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Aserbaidschans Hauptstadt Baku : Stadt auf großer Flamme

Die Architektin Zaha Hadid baut das schneeweiße Kulturzentrum zu Ehren von Haidar Alijew. Computeranimation des Projekts Bild: REUTERS

Der Mensch lebt nicht vom Öl allein: Baku verwandelt sich in eine moderne Kulturmetropole - die Insel europäischer Zivilisiertheit zwischen Iran und Russlands unruhiger Südflanke soll zur schönsten aller Städte werden.

          In Baku, Hauptstadt des brennstoffreichen Aserbaidschan, liegt das antike Feuerheiligtum am Stadtrand. Der von einer mittelalterlichen Karawanserei umbaute quadratische Flammenofen wird heute, da die Öl- und Gasindustrie die meisten Naturbrandherde hat verlöschen lassen, per Gasleitung betrieben. Seit die einst feuergläubigen Aserbaidschaner arabisch erobert und islamisch wurden, seien die zoroastrischen Priester und Pilger vor allem aus Indien gekommen, erklärt uns die Museumswächterin mit der ausdrucksvollen Charakternase. In den Zellengewölben vergegenwärtigen heute lebensgroße Plastikpuppen, wie die Eingeweihten sich und ihre kargen Speisen damals an der Flamme spirituell desinfizierten. Auch kamen viele Gläubige, um an diesem heiligen Ort zu sterben. Um den Prozess zu befördern, hielten sie manchmal (wie eine der Puppen vorführt) ein Körperglied so lange ausgestreckt, bis es mangels Blutzufuhr abstarb.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Im heutigen Aserbaidschan nutzt man die kathartische Kraft der Brennstoffe, um Baku als Kulturmetropole immer heller leuchten zu lassen. Die über dem Kaspischen Meer thronende Stadt, in der sich wieder die großen Ölkonzerne niedergelassen haben, etabliert sich als ein Mekka für den anspruchsvolleren Kunstpilger, sie lockt mit luxuriösen Bilderschauen, mit Tanz- und Theatertreffen, hochkarätigen Musikaufführungen in den Sparten Oper, Jazz oder der traditionellen mikrotonalen Improvisationskunst Mugham, auch internationale und einheimische Avantgarde trifft sich hier. Befeuert und geschmiert wird diese kulturelle Pracht vor allem vom Ölgeld, das die Administration des Präsidenten Alijew in jüngster Zeit vermehrt den Musen zukommen lässt. Und sie gedeiht, weil Aserbaidschan, das erst vom zaristischen Russland, dann vom Sowjetimperium erobert wurde, eine besondere internationale Kultur geerbt hat.

          Eine weitsichtige Entscheidung

          Davon erzählen die eleganten Palais im neumauretanischen und im Kolonialstil, die um die vorige Jahrhundertwende von armenischen, polnischen, aber auch von deutschen Architekten an der zentralen Nisami-Straße errichtet wurden, außerdem die berühmte konstruktivistische Druckerei von Semjon Pen. Im frisch renovierten Kunstmuseum hängen inmitten der westeuropäischen Sammlung gleich drei Paradebildnisse von Alexandra Fjodorowna, der letzten russischen Zarin – eines davon stammt von Friedrich Kaulbach. Freilich, infolge der Pogrome, die 1990 wegen des Konfliktes um Nagornyi Karabach ausbrachen, hat Baku den Hauptteil seiner urbanen Bewohner, die Armenier und Juden sowie die meisten Russen verloren; Zuzügler vom Lande, aserbaidschanische Flüchtlinge aus Armenien machten die Bevölkerung provinzieller und homogener. Umso illustrer sind heute die Gäste.

          Bild: F.A.Z.

          Die irakisch-britische Architektin Zaha Hadid baut das schneeweiße, an eine geplatzte Riesentüte erinnernde Kulturzentrum zu Ehren von Haidar Alijew, dem KGB-Zögling, der Aserbaidschan nach dem Zerfall der Sowjetmacht feudal konsolidierte, bis er 2003 die Präsidentenmacht an seinen Sohn Ilham Alijew weitergab. In diesem Frühjahr leistet sich Baku neben einem Mugham-Festival auch das Kara-Karajew-Festival für zeitgenössische Musik, bei dem aus Deutschland das Ensemble Ascolta und das Freiburg Percussion Ensemble gastieren. Hauptveranstaltungsort ist die Philharmonie, die infolge des ersten Ölbooms 1912 als Casino errichtet wurde. Dass die Sowjetmacht, die natürlich verstanden hatte, dass der Mensch nicht vom Öl allein lebt, den alten Geldverbrennungstempel zum Konzertsaal umwidmete, war eine weitsichtige Entscheidung.

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