27.11.2011 · Seit 1984 ist es auf den Azoren verboten, Wale zu fangen. Die Tiere prägen das Leben dort aber noch immer: Ein Besuch bei den einstigen Walfängern, den Touristenführern von heute.
Von Verena MeyerAntonio Avila kneift die Augen zusammen und schaut aufs Meer. Genauer gesagt, auf die Wellen. Was Schaumkronen sind. Und was die Fontäne eines Wals sein könnte. Wenn es ein Wal ist, muss alles schnell gehen. Dann benachrichtigt Avila die anderen Männer, und die fahren los, dem Wal hinterher.
Antonio Avila ist von Beruf Walfänger. Sein Gesicht ist braun gebrannt und zerfurcht, seine Sprache sparsam, wie sein Leben. 65 ist er jetzt, nebenbei betreibt er ein kleines Restaurant auf den Azoren. Der Walfang hat für die Jäger nicht viel abgeworfen, schon gar keine Rente. Neben ihm sitzt seine Enkelin und malt, Avila schaut aufs Meer und erzählt. Geschichten von Kämpfen. Mann gegen Wal. Kanu gegen Meeressäuger. Tausend Kilo Holz gegen fünfzehn Tonnen Wal. Von Gliedmaßen, die zerfetzten, wenn ein Wal, die Harpune im Leib, abtauchte und die Jäger am Seil hängen blieben. Von Booten, die in der Mitte wie Streichhölzer auseinanderbrachen, wenn ein Wal aus dem Wasser sprang und darauf fiel. Drei Mal hat Avila das gesehen.
Avila schnalzt mit der Zunge. So machen die Wale, sagt er, wie Kastagnetten. Und fünf Minuten bevor sie abtauchen, hören sie damit auf, das hat er herausgefunden an den langen Tagen auf dem Meer. Dann ist es Zeit zuzuschlagen. Beziehungsweise war. Seit 1984 ist es auf den Azoren verboten, Wale zu fangen. Walfänger Antonio hält jetzt nach ihnen Ausschau, um sie Touristen zu zeigen.
Pico, eine von neun Azoreninseln, 15.000 Einwohner, 30.000 Kühe. Alles hier ist schwarz. Die kleinen Häuser, die Mauern zwischen den Weinreben sind aus dem Basalt gebaut, den der Vulkan Pico gespuckt hat. Spitz wie ein Dreieck überragt er die Insel. Ansonsten dreht sich auf Pico seit jeher alles um den Wal. „Whalecome“, wünscht ein Hotel am Hafen. Es gibt zwei Walmuseen, unzählige Waltouren und T-Shirts mit Walen darauf, die allerdings blau und rund und niedlich sind. Und nicht schwarz und groß und schwer wie die Pottwale, die im Sommer an den Azoren vorbeiziehen und Tausende Meter tief nach Tintenfischen tauchen. Hier bekommen die Wale auch ihre Jungen und ziehen sie auf.
Avila erinnert sich noch gut an seinen ersten Wal. 19 war er damals, sein Chef sagte: Du bist zu jung. Da sagte Avila, dann jage er eben für eine andere Firma. Aus Amerika die meisten, die Amerikaner hatten den Walfang auf die Azoren gebracht. Und Hightech-Harpunen dazu, die man abschießen kann wie Kanonen. Doch die Männer wollten die Wale lieber mit der Hand fangen. Wie Männer eben. Die Amerikaner nennen den Pottwal übrigens „Sperm Whale“, wegen der Flüssigkeit in seinem Kopf, von der man annimmt, dass sie der Wal zum Absinken benötigt. Und die auch das Wertvollste am Wal war, daraus wurde das Öl zum Heizen gewonnen. 10.000 Liter Öl konnte ein großer Wal abwerfen.
Männer gegen Sperma-Wale also. Doch Heroisches wird man auf Pico nicht hören. Ein Schriftsteller wollte mal über die Walfänger von Pico schreiben, doch die sagten nur: Wir sind keine Helden, wir pissen uns an vor Angst. Auch die Geschichten, die Antonio Avila erzählt, handeln von Blut, Naturgewalten und Not. Männer wie er hatten zwei Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Die Wale zu jagen oder sie in der Walfabrik auszuweiden. Das große Geld machten die Walfangfirmen, für die die Männer ihr Leben aufs Spiel setzten. Ein Familienvater wollte nur weg, nach Kanada. Die Koffer hatte er schon gepackt. Einmal musste er noch hinaus zum Jagen. Dabei starb er.
Selbst die Jüngeren auf Pico erinnern sich noch gut, wie das war, wenn die Männer mit ihren kleinen Kanus hinausfuhren. Die Frauen beteten den ganzen Tag, irgendwann kamen die Männer zurück, ein Schiff schleppte den Pottwal an Land. Die Männer schnitten dem Wal die Schwanzflosse ab und zerteilten damit den Wal. Die Kinder saßen am Strand und schuppten die Haut ab. Danach war das Meer voller Blut. Avila kneift die Augen zusammen.
Das Meer ist grau und glitzernd auf den Azoren, und wenn man hinausschaut, weiß man, dass jetzt nichts mehr kommt, bis Amerika. Man versteht dann, warum hier so viele Leute segeln. Auf der Nachbarinsel Faial schippern kleine Kinder mit winzigen Jollen im Hafenbecken herum. Man will einfach wissen, was hinter dem Horizont liegt.
Außer man muss nach Walen Ausschau halten. Ein verschlungener Pfad führt hinauf auf die Klippen von Pico. Schwarze Steinmäuerchen am Wegesrand, dazwischen japanische Zedern, Kakteen. Und Hortensien. Weiße, blaue, pinke, man hat das Gefühl, in einem riesigen Garten zu stehen. Mittendrin ein Verschlag aus Holz. Hier sitzen die ehemaligen Walfänger und beobachten die Wellen. Wenn sie eine Walfontäne sehen, rufen sie die Männer in den Touristenbooten an, die genau so klein und wacklig sind wie die Kanus von früher. Zwölf Stunden schauen die alten Männer jeden Tag aufs Meer, sagt Avila, „es gibt nichts Langweiligeres“.
Überhaupt will er einige Dinge an seinem Beruf zurechtrücken. „Das, was in ,Moby Dick‘ steht, ist alles eine Lüge.“ Das beginne schon mit dem Wal. „Der Wal ist ein friedliches Tier, der greift einen nicht an. Selbst ein Huhn macht mehr Wind als so ein Wal“, sagt Avila. Das habe ihm auch immer zu denken gegeben. „Das könnte das mächtigste Tier im Meer sein, und es tut einem nichts. Der Wal muss ganz schön dumm sein.“ Fasziniert ihn etwas am Wal? „Das Fleisch, die Zähne, die gaben gutes Geld.“
An den Zähnen ist auch John van Opstal interessiert. Opstal lebt in den Hügeln von Faial. Unter den Palmen liegen Kühe, aus deren Milch der hellgelbe, leicht salzige Weichkäse gemacht wird, für den die Azoren berühmt sind. Opstal, ein Mann mit weißem Walrossbart und roter Brille, ist Niederländer, aber er lebt seit 1985 auf den Azoren, wegen der Zähne. Sie sind das Material, das er für seine Kunst braucht. Opstal macht Scrimshaw. Er ritzt Zeichnungen in Walzähne.
Doch die sind rar. Manchmal findet er noch welche bei den alten Walfängern. Einmal haben sie ihn angerufen, als ein toter Wal auf dem Meer trieb. Opstal ließ sich hinausfahren, doch dem Wal waren alle Zähne ausgefallen. Jetzt versucht er im Internet, an die Zähne zu kommen, das Kilo für tausend Euro. Auch Opstal ist auf seine Art ein Walfänger.
In seinem Atelier hat er seine Werke ausgestellt. Walzähne, manche so groß wie eine Hand, und darauf Bilder in zarten schwarzgrauen Strichen. Von Walflossen, die zwischen Kanus aufragen, von Segelschiffen, die von Monsterwalen angegriffen werden. Wenigstens in der Kunst stimmen die alten Geschichten noch.
Im Hafen von Horta treffen sich indessen die Walbeobachter von heute. Im „Café Sport“ mit seinen abgeranzten Holztischen und den Fahnen von Seglern aus aller Welt wartet eine Familie mit zwei Kindern, dass es losgeht mit der Bootstour. Draußen in der Sonne sitzt Joana Cavalho, die mit den Touristen fahren wird. Immer wieder summt ihr Handy. Die alten Männer von den Klippen, die durchgeben, wo die Wale sich gerade befinden.
Auch Joana Cavalho, 27 Jahre alt, sehr zart und sehr muskulös, lebt von den Walen. Sie ist Meeresbiologin. Sobald sie auf die Tiere zu sprechen kommt, macht sie große, begeisterte Gesten. Sie hat beobachtet, wie Pottwale gebären und wie sie ihre Kälber stillen. Wenn sie hinausfährt mit den Touristen, nimmt sie immer einen Walfänger als Skipper mit. Weil die alten Männer die Wale nie aus den Augen verlieren. Die junge Biologin lernt viel von den alten Walfängern, und wenn die Männer sagen, Wale seien dumm, dann erzählt sie ihnen, wie diese Tiere soziale Gruppen bilden. Wie sie sich um ihre Jungen kümmern, acht Jahre lang. Abwechselnd, damit die anderen jagen gehen können, eine regelrechte Kinderbetreuung sei das. „So etwas tut kein dummes Tier“, sagt Cavalho.
Und die Wale? Cavalhos Handy klingelt. Einer der alten Männer sagt, dass die Wellen draußen auf dem Meer höher sind als die Boote. Bei diesem Wetter dürfen die Touristen nicht hinausfahren, Cavalho sagt, sie sollen morgen wiederkommen. Die Wale werden an diesem Tag ihre Ruhe haben und unter sich bleiben. Man gönnt es ihnen.
Anreise Sata (www.flysata.de) fliegt zwei Mal die Woche von Frankfurt nach São Miguel, der Hauptinsel der Azoren, und von Insel zu Insel. Air Berlin (www.airberlin.com) fliegt einmal die Woche von Nürnberg und Düsseldorf nach Ponta Delgada.
Waltouren werden fast überall angeboten, als Ausgangspunkt eignen sich am besten Pico und Faial.
Weitere Informationen über die Azoren unter www.visitazores.org.