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Barbados Das Leben, ein Picknick

03.02.2010 ·  Das Jazzfestival auf Barbados ist kein schlechter Grund, die Insel zu besuchen. Aber nicht der einzige.

Von Wolfgang Sandner
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Davon träumen Konzertveranstalter: Alle kommen wegen der Musik, aber was dann passiert, ist weit mehr als eine Reaktion auf das Geschehen auf der Bühne. Die Show findet davor statt. Es ist eine Familienangelegenheit, ein Feiertag und Riesenfest, das Leben als pures Vergnügen, die reine Sinnenfreude. Also das Paradies auf Erden? Na ja, vielleicht nicht ganz, aber doch eine Ahnung davon. Man kommt natürlich nicht wegen des Jazzfestivals nach Barbados. Aber wenn man schon einmal da ist, sollte man sich die Openair-Konzerte im Farley Hill National Park im Norden der Insel nicht entgehen lassen. Nichts zeigt die Lebensart der Bajans, wie sich die Einwohner der östlichsten der kleinen Antilleninseln nennen, so deutlich wie diese Veranstaltung unter Mahagonibäumen vor der pittoresken Ruine eines Anwesens, das im neunzehnten Jahrhundert so manchen britischen Royal beherbergt hat. Dass zum Konzertbeginn alle aufrecht stehend die Nationalhymne des Landes singen, irritiert nur jene, die ein gebrochenes Verhältnis zu ihrer eigenen Nation haben. Und dass der Jazz oder das, was man in Europa darunter versteht, nur einen kleinen Anteil am Programm ausmacht, scheint hier ebenfalls niemanden zu stören.

Abenteuerlich enge Kleider

Im Grunde ist es eine Musik wie zur Zeit der Entstehung des Jazz: amerikanische, europäische, afroamerikanische, karibische Rhythmen und Melodien, alle in einen Topf geworfen, umgerührt, und fertig ist diese scharfe, duftende, brodelnde, heiße Salsa, die man nicht mit europäischer Bewegungsreserve über sich ergehen lassen kann. Rhythm & Blues von Smokey Robinson und Neo-Bebop von Joe Lovano, Latinjazz von Bwakore aus Martinique, Light Jazz von Warren Hill aus Toronto und dazu noch ein paar Schmonzetten von Kenny "Baby Face" Edmonds: Na und? Alles wunderbar, wenn man sein Picknick auspackt, seine Weinflasche öffnet, ein paar Freunde trifft, sich im Liegestuhl einrichtet, den Sonnenschirm aufspannt, die Kinder herumtollen lässt und ein paar schöne Frauen in abenteuerlich engen wie bunten Kleidern vor seiner Sonnenbrille vorüberziehen?

Es ist eine Atmosphäre der absoluten Toleranz im Zeichen der Musik. Natürlich ist das kein Hardcore-Jazzfestival à la Berlin oder Moers, kein Jazz-at-the-Philharmonic-Ereignis im schwarzen Anzug mit tiefernsten Mienen und verschränkten Armen vor der Brust, aber auch kein Woodstock, das erst mythisch verklärt werden muss, um weiterzuwirken. Nichts zu sehen weit und breit ist da auch von Gangs mit ihren pubertären Drohgebärden, kein anarchisches Headbanging und auch kein Zivilisationsmüll als unvermeidlicher Überrest eines musikalischen Volksfestes. Das Jazzfestival von Barbados, dieser Tage zum siebzehnten Mal veranstaltet und eines der vielen Highlights neben Oistins Fish Festival und Unabhängigkeitsfeier, zwischen Erntedankfest und Barbados Marathon, und Congaline Carnival nimmt man gerne als Kulturereignis mit, wenn man auf diese wohl friedlichste aller Karibikinseln reist, um sich vom Stress europäischer Großstädte zu erholen.

Gelassenheit ist die Charaktereigenschaft, die hier offenbar am meisten gepflegt wird. Vielleicht hängt das mit der eigentümlichen Mischung aus karibischem und britischem Lebensstil zusammen. Seit 1966 ist die Insel unabhängig, aber die sechzig Prozent aller Touristen, die aus England kommen, betrachten die Insel mit Königin Elisabeth II. als repräsentativem Staatsoberhaupt wohl noch immer als ihr tropisches Homeland. Der "British way of life", der so ziemlich alles importiert hat, was das Vereinigte Königreich zu bieten vermag, anglikanische Kirche und Linksverkehr eingeschlossen, hat sich hier unter dem Einfluss des Klimas und der Einheimischen in eine wundersam-exotische Blüte verwandelt.

Warnung vor den Tänzerinnen

Dreizehn gute Gründe soll es geben, nach Barbados zu kommen. Die hundertzehn Kilometer Traumstrände und das azurblaue Meer sind dabei das Terrain, auf das sich die meisten Vorzüge und Interessen konzentrieren, einschließlich Katamaran-Kreuzfahrt mit Schnorcheleinlage zwischen Wasserschildkröten sowie Windsurfen und Kite-Surfing am südlichen Silver Sand bei Brian "de Action Man" Talma. Oder man kann eine Safari-Tour im offenen Landrover durch unwegsame Regenwälder machen und Tarzan spielen, indem man sich auf einer Zip-Line über dreißig Meter tiefe Schluchten von Baum zu Baum hangelt. Wer gehobenere, oder sagen wir besser: gesetztere Ansprüche hat, kann sich auf einem der sieben Golfplätze betätigen, und bei ein wenig Glück im noblen Sandy Lane Resort auch Tiger Woods begegnen, der hier seine Hochzeit feierte und nebenbei noch ein paar Turniersiege und andere Trophäen mitgenommen hat. Geistig Interessierte können die Mount Gay Destillery aus dem Jahr 1703 besuchen, die älteste Rum-Brennerei der Welt, älter als ähnliche Einrichtungen auf Kuba und Jamaika.

Man kann auch mit einem Führer über die Insel wandern und auf den Hügeln über dem Meer eine Luft einatmen, von der die Einheimischen mit gewissem Recht behaupten, sie sei die beste der Welt. Denn zwischen Nordafrika, den Azoren und Südamerika, und das ist alles sehr weit weg, berührt und verseucht kein Land die Passatwinde, bevor sie auf Barbados treffen. Wer als Tourist aber die leichtere Version haben möchte und vor allem Ruhe braucht, der kann sich in den vielen Hotels der Insel zurückziehen, am Pool oder am Strand liegen und die ausgezeichnete lokale Küche inklusive fliegende Fische - etwa in The Cliff, The Crane oder The Reefs - zu sich nehmen. Wenn er im südlichen Teil der Insel wohnt, kann er auch in einer der Bars vom St. Lawrence Gap, der berühmten Partymeile von Barbados, untertauchen, wo man auch als Frau alleine hingehen kann, aber nicht unbedingt alleine zuurückkommen muss. Dass man dabei eher auf einen Farbigen trifft, ist mehr als wahrscheinlich bei einem Anteil von neunzig Prozent dieser Bevölkerungsgruppe. Männer seien freilich gewarnt vor dem Tanzstil der Insulanerinnen, die die erotische Annäherung neu definiert haben, und keine Scheu besitzen, buchstäblich auf Tuchfühlung zu gehen. Wer je auf Barbados sich zur Musik bewegt hat, und das geschieht in den Bars zwangsläufig, der begreift, dass der Tanz von alters her wichtige Akte des menschlichen Lebens begleitet und zu den Initiationsriten gehört.

Friedfertiges Barbados, ein schöner Flecken Erde, auf dem es offenbar keine größeren Probleme, keine nennenswerte Kriminalität und vor allem keine Diskriminierung der Rassen gibt. Was hier gelungen zu sein scheint, davon sind andere Regionen, Jamaika etwa oder das schwer gezeichnete Haiti, weit entfernt. Wer aufmerksam beobachtet, dem entgeht freilich auch hier nicht die Diskrepanz zwischen den eher armseligen Chattel Houses der Bajans und den Villen um das alte Hotel The Crane, oder zwischen den wunderschön im Blütenmeer liegenden, großzügigen Golf-Resorts und den staubigen Bolzplätzen der Einheimischen. Da kommt einem dann doch die einfache Geschichte über die Erschaffung der Welt eines alten Rastafari aus dem jamaikanischen Busch in den Sinn, die der englische Autor Michael William aufgezeichnet hat und die man - je nach Standpunkt oder Hautfarbe - als zynisch oder weise ansehen kann: Als Gott aus einer Handvoll Dreck die Menschen formte, hat er den schwarzen Mann dumm und den weißen Mann schlau erschaffen. Er gab dem schwarzen Mann die schönsten und von Natur aus reichsten Plätze, dem weißen Mann die kalten und unwirtlichen Gegenden zum Leben. Denn mit seinem Verstand würde der Weiße schon für sich sorgen können. Was der schwarze Mann tun musste, war nichts weiter, als die Früchte von den Bäumen zu pflücken. Und wollte auch er einmal sein Gehirn winden, dann versorgte Gott ihn reichlich mit Ganja, also: Marihuana, damit er seinen Meditationen nachhängen konnte. Während der weiße Mann Zentralheizungen erfand und seine Umgebung mit wunderbarer Technologie und immer phantastischeren Tricks zu meistern suchte, hatte der schwarze Mann das alles nicht nötig. In seiner Weisheit hat Gott den schwarzen Mann favorisiert. Aber das Problem begann, als der weiße Mann seine Umgebung gründlich geplündert und sich selbst so in seine eigene Rastlosigkeit verstrickt hatte, dass er bereit war, etliche hundert Dollar pro Tag auszugeben, nur um zu sehen, wie barfüßige Analphabeten ohne Sorgen leben können.

Anreise: Condor fliegt jeden Freitag von Frankfurt aus direkt nach Barbados. Angebote unter: www.condor.com

Unterkunft: In Resorts wie denen der Almond-Beach-Gruppe kostet eine Woche im Doppelzimmer, all inclusive einschließlich Flug, ab 1555 Euro pro Person; ww.almondresorts.com. In Gästehäusern wie dem Sea-U, Bathsheba St. Joseph, kostet ein Apartment ab 80 Euro pro Tag; www.seaubarbados.com

Information: Barbados Tourism Authority, Sonnenstraße 9, 80331 München, Telefon: 089 / 23662170, E-Mail: barbados@aviareps.com, www.barbados-karibik.de

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