Die Autostrecke von Laos nach Vietnam gilt unter Travellern als „road to hell“. Überlebende berichten im Internet von Beinahe-Herzinfarkten, unzumutbaren Straßenverhältnissen und gnadenlos überfüllten Bussen, in denen offenbar oft auch Tiere transportiert werden, vor allem Hühner. Aus irgendeinem Grund aber hatte sich meine Begleitung in den Kopf gesetzt, Laos und Nordvietnam zu Land zu durchqueren. Wobei man sagen muss, dass wir so schlecht vorbereitet waren, dass wir überhaupt erst am Vorabend des Reisebeginns auf die Idee kamen, uns im Internet über diese Strecke zu informieren, die uns auf der Karte vorgekommen war wie ein Klacks. Vientiane-Luang Prabang: 390 Kilometer. Pah, hatten wir gedacht, schaffen wir an einem Vormittag. Und deshalb am selben Tag eigentlich noch einen Abstecher nach Phonsavan eingeplant, 177 Kilometer von der Hauptstadt Vientiane entfernt, östlich, und Anlaufstadt für die bedeutendste Sehenswürdigkeit des Landes: die Ebene der Tonkrüge. Das sollte, hatten wir gedacht, doch alles an einem Tag möglich sein.
War es nicht. Wir brauchten zwei. Es sollten zwei holprige, lange Tage werden, und das, obwohl wir zunächst einen Wagen mit Fahrer gemietet hatten, was man sich in Laos schon mal leisten kann. Der Umrechnungskurs laotische Kip in Euro ist so absurd, dass man ohnehin jedes Verhältnis zu Geld verliert. Eine Million Kip sind circa 93 Euro. Ein Wagen mit Chauffeur für zwei Tage kostet circa zwei Millionen Kip. Yeah, whatever.
Nur die Mücken sind nicht entspannt
Wer noch nie in Laos war, dem sei Folgendes gesagt: Laos ist ein sozialistisches Land, allerdings mit einem sehr entspannten Sozialismus, wie überhaupt alles in Laos sehr entspannt ist - außer den Mücken. Die Menschen sind irrsinnig freundlich. Sie sehen sanft und friedlich aus, wie von Gauguin gemalt. Das beste Bier heißt Beerlao. Laotische Würste sind eine Spezialität. Das Klima ist angenehm. Es wird gehupt, aber nicht annähernd so viel wie etwa in Kambodscha. Man wird auch nicht auf Schritt und Tritt gefragt, „Lady, wanna buy, wanna buy?“ Die laotische Begrüßung „Sabai Dii“ wird dafür so oft gesagt, dass man sie schnell übernimmt. Außerdem: Laos ist das am meisten aus der Luft bombardierte Land der Welt. Zwischen 1964 und 1973 führte die CIA einen geheimen Krieg gegen Laos, mutmaßlich, um zu verhindern, dass es kommunistisch würde. Neun Jahre wurden alle acht Minuten Bomben abgeworfen - von denen etwa ein Drittel nicht explodierte. Was bis heute verheerend ist.
Von Vientiane, der wuselig verschlafenen Hauptstadt, die uns freundlich, aber nicht besonders spannend erschien, fahren wir sechs Stunden nach Phonsavan. Die Straße wechselt ohne ersichtlichen Grund alle paar Meter zwischen asphaltiert und nicht asphaltiert, dafür wird die Landschaft immer schöner. Irgendwann ragen steile Karstformationen auf. Pause machen wir in einem Städtchen namens Vang Vien, in dem es von jungen, verkaterten Amerikanern wimmelt. Phonsavan, das wir abends erreichen, scheint uns einer der hässlichsten Orte der Welt zu sein. Eine Hauptstraße, links und rechts Häuser, die wirken wie eilig errichtet, es hat etwas von einer gottverlassenen Western-Stadt. Verwahrlost aussehende Kinder ziehen in Gruppen von Restaurant zu Restaurant, auf der Suche nach etwas zu essen.
Ein Bild der Verwüstung
Am nächsten Morgen besuchen wir die Ebene der Tonkrüge, die wirklich beeindruckend ist: Über eine Ebene verteilt stehen Hunderte große, schwere Steingefäße, circa zweitausend Jahre alt, als hätten Riesen sie nach einem Picknick dort vergessen. Niemand weiß, wer sie dorthin gebracht hat oder wie (mithilfe von Elefanten?), und wozu sie einmal dienten. Als Urnen? Zugleich war diese Ebene Schauplatz der heftigsten Luftangriffe der Amerikaner, deren geheimer Luftwaffenstützpunkt Long Cheng in der Nähe heute noch teilweise Sperrgebiet ist. So sind zwischen die Steingefäße tiefe Krater gerissen - ein Bild der Verwüstung. Eine bleierne Traurigkeit scheint über dem verwundeten Tal zu liegen, das immer noch nicht ganz von Minen geräumt ist, weshalb man sich keinen Meter von den vorgegebenen Pfaden fortbewegen darf.
Weiter geht die Reise Richtung Norden. Es wird immer bergiger, der Blick aus dem Fenster immer schöner, dafür werden die Kurven immer enger. Grün, so weit das Auge reicht. Beklommen sieht man hinaus, das ist also alles vermint? Die Straße weiterhin schlecht, direkt an die Fahrbahn haben Mitglieder der ethnischen Minderheit Hmong ihre Basthütten gebaut, die Wäsche hängt zum Trocknen draußen, sie hocken vor ihren Türen, die Kinder spielen dicht neben den Autos, am Nachmittag waschen sich die Frauen an Brunnen die Haare, einige tragen bunte Trachten, andere nicht.
Die hübscheste Stadt Asiens
Nach etwa neun Stunden Fahrt erreichen wir Luang Prabang, das als eine der hübschesten Städte Asiens gilt und Unesco-Weltkulturerbe ist. Es liegt am Mekong, hat angeblich die meisten Tempel pro Quadrat-Irgendwas, und tatsächlich kommt man sich inmitten der Spitzdächer, der orange gekleideten Mönche, der hoch aufragenden Palmen und des Gewusels von Fahrrädern, Mopeds und Tuk Tuks auf den schmalen Straßen vor, als wäre man in einen in Asien spielenden „Tim und Struppi“-Comic geraten. Der Nachteil dieser Stadt ist zugleich ihr Vorteil: die vielen Touristen. Ihretwegen ist alles ziemlich überlaufen, aber: Es gibt westliche Toiletten, Cola Light, schnelles W-Lan und schöne Hotels.
Nach ein paar Tagen in diesem Disneyland-Asien besteigen wir einen öffentlichen Bus, der uns weiter in Richtung der Grenze zu Vietnam bringen soll. Einen Direktbus gibt es nicht, wir werden umsteigen müssen. Mit uns reisen zunächst nur Touristen, den unterschiedlichen Ausgaben ihrer „Lonely Planet“-Reiseführer nach unterschiedlichen englischsprachigen Ländern zuzuordnen. Die Straße ist jetzt nur noch selten asphaltiert, eine Amerikanerin schluckt Tabletten gegen Reisekrankheit und ist ansonsten sehr still. Die Landschaft wiederholt sich inzwischen, Grün und Berge, Berge und Grün, die Straße schlägt Kurven, es gibt tiefe Schlaglöcher, einem Wackeldackel würde es hier das Genick brechen.
150 Dollar für ein Taxi
Endstation Oudomxay: Ein Provinzkaff, in dem niemand länger bleiben möchte als bis zur Abfahrt des nächsten Busses. Unserer geht erst am nächsten Morgen. Wir sind schon vor dem Weckerklingeln wach und überpünktlich um sechs Uhr am Busbahnhof, um auch ganz sicher eine Fahrkarte für die Weiterfahrt zu bekommen. Unser neuer Bus ist klein, und als wir ihn bereits für voll besetzt halten und eigentlich nicht einmal mehr genug Platz für unsere Taschen ist, die wir auf den Knien lagern, weil sich auf dem Boden bereits andere Dinge stapeln (unsere Koffer sind auf dem Dach), steigen immer weiter Fahrgäste zu, die sich auf umgedrehte Kisten und Eimer in den Gang zwischen die Sitzreihen setzen. Es riecht süßlich verräuchert. Eine ältere Frau stöhnt in jeder Kurve lange und theatralisch. Irgendwann haben wir eine Motorpanne, irgendwann geht es weiter. Stunden später halten wir an einem Busbahnhof, und alle steigen aus, also auch wir. Glücklicherweise spricht ein Mann Englisch, so erfahren wir, dass der nächste Bus in Richtung Vietnam erst am nächsten Tag fährt. Nach kurzem Überlegen bitten wir ihn, uns ein Taxi zu rufen. 150 Dollar, sagt er, wird das kosten. Dafür erreichen wir ohne weitere Panne, Stöhnen und allzu viel Schaukeln den Grenzübergang Tay Trang, der erst seit vier Jahren für Touristen offen ist.
Der Grenzbeamte scheint sich weniger für unsere Pässe zu interessieren, als dafür, ob wir noch laotische Kip hätten, die er uns sogleich in vietnamesische Dong umzutauschen vorschlägt. Müde vom Autofahren und beeindruckt von seiner Unverfrorenheit willigen wir ein. Anschließend möchte ein weiterer Uniformierter unsere Pässe sehen. Bevor er noch die Seite mit den Stempeln aufgeschlagen hat, fragt er, ob wir laotische Kip hätten. Er scheint eher wütend als enttäuscht, als wir verneinen.
Das Ziel: Vietnam
Kaum haben wir die Grenze passiert, benimmt sich unser Taxifahrer, der uns zuvor durch nichts aufgefallen war, mit einem Mal seltsam. Er hört gar nicht mehr auf zu hupen. Als wir ihn fragen, warum, lacht er, hupt und ruft fröhlich „Vietnam!“. Hupend also erreichen wir unser erstes Ziel in Vietnam, Dien Bien Phu, das vor allem Franzosen ein Begriff sein dürfte. 1954 haben diese hier eine entscheidende Schlacht verloren, die sie schließlich um ihre Kolonialherrschaft brachte und gewissermaßen den Vietnamkrieg einleitete. Es gibt ein imposantes Kriegerdenkmal, zu dem eine lange Treppe hinaufführt, eine Karaoke-Bar, ein paar Pensionen und Hotels und sehr viele dauerhupende Autos und Mopeds - das Wichtigste an dieser Stadt ist aber ihr Busbahnhof, denn auch in Dien Bien Phu will niemand länger bleiben als unbedingt nötig, und die französischen Touristen, die wir im Supermarkt treffen, sehen auch nicht glücklich aus.
Am nächsten Morgen der nächste Bus. Es war nicht leicht, ihn ohne Schlägerei zu erreichen, so aufdringlich wurden wir von Männern bestürmt, die vor dem Busbahnhof auf Touristen warteten, um uns irgendetwas zu verkaufen oder gegen Geld zum richtigen Bus zu bringen oder was auch immer. Die Straße ist fast noch schlechter als in Laos. Das heißt, streckenweise ist sie besser, dann wieder überhaupt nicht vorhanden. Mehrmals müssen wir anhalten und warten, bis ein Bagger vor uns Geröll weggeräumt hat. Irgendwann werden wir von Männern aufgehalten, vermutlich (niemand spricht Englisch, wir sprechen kein Vietnamesisch) Polizisten in Zivil, die schweigend das gesamte Gepäck durchsuchen, alle abtasten - nur wir und unsere Koffer bleiben unberührt.
Schließlich öffnen sie ein offenbar herrenloses Paket, dessen Inhalt alle zusammenlaufen und sich darüber beugen lässt: abgeschnittene Bärentatzen, zwei Paar, schwarz, am Stumpf noch blutig, mit Krallen daran. China ist nah, vielleicht für den chinesischen Markt bestimmt? Als Medikament, als Potenzmittel? Es dauert, bis die Polizisten den Fall zu Protokoll genommen haben, irgendwann geht es dann weiter, und nach insgesamt neun Stunden Fahrt erreichen wir Sa Pa.
Dichter Nebel und viel Regen
Sa Pa ist die kälteste Stadt Vietnams und angeblich von Bergen umgeben. Es soll malerisch aussehen. Während der drei Tage, die wir dort sind, herrscht allerdings durchgehend so ein dichter Nebel, dass man höchstens zehn, fünfzehn Meter weit sieht, weshalb ich das mit den Bergen nicht bestätigen kann. Es regnet auch die ganze Zeit. Tatsächlich ist es sehr kalt.
Sa Pa wurde in den zwanziger Jahren von den Franzosen gegründet, die sich den Ort als ihre Sommerfrische auserkoren. Auch heute kommen noch viele Franzosen hierher, auch viele Schweizer und noch mehr Australier. Sie unternehmen Tagestouren in die Berge, besuchen Dörfer der Hmong oder anderer Bergvölker, oder besteigen den höchsten Berg Vietnams, den Fan Si Pan, der ganz in der Nähe sein soll, möglicherweise sogar in Sichtweite.
In Sa Pa selbst gibt es nicht allzu viel zu tun. Es gibt einen Markt, auf dem Hmong-Frauen neben Trachten Dinge anbieten, die meistens sehr bunt sind und nach Plastik riechen. Ich habe dort ein Paar Gummistiefel gekauft, das roch, als hätte jemand schon mal einen Eimer Benzin darübergeschüttet, um es bei Gelegenheit anzuzünden. Es gibt sehr viele Restaurants, in denen es nicht besonders gut schmeckt. Jedenfalls nicht, wenn man in der Hoffnung dorthin kommt, hier nun frische vietnamesische Küche serviert zu bekommen, mit schön viel Koriander, Minze und Zitronengras. Trotzdem ist es gemütlich, hat etwas von einem Skiort, nur mit Regen statt Schnee und Benzinstiefeln statt Skiern.
Von hier aus, beziehungsweise vom nahegelegenen Lao Chai, nehmen wir den Nachtzug nach Hanoi. Wir leisten uns den besten, teuersten Nachtzug der Region: den Victoria-Express, den nur nehmen darf, wer in Sa Pa im dazugehörigen „Victoria Hotel“ wohnt. Beim ausgezeichneten Vier-Gänge-Menü im schicken Speisewagen beglückwünschen wir uns dazu, keine echten Traveller zu sein, und schlafen anschließend tief und traumlos in unserem kleinen, aber feinen Abteil, das wir uns mit einem reizenden japanischen Ehepaar teilen, das nicht schnarcht. Als wir aufwachen, sind wir in Hanoi. Doch das ist eine andere Geschichte.
..irgendwie naiv....
Michael Meier (never1)
- 14.02.2012, 14:49 Uhr
Dieser Bericht
Dirk Maessen (dmaessen)
- 14.02.2012, 13:59 Uhr