31.05.2011 · Luxus und Ökologie sind im Tourismus keine Feinde mehr, sondern Verbündete. Wie symbiotisch und frei von allen Dogmen ihr Zusammenleben sein kann, zeigt das Tivoli Ecoresort Praia da Forte im brasilianischen Bundesstaat Bahia.
Von Jakob Strobel y SerraDie Affen wissen ganz genau, dass sie etwas Verbotenes tun. Sie lauern im Gebälk des offenen Restaurants, tänzeln nervös auf den Streben und schauen die Gäste mit ihren großen Augen so verschreckt und schuldbewusst an wie Kinder, die beim Naschen von Süßigkeiten aus dem Küchenschrank erwischt worden sind. Doch von Reue ist keine Spur, ganz im Gegenteil. Bei der kleinsten Gelegenheit fallen sie wie der Blitz über die Tische her, plündern sie in Sekundenschnelle, rasen dann wieder auf die Dachbalken und verschlingen mit dem Heißhunger der Gier ihre Beute. Das Personal lässt sie gewähren, nur ab und zu wedelt ein Kellner müde mit einer Serviette oder stellt das Tonband mit den Adlerstimmen lauter, die den Plünderern Angst einjagen sollen. Aber die Affen lachen nur über solche plumpen Täuschungen. Denn sie wissen nicht nur, dass sie Verbotenes tun, sondern auch, dass ihnen hier im Tivoli Ecoresort Praia da Forte niemals eine Strafe für ihre Schandtaten droht.
Die zahlenden Besucher und die kostenfrei logierenden Gäste haben dieselben Rechte in dem Luxusökohotel, das einsam in einem riesigen Park an einem zwölf Kilometer langen, von Kokoskitschpalmen bestandenen Strand im Nordosten Brasiliens liegt. Seinem ökologischen Credo verleiht es architektonisch allerdings nur sehr dezent Ausdruck. Das Hotel sieht nicht viel anders aus als vergleichbare Häuser, spart trotz aller Palmstrohdächer und Bambusbänke nicht mit Beton, leistet sich ein palastartiges Spa, bietet in ausladenden Pools Wassergymnastik für übergewichtige Wohlstandsbrasilianer wie in einem Ferienclub und bringt die Urlauber auch nicht in verstreuten Robinson-Hütten mit Hängematte unter, sondern in zweistöckigen Gebäuderiegeln mit Klimaanlage. Auf den zweiten Blick erkennt man aber sofort den Anspruch des Hauses. Überall bitten Schilder darum, die vielen frei herumlaufenden Tiere nicht zu füttern. Streng verboten ist es, die Liegen direkt am Strand aufzustellen, weil das die Eier in den Nestern der Meeresschildkröten gefährden könnte. Nachts wird auf laute Musik und grelle Beleuchtung verzichtet, denn das würde die schlüpfenden Tiere verwirren und sie in Richtung Bar statt ins Meer krabbeln lassen. Und spätestens wenn ein dackelgroßer Leguan mit einer fast schon herablassenden Selbstverständlichkeit den Weg kreuzt, hat auch der Letzte begriffen, dass hier die Schöpfung keinesfalls der Untertan des Menschen ist.
Walzunge als Delikatesse für die besseren Stände
Nicht nur zoologisch, sondern auch kulturell zollt das Hotel seiner Umgebung Respekt - ganz im Sinne eines verantwortungsvollen Tourismus, der längst auch im Schwellenland Brasilien eher gesellschaftlicher Konsens als ein Gutmenschenexotismus ist. Dutzende Holzskulpturen lokaler Künstler sind auf dem ganzen Gelände verstreut, Fische, Frösche, Kröten, manche so groß wie Kinderwagen, andere so mächtig wie Lastwagen. Und dazwischen halten schreckliche Götter und Dämonen Hof, die ihre Reißzähne fletschen und hölzerne Menschen wie Puppen herumschleudern. Es sind Abgesandte aus dem Panoptikum der Candomblé-Religion, einer wilden, in Bahia geborenen Mischung aus christlichen Versatzstücken der portugiesischen Kolonialherren und animistischen Souvenirs der afrikanischen Sklaven; nachts liegt man dann manchmal im Säuseln der Brandung wach und hofft, dass das Holz nicht durch einen unheilvollen Zauber lebendig werden möge.
An das Schicksal der Sklaven erinnern auch die Reste einer kleinen Walverarbeitungsfabrik auf halbem Weg zum Strand, die etwas pompös als "ruinas" angekündigt werden. Die Ruinen sind nur ein paar Fundamente und Wannen mit rußgeschwärztem Putz, in denen früher Wale ausgeschlachtet wurden. Sie kamen auf ihrem Weg von der Antarktis zu ihren Winterquartieren in der Karibik an der Küste Bahias vorbei, wurden von den Sklaven erlegt und dann komplett zerlegt. Das Fleisch bekam das Volk als Armenspeisung, die Zunge war eine Delikatesse für die besseren Stände, die Knochen wurden zu Kalk verbrannt, die Rippen zu Korsetts verarbeitet, und das Öl illuminierte das nahe gelegene Salvador da Bahia, das zweihundert Jahre lang die Hauptstadt der portugiesischen Kolonie Brasilien war. Das Öl muss fürchterlich gestunken haben, und die Menschen flüchteten in die Kirchen, um ihre Nasen vom Weihrauch trösten zu lassen - nur aus diesem Grund, nicht aus Gottesfurcht, sagt man in Salvador, gebe es in der Stadt mehr Kirchen, als das Jahr Tage hat.
Ökourlauber auf knatternden Quads
Ökologisch korrekt ist die Walschlachtung schon lange nicht mehr, und deswegen duftet das Hotel nach Hyazinthen und Jasmin statt nach ranzigem Fett. Auch sonst wird die gesamte Klaviatur des sozial- und umweltverträglichen Tourismus hinauf und hinunter gespielt - freilich mit einigen Eskapaden wie Ausflügen auf knatternden Quads durch den Urwald, die den Ökourlauber zwar gnadenlos aus dem Himmelreich der Kohlendioxidneutralität verbannen, aber ein Höllenspaß sind. Mülltrennung gehört ebenso zu den Zehn Geboten wie Solarstrom, Biogemüse aus eigenem Anbau, Selbstbeschränkung beim Bauen - kein Gebäude ist höher als eine Kokospalme - und die Beschäftigung lokalen Personals, siebzig Prozent lautet die selbst gesetzte Marke. Sie wird auch erreicht, allerdings um den Preis, dass die Bediensteten in ihren weißen Kolonialtrachten neben ihrer Mutter- nur die Zeichensprache beherrschen. Englisch sprechen nur die oberen Ränge, fünf Sterne hin oder her.
Es gibt ja Wichtigeres als die gepflegte Kommunikation mit dem Dienstpersonal, die Rettung der Meeresschildkröten zum Beispiel. Über die kolossalen Erfolge, die man bei dieser edlen Aufgabe erzielt hat, gibt ein Meeresschildkrötenrettungsfreizeitpark in Praia da Forte ein paar Schritte außerhalb des Hotels Auskunft. Zehn Millionen schlüpfende Schildkrötenbabys, so verkünden es allerorten triumphierende Schilder, habe man in den vergangenen dreißig Jahren an diesem Küstenabschnitt Bahias, einem der drei wichtigsten Brutplätze der Tiere weltweit, vor hungrigen Fischern und Weißfüchsen ohne Umweltbewusstsein gerettet und heil an Leib und Seele dem Meer übergeben. Dann erklärt der Rettungsfreizeitpark in einem pädagogisch überaus sinnvollen Parcours Sein und Wesen, Biologie und Lebensgewohnheiten, Feinde und Verschlinger der Schildkröten. So sieht man einen Sack mit dem Plastikmüll, den man aus dem Magen eines verendeten, erst dreißig Zentimeter langen Jungtieres geholt hat - es waren stolze 2,2 Kilo an Tüten oder Flaschen, die den Quallen, der Leibspeise der Schildkröten, im Wasser täuschend ähnlich sehen.
Haifischspeisung für Todesmutige
Hinter einer Schildkrötenmalwerkstatt für Kinder, den Toilettenhäuschen in Muschelform und dem Modell einer drei Tonnen schweren, glücklicherweise schon vor siebzig Millionen Jahren ausgestorbenen Monsterkröte wartet der Höhepunkt des Parks: die Fütterung der Schildkröten, Stachelrochen und Haifische, wobei die Todesmutigen den Haien unter großen Gejohle des Publikums über den Rücken streichen können. Es ist allerdings eine Mutprobe für Angsthasen, denn die Bestien sind phlegmatische Ammenhaie, die sich am liebsten von wirbellosen Wesen, also nicht von Menschen, ernähren. Das ist gut zu wissen und passt genau ins Bild: In Praia da Forte vertragen sich Mensch und Tier, anstatt sich gegenseitig aufzuessen.