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Australien Der Club der abgeschnittenen Hemdsärmel

 ·  Die Pubs im australischen Outback sind viel mehr als bloß Kneipen. Hier tobt das Leben in der staubigen Ödnis, und hier ist man für einen derben Spaß immer zu haben.

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Unter der Woche herrscht Frieden in der Bergbaustadt Kalgoorlie, dem Zentrum der westaustralischen Goldfields. An den Wochenenden aber geht es hoch her, wenn Farmer aus hundert und mehr Kilometer Entfernung zum Amüsieren in die staubige Outback-Stadt kommen und Minenarbeiter ihren Lohn in Pubs wie dem "Grand Hotel" verjubeln. In Dreierreihen stehen sie dann vor den Tresen, bullige Mannsgestalten, Ranch-Rocker mit drei Ringen im Ohr und jede Menge wilder Bärte. An der bierfleckigen Theke schraubt sich die Stimmung in die Höhe, wenn Zecher mit den Barmädchen, die knappe Dessous tragen, Wetten abschließen: Eine Zwei-Dollar-Münze wird hochgeworfen, dreht sich in der Luft, kommt auf, springt hoch, kommt wieder auf, kreiselt aus. Liegt Kopf oben, kassiert die junge Frau das Geld. Siegt die Zahl, heißt es: "Show your tits!" Dann muss sie kurz ihren Büstenhalter öffnen.

Australien, das zu vier Fünfteln aus Savanne und Wüste besteht, ist das Land des Durstes. Wer durch das trockene Outback fährt und nicht genügend Trinkbares dabeihat, lebt gefährlich. Es sei denn, er findet eine Buschkneipe. Stundenlang holpert man durch Sand und Staub, dann taucht mitten in der Wildnis plötzlich ein Wellblech-Palazzo auf, vor dem ein Dutzend Geländewagen parkt: eine Outback-Kneipe, in der das größte Möbelstück immer ein randvoll mit Bier gefüllter Kühlschrank ist.

Unmännliches Gesöff

Der Pub, ein Erbe aus dem englischen Mutterland, gehört zum Fünften Kontinent wie der Ayers Rock. Vor allem im Outback sind die Pinten der gesellschaftliche Mittelpunkt der Farmer und Viehzüchter, Cowboys und Trucker aus der weiten Umgebung, Kontakt- und Informationsbörse gleichermaßen. Traditionell tragen die meisten Pubs noch die Bezeichnung "Hotel", die aus einer Zeit stammt, als ein Gesetz den Ausschank alkoholischer Getränke nur in Lokalen gestattete, deren Wirte unterm Dach einige Fremdenzimmer bereithielten. Das Outback hat nur erlebt, wer einmal in einem dieser urigen Hotels übernachtet hat, die wenig Komfort, aber jede Menge Lokalkolorit bieten. Der größte Vorteil besteht darin, dass der Weg von der Kneipe ins Bett erfreulich kurz ist.

Bier ist das Nationalgetränk des Buschlandes, Wein gilt vielen Outback-Machos als "unmännliches Gesöff". In der Regel schenkt man verschiedene Fassbiere sowie eine Reihe von Dosen- und Flaschenbieren aus. Irritierend sind die von Staat zu Staat unterschiedlichen Maßeinheiten. Wer ein "middie" bestellt, erhält im Nor-thern Territory ein 0,2 Liter, in Queensland aber ein 0,325 Liter fassendes Glas. In ein "schooner" passen in South Australia 0,485 Liter Bier, in Western Australia dagegen 0,575 Liter. In vielen kleineren Outback-Kneipen wird allerdings nicht vom Fass gezapft. Dort sind nur Bierdosen und kleine Bierflaschen erhältlich, meist eiskalt. Damit das Bier in der Backofenhitze auch wirklich kühl bleibt, serviert man es in "can holders" aus Styropor.

Pferd mit großem Bierdurst

Da die meisten Outback-Aussies ihre Stammkneipe haben, herrscht in vielen Pubs eine Stimmung wie auf einer Familienfeier. Fremde fühlen sich dann mitunter wie Eindringlinge. Das Eis ist gebrochen, wenn Besucher nicht mehr mit "Mister" angesprochen werden, sondern mit "mate", also Kumpel. Man kann dem aber auch etwas nachhelfen, indem man laut in Richtung Wirt "It's my shout!" ruft. Spätestens dann ernten Neuankömmlinge anerkennende Blicke und Schulterklopfen, denn sie haben soeben eine Runde ausgegeben.

Viele Pubs entlang bekannter Outback-Pisten, etwa dem Matilda Highway in Queensland, haben ihre unverkennbaren Markenzeichen. So ist ein Bier trinkender Wallach die große Attraktion des "Burke and Wills Roadhouse" zwischen Normanton und Cloncurry. Der Wirt vom "Walk-about Creek Hotel" im etwas weiter südlich gelegenen McKinlay schlägt kräftig Kapital aus der Tatsache, dass die Fassade seiner Buschkneipe zehn Sekunden lang im Kinohit "Crocodile Dundee" zu sehen ist. Einige Kilometer weiter wirbt ein großer Plastikhund für das "Blue Heeler Hotel" in Kynuna. Einst, so wird erzählt, wachte an der Schwingtür des Pubs ein aggressiver Hund, der die Zecher nur gegen eine Dose Bier passieren ließ, bis er eines Nachts an einer Alkoholvergiftung einging. Eine andere Geschichte kursiert im "Wellshot Hotel" in Ilfracombe, ebenfalls am Matilda Highway. Angeblich baumelte in dieser Kneipe früher ein Skelett an der Decke, das über eine lange Schnur mit dem Doppelbett in der Flitterwöchner-Suite verbunden war. Nächtigten frisch Verheiratete im Gästezimmer über dem Schankraum, gerieten die Zecher am Tresen häufig außer Rand und Band, wenn der Knochenmann tanzte und zuckte.

Verbeulte Wellblechbuden, abgewetzte Theken

Eines der abgelegensten, aber bekanntesten "watering holes" des Outback ist das "Birdsville Hotel", in dem während der Birdsville Races am ersten Wochenende im September das Bier hektoliterweise ausgeschenkt wird. Fährt man auf dem Birdsville Track südwärts, taucht am Pistenrand ein Schild mit der Aufschrift "The" auf. Einen Kilometer weiter folgt das Schild "Coldest", wieder einen Kilometer weiter "Beer" und noch einen Kilometer weiter "of Australia". Dann steht sie da, die verbeulte Wellblechbude des "Mungerannie Hotel". Vor hundert Jahren wird es im schummrigen Innenraum der Kneipe kaum anders ausgesehen haben als heute - ein paar abgewetzte Holztische, einige trinkfeste Gesellen und ein ausgedientes Klavier, das als Ablage für Gläser mit in Alkohol konservierten Giftschlangen dient.

Das Outback-Nest Barrow Creek am Stuart Highway nördlich von Alice Springs kann mit einem Wasserloch ganz anderer Art aufwarten: der Bank der Biertrinker im Pub des "Barrow Creek Hotel". Die Wand hinter dem Tresen der Kneipe ist mit Geldscheinen im Wert von gut und gern dreitausend Dollar tapeziert. Jede Banknote trägt die Signatur ihres Besitzers. Steve, Kneipenwirt und Bankdirektor in Personalunion, erklärt das System der Buschbank: Der vom Besucher mit Namen und Datum versehene Geldschein wird mit einem Reißnagel an die Wand gepinnt. Beim nächsten Kneipenbesuch kann die Spareinlage dann in flüssige Währung konvertiert werden. Zinsen zahlt der Kneipier seinen Kunden allerdings nicht. "Die meisten Touristen, die bei uns ihr Geld anlegen, kommen sowieso nie wieder", sagt er.

Büstenhalter an der Decke

Weiter nördlich am Stuart Highway grüßen vor dem "Wycliffe Well Roadhouse" kleine grüne Männchen die Vorbeifahrenden. Nach Auskunft des Wirts benutzen außerirdische Wesen sein Grundstück regelmäßig als Landeplatz für ihre Ufos. Seine Gäste bekommen die Besucher aus anderen Galaxien allenfalls dann zu Gesicht, wenn sie zu viele der mehr als hundert Biersorten aus aller Welt probieren, die der Kneipier auf Lager hat.

Ein "true blue Aussie Outback Pub" ist der "Daly Waters Pub", drei Kilometer abseits des Stuart Highway im tropischen Top End. Kaum ein Reisender lässt die Kneipe links liegen. Visitenkarten und Autokennzeichen aus aller Welt zeugen von einer kosmopolitischen Klientel. Hauptattraktion ist aber eine imposante Sammlung von Schlüpfern und Büstenhaltern, die an der Holzdecke baumeln. Wer anschließend Mitglied im "Sandfire Sleezy Sleeveless Shirt Club" werden möchte, hat noch einen weiten Weg vor sich - er muss quer durch die Great Sandy Desert an die Westküste fahren. Dort liegt am Great Northern Highway zwischen Port Hedland und Broome mitten im Nichts das "Sandfire Roadhouse", in dem Reisende nicht nur Tank und Magen füllen können. Gegen einen Obolus finden sie Aufnahme in einen der exklusivsten Clubs des Outback, dessen Sinn und Zweck höheren Ortes zu bestaunen ist - an der Decke des Pub baumeln lauter abgeschnittene Hemdsärmel.

Grand Hotel, 198 Hannan Street, Kalgoorlie, Western Australia, Telefon: 0061/8/90217299; einfaches Kolonialhotel, im beliebten Pub fast täglich Live-musik, Doppelzimmer 55 Euro.

Walkabout Creek Hotel, Matilda Highway, McKinlay, Queensland, Telefon: 0061/7/47468424, www.walkabout. com.au; durch den Film „Crocodile Dundee“ berühmt gewordenes Outback-Hotel mit einer Kneipe und einfachen Zimmern, Doppelzimmer: 34 Euro.

Burke and Wills Roadhouse, Junction of the Matilda Highway and Normanton - Julia Creek Road (190 km north of Cloncurry), Queensland, Telefon: 0061/7/47425909; Outback-Pub und Highway Motel mit klimatisierten Zimmern, Doppelzimmer 56 Euro.

Wellshot Hotel, Landsborough Highway, Ilfracombe, Queensland, Telefon: 0061/7/46582106, www.ilfracombe.qld. gov.au/visitors/wellShotHotel.shtml; Pub-Hotel aus dem Jahre 1890, einfache Zimmer mit Gemeinschaftsbad, aber viel Outback-Atmosphäre; mit Campingplatz, Doppelzimmer 28 Euro.

Blue Heeler Hotel, Matilda Highway, Kynuna, Queensland, Telefon: 0061/7/47468650; stimmungsvolles Pub-Hotel mit einfachen, klimatisierten Zimmern, Doppelzimmer 38 Euro.

Birdsville Hotel, Birdsville, Queensland, Telefon: 0061/7/46563244, www.theoutback.com.au/birdsville_hotel.htm; Outback-Kneipe mit einfachem Hotel, Zimmer für die berühmt-berüchtigten Birdsville Races müssen Jahre im Voraus gebucht werden, Doppelzimmer 55 Euro.

Mungerannie Hotel, Birdsville Track, Mungerannie, South Australia, Telefon: 0061/8/86758317, E-Mail: mungerannie@outbackpubs.com.au; Pub-Hotel mit einfachen Zimmern, Busch-Camp am Derwent River, Doppelzimmer 32 Euro.

William Creek Hotel, Oodnadatta Track, William Creek, South Australia, Telefon: 0061/8/86707880, www.williamcreekhotel.net.au; uriges Outback-Hotel mit Pub, Doppelzimmer 35 Euro.

Wycliffe Well Roadhouse, Stuart Highway, Wycliffe Well, Northern Territory, Telefon: 0061/8/89641966, www.wycliffe.com.au; Highway Motel mit klimatisierten Zimmern und Campingplatz, im Pub gibt es mehr als 100 verschiedene Biersorten aus aller Welt, Doppelzimmer 65 Euro.

Sandfire Sleezy Sleeveless Shirt Club, c/o Sandfire Roadhouse, Great Northern Highway, Western Australia (etwa auf halbem Weg zwischen Port Hedland und Broome), Telefon: 0061/8/91765944; Doppelzimmer 65 Euro.

Informationen im Internet: www.gdaypubs.com.au, www.outbackpubs.com.au und www.pubstay.com.au.

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