig später der Gärtner des Hotels. Sicher ist er sich aber nicht.
„Auf den Cook-Inseln klaut keiner“, erklärt auch Mister Useless, unser Inselführer, der sich natürlich nur so nennt, in Wirklichkeit hat er einen Namen, den sich kein Tourist merken kann. 20.000 Menschen leben auf den Cook Islands, etwa 60.000 Cook Insulaner in Neuseeland, um zu studieren oder zu arbeiten. Mister Useless schaukelt die Besucher auf seinem Pritschenwagen über Feldwege zu Ananas-, Papaya- und Gemüsefeldern und vorbei an ein paar ausgelassenen jungen Männern, die mit einer Schaufel an einem Zaun stehen, den auch Fünfjährige leicht überwinden. „Unser Gefängnis!“, sagt Useless nicht ohne Stolz. Manchmal dürften die Insassen auch abends nach Hause gehen, „das regeln wir hier unter uns“. So wie auch die Sache mit der Helmpflicht. Die sollte offiziell eingeführt werden - aber die Inselbevölkerung hat das Ansinnen, das selbstverständlich aus Neuseeland herangeschwappt war, abwenden können, mit dem Hauptargument, man könne es den Damen mit ihren großen blumengeschmückten Hüten nicht zumuten, darüber noch einen Helm zu tragen, wenn sie sonntags in die Kirche rasen.
Die Cook-Inseln präsentieren sich an diesem Nachmittag wie der Garten Eden, in dem keiner eine Uhr braucht. Und falls mal was zwickt, gibt es ein kleines Inselkrankenhaus. Die Zahnärzte kommen meist aus Deutschland, die enge Bindung zu Neuseeland zeigt sich auf Rarotonga zusehends im sportlichen Freizeitverhalten der Insulaner: Überall joggen und radeln und rudern die Menschen, als wäre morgen der nächste Wettkampf.
Mister Useless hatte eine interessante Theorie zum Diebstahl auf Aitutaki gehört: Ein Angestellter der Bank habe das Geld entwendet, weil er sauer über seine Entlassung gewesen sei. Das Geld habe er längst zurückgegeben, und weil auf den Cook-Inseln alles in der Familie bleibe, rede jetzt auch keiner mehr davon.
Aber das erzählt man sich auf Rarotonga. Aitutaki ist eine halbe Flugstunde entfernt - und im Südpazifik ist das eine Welt weit weg. Beim Landeanflug zeigt sich die sagenhafte Schönheit dieser Insel: ein größerer und viele kleine grüne Flecken auf einer hellblau leuchtenden Nierenform, zusammengehalten von einer weißen Riffkante, eingerahmt von tiefem Meeresblau. Jetzt versteht man auch den weggetretenen Blick des Air-New-Zealand-Stewards, als wir von Aitutaki sprachen. Die Insel wird in Reisebüros, die sich in der Südsee auskennen, wie eine edle Perle behandelt, die man erst, wenn man Vertrauen in den Kunden gefasst hat, aus dem Schmuckkästchen holt.
Die Version vom beleidigten Bankangestellten kannte John Baxter noch nicht, sie zaubert ihm aber ein kurzes Lächeln ins Gesicht. Er ist Bürgermeister von Aitutaki und ein sehr beschäftigter Handwerker und Fischer außerdem. „Der Raub hat die Menschen hier eine Zeitlang sehr beschäftigt“, sagt Baxter. „Aber keiner hat seine Ersparnisse verloren“, die Bank sei versichert gewesen. Und: „Es waren nur 20.000 neuseeländische Dollar.“ Woher die fünfte Null kam, weiß Baxter nicht, und er ist sich sicher, dass es „keiner von der Insel war“. Dass weder die Flüge, die am Morgen nach dem Diebstahl die Insel verließen, noch die Segeljachten, die nachts geankert hatten, kontrolliert wurden, nun ja, das „war wohl so“, brummt der Bürgermeister. Es gibt auch nicht zwanzig Kirchen, korrigiert er, aber immerhin 13 und fast genauso viele Glaubensrichtungen - er sei bei der London Missionary Church, sonntags geht er zweimal zur Messe.
Wenn es auf Aitutaki ein Problem gibt, über das die Menschen nicht müde werden zu reden, dann über das, was an ihrem heiligen Ruhetag am Himmel passiert: Seit zwei Jahren wird das Inselchen auch sonntags angeflogen - ein Skandal, besonders für die frommen Gemeindemitglieder. „Wenn ihr nicht von Montag bis Samstag anreisen könnt, dann bleibt zu Hause!“, steht auf dem Weg vom Flughafen zur Bank.
No flights on sunday, stay holy!, ist an eine Palme am Straßenrand genagelt. Die Flüge wurden von der vergangenen Regierung genehmigt, „zur Förderung des Tourismus auf Aitutaki. Leider“, sagt Baxter, und man merkt, dass er es den vorwiegend betagten Gemeindemitgliedern gerne recht machen würde, die jeden Sonntag auch bei sengender Hitze ihre Protestschilder am Flughafen hochhalten. Baxter weiß aber auch, dass das nichts bringen wird - die Insel braucht Touristen, ganz ohne Devisen lässt es sich auch in der blauen Lagune nicht allzu komfortabel leben. Obwohl: „Wenn du hier nicht überleben kannst, bist du ein Idiot“, sagt Baxter. Die Erde ist fruchtbar, die Lagune voller Fisch - und dann gibt es ja noch die Familie. Die, das lernt man schnell auf den Cook-Inseln, steht über allem. Wenn ein Familienmitglied stirbt, wird es nicht irgendwo auf dem Friedhof abgelegt - sondern es kommt direkt vor die Haustür. Grabsteine sind hier mitten im Garten. Irgendwo da liegt vielleicht auch das Geheimnis der Cook-Inseln, denn die umwerfende Herzlichkeit und das herrliche Selbstbewusstsein der Menschen sind wirklich ein Grund, die fast 24-stündige Anreise, reine Flugzeit, aus Deutschland auf sich zu nehmen.
Auf Aitutaki leben die Menschen so, wie sie es schon immer getan haben, vor der Tür, mit den Hühnern und immer in Bewegung. Am Wochenende kommt die Familie zusammen, und falls man mal etwas außerhalb des eigenen Gartens unternimmt, „dann fangen wir Landkrabben! Die Kinder lieben es“, sagt Misepa, die sich hier um das örtliche Fremdenverkehrsbüro kümmert. „Wir essen sie - aber erst nachdem wir sie drei Wochen lang mit Kokosnüssen gefüttert haben, dann schmecken sie viel besser.“ Bürgermeister Baxter unterdessen ist stolz darauf, dass Bonefishing jetzt auch auf Aitutaki eine erfolgreiche Alternative zum Fischverzehr wurde. Der Fisch gilt unter Anglern als besonders zäher Hund. „Seit die Fischer verstanden haben, dass es Touristen gibt, die viel Geld ausgeben, mal mit einem Bonefish zu kämpfen, lassen sie die Tiere lieber wieder frei, als sie zu essen.“
Anfang des vergangenen Jahrhunderts war die Lieblingsdelikatesse der Aitutakier eine Muschel, die heute unter Schutz steht: die Mördermuschel. Wenn man in der Lagune schnorchelt, sieht man sie früher oder später - blau oder grün oder gelb leuchtende Lippen, die sich zwischen den Korallen verstecken und sich zusammenziehen, sobald sich ein Schatten vor die Sonne schiebt. Sie werden Mördermuscheln genannt, heißen aber eigentlich Riesenmuscheln und gehören zu den Venusmuscheln, zum Stamm der Mollusken. Obwohl es - außer auf der deutschen Website von Wikipedia - keinen dokumentierten Todesfall durch eine Riesenmuschel gibt, umgibt das Weichtier mit der harten Schale ein Mordsruhm: In dem nicht zu Unrecht vergessenen John-Wayne-Film „Im Banne der roten Hexe“ aus dem Jahr 1948 wird ein junger Südseebewohner beim Tauchen von einer solchen Riesenmuschel eingeklemmt, aber selbstverständlich durch Hollywoods Cowboy vom Dienst gerettet, der hier ohne den üblichen Stetson auftritt.
Die Menschen im Pazifikraum haben sich nie vor den Muscheln gefürchtet, im Gegenteil: Auf Aitutaki gab es - bis zur Einführung von Kühlschränken - Abertausende von den Riesenmuscheln, „die Lagune war voll davon“, sagt Charley Waters, Meeresbiologe am Aitutaki Marine Research Centre (AMRC). „Die Leute haben die Muscheln gegessen, zu Festen und besonderen Anlässen. Aber eben nur zwei oder drei pro Familie“, sagt Waters. In Bananenblätter gewickelt und im Erdofen gegart, ist es noch heute ein traditionell wichtiges Mahl für die Maori. Erst als die Insel von Propellermaschinen angeflogen wurde und die Kühlkette erfunden war und nachdem auch die Aquarienhandlungen die farbenfrohen Lebewesen entdeckt hatten, begann die lokale Ausrottung; Mitte der achtziger Jahre waren nur noch ein paar Exemplare übrig. Das Ministerium für Meeresangelegenheiten sah sich gezwungen, ein strenges Verbot zur Entnahme der Muscheln aus der Lagune zu verhängen.
Seither bemüht sich das AMRC mit seinen spärlichen Mitteln, die Riesenmuscheln zu züchten und wieder in der Lagune anzusiedeln. In ein paar großen Betonbecken am Strand hinter der Flugpiste schimmern die Muscheln in allen Größen und Farben. Doch es gibt Probleme: Charley Waters treibt die Frage um, warum die hermaphroditischen Muscheln, obwohl sie etliche Millionen von Eiern und Spermien abfeuern, so wenig Nachwuchs zeugen - beziehungsweise so wenige davon die ersten Stunden und Tage überleben. Es hängt offenbar damit zusammen, dass die Muscheln, die sich nicht selbst befruchten können, ihren Geschlechtspartner in der Nähe haben müssen: „Ist die nächste Muschel 15 Meter weit weg, liegt die Wahrscheinlichkeit der erfolgreichen Reproduktion bei 65 Prozent, liegen die elf sagt Waters.
Wir ziehen Flossen über und schnorcheln ein paar Meter in die Lagune hinaus zu den neuen Nistkästen, die Waters gezimmert hat: Hier sollen bald ein paar Schulkinder aus dem Dorf ihre jeweils eigenen Muscheln aussetzen, damit sie sich mit dem Korallenstock verbinden und idealerweise auch die Jugend mit den nachwachsenden Schätzen der Lagune. Diese wird ohnehin gut organisiert vermarktet - das englische Fernsehen dreht von Zeit zu Zeit auf einer der einsamen Inseln eine Reality-TV-Show mit freiwilligen Robinsons und Telefonjoker.
Das einfache Flugticket zur Hauptinsel Rarotonga kostet in der Hauptsaison 200 neuseeländische Dollar, das kann sich bei einem Stundenlohn von vier Dollar keiner leisten, sagt die Tochter des Bürgermeisters, die vor ihrem Haus einen kleinen Imbiss betreibt. Daher leben die meisten früher oder später einmal für ein paar Jahre in Neuseeland.
Um Geld zu verdienen für ein eigenes Geschäft oder um ein Haus zu finanzieren, das man mit Hilfe der Verwandtschaft hochzieht. Und wenn man so mit dem Fahrrad über die Insel bummelt, erkennt man auch keinerlei Notwendigkeit, diesen Ort zu verlassen. Es gibt Geschichten wie die von der Krankenschwester, der ein umherfahrender Tourist eine Million für ihr Haus - Hanglage mit Meerblick - geboten hat. Sie hat selbstverständlich abgelehnt.
Und dass hinter dem Diebstahl keiner von der Insel steckt, glaubt man nach wenigen Stunden auf der Insel. Es gab auch schon wieder viel aufregendere Nachrichten, als wir dort waren: Zac Guildford, ein 22-jähriger Rugby-Spieler der „All Blacks“, des Nationalteams der Neuseeländer, ist offenbar an einem lauschigen Novembernachmittag auf die nicht so gute Idee gekommen, im Vollsuff auf einem Motorroller über die Insel zu brettern und eine junge Joggerin mit Unflätigkeiten zu überziehen: Some are too distasteful to share, schreibt New Idea, ein neuseeländisches Fachmagazin für Adelsangelegenheiten und Klatsch, dem die junge Dame alles haargenau erzählt hat. Klar, dass das auf Rarotonga passiert ist - sagen die Leute auf Aitutaki. Die Leute auf den Cook-Inseln lieben Klatsch, und das, was zwischen den Menschen so alles passiert, interessiert sie viel mehr als ein paar geklaute Geldscheine oder ein paar übertretene Vorschriften: so, wie das in guten Paradiesgärten eben ist.
Anreise: Von Deutschland aus fast 29 Stunden, die schnellste Verbindung führt derzeit (einmal die Woche) mit Air New Zealand von London über Los Angeles direkt nach Rarotonga, der Hauptinsel der Cook-Inseln; täglich werden die Cook-Inseln nur aus Auckland angeflogen; Preis ab 1500 Euro (www.airnewzealand.de). Man kann aber auch über Sydney beziehungsweise Brisbane anreisen (www.virginaustralia.com). Von Rarotonga aus fliegt Air Rarotonga auf die kleineren Cook-Inseln wie Aitutaki oder Atiu. Rundreise-Tickets liegen bei etwa 450 Euro (www.airraro.com).
Unterkunft: Auch wenn es hier ein bisschen so wie im Indischen Ozean aussieht, darf man nicht den Luxushotelwahnsinn erwarten, der auf Mauritius oder den Seychellen tobt. Im Südpazifik ist alles ein bisschen zurückgelehnter. Als schönstes Hotel gilt gerade das „Little Polynesian“: geschmackvolle Villen am Strand, freundlicher Service, keine Kinder; Preis ab 450 Euro (www.littlepolynesian.com). Unter www.cookislands.travel findet man auch Bed-&-Breakfast-Unterkünfte und Selbstversorgerbungalows.
Auf Aitutaki ist das „Etu Moana“ ein sehr beliebtes Hotel: Direkt am Meer verstecken sich zehn Bungalows und darin zumeist Honeymooner, die ihr Glück gar nicht fassen können, ein Zimmer bekommen zu haben. Kinder explizit nicht erwünscht. Villa ab 230 Euro (www.etumoana.com). Das schön gelegene „Pacific Resort Aitutaki“ gilt als das edelste und teuerste Hotel der Insel (Villa ab 520 Euro), dafür mit allem, was man in einem tropischen Luxushotel erwarten darf. Das Spa ist mit „Dachkämmerchen“ treffender beschrieben (www.pacificresort.com).
Tauchen: Auf Aitutaki gibt es zwei Tauchbasen, das neuere Equipment hat Bubbles below, www.diveaitutaki.com; Tauchgang ab 100 Euro.
Weitere Informationen unter www.cookislands.travel oder Telefon 0 89/2 19 09 65 12
Beate Kammler war 1974 auch schon da, wie die Erinnerung zeigt.
Jürgen Braun (perfekt57)
- 11.12.2011, 21:24 Uhr
Kinder erwünscht - kommt nur darauf an wo!
HV Cottle (PumMu)
- 11.12.2011, 20:20 Uhr
Mr. Useless, hmm...
Jan Peter Damm (JanPD)
- 11.12.2011, 17:24 Uhr
Kinder unerwünscht ?
Michael Basler (baslerm)
- 11.12.2011, 15:05 Uhr
Barbara Liepert Jahrgang 1973, verantwortlich für das Ressort „Reise“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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