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Burma Das Glück wohnt in Pagoden

Burma macht gerade Blitzkarriere. Seit seine Diktatoren die Demokratie entdeckt haben, ist das Land vom Schmuddel- zum Hätschelkind der Welt geworden. Alle lieben es jetzt. Und es geht auch gar nicht anders.

© ddp images Vergrößern Nur zwei von zweitausend: In der alten Königsstadt Bagan wachsen so viele Pagoden und Tempel aus der Erde, dass man sich in einer Himmelsstadt wähnt.

Der Kapitän liebt die Lady, und seine Liebe kostet ihn jetzt nicht mehr Kopf noch Kragen. Er hat es sogar gewagt, ihr Porträt auf der Brücke seines Schiffes aufzuhängen, ein halber Selbstmord war das noch vor ein paar Monaten. Seither fährt die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, von allen nur "The Lady" genannt, den Irrawaddy-Fluss mit ihrem Kapitän auf und ab, der in Gestalt und Gemüt eher eine menschliche Reinkarnation des dicken lachenden Buddhas als ein schneidiger Seemann ist. Eine wunderbare Frau sei sie, sagt der Kapitän und schaut sie an mit einem Blick zwischen Ehrfurcht und Zärtlichkeit, stark, schön, unbeugsam wie eine Löwin, das Herz so groß wie das Universum. Jeden Morgen stecke sie sich Blumen ins Haar, was in Burma das Zeichen der Zuversicht sei, und das nach zwanzig Jahren Hausarrest, nach einem halben Leben der Demütigung. Und natürlich - jetzt beugt sich der Kapitän über seinen Blaubärbauch und flüstert fast verschwörerisch - werde seine Lady eines Tages auch seine Präsidentin sein. Das wisse er ganz bestimmt, obwohl er sich für Politik gar nicht interessiere. Politik verwirre nur die Gedanken und sei sowieso die Mutter aller Probleme. Seine eigene Mutter hingegen habe ihn die richtige Lektion fürs Leben gelehrt: Mein Sohn, habe sie ihm gesagt, gehe immer so zu Bett, dass du bei der ersten Berührung des Kopfes mit dem Kissen einschläfst. Denn dann ist dein Herz rein und dein Geist frei. So wie bei der Lady.

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Burma ist längst noch nicht frei, doch in Siebenmeilenstiefeln auf dem Weg dorthin, seit vor knapp einem Jahr Präsident Thein Sein die Macht übernommen hat und sich wie die gute Märchenfee aufführt. Seither geschieht das Undenkbare: Fünfzig Jahre grausamer Wirklichkeit werden quasi im Handstreich abgeschafft. Aung San Suu Kyi, die Ikone aller aufrechten Burmesen im Kampf gegen die Militärdiktatur, wurde aus dem Hausarrest entlassen. Hunderte politischer Häftlinge kamen frei. Der Chef der Zensurbehörde verkündete die Teilabschaffung der Zensur. Und der Präsident höchstpersönlich wünscht sich, dass die Oppositionsführerin bei der Wahl im April Parlamentsabgeordnete wird.

Schaudernder Blick durchs Guckloch

Das ist verkehrte Welt in einem Land, aus dem seit dem Putsch der Generäle im Jahr 1962 immer nur die schrecklichsten Nachrichten kamen: von einer blutrünstigen Repression selbst des kleinsten demokratischen Zuckens, vom Massenmord an Tausenden unbewaffneter Demonstranten, vom Massakrieren protestierender buddhistischer Mönche, von der Gefangenschaft eines ganzes Volkes im Kerker einer skrupellosen, raffgierigen, zähnefletschenden Junta. Man blickte schaudernd auf Burma wie durch ein Guckloch, auf dem stand: Schaut nur hier durch, und ihr werdet das Reich des Schreckens und der Finsternis sehen, die Höllenherrschaft einer Despotenclique, fünfzig Millionen Menschen in den Ketten der Verzweiflung. Und genau das sah man dann auch.

Myanmar saw a 26-per-cent jump in international arrivals © dpa Vergrößern Buddha ist überall: Kaum ein anderes Land der Erde ist so stark von Religiosität getränkt wie Burma. Auch deswegen zieht es immer mehr ausländische Besucher an.

In Burma sieht man kaum einen Soldaten, kaum eine Waffe, sehr selten Straßensperren, noch seltener Panzer und fast nie politische Propaganda wie jenes verwitterte Schild am Königspalast von Mandalay, auf dem die Armee verspricht, die nationale Sache niemals im Stich zu lassen. Man erwartet ein tropisches Nordkorea mit dressierten, gebrochenen, willenlosen Menschenknechten und erkennt in den Augen der Burmesen kein einziges Mal die Furcht des gequälten Wesens vor der Peitsche des Folterschergen. Man stellt sich auf ein Straflagerland ein, doch die einzige Uniform, der man pausenlos begegnet, ist weder olivgrün noch schwarzweiß gestreift, sondern safranrot: die Kutte der buddhistischen Mönche. Dieses tiefe, ernste Rot ist - neben dem Gold der Pagoden - die prägendste Farbe Burmas, in dem genauso viele Menschen Dienst an der Waffe verrichten wie Dienst im Namen des Erleuchteten.

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