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Australien Runter mit der Armbanduhr!

 ·  Australiens Outback erscheint auf den ersten Blick staubig und unwirtlich. Bei einer Safari durch das Hinterland offenbart sich die Vielfalt der Natur.

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© Stefan Locke Der Uluru leuchtet, als strahle er von innen. Hinaufklettern solle man aber nicht, bitten die Aborigines.

Auf Reisen ist man ja so einiges gewohnt, aber das ist dann doch die Höhe: Da steht dieses Kamel seelenruhig am Straßenrand, fototechnisch exzellent angeleuchtet von der orangerot untergehenden Sonne, man wechselt schnell noch das Objektiv, um die perfekte Szene möglichst perfekt abzulichten, und dann streckt es einem einfach die Zunge raus. Da hängt ihm dieser nasse, rosafarbene Lappen rechts aus dem Maul, und in seinem Blick liegen eine Mixtur aus Angriffslust und Raserei, obwohl es sich nicht von der Stelle rührt. Also wirklich, unerhört! Das machten Kamele nun mal so, um Feinde abzuschrecken, sagt Phil, der Reiseleiter, und tatsächlich ist das Tier nur die Vorhut einer kleinen Herde, die sich in den Büschen versteckt.

Kamele ja nun nicht typisch für Australien; die Siedler brachten sie im vorletzten Jahrhundert mit, seitdem entwickeln sich die Tiere prächtig. Inzwischen sollen es anderthalb Millionen sein, und die Regierung erwägt gar, Hunderttausende von ihnen aus Hubschraubern abschießen zu lassen. Denn sie saufen Kängurus, Emus und vor allem den großen Viehherden der Farmer das äußerst knappe Wasser weg. Obendrein stoßen die Wiederkäuer auch noch große Mengen Methangas aus, etwa eine Tonne pro Jahr und Kamel, was Australiens Klimabilanz ziemlich verhagelt. Doch die Dezimierung der Tiere dürfte nur schwer zu verwirklichen sein. Das Land ist so riesig und weit, dass einem sogar auf mehrtägigen Touren durch das Outback nur selten Kamele begegnen.

Wie Sibirien, aber in heiß

Die ungeheure Ausdehnung des Landes und seine Kargheit werden einem schon beim Anflug auf Alice Springs vor Augen geführt. Eine steinerne, staubig-rötlich schimmernde Wüste mit grünen Punkten dehnt sich weit bis zum Horizont, nur unterbrochen von schnurgeraden roten Streifen, nämlich den unbefestigten Straßen, die das Land durchziehen. Vereinzelt sind Sträucher und Bäume zu erkennen, Letztere vor allem an zumeist ausgetrockneten Flussläufen. Das Outback erstreckt sich über gut einem Sechstel Australiens, es ist viermal so groß wie Deutschland, und spätestens bei der Landung in Alice Springs, dessen Flughafen vor der Stadt zwischen Hügelketten liegt, kommt einem der Gedanke: Das hier ist Sibirien, aber in heiß.

Die Temperatur ist dann doch gerade noch angenehm. Etwa fünfundzwanzig Grad misst das Thermometer, das scheint ideal für die kommenden Tage in der Wildnis zu sein. Das Flugzeug aber wendet direkt auf der Landebahn, so als könnte es hier keinesfalls jemanden absetzen. Dann merken wir: Es gibt nur einen Verbindungsweg zum Terminal. Alice Springs war einmal bedeutende Telegraphenstation und ist heute eine Kleinstadt mit siebenundzwanzigtausend Einwohnern. Alice sei "ein Netz verbrannter Wege, wo Männer in langen weißen Socken unaufhörlich in Landcruiser einsteigen oder aus Landcruisern aussteigen", spottete einst der Schriftsteller Bruce Chatwin. Auch er war hier, weil der Ort der ideale Ausgangspunkt für Erkundungen im Outback ist. Die nächsten Großstädte sind anderthalbtausend Kilometer entfernt, als Nachbarorte gelten winzige Siedlungen in etwa vierhundert Kilometern Entfernung.

Die Mittelklasse-Känguruhs kommen wie bestellt

Die Sonne geht gegen sechs Uhr morgens auf, eine halbe Stunde später erwartet uns Phil Taylor mit seinem Landrover nebst Anhänger, auf dem Verpflegung, Wasser, Benzin, Zelte und Schlafsäcke befestigt sind. Phil, Mitte fünfzig, ausgerüstet mit Lederweste, Jeans, Sonnenbrille und einem mehrfach geflickten Cowboyhut, dessen Krempe ihm in die Stirn klappt, ist unser Führer. Zugleich ist er Chauffeur, Koch, Geologe, Anthropologe, Ornithologe und Biologe auf der Tour. Das aber erfahren wir alles erst später, jetzt will er wissen, ob wir "bereit fürs Abenteuer" sind (Ja!) und ob wir Armbanduhren tragen (Ja!?). Mit der Ansage, dass man sich im Outback nur nach Sonnenauf- und Sonnenuntergang richtet, nimmt er sie uns ab, und kurz darauf fahren wir auf einer breiten Staubstraße Richtung Süden. Am blauen Himmel zeigen sich Schäfchenwolken, sie bilden einen malerischen Kontrast zum überwiegend roten Sand, und als dann auch noch drei Kängurus über die Straße springen und in den Büschen verschwinden, fühlen wir uns schon mittendrin im australischen Outback-Abenteuer.

Phil dementiert, die Szene so bestellt zu haben, klärt jedoch auf, dass das Euros gewesen seien, eine Art Mittelklasse-Känguru mit kleinerem Körper und breiterem Gesicht als das klassische rote Känguru, aber wiederum größer als das Berg-Känguru. Bei der Gelegenheit lernen wir drei Grundbegriffe australischer Kommunikation kennen: "Ay" als Universal-Vokabel für Ausdrücke von "Hallo!" bis "Wie bitte?", "Mate" für den Freund, Bekannten oder Unbekannten, und "bloody" als Kraft-Adjektiv für alles von verdammt bis super. Wer Sängerin Lena beim Eurovision-Songcontest verstanden hat, dürfte sich hier prompt heimisch fühlen: "day" spricht man wie "dai", "take" wie "taik" und wenn's grundsätzlich wird, klingt das schon mal wie ein Fortbewegungsmittel: "baisically".

Bloody Vollbremsung am Tabakstrauch

Plötzlich macht Phil eine (bloody) Vollbremsung, geht ums Auto herum an den linken Straßenrand (Linksverkehr!), beugt sich über einen kleinen, dunkelgrünen Busch mit weißen Blüten, pflückt ein paar Blätter, zerreibt sie zwischen den Fingern und klemmt sich die grüne Masse hinters Ohr. Das sei ein Tabakstrauch, die Blätter enthielten Nikotin und stärkten die Konzentration. Vor wenigen Wochen hat es geregnet, das hat die Wüste belebt. Gras, Blumen, Büsche und Sträucher sprießen noch immer üppig, wie überhaupt der karge Boden einer äußerst bunten und vielfältigen Flora Heimat bietet.

Die Ureinwohner Australiens, die wir heute Aborigines nennen, wissen seit Generationen um diesen Reichtum ihres Landes. Im Rainbow Valley, etwa hundertfünfzig Kilometer südlich von Alice Springs und wegen seiner vielfarbigen Felsformationen angeblich einer der besten Foto-Spots Australiens, sollen wir an einer Kreuzung Ricky Orr treffen, ein Aborigine, dessen Familie dieses Land gehört. Ricky aber ist nicht zu sehen. Sie seien halb zehn verabredet gewesen, brummt Phil, wir fragen uns, wie Ricky ohne Uhr pünktlich sein soll, aber dann, es muss gegen Mittag sein, erscheint er, übrigens mit Armbanduhr. Später stellt sich heraus, dass er den Termin vergessen hat. Aber noch steht die Sonne hoch am Himmel. Ricky ist Ende dreißig, trägt Jeans, Ranger-Hemd und eine Wollmütze. Seine Frau und Kinder leben in Alice Springs, er aber verbringt die meiste Zeit hier draußen in einer Hütte und führt Besucher durch die Heimat seiner Urahnen.

Auf den Stein stellen, einen Stock auf der Schulter

Er zeigt uns Schabsteine, Speere und Bumerangs, erklärt Büsche und Sträucher, deren Blätter und Blüten desinfizieren, eine Erkältung lindern und Fliegen vertreiben können, und führt uns zu Unterschlüpfen und Felsvorsprüngen, an denen seine Vorfahren Zeichnungen hinterlassen haben. Nicht wenige wurden erst vor einigen Jahrzehnten entdeckt, zu sehen sind in den Fels geritzte Fußabdrücke von Kängurus und Emus, mit Weiß und Schwarz gemalte Zeichen für Kind, Mann und Frau sowie häufig auch eine Art Wagenrad, dessen Bedeutung wie überhaupt die einiger anderer Zeichen bis heute ungeklärt ist. Unklar sind zunächst auch einige Verhaltensweisen Rickys. Zwar hat er gebeten, vor dem Fotografieren stets zu fragen, warum wir uns jedoch nacheinander auf einen flachen Stein stellen sollen und von ihm einen Stock auf die Schultern gelegt bekommen, offenbart er erst auf Nachfrage. Das Ritual gebe uns „Clearance“, um das geheime Tal seiner Vorfahren zu betreten.

Ein Aborigine darf niemals alle Familiengeschichten erzählen, das verbietet der Glaube. Manche sagen, er sei einer der strengsten weltweit. So gibt es allgemeingültige Erzählungen, die weitergegeben werden, und geheime Geschichten, die man nur innerhalb einer Familie von Generation zu Generation weitererzählen darf. Darüber wacht der Familienrat, und ein Teil sieht es gar nicht gern, dass Ricky Fremde über das Familienland führt. Das ist, wie wir später auch am Uluru, dem früheren Ayers Rock, erfahren werden, nicht zwangsläufig eine Sache des Glaubens, sondern auch des Geldes. Ricky ärgert der Neid, hat er doch die Initiative ergriffen. „Ich will kein Millionär werden. Ich brauche nur Nahrung für meine Familie und Benzin für mein Auto.“ Im Übrigen halte er sich an den Aborigine-Brauch, allen Besitz in der Familie zu teilen.

Die Reisezeit besser in Stunden angeben

Im Outback gehen Aborigine- und Farmland fließend ineinander über. Eine Farm kann hier schon mal halb so groß wie Belgien, aber gut geführt sein. Auf den Wegen markieren Eisentore die Grundstücksgrenzen. Sie trennen Kühe und Schafe der jeweiligen Farmer, auch kranke von gesunden Tieren. Sie stehen Reisenden offen, sind aber von ihnen stets wieder zu schließen. Überhaupt gibt es ein paar Regeln, die man als Outbacker beachten sollte. Nicht zu schnell und möglichst mit einem kundigen Führer zu fahren ist die eine, die Reisezeit nicht in Kilometern, sondern in Stunden anzugeben, eine andere. Die Wege sind vielfach ausgewaschen und häufig kaum zu erkennen. Hohes Gras und Sträucher schleifen am Unterboden. Die Fahrt geht zwischen nahen Büschen hindurch, über Sanddünen und durch ausgetrocknete Flussbette. Deshalb ist es auch besser, nicht nachts zu fahren, wenn zudem die Tiere aktiv sind. Und einen Rastplatz im Hellen zu finden ist allemal von Vorteil.

Weil die Sonne hier um diese Jahreszeit um sieben Uhr untergeht, suchen wir immer schon am späten Nachmittag ein Nachtlager - entweder unter Bäumen oder an frisch verlassenen Feuerstellen. Phil beherrscht die wesentlichen Handgriffe aus dem Effeff; das Trockenholz aus der Umgebung etwa legen wir parallel, so verbrennt es sparsam und hinterlässt für unser Abendessen eine gute Glut. Dort hinein kommt der Topf mit frischem Brotteig, oben drauf werden die Pfannen mit Schmorhuhn und Gemüse gestellt, und auf einem Grill bruzzeln saftige T-Bone-Steaks. Nur das Bier kommt aus der Dose. Und Hunderte von Mäusen aus ihren Löchern; auch sie schätzen offenbar die Wärme des Feuers in den kühlen Nächten. Der Regen hat für reichlich Nahrung und Nachwuchs in der Kleintierwelt gesorgt. Wir spannen deshalb über unseren Swags - bettähnlichen, gefütterten Schlafsäcken - lieber fliegengitterartige Zelte auf.

Die glückliche Rettung wird mit Kamel-Burgern gefeiert

Auf diese Weise haben wir alle eine Loge beim Betrachten des südlichen Sternenhimmels, der funkelnder und reicher als jener der nördlichen Hemisphäre erscheint. Das Kreuz des Südens, stolz verewigt in der australischen Flagge, leuchtet besonders hell. Saturn ist als einziger Planet zu sehen, die Milchstraße gut zu erkennen, ebenso das Sternbild Skorpion. Am Boden dagegen lassen sich die kleinen Stecher nicht blicken, genauso wenig wie Schlangen, Spinnen und Echsen. Für sie ist der Winter einfach zu kalt, und daher für Menschen die ideale Zeit, um unbehelligt durch das Outback zu ziehen. Zwar leben in Australien einige der giftigsten und gefährlichsten Kriechtiere weltweit, zu Zwischenfällen kommt es jedoch auch im Sommer eher selten. Zu groß ist das Outback, und zu wenige Menschen gibt es hier. Lästig sind lediglich die Fliegen, die jetzt schon einfach überall sind und deren Zahl sich jetzt bald, wenn das Thermometer im australischen Sommer auf fünfzig Grad steigt, nochmals vervielfacht.

Am Morgen weckt uns mit dem Sonnenaufgang der „gefiederte Chor“, so versprach es das Programm, und das war nicht übertrieben. In allen Tonlagen zwitschert, gurrt und tiriliert es. Weiße Kakadus, grüne Papageien, Wellensittiche und andere Vögel machen mobil. Die Wüste lebt! Ganz im Gegensatz zur Batterie unseres Landrovers, die am Abend für Licht sorgte und nun mausetot ist. Anschieben ist auf dem Sandweg zwecklos, und Handyempfang gibt es schon seit der Stadtgrenze von Alice Springs nicht mehr. Die Hoffnung liegt in einem Satellitentelefon, das Phil aus einem orangeroten Koffer mit der Aufschrift „Emergency“ zieht. Ein Notfall ist das zweifellos, aber der Verbindungsaufbau dauert, die Minute kostet fünf Dollar, und doch zeigt der Hilferuf Wirkung. Als die Sonne höher steht, rumpelt ein Toyota-Geländewagen heran. Am Steuer sitzt ein waschechter Cowboy, der auf den ersten Blick dem Hollywood-Melodram „Australia“ entsprungen sein, aber genauso gut frisch vom Casting zu „Brokeback Mountain II“ kommen könnte. Er entpuppt sich dann jedoch als Mitarbeiter der nahe gelegenen Kings-Creek-Station, einer Farm mit Lokal und Tankstelle, wohin er uns kurz darauf evakuiert und wo wir die glückliche Rettung mit Kamel-Burgern feiern.

Der weichste Sandstein der Welt bröckelt cremeweiß

Da es nur wenige Menschen im Outback gibt, ist man mit denen, die man trifft, sofort irgendwie vertraut. Touristen sieht man allenfalls an Landmarks wie dem Kings Canyon im Watarrka Nationalpark. Hundertfünfzig Meter ragen die Steilwände in den Himmel; der Sandstein, angeblich der weichste der Welt, schimmert außen rostbraun und bröckelt von innen cremeweiß. Und, darauf besteht Phil, dies hier sei ein echter Canyon, da er nur einen Zugang habe. Eine Schlucht dagegen habe stets zwei, weshalb der Grand Canyon genaugenommen Grand Gorge heißen müsse. Wir fürchten, dass das den Kings Canyon nicht berühmter macht, können aber den Stolz unseres Reiseführers sehr gut nachvollziehen.

Einzigartig dagegen - und auch nicht ansatzweise in den Vereinigten Staaten zu finden - ist der etwa fünfhundert Kilometer von Alice Springs entfernte Uluru, früher bekannt als Ayers Rock und eines der Wahrzeichen Australiens. Wie aus dem Nichts erhebt sich der wie ein Monolith wirkende Gesteinsbrocken mitten aus einer bis zum Horizont reichenden Ebene aus Grasland und einzelnen Desert Oaks. Der Uluru-Nationalpark, der auch die benachbarte Felsformation Kata Tjuta, einst als Olgas bekannt, einschließt, gehört seit dem Jahr 1985 wieder den Aborigines, die den Park für neunundneunzig Jahre an die australische Regierung vermietet hatten. Gleichwohl sind der Park und vor allem der Uluru das spirituelle Zentrum der Ureinwohner, die sich hier Anangu nennen; hier ist der Ursprung und das Ziel ihrer sogenannten Traumzeit, also der Erklärung, wie die Welt und sie selbst einst entstanden sind.

Der Stein macht merkwürdige Sachen mit den Leuten

Geologisch ist die Entstehung des Uluru schnell zu erklären; es ist ein aus Steinen, Sand und Lava gebackener Brocken, der durch Plattenverschiebung um neunzig Grad kippte, daher nun mit einer Seite nach oben und, einem Eisberg gleich, zu drei Vierteln unter der Erde liegt. Allerdings lassen sich die wenigsten Touristen, die jedes Jahr zu Tausenden hierher pilgern, auf so eine vergleichsweise einfache Erklärung ein. Phil, eher rational veranlagt, gesteht, keine Gäste mehr um den Berg führen zu können. „Der Stein macht merkwürdige Sachen mit den Leuten. Einige fangen plötzlich an zu Beten, andere Weinen, und fast alle stellen völlig verrückte Fragen.“

Wir nähern uns dem Berg auf zweierlei Weise: Am Abend zunächst aus gebührender Entfernung bei einer Veranstaltung namens „Sounds Of Silence“, einem Abendessen unter freiem Himmel mit Blick auf den Uluru, der seine Farbe im Licht der untergehenden Sonne von Rotbraun über Orange bis zu Violett und Grau verändert. Das Buffet bietet dann angesichts der vielen Gästen zwar mehr Sound als Silence, aber der Ausblick und ein kundiger, astronomischer Vortrag zu Sternenhimmel und Galaxie sowie vielleicht auch der Wein entführen uns schnell in Traumwelten.

Man glaubt gar, der Uluru leuchtet von selbst

Am Morgen sind wir dann schon vor Sonnenaufgang auf den Beinen, um den Berg einmal zu umrunden. Der Mond steht noch als Sichel am dunklen Himmel, doch am Horizont ist ein goldener Streifen zu sehen. Etwa zehn Kilometer ist die Strecke lang, aber es geht nur langsam voran - diesmal nicht wegen zu vieler Touristen, im Gegenteil, an diesem Morgen sind wir hier bis auf einen kreisenden Hubschrauber und ein röhrendes Flugzeug allein, sondern aufgrund der sich ständig verändernden Farben, in die der Stein von der aufgehenden Sonne getaucht wird und die einen innehalten lassen. Sobald sie ganz über dem Horizont steht, glaubt man gar, der Uluru leuchte von selbst, so kräftig strahlt er in Orange-rot. Fast schmerzen die Augen, aber man kann sich kaum sattsehen an den Farben und Konturen, die sich mit jedem Schritt verändern, und an den Furchen und Kanälen, den Sand- und Kiesausbrüchen sowie den immer wieder sanft geschwungenen, wie mit einem Tuch überworfenen Rundungen und Kuppen, die dem Berg vor nun tiefblauem Himmel eine ganz besondere Wirkung verleihen.

Den Aufstieg lassen wir bleiben. Die Anangu bitten darum, den für sie heiligen Berg nicht zu betreten. Gleichwohl sind an der flachsten Stelle Ketten und Halteseile montiert, ohne die jeder Aufstieg zum Gipfel des glatten Felsens scheiterte. Sie zeigen das noch immer gespannte Verhältnis zwischen Aborigines und Weißen. Beide Seiten werfen sich vor, statt die Seile zu kappen, den Aufstieg aus ökonomischen Gründen weiter zu erlauben. Etwa die Hälfte aller Uluru-Besucher wagt den nicht ungefährlichen Gipfelsturm, bei gutem Wetter reihen sie sich wie Ameisen entlang der Ketten. Bei einem Verbot fürchten wohl die Aborigines um Einnahmen und die - überwiegend Weißen gehörende -Tourismusindustrie um Gäste.

So ziemlich alles im Outback lebt vom Tod

Auf dem Rückweg nach Alice Springs sehen wir am Wegesrand Kamelkadaver mit ausgestreckten Beinen und aufgeblähten Bäuchen. Es ist nicht ganz klar, ob sie eines natürlichen Todes gestorben sind oder von Farmern geschossen wurden, aber Geier und Bussarde beobachten die Szenerie genau: Nicht weit entfernt streunt ein Dingo, und viele kleinere Vögel picAken mit Wonne in die Madenberge. „So ziemlich alles im Outback lebt vom Tod“, sagt Phil. Dennoch ist es erstaunlich, welch vielfältiges und farbenprächtiges Leben dieses karge Land hervorbringt. „Ja, es ist ein wunderbares Land, wie geschaffen, um sich darin zu verlieren“, schrieb Bruce Chatwin und: „In Australien verloren zu sein gibt einem ein wunderbares Gefühl der Sicherheit.“

Was wir noch von Australien sehen wollen, fragt Phil schließlich. „Sydney.“ - „Sydney!“, ruft er laut: „Too many bloody people, mate!“

In der Wildnis

Anreise: Mit Qantas (Internet: www.qantas.de) von Frankfurt aus über Singapur nach Darwin, der Hauptstadt des Northern Territory. Von dort fliegt Quantas täglich nach Alice Springs.

Unterkunft: In Alice Springs und in Yulara, dem Ayers-Rock-Resort am Uluru-Kata-Tjuta-Nationalpark, gibt es Unterkünfte für jeden Geldbeutel. Während der Touren durchs Outback Übernachtung im Zelt oder Schlafsack.

Outback-Touren: Mehrtägige, organisierte Touren im Jeep bietet etwa Wayoutback Desert Safaris (Internet: www.wayoutback.com.au). Buchbar auch über Dertour, Boomerang und FTI.

Informationen: Auskunft im Internet unter www.australiasoutback.de und www.northernterritory.visitorsbureau.com.au

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