Der Bürgermeister wünscht sich ein neues Rathaus. Kein Wunder, denn das Gebäude, in dem er residiert, ist ein katastrophaler architektonischer Missgriff: ein gigantischer Betonbunker mit nach oben hin überhängenden Stockwerken, der wie ein Raketensilo inmitten der Stadt steht. Eingänge und Fenster erscheinen wie düstere Höhlen, und im Innern setzt sich das Kavernengefühl mit einem Labyrinth aus Gängen, Fluren und winzigen, verschachtelten Räumen fort. Die meisten Angestellten hassen ihren Arbeitsplatz, und Architekten wie Laien haben Bostons City Hall schon mehrfach zum hässlichsten Bauwerk auf Erden gekürt. Auf jeden Fall könnte dieses Haus jedem Baumeister als Modell dafür dienen, wie man es nie mehr machen möge. Zu dieser Empfindung trägt auch die Umgebung bei: ein riesiger, baumloser, ungegliederter Platz, dessen angrenzende Bürogebäude an osteuropäische Plattenbauten erinnern. Das Ganze war in den sechziger Jahren der Versuch, Boston ein modernes Gesicht zu verschaffen, nachdem man ein Stadtviertel mit mehr als tausend Häusern ausradiert und zwanzigtausend Menschen umgesiedelt hatte.
Dem Image der Stadt hat das kaum geschadet. Schließlich gab es immer noch das britisch-aristokratisch anmutende Quartier Beacon Hill mit seinen Kopfsteinpflastergassen, den Gaslaternen und den noblen Stadtvillen der Bostoner High Society, dazu die Parkanlage des Boston Common, die als Vorbild für viele amerikanische Stadtparks diente, den baumbestandenen Prachtboulevard der Commonwealth Avenue, das North End mit dem italienischen Flair seiner Cafés und Restaurants und nicht zuletzt die noble akademische Beschaulichkeit der Harvard University im benachbarten Cambridge.
Jahrzehntelang sind Besucher deshalb den „Freedom Trail“ abgelaufen, der auf einem Zickzackkurs quer durch Boston die meisten historischen Sehenswürdigkeiten und kolonialen Gebäude erschließt. Die Europäer waren erfreut darüber, dass eine amerikanische Stadt zu Fuß erkundet werden kann, und amerikanische Touristen konnten nicht genug schwärmen vom „Old World Charme“ der Metropole am nordöstlichen Ende ihres ansonsten so zukunftsorientierten Landes. Boston selbst hat diese Aufmerksamkeit genossen, kam sich selbst aber bis zu Beginn der neunziger Jahre als eher verschlafene Großstadt vor. Während der Präsidentschaft John F. Kennedys, der im benachbarten Brookline geboren wurde, erlebte Boston zwar ein kurzes, glanzvolles Zwischenhoch, verschwand dann aber ebenso schnell wieder aus dem Scheinwerferlicht.
Nach dem missglückten ersten Anlauf zur Modernisierung hat sich Boston zu Beginn der neunziger Jahre ein zweites Mal auf den Weg gemacht, um ansehnlicher und zeitgemäßer ins neue Millennium einzutreten. Dieses Mal ist das Vorhaben gelungen, auch wenn der Weg beschwerlicher nicht sein konnte. „Big Dig“, das Große Buddeln, hieß das Projekt zur Untertunnelung der Stadt mit einem System aus breiten Highways, das den überirdisch notorischen Verkehrsinfarkt abschaffen sollte.
Fünfzehn Jahre hat der Bau gedauert und vierzehn Milliarden Dollar verschlungen. Fünftausend Arbeiter waren dauerhaft beschäftigt und verwandelten die Stadt mit ihrer Wühlarbeit in eine furchtbare Baustelle. Doch mit der Fertigstellung der Tunnel hat Boston ein völlig neues Gesicht erhalten - und ist jetzt wieder eine Stadt am Wasser. Der Verkehr läuft zum großen Teil auf mehrspurigen Autobahnen im Untergrund. Eine langgestreckte Grünfläche, der Rose Kennedy Greenway, benannt nach John F. Kennedys Mutter, ersetzt jenen doppelstöckigen, auf Betonstelzen stehenden Highway, der das Stadtbild verschandelte und die Verbindung des Zentrums zum Hafen und zum Meer blockierte.
Selbst der Bürgermeister will nach Seaport
Weitsichtige Planer haben sich die neue Situation zunutze gemacht, um auf einer Halbinsel in South Boston ein vollkommen neues Stadtviertel entstehen zu lassen: Seaport. Dort, wo vorher ein industrielles Niemandsland existierte, wo nur Lagerhallen, verlassene Werftanlagen und die Piers der Fischerboote vor sich hin moderten, ist innerhalb eines Jahrzehnts eine Phalanx von Bürobauten, Apartmenthäusern und Restaurants entstanden. Ausflugsdampfer, Fähren, Wassertaxis sowie eine Armada privater Motorboote und Segeljachten sind plötzlich sichtbarer Teil des städtischen Verkehrs.
Den Anfang machte an einer strategischen Stelle das Hotel Intercontinental. Mit seinem geschwungen Glaspalast erinnert es an die aufgeblähten Segel der Clipper, die hier in der Kolonialzeit mit Rum, Tee und Sklaven beladen ankamen und abfuhren. Das Gebäude steht genau dort, wo einst die Bostonians mit ihrer legendären Tea Party die amerikanische Revolution begannen, und es ist ein Fanal. Denn die Bautätigkeit im ehemals desolaten Hafengelände scheint seit seiner Errichtung kein Ende zu nehmen. Inzwischen gibt es nicht nur einen kilometerlangen Harbor Walk, auf dem Fußgänger und Radfahrer die neue Freiheit genießen können, sondern mit dem Institute of Contemporary Arts und der zeltförmigen Konzerthalle des Bank of America Pavilion auch zwei emblematische Bauwerke, die das Motiv der überhängenden Dächer auf eine Weise interpretieren, die den Fehlgriff der City Hall vergessen machen. Dass der Bürgermeister Überlegungen anstellt, seine Administration ebenfalls nach Seaport zu verlegen und ein Büro mit Meerblick zu ergattern, verwundert niemanden. Einstweilen freilich hat man hier noch an den Kosten des „Big Dig“ zu knabbern und überlässt dem freien Spiel der wirtschaftlichen Kräfte den Fortgang der Dinge.
Seaport hat sich zu einem schicken Ausgehviertel entwickelt. Beinahe jeden Monat eröffnet hier ein neues Lokal. Heute erzählt einem jeder Bostonian, dass man vor fünfzehn Jahren kaum ein anspruchsvolles Restaurant finden konnte und dass außer bei der im Stadtgebiet überall präsenten Restaurantkette Legal Seafoods nicht einmal ordentliche Fischgerichte zu bekommen waren. Das ist inzwischen kaum noch vorstellbar in dieser Stadt, die so verliebt in Fisch und Seafood ist, dass Kultlokale wie B&G Oyster und Neptune Oysters ständig ausgebucht sind und sich sogar die Oldtimer von Legal Seafoods mit ihrem Restaurant Legal Test Kitchen an experimenteller Fischküche versuchen.
Die Epochen in einem einzigen Gebäude
Auch zahlreiche Hotels sind trotz der amerikanischen Finanz- und Wirtschaftskrise in Bau. „Wir brauchen dringend mehr Hotelzimmer“, heißt es immer wieder, denn Boston ist eine der wenigen amerikanischen Städte, die die Krise rasch überwunden haben und heute besser dastehen als zuvor. Erstklassige Bildungseinrichtungen wie die Harvard University, das Massachusetts Institute of Technology und Dutzende guter Universitäten und Colleges sowie die Institutionen einer hochtechnisierten Medizin tragen dazu bei. Boston und seine Nachbargemeinden in Massachusetts verkaufen Bildung und Gesundheit auf Weltniveau.
Der Wandel ist nicht nur auf die ufernahen Stadtviertel beschränkt. Auch Downtown hat im vergangenen Jahrzehnt ein Auffrischung erfahren, wobei man Altes und Neues auf amerikanische Weise unbekümmert kombiniert. Das winzige, dreihundert Jahre alte Old State House mit seinen Backsteinmauern und dem zierlichen Türmchen war schon lange eingekreist von zehnstöckigen Gebäuden aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, die mit ihren Fassaden einen Kontrapunkt zur kolonialen Architektur setzten.
Jetzt ragen dahinter zudem noch die verspiegelten Glasfronten des einundzwanzigsten Jahrhunderts in die Höhe, und nicht selten hat man die Epochen einfach in einem einzigen Gebäude vereint. Ein gelungenes Beispiel ist das Hochhaus der Citizens Bank neben dem Old State House, in dem die alte Steinfassade zehn Stockwerke hoch erhalten ist - um dann die schwarze Glasfassade eines Wolkenkratzers aus sich herauswachsen zu lassen. Auch das Children’s Museum nutzt diese Methode, indem vor die Backsteinfront eines typischen Lagerhauses am Hafen ein lichtdurchflutetes, buntes Atrium gesetzt wurde, das mit den neuesten ökologischen Technologien gebaut und ausgestattet ist.
Bohnensträucher in der dichtbebauten City
Im ehemaligen Marktgebäude der Quincy Hall wiederum ist Amerikas schönster Food Court entstanden. In der hundert Meter langen Halle reihen sich zu beiden Seiten nicht nur die üblichen Pizza-Pasta-Icecream-Thai-Angebote aneinander, es gibt auch eine Austernbar, einen Hummerstand, eine vegetarische Theke, ein Pralinengeschäft und weitere Gourmetlokale. Und in einer Rotunde unter einer famosen Kuppel im Zentrum des Gebäudes sitzt man - was fast ein Wunder des guten Geschmacks ist in Amerika - nicht auf Plastikstühlen, sondern auf massiven Holzbänken an Holztischen.
Ähnliche Kombinationen von Alt und Neu findet man auch im Stadtteil Back Bay, in dem sich die neuromanische Trinity Church in der gläsernen Fassade des Hancock-Wolkenkratzers spiegelt, oder im Kultviertel South End. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war es noch eine vornehme Wohngegend, ein Jahrhundert später verkam es fast zum Slum, dann wurde es von Künstlern und Studenten aufgepäppelt und ist nun zur gefragten Wohngegend geworden. Zum Glück sind dort auch viele der alten Backsteinhäuser erhalten geblieben, so dass South End jetzt die in Amerika größte Ansammlung viktorianischer Brownstones überhaupt besitzt. Breite Einkaufsstraßen wie Washington Street und Tremont Street durchschneiden ein Gewirr aus schattigen Nebenstraßen, winzigen Gassen, überraschenden Plätzen und kleinen Parks, manchmal so versteckt hinter schmalen Durchgängen, dass sie nur Eingeweihte finden.
Am schönsten ist die Union Park Street mit ihrem elliptisch angelegten Park inmitten des Straßenzuges. In dieser Gegend gibt es zudem eine Vielzahl nach Londoner Kriegsvorbild angelegte „Victory Gardens“: kleine Fleckchen Erde auf öffentlichem Grund, die an Bewohner in der Nachbarschaft zur Kultivierung verpachtet werden. So blühen hier mitten in der dichtbebauten City Sonnenblumen, wachsen Bohnensträucher und Tomaten, werden Salat, Radieschen und Kartoffeln geerntet. Kunstgalerien und eine Serie der besten Restaurants der Stadt machen South End zu einem attraktiven Wohn- und Ausgehviertel.
Ein völlig transparentes Glashaus
Die an vielen Stellen sichtbare Verknüpfung von Tradition und Moderne hat der britische Architekt Norman Foster mit einem grandiosen Museumsprojekt interpretiert. Für das Museum of Fine Arts, seit hundertvierzig Jahren eines der bedeutendsten Kunstmuseen der Vereinigten Staaten, entwarf er einen Anbau, der mit seiner frei stehenden Glasstruktur zwischen den beiden bestehenden Seitenflügeln Platz für dreiundfünfzig neue Galerien geschaffen hat, in denen nun die Sammlung amerikanischer Kunst untergebracht ist. Der Neubau verstärkt außerdem die zentrale Achse des Museums, so dass die fünf verschiedenen Sammlungsschwerpunkte jetzt klar gegliedert sind und den Besucherstrom entzerren. Mit der Überdachung des Innenhofes konnte zusätzlicher heller Raum für ein Café und ein Besucherzentrum gewonnen werden.
Mit dem spannendsten Projekt für das neue alte Boston freilich durfte sich der italienische Architekt Renzo Piano beschäftigen. Sein Anfang 2012 eröffneter Anbau an eines der großartigsten privaten Sammlermuseen Nordamerikas enthält die geniale Lösung eines schwierigen Problems: Isabella Stewart Gardner, eine exzentrische Millionärin und Kunstsammlerin, hatte um die vorletzte Jahrhundertwende nach einer fast wütenden Sammlertätigkeit zweieinhalbtausend Kunstobjekte in einen nachgebauten venezianischen Palast gestopft. In ihrem Testament verfügte sie, dass Museum und Sammlung unangetastet bleiben müssten. Doch der Besucherandrang machte einen Ausbau immer dringlicher. Wie aber erweitert oder ergänzt man ein Museum, das ein konstruiertes Ganzes, ein Kunstwerk in sich ist, in dem sich Gemälde, Skulpturen, Wandteppiche und Möbel in einem bewussten Durcheinander aufreihen, in dem Meisterwerke von Michelangelo, Rembrandt, Botticelli und Degas zwischen unbekannten, manchmal auch zweitklassigen amerikanischen Malern hängen, in dem die Räume im Geschmack des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts düster und überladen sind?
Renzo Piano hat für das Gardner Museum einen radikalen Ausweg gefunden und ein völlig transparentes Glashaus neben den nach außen abgeschotteten, vierstöckigen Backstein-Palazzo gesetzt. Zurückhaltend, fast schwebend ruht der Neubau hinter dem alten Gebäude und beherbergt nun sämtliche Service-Einrichtungen des Museums wie Empfangshalle, Bibliothek, Café, Räume für Wechselausstellungen und einen Konzertsaal. Das ursprüngliche Museum bleibt unangetastet und spiegelt sich in Pianos Glashaus. Weil es vom Ballast museumstechnischer Notwendigkeiten befreit ist, wurde es in seinem von der Museumsgründerin gewollten Charakter bestärkt.
Verliebt in die Historie
Ein besonderer Clou ist die Verbindung der beiden Gebäude durch eine transparente Nabelschnur: Am Ende eines lichten Glastunnels, der vom Neubau aus durch eine Gartenanlage führt, scheint man in einen dunklen Abgrund zu tappen, nur um plötzlich im Innenhof des Palazzos aufzutauchen. Isabella Stewart Gardner, die Amerikanerin, hat vor hundert Jahren europäisch bauen lassen; Renzo Piano, ein Europäer, darf heute in Amerika im Stil der Neuen Welt bauen - eine beinahe symbolische Abfolge in der Baugeschichte der Stadt.
Boston mag lange Zeit als Reiseziel beliebt gewesen sein, weil es mitten in Amerika so schön europäisch anmutete. Inzwischen jedoch braucht man nicht mehr nur auf dem ausgetretenen Pfad des „Freedom Trail“ zu wandern, sondern hat viele Optionen. Vor allem kann man jetzt nach Boston fahren, weil es so wunderbar amerikanisch ist - verliebt in die Historie des Landes und gleichzeitig den Blick fest auf die Zukunft gerichtet, ohne dass das eine dem anderen in die Quere kommt.