Während wir mit der Roten Fahne zur Großen Mauer eilen, gibt uns der Führer - nennen wir ihn Wang - ein Rätsel auf. Jetzt, am Ende der Reise, sollten wir wohl wissen, welcher Reiseleiter in Schanghai, welcher in Xian und welcher in Peking arbeitet: "Der eine hat lange Beine, der andere eine lange Zunge, der dritte lange Finger." Nachdem wir Wang ein wenig kennenlernen durften, ihm zufolge in Peking alles besser ist als in Schanghai, tippen wir, dass der Reiseführer mit den langen Beinen, die vermutlich freundlichste Variante, zu Peking gehört. Und folglich ist der Reiseleiter mit den langen Fingern in Schanghai unterwegs. Richtig! Peking sei so groß und voller Kulturdenkmäler, dass man nur mit großen Schritten überall hingelangen könne, sagt Wang mit stolzgeschwellter Brust. Xian sei zwar auch eine alte Kaiserstadt, doch davon sei nichts mehr zu sehen. Dort könne der Reiseleiter nur viel erzählen, bis ihm die Zunge aus dem Hals hängt. Schanghai hingegen sei bar jeder Kultur: "Als Peking gegründet wurde, lag Schanghai noch im Sumpf." Den Reiseleitern dort bliebe nichts anderes übrig, als auf Wolkenkratzer, Kaufhäuser und Transrapid zu zeigen.
Der Verkehr jedenfalls ist in beiden Städten ähnlich chaotisch. Im Hongqi respektive der Roten Fahne - Flaggschiff des größten chinesischen Automobilherstellers "First Automotive Works" (FAW) - fühlen wir uns wie ein Bonze oder wenigstens wie der Kaiser von China. Fahrer Zheng chauffiert die Limousine sanft wie eine Sänfte aus dem Tumult der Stadt hinaus und weiter Richtung Norden zur Großen Mauer. Vorneweg die stilisierte rote Fahne auf der schwarzen Motorhaube. Große Fahrzeuge dominieren die Straßen. Darunter auch die Bau Ma genannten Heiligen Pferde aus dem Stall der Bayerischen Motorenwerke - so die klangvolle Übersetzung aus dem Chinesischen. Am Steuer sitzen vermutlich viele glückliche Gewinner. Denn Autofahren ist in Peking ein Lotteriespiel. Um den Verkehr in der Zwanzig-Millionen-Stadt in den Griff zu bekommen, werden die Autokennzeichen verlost. Schanghai hingegen versteigert Nummernschilder im Internet. Das Höchstgebot liegt derzeit bei etwa 5000 Euro.
Auch Schildkröten finden Liebhaber
Die Reiseleiterin in Schanghai - nennen wir sie Lin - holt uns vom Flughafen ab und schleust uns in den Transrapid. Im Affenzahn rasen wir auf die Zwanzig-Millionen-Metropole zu. In kurzer Zeit beschleunigt die Magnetschwebebahn auf 431 Stundenkilometer. Stolz zeigt Lin auf die digitale Anzeige im Abteil. Nach insgesamt acht Minuten ist das dreißig Kilometer entfernte Ziel am Stadtrand erreicht. Dort wartet schon der Fahrer mit dem Minibus. Unser Hotel liegt in der Nähe des verkehrsumtosten Jing'an-Tempels am Rande eines Wohngebiets, in dem Wäsche zum Trocknen an Bambusstäben hängt. In der kleinen Markthalle, die wir entdecken, sind wir Langnasen die Attraktion. "Ni Hao!" grüßen Händler freundlich von allen Seiten. Im Angebot haben sie knackiges Obst und Gemüse, frische Nudeln, alte Eier, zappelnde Fische und Frösche. Auch Schildkröten finden Liebhaber. "Mit Ingwer, Schinken, Datteln und gedämpft in Reiswein eine Delikatesse", schwärmt Lin. Im Übrigen würden alle Tiere fürs Essen gezüchtet werden: "Sonst gäbe es in China keine mehr."
Drei Metro-Stationen sind es zum Bund, der eleganten Uferpromenade am Huangpu-Fluss. Am Abend kehren alle Besucher den Kolonialgebäuden den Rücken und schauen hinüber nach Pudong. Zum Sonnenuntergang hat die Skyline ihren großen Auftritt. Wie ein Großfeuerwerk beginnen die Wolkenkratzer in allen Farben zu funkeln. Am auffälligsten das 101 Stockwerke hohe World Financial Center in Form eines Flaschenöffners. "Lasst uns einen heben und anstoßen auf das Wirtschaftswunder!" scheint es zu signalisieren. Ein Hoch auf die gigantischen Wachstumsraten! Auf der riesigen Fassade nebenan werden Kaskaden schillernder Konsumbotschaften projiziert. Der Materialismus hat zumindest im Osten Chinas obsiegt. Werbetafeln haben Propagandaplakate abgelöst.
Töchter sind mittlerweile billiger
Lin hat einen Mann mit Aussicht geheiratet und wohnt im 27. Stock am Rande von Pudong. In Schanghai sind fast alle Wohnungen Eigentumswohnungen. Doch die können sich viele nicht mehr leisten, sagt die Achtundzwanzigjährige. In den vergangenen acht Jahren seien die Quadratmeterpreise von durchschnittlich 500 Euro auf das Fünffache gestiegen. "In ganz China werden Wohnungen teurer, aber in Schanghai ist es am schlimmsten", gibt Lin offen und ehrlich zu. Das Volk sei erzürnt, dass die Immobilienwirtschaft dem freien Markt überlassen wird. Durch die Spekulation gerate auch die Tradition ins Wanken. In China ist es Brauch, dem Sohn als Mitgift eine Wohnung zu schenken. Doch dafür fehlt zunehmend das Geld. Viele Paare wünschen sich mittlerweile eine Tochter - das ist billiger. Sonntags wird der große Volkspark zur Kontaktbörse. Eltern sind auf der Suche nach einer Schwiegertochter oder einem Schwiegersohn. Sie zeigen die Fotos ihrer Lieben und preisen deren Vorzüge an. Eine Wohnung erhöht den Marktwert eines jungen Mannes erheblich. Auch ein Auto ist nicht schlecht.
Rund um die Uhr sind Bulldozer und Baukräne im Einsatz. Hochhäuser werden in Windeseile hochgezogen. Altes wird abgerissen und oft im alten Stil wieder aufgebaut. "Chinesen mögen es, wenn alles neu und ordentlich aussieht", sagt Lin. So stammen in der Altstadt Nanshi die Pagodenhäuser rund um den Yu-Garten nicht aus der Ming-Zeit, sondern sind nagelneu. Wirklich alt in Schanghai sind hingegen die Longtangs, die Gassen hinter schmiedeeisernen Pforten, die von den Hauptstraßen abzweigen und in die Vergangenheit führen. In eine Zeit, als die Stadt in internationale Konzessionen aufgeteilt war, China den Opiumkrieg endgültig verloren hatte und sich dem Außenhandel öffnen musste.
Die Gasse ist das Wohnzimmer
Die zwei- bis dreistöckigen Shikumen-Häuser - benannt nach dem verzierten Steinbogen um die Eingangstür - wurden für Chinesen errichtet, die nach dem Aufstand der Kleinen Schwerter im Jahr 1853 in den internationalen Niederlassungen Schutz suchten. Die von Taiping-Rebellen inspirierte Splittergruppe wollte auch in Schanghai ein himmlisches Königreich errichten und verbreitete dabei Angst und Schrecken. Um die vielen Flüchtlinge unterbringen zu können, wurde mit Shikumen-Siedlungen ein regelrechter Bauboom entfacht. Die Mixtur aus traditionellen Hof- und englischen Reihenhäusern war noch bis in die vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts modern.
Das Leben in den Longtangs folgt einem langsamen Takt. Die Gasse ist das Wohnzimmer, in dem geschwatzt, gegessen, Karten gespielt und manchmal ein Nickerchen gehalten wird. Dennoch würden die meisten Bewohner die gute Nachbarschaft für eine anonyme Hochhauswohnung aufgeben, sagt Lin. Wer womöglich morgens noch seinen Nachttopf leeren müsse, sehne sich nach besseren sanitären Verhältnissen. Inzwischen warten viele vergeblich auf ein lukratives Angebot. Viele Abrisspläne sind vom Tisch. Nicht etwa, weil man Altes bewahren will oder Touristen die Viertel so schön finden, sagt Lin. Sondern weil es der Stadt zu teuer geworden ist. Für jede in der Wohnung gemeldete Person sind hohe Abfindungen zu zahlen. Bei Verhandlungsgeschick bis zu 15 000 Euro sowie das Anrecht auf fünfzehn Quadratmeter Wohnfläche. Bei einer zehnköpfigen Großfamilie wären das 150 000 Euro und eine 150 Quadratmeter große Neubauwohnung, rechnet Lin vor.
Sieben Euro für ein kleines Paulaner
Tianzifang genießt Bestandsschutz. Das Gassenlabyrinth um die Taikang Lu wurde vor fünf Jahren zum "Best Creative Industry Park" gekürt. Künstler, Kunsthandwerker und junge Designer haben sich in der Siedlung im französischen Viertel eingerichtet. Hier sind viele Läden und Galerien mit witzigen Klamotten, Schmuck und originellen Andenken zu finden. Cafés und Bistros haben Tische und Stühle auf die Straße gestellt, weil die Räume so winzig sind. Tianzifang ist voller Charme. Auch deshalb, weil noch bündelweise Stromkabel an den Fassaden und Wäsche zum Trocknen über den Gassen hängen.
Ganz anders Xintiandi. Das Viertel aus den zwanziger und dreißiger Jahren wurde im Jahr 2003 komplett umgemodelt und heißt nunmehr "Neuer Himmel, neue Erde". Ein Investor aus Hongkong ließ die Shikumen abreißen und mit überwiegend alten Backsteinen edel wieder aufbauen. Die neugestalteten Innenräume haben Modemacher, Luxusrestaurants und Cocktailbars bezogen. Eine trendige Kulisse für die "Shanghai Fashion Week", die im vergangenen April stattfand. Xintiandi ist vor allem ein Laufsteg für Leute, denen es nichts ausmacht, im Paulaner-Brauhaus 70 Yuan, also gut sieben Euro, für ein kleines Bier zu bezahlen. Mao Tse-tung und seine Mitstreiter, die dort im Juli 1921 die Gründung der Kommunistischen Partei Chinas vorbereiteten, würden sich im Grab umdrehen, wenn sie das wüssten.
Mit dem Miettänzer im Paramount-Ballsaal
Allein das Shikumen Open House Museum in Xintiandi lohnt einen Besuch. Es zeigt, wie ein wohlhabender Chinese in der französischen Konzession eingerichtet war. Schöne chinesische Möbel könne man sich heute kaum leisten, sagt Lin, die lieber zu Ikea geht. Der kleine Lichthof, der "Himmelsbrunnen", bot Platz für einen bequemen Bambusstuhl. Das Tingzijian, die Treppenkammer zwischen Parterre und erstem Stock, wurde oft an arme Zuwanderer vermietet. Schriftsteller wie Lu Xun, Mao Dun und Ba Jin kamen dort unter. Die Tingzijian-Literatur ist sogar in die Kulturgeschichte eingegangen.
Schräg gegenüber dem Jing'an-Tempel stoßen wir auf ein Relikt aus der Zeit, als Schanghai als Sündenbabel verschrien war. Vor dem "Paramount" spielt ein Saxophonist Swing, um Passanten in das Gebäude zu locken. In den glamourösen dreißiger Jahren zählte das Haus zu den prächtigsten Tanzpalästen der ausländischen Konzessionen. Gleich auf mehreren Etagen schwebten die Schönen und Reichen über das Parkett. Im Jahr 1949, als die Kommunisten an die Macht kamen, war dann Schluss mit lustig. Fortan liefen dort Propagandafilme zur Erbauung der Volksmassen. Vor zehn Jahren erbarmte sich ein Investor aus Taiwan und ließ den Ballsaal im vierten Stock wieder herrichten. Zwischen rot-goldenem Dekor und plüschigen Sofas drehen sich nun wieder Paare zu alten Schlagern der Musikkapelle. Die Damen im eleganten Kleid und rückenfrei. Die Herren mit geschniegelten Haaren, blanken Schuhen und perfekter Pose. Zumeist handelt es sich bei dem flotten Partner um einen Taxi-Dancer, den man für ein paar Stunden mieten kann.
Länger als zwanzig Jahre steht kein Haus
"Bauwerke sind nicht entscheidend, sie verfallen mit der Zeit", sagt Reiseleiter Feng in Xian. "Viel wichtiger ist es, die Geschichte im Kopf zu haben." Mehr als 1100 Jahre diente Xian elf Dynastien als Hauptstadt. Von ihren Palästen sind, wenn überhaupt, nur noch Ruinen übrig. Dennoch hat Reiseleiter Feng viel zu zeigen, seitdem die siebentausend Mann starke Terrakottaarmee, der größte archäologische Schatz Chinas, gehoben wurde. Im Jahr 1974 entdeckten Bauern beim Brunnenbau die Grabkammern des ersten Kaisers von China.
Verglichen mit Peking oder Schanghai ist das acht Millionen Einwohner zählende Xian eine Kleinstadt. Der geometrische Grundriss aus der Tang-Dynastie ist noch vorhanden. Doch die Große Wildganspagode aus dem achten Jahrhundert ist schon lange nicht mehr das höchste Bauwerk. Die meisten Hochhäuser seien in den vergangenen sechs Jahren entstanden, sagt Feng. Länger als zwanzig Jahre stehe kein Haus, dann werde es abgerissen. Für Chinesen sei das muslimische Viertel daher ein Symbol für Rückständigkeit. "Abreißen geht aber nicht", erklärt Feng, "das gäbe in der Welt ein Riesengeschrei." Lieber lasse man die Minderheit der Hui dort gewähren. Die Vorfahren der etwa siebzigtausend Muslime kamen als arabische und persische Kaufleute auf der Seidenstraße nach Xian. Touristen lieben das muslimische Viertel rund um den Trommelturm. Die niedrigen Häuser mit den geschwungenen Dächern, die kleinen Läden und Nudelbäcker, die Vogelkäfige in den Bäumen, die Rikschas: So stellt man sich das alte China vor. Sogar die Große Moschee, im vierzehnten Jahrhundert neu erbaut, sieht aus wie ein chinesischer Tempel.
Ai Weiwei habe nur schlecht über China geredet
In der Hauptstadt Peking ist man mit Abriss nicht zimperlich, zumal die Hutongs dem neuen Peking im Weg stehen. Die dörflichen Viertel mit den alten Häusern, die Straßenfriseure, mobilen Garküchen und fliegenden Händler, die angeblich nicht zu einer modernen Metropole passen, müssen daher weichen. Peking brauche Platz für seine vielen Bewohner, verteidigt Wang die Neubauwut. Hochhäuser seien viel ökonomischer. Der Künstler Ai Weiwei hat Balken, Türen, Fenster und Mobiliar aus Abrisshäusern und niedergewalzten Tempeln aus der Ming- und Qing-Zeit zu Installationen verarbeitet, um die Vernichtung des Kulturerbes zu dokumentieren. Wang mag den Künstler nicht. Im Ausland habe er über China nur schlecht geredet und für Gesichtsverlust gesorgt, sagt er, während wir über den Tiananmen-Platz laufen. Er zeigt auf die Kameras, die den größten Platz der Welt überwachen. Keiner müsse Angst vor Taschendieben haben, erklärt Wang. An jeder Ecke lehnen Polizisten in cooler Pose auf der Lenkstange ihrer Segways und warten auf den nächsten Einsatz im Dienst des himmlischen Friedens. Vor allem Touristengruppen aus China folgen dem Fähnchen ihres Reiseleiters durch das Tor des Himmlischen Friedens zum Kaiserpalast. Peking ist mehr als doppelt so groß wie Schanghai. Da braucht es einen langen Atem, um allein die Verbotene Stadt zu durchschreiten.
Am nächsten Morgen setzt uns Chauffeur Zheng vor dem Osteingang zum Himmelstempel ab. Im Park sind vor allem Rentner auf den Beinen. Da wird gemeinsam Gymnastik gemacht, Schattenboxen geübt, im Chor gesungen, musiziert und Tango getanzt. Im Wandelgang zur Halle der Ernteopfer trifft man sich zum Domino, Mahjongg, chinesischen Schach und zum Stricken. Niemand brauche in Peking allein zu bleiben, sagt Reiseleiter Wang zufrieden. "Das hier ist Kultur!", hämmert er uns ein. "Und nicht BMW oder Benz wie in Schanghai!"
Achtzig Prozent aller Sehenswürdigkeiten Chinas befänden sich auf Pekinger Gebiet, resümiert Wang, während wir bequem im Fond des Hongqi sitzen und zur Großen Mauer fahren. Uns plagt eher die Sorge, dass sich achtzig Prozent aller Touristen in China auf dem Mauerabschnitt bei Mutianyu befinden könnten. Dass das nicht der Fall ist, gehört zu den großen Überraschungen dieser Reise. Kilometerweit überblicken wir die Mauer, die sich über die Hügel schwingt und im Mittagsdunst verliert. Kaum eine Menschenseele ist zu sehen. Sogar Wang verstummt ob dieser Leere und findet keine Erklärung. Auch das ist ein kleines Wunder.
Organisierte Reisen bietet unter anderem Marco Polo an (Internet: www.marco-polo-reisen.com). Der Veranstalter hat in China fünf individuelle Reisen ohne Gruppe im Programm, die auch nach Schanghai, Xian und Peking führen. Der Preis für die dreizehntägige Reise beträgt bei zwei Personen ab 2359 Euro pro Person, einschließlich des Linienflug ab Frankfurt, der Inlandsflüge, Hotel mit Frühstück sowie Transfers, Ausflüge und Rundfahrten mit eigenen Fahrzeugen und Reisebegleitern.
Literatur: Äußerst amüsant zu lesen und zudem sehr informativ ist der „Fettnäpfchenführer China - Der Wink mit dem Hühnerfuß“ von Anja Obst, Verlag Conbook, Meerbusch 2010, 288 Seiten, 10,95 Euro.
Informationen: Allgemeine Auskünfte zu Reisemöglichkeiten gibt es im Internet unter www.china-tourism.de.